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Samstag, den 21. November

Wider den Trunk.

Im Beginn des Jahres 1888 meinte man öffentlich im Reichstag noch sich einigermaßen damit getrosten zu dürfen, daßdas Laster der Trunksucht bei uns soweit Gott Lob noch nicht gediehen, so ge­fährlich noch nicht geworden wie in vielen andern Ländern". In dieser Hinsicht sprechen die neuerdings amtlich erhobenen Zahlen leider nicht zu unseren Gunsten. Der Botscha't des Schweizer Bundesraths zur Alkohol­frage voin 18. Juni 1884, mit welcher dort das Ver- kaufs-Monopol der Spirituosen eingeführt wurde, lag eine vergleichende Darstellung der Gesetze und Erfahrungen einiger ausländischer Staaten bei, in welcher das Deutsche Reichssteuergebiet m t 8,60 Liter 50 prozentigen Schnapses auf den Kopf der Bevölkerung gleich unter drei anderen Staaten, nämlich Dänemark (18,90), Holland (9,87) und Belgien (9,20) kam, aber noch über Schweden (8,14), Rußland (8,08 ?), Frankreich (7,28), Oesterreich- Ungarn (5,76), Großbritannien und Irland (5,37), den Vereinigten Staaten (4,76?), Norwegen (3,90) u. s. f. Im vorigen Herbste ist auf Veranlassung des königlich norwegischen Ministeriums für Cultus und Unterricht dem Welt-Congreß für Mäßigkeit und End Haltsamkeit in Christiania (3.-5. September) eine neue statistische Uebersicht vorgelegt worden, nach welcher außer Dänemark, Holland und Belgien auch nur Ruß­land unser Reichssteuergebiet nach der schlimmeren Seite überholt hätte, mit 8,4 Liter jährlich auf den Kopf der Bevölkerung gegen unseren etwas gesunkenen Satz von 8,2 Liter; Schweden dagegen wird angegeben auf 7,8 Liter, Frankreich auf 7,6, Oesterreich-Ungarn auf 7, Großbritannien auf 5,4, Norwegen auf 3,4, alles in den ersten fünf achtziger Jahren, nach der Zusammen­stellung des verstorbenen Professors und Staatsministers Broch. In Norwegen allein, dem Musterlande Der Mäßigkeit, ist der Verbrauch bis 1888 gesunken auf 3,1 Liter gegen 2,8 im I. 1887, 3 im Jahre 1886, 3,5 im Jahre 1885. Soweit aber eine starke Abnahme des Branntwein-Verbrauchs überhaupt bekannt ist, führt sie sich vor allem auf eingreifende Gesetze zurück. Das gilt für die beiden seanoinavischeu Königreiche insbe­sondere. Weit oben in einsamer Höhe stand Schweden, für 1830 mit 54,3 Liter angegeben in der vergleichen­den Werner Uebersicht; es folgten dann nach dem Be­ginn der einschränkenden Gesetzgebung dort die Jahre 1865 (Erfindung des Gothenburger Systems) mit 11,33, 1870 mit 10,31, 1875 mit 12,30, 1880 mit 8,14 Liter. Norwegen ist nur etwas über 16 L. hinaufgegangen im Jahre 1834; dann ist es gesunken 1843 auf 10 L., seit dem ersten gründlichen Eingriff von 1845 aber 1850/54 auf 6,3, 1855/58 aus 5,5, 1860/64 auf 4,4, 1865/69 auf 5,8, 1870/74 auf 5,2, 1875/79 auf 5,4 und von da ab, wie oben mitgetheilt, auf noch weniger als 4 Liter. Dort stirbt schon seit Jahren nach Mit- theilungen der hauptstädtischen Krankenhaus-Aerzte vom Sommer 1883 an die deutsche Reise-Commission, der Säufer-Wahnsinn zusehends aus. Ein Volk also, das diese Heilung an Leib und Seele bei sich vornehmen will, muß zu einschneidender systematischer Gesetzgebung greifen. Es kann freilich, wie insbesondere Norwegens hehres Vorbild zeigt, die soziale Mäßigkeits-Reform durch Vereine und die öffentliche Meinung ebensowenig missen. Allein auch dafür ist es nothwendig, daß die höchste freigewählte Vertretung des Volkes ihr moralisches Ansehen für diese Sache kraftvoll einsetze. Nur dann werden auch alle staatlichen Organe völlig und freudig das ihrige thun; dann werden, wie dieses bei den fort­geschrittensten und selbstbewußtesten Völkern Emopas geschehen, alle vorwärts treibenden geistigen Mächte ge­meinsam Hand in Hand den Kampf gegen jene jeder einzelnen von ihnen widerstrebende, die Volkskraft zum guten Theil untergrabende Leidenschaft aufnehmen und sie bis auf geringe Neste gemeinsam überwinden. Alle Bemühungen, durch staatlich-soziale Reformen eine Besserung in der Lage der großen Masse der Bevölkerung herbeizuführen, müssen für einen beträchtlichen Theil derselben scheitern, ja manche der beachsichtigten Wohl­thaten sich in ihr Gegentheil verkehren, wenn es nicht gelingt, den aus der Quelle der Trunksucht nuaushalt- fam sich ergießenden Strom von Verarmung und Elend durch schützende Dämme zu verhindern, daß er immer weitere Gebiete überfluthet. Und umgekehrt nützt Die' Vereinsarbeit nur sehr langsam, wenn die Hilfe des'

Bundesraths oder des Reichstags mit einem umfassenderen Gesetz sich versagt; siehe die so späte Hilfe in England seit 60 Jahren!

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Nov. Kaiser Wilhelm, welcher Diens­tag in Hannover eingetroffen war, besichtigte Mittwoch früh das dortige Ulanenregiment und nahm das Früh­stück im Kasino der Reitschule ein. Am Donnerstag Nachmittag fuhr der Kaiser nach dem Jagdschloß Springe, wo Freitag Hofjagd stattfindet.

* 17. November. Reichstag. Präsident V. Levetzow eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, worin er des am 6. Detober erfolgten Ablebens des Königs von Württemberg, eines der treuen Bundesgenossen des Kaisers, gedachte, die Theilnahme der Reichstages an der Trauer Württembergs über den Verlust aussprach und den Heim­gang des Fürsten beklagte, der immer treu zu Kaiser und Reich gestanden. Der Reichstag hörte die Ansprache stehend an.

* Der neue Militäretat, der jetzt dem Bundesrath zngegangen ist, soll ganz erhebliche Mehrforderungen be­sonders für die Zwecke der Artillerie enthalten. Im nächsten Feldzug, der hoffentlich noch recht fern ist, werden unsere Truppen meist in Zelten kampieren. Bei den un­geheueren Massen-Verwendungen reichen voraussichtlich die Räume in den Ortschaften und Städten zur Unterbringung der Truppen nicht aus; es erhält deshalb jeder Soldat ein Stück Zeltleinwand und einige Stäbe, so daß 4, 6 oder 10 Soldaten, je nach ihrer Zahl, sich Zelte in kurzer Zeit zusammenstellen können. In Potsdam hat in den letzten Tagen ein Kunstschlosser dem Kaiser eine Lanze vorgeführt, die zugleich als Gewehr dient; die Zeiten, in Denen"Die Flinte haut und der Säbel schießt", sind also bereits zur Wirklichkeit geworden!

* Um dein Mangel an Roßärzten in der Armee abzuhelfen, beabsichtigt man, die Stellen derselben wenigstens zum größten Theil in Beamtenstellen umzuwandeln. Seit­her wurden die Roßärzte nur in den Rang eines Unter­offiziers gestellt, was Der beanspruchten höheren Bildung nicht entsprach.

* Recht bezeichnend für die Versteifung des Geldmarktes und als Beweis dafür, daß auch allmählig in der Provinz das Zntragen von Spargeldern in die öffentlichen Kassen spärlich erfolgt (während bekanntlich früher ein allzugroßer Andrang herrschte) beweist die Thatsache, daß jetzt einzelne Sparkassen daran denken müssen, den Zinsfuß für Spareinlagen wieder zu er­höhen. So gibt die Leitung der stüdischen Spar- uns Vorschußkasse zu Sontra bekannt, daß vom 1. Januar 1892 ab der Zinsfuß für sämmtliche Einlagen von 3 auf 3/s pCt erhöht wird.

Daß die letzten Wochen mit ihren Enthüllungen über den Schwindel, den Luxus, die Genußsucht und die gewissenlose Gewinnsucht in den besitzenden Classen Wasser auf die Mühle der Sozialdemokraten sind, ist auch dem blödesten Auge klar. Es wird denn auch wacker in den Blättern aller Richtungen dagegen ge­predigt. Daß aber diese Ermahnungen irgend etwas helfen werden, ist nicht anzunehmen. Den neuesten Beweis hierzu liefern die am Dienstag stattgehabten Stadtverordnetenwahlen in Berlin. Dort haben die Sozialdemokraten zu den drei alten Mandaten bis jetzt vier neue dazu gewonnen, weiche die anderen Parteien verloren. Wie lange wird nun schon aus Angst vor den Mächten des Umsturzes praktisches Christenthum gepredigt? Wollen wir ehrlich sein und uns keinen optimistischen Träumereien hingeben, so müssen wir uns sagen, daß es bislang nichts genutzt hat, und wohl auch nichts nützen wird, bis der große Krach hereinbrichi, für den grade die am meisten arbeiten, die dabei am meisten zu verlieren haben. Das Mißlichste bei den oben erwähnten Sittenpredigten ist die Heuchelei, mit der man die Schuld von dem Einen auf den Andern zu schieben sucht. Die Einen benutzen die Bankkrache, um gegen die Spielsucht, die Habgier und Unklugheit des Publikums zu eifern, als ob dieses immer daran Schuld sei, daß es von den Schwindlern betrogen wird; die Anderen fallen über die Juden und die Banquiers her, als ob diese dasPublikum" Hütten betrügen können, wenn dieses vorsichtiger gewesen wäre. Das ! Publikum leidet eben am sagen wir Juden^eist, den es in sich ausgenommen hat. Bei jedem Bankbruch,

1891.

II! M^ von dein wir in letzter Zeit lasen, kam auch immer der Zusatz: viele große und kleine Kapitalisten haben ihre Ersparnisse, die sie demallgemeines Vertrauen" ge­nießenden X. anvertrauten, verloren. Sehr traurig! Aber wußten denn alle diese Leute nicht, wo sie oh.e Gefahr ihre ersparten paar Hundert oder Tausend Mark aufbewahren konnten? Haben sie nie von Sparkassen, von Tresors, vom Stacusschuldbuch gehört? Kennen sie nicht die Reichsbank, die großen Aktienbanken in Hamburg und Berlin, in Leipzig und München? Die Antwort ist leider die, daß die meisten Depots bei den Banken nicht gemacht sind, um dem Besitzer einen siche­ren Aufbewahrungsort und die rechtzeitige Wahrnehmung der m t den Werthpapieren zusammenhängenden Opera­tionen, wie Zinsendienst u. a. zu verschaffen, sondern um Damit zu spekuliren. Die Spielwuth, die Sucht, reich zu werden um jeden Preis und ohne Arbeit, die ist es, die sich wie ein schleichendes Gift eingefrcsscn hat in die weitesten Kreise, und welche nun den wirth- schaftlichen Ruin Tausender verursacht und dieselben zuletzt Dem Sozialismus in Die Arme treibt.

Bankbrüche und kein Ende. Aus Stabe 17. Nov., wird gemeldet: Die Bankfirma Nordmeyer & Michaelsen ist bankerott. Es sind bedeutende Depots veruntreut. Aus Basel wird unterm gleichen Datum berichtet: Die heutige General-Lersammlung der Basler Check- und Wechfelbank beschloß unter Berücksichtigung der obwaltenden Verhältnisse auf Dienstag, den 24. November, eine neue Versammlung einzuberufen und die Liquidation der Gesell­schaft zu beantragen. In Hildesheim hat sich der Banquier Mayer (in Firma Emil H. Meyer), der gleich­zeitig Lotterie-Einnehmer war, erschossen. Die Ursache des Falliments sind große Speculationsverluste, zahlreiche Kunden werden in Mitleidenschaft gezogen. In Meißen ist der Banquier Fischer, Direktor der dortigen Creditbank, wegen umfangreichen Unterschlagungen und Veruntreuungen von Depositengeldern verhaftet und nach Dem Untersuchungs­Gefängniß in Dresden abgeführt worden. Ebenso hat die Kreditbank in Winte rthur (Schweiz) mit einem Aktienkapital von 2 Mill. Franks Die Zahlungen eingestellt.

- Der Bankier Herbrecht in Unna, welcher wegen Wechselfäschung verhaftet wurde, hat eine große Anzahl von Wechseln gefälscht; wie es heißt, beläuft sich Die Summe auf mehr als 500000 Mk.

* Wie eine Lrkal-Correspondenz mittheilt, soll in Berlin jetzt die Influenza epidemisch auftreten. Einen bösartigen Charakter soll die Krankheit bis jetzt jedoch nicht gezeigt haben. Auch aus Posen wird gemeldet, daß dort die Influenza immer mehr um sich greife und in mehreren Fällen einen tödtlichen Ausgang genommen habe. In den Schulen muß eine große Anzahl der Kinder infolge Erkrankung an Influenza vom Schulbe­such fernbleiben. Viele Lehrer sind ebenfalls erkrankt. In Schlesien grassirt die Krankheit ebenfalls.

Münster, 9. November. Das uralte, am Fuße des Teutoburger Waldes gelegene Städtchen Bevergern hat am vorletzten Sonntag einen UebeJalt von fremden Eindringlingen mit tapferer Energie zurückgewiesen und die wileen Gegner theils erlegt, »Heils in die Flucht geschlagen. Der aufregende Vorgang trug sich in den Nachmittagsstunden zu. Es war, erzählt dieKöln. Ztg.", ein wunderschöner Herbsttag. Einzelne ehrsame Bürger ergingen sich unter weisen, dem Wohle der Vaterstadt gewidmeten Gesprächen in den reinlichen Straßen, im warmen Herbstsonnenschein. Weiterhin stand eine Gruppe von Frauen, die ihrer Redelust freien Lauf ließen. Da plötzlich rast es heran in schwärzlichen Reih'n, Geheul und Gegruuze erschallet darein und erfüllet Die Seele mit Grausen. Und was fam durch die ahnungslosen Straßen gerannt? Ein Rudel Wildschweine, zwei alte und vier jun^e; dort selten vorkommentes Wild. Eine unbeschreibliche Szene entstand. Hunde heulten, Weiber kreischten, Kin-er schrieen.Witdswiu, Wildswin!" ertönte es von allen Seiten, selbst des in die Kirche Drang der Ruf und alles stürzte mit scharfen und stumpfen Dingen in wilder Hast Den borstigen Schwarzröcken nach, Straß' auf, Straß' ab, durch Höfe und Gärten. Daß bei diesem tollen Rasen zwei Mann bis unter die Arme in Düngergruben gerieten, genirte auf keiner Seite. Die beiden alten Sauen verrannten sich mit »elterlichem Instinkt in einenzahmen" Schweinehof, sprangen aber zum Erstaunen Der Menge einfach über die Umfriedigung