ungen der Gewerbeordnung verschärft werden, West r einzelne Kategorien aus persönlichen Gründen an dem Betriebe des Hausierhandels ausschließen. Insbesondere sollen ausgeschlossen werden alle Personen unter dem 30. Lebensjahr, es sei denn, daß dieselben durch Unglück u. s. w. zu anderm Gewerbe untauglich sind, Personen, die nachweislich nicht für eigene Rechnung, sondern im Auftrage größerer Geschäfte hausiren. Auch sei das Transportiren von Waaren vermittelst Gefährts den Hausirern zu verbieten.
— Zum Buchdruckerstreik. Das sozialistische Blatt in Leipzig hat wegen der Mehrkosten, die ihm der neue Neunstundeu-Arbeitstag rc. verursacht, seine Jusertions- Preise von 15 auf 20 Pfennige erhöht. Diese Notiz ist sehr bemerkenswerth und lehrreich für das gesummte Zeitungspublikum. — Das Berl. Tageblatt veröffentlicht die Namen von 14 Schriftsetzern, welche Reisekosten und Vorschüsse empfangen haben, aber ihre Stelle in der Buchdruckerei nicht antraten. Andere Zeitungen wollen ebenfalls die Namen solcher Kontraktbrüchigen veröffentlichen. (Solche faule Kunden kommen leider in den letzten Jahren immer häufiger vor. Da eine gerichtliche Klage nichts hilft, so bleibt nur die Selbsthilfe, mit der man solche Burschen an den Pranger stellt.)
* — Die Hauptlüge der Buchdruckerbewegung gipfelt in der Behauptung, daß der Strike ein gerechter und zum Vortheil des Gewerbes und seiner Arbeiter unternommen sei. Und an dieser Lüge wird der Strike zu Grunde gehen, der, wie es nicht genug betont werden kann, kein gewerblicher ist, sondern ein von sozialdemokratischer Seite inscennirter Vorstoß gegen die bestreuten Classen! Freilich sagen die „Dresdener Nachrichten" in einem Artikel über die Lage sehr treffend, daß die sozialdemokratischen Führer sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, ob der Strike einen Erfolg haben wird oder nicht. Sie wissen, daß in jedem Falle die Macht der Umsturzpartei gestärkt werden muß. Ist der Strike ein erfolgreicher, so wächst die Siegeszuversicht der Sozialdemokratie, welche ihre Fahnen im Kampfe vorangetragen hat; die Begeisterung für die sozialistische Propaganda wird zunehmen, die Kampfeslust erhöht werden. Man wird die Forderungen, welche man gewaltsam durchgesetzt hat, nur als Abschlagszahlungen betrachten, um endlich die Lohnherren gänzlich zu Sclaven ihrer Arbeitnehmer zu machen. Ist der Ausstand ein erfolgloser, dann wird die Erbitterung auf Seiten der Unterliegenden nur größer und die Kluft zwischen Prinzipalen und Gehilfen erweitert werden. Auch damit ist der Verbesserung der wirthschaftlichen Lage der Arbeiter zu thun ist, sondern um die Vermehrung der Unzufriedenheit und der Verbitterung.
* — Es sollen in Zukunft zu den Uebungen der Reserve und Landwehr mehr Mannschaften des Beur- laubtenstandes herangezogen werden als bisher, Die Absicht soll dahin gehen, außer den besonderen Uebungsklassen wie Offizieraspiranten, ehemaligen Einjährig-Freiwilligen, welche nicht Offizieraspiranten sind, Volksschul- lehrern rc. durchschnittlich jeden Mann im Reserve- und Landwehrverhältniß je eine Uebung mit 14tägiger Dauer durchmachen zu lassen.
In Charlottenburg (Berlin) hat der Bankier Maas 400,000 Pik- Depots unterschlagen, davon 20,000, die der Kaiser für die Gedächtnißkirche deponirt hatte.
Köln. Das Gouvernement der Festung Köln dementirt die Nachricht von der standrechtlichen Erschießung eines Matrosen der Kriegsmarine auf dem Gefänguißhofe des Forts Müngersdorf bei Köln.
M ünchen, 12. Nov. Das Kriegsministerium hat dem Präsidium der Abgeordnetenkammer ausschließlich für Landtagsdruckarbeiten bis zu 20 Setzer und 6 Maschinenmeister aus den Mannschaften der hiesigen Garnison zur Verfügung gestellt. Eine Deputation der Buchdruckergehilfen suchte daraufhin eine Audienz beim Kriegsminister nach zur Erbittung der Zurückziehung der mit Stadturlaub arbeitenden Soldaten, mit der Begründung, daß die Druckarbeiten des Landtags an ein Konsortium von sieben Druckereien vergeben seien, von denen drei leistungsfähige wegen Bewilligung der Gehilfenforderungen volles Personal hätten und die Arbeiten liefern könnten. Der Kriegsminister lehnte jedoch den Empfang einer Deputation ab.
Erlangen, 12. November. Hier ist heute eine Milch- verkäuferin verhaftet worden, die Milch verkauft hatte, welche 300°/0 Wasser enthielt, d. h. 3 mal soviel Wasser als Milch!
Ein in einem Dorfe bei Sulzbach (O.-Pf.) in den ärmlichsten Verhältnissen lebender Taglöhner bekam kürzlich aus Amerika die amtliche Nachricht, daß ein Freund, dem er vor Jahren, als er noch wohlhabend war, das Geld zur Uebersiedelung nach Amerika geliehen hatte, dort gestorben sei und ihn zum Erben seiner großen Farm und seines beträchtlchen Baarvermögens eingesetzt habe. Der angenehmen Mittheilung lag eine beträchtliche Geldsumme zur Bestreitung der Ueberfahrts- kosten bei.
Seligen stadt, 11. Nov. .Bei einer kürzlich in den hiesigen Bäckergeschäften durch die Polizei vorgenommmencn Revision des Gewichtes der Backwaaren wurden bei der Majorität unserer 15 Bäckermeister trotz der enormen Brodpreise mehr oder weniger belangreiche Brodguantitäten zu leicht befunden und konsiszirt. Das mindergewichtige Brod gelangte unter den Ortsarmen zur Vertheilnng,
während den denunzirten Bäckern nunmehr Strafmandate von je 10 Mark zngestellt wurden. Diese von den Konsumenten allseitig gebilligte Abschreckungstheorie hat hoffentlich den gewünschten Erfolg.
Gotha, 11. November. Dem in Tambach stationierten Gendarmen Linz ist es im vergangenen Monat gelungen eine ganze Menge Vogelfänger beim Anfstellen ihrer Lockvögel, trotzdem dieselben ihre Sicherheitsposten anf- gestellt hatten, abzufassen, deren Fanggeräte zu vernichten und die gefangenen Vögel wieder in Freiheit zu setzen. Die Vogelfänger sind selbstverständlich znr Anzeige gekrackt worden.
Chemnitz, 9. Novbr. Eine anscheinend internationale Diebes- nnd Einbrecherbande mackt seit einiger Zeit den ganzen Westen Sachsens unsicher, ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, dem Gesinde! auch nur auf die Spur zu kommen. Die Bande, die lediglich nach Geld geht und andere selbst werthvolle Gegenstände unberührt läßt, hat in kurzer Zeit bereits acht verschiedenen Städten im Westen Sachsens ihre unheimlichen Besuche abgestattet und zuletzt Zwickau heimgesucht, wo in einer Nacht drei Einbrüche ausgeführt wurden, bei welchen ihr ziemlich erhebliche Summen in die Hände fielen. Aus der Art und Weise, wie die Einbruchsdiebstähle ansgeführt werden, schließt man auf eine und dieselbe Bande.
Ausland.
Nordamerika. Aus Franklitt, im Staate Jndiana, kommt die Kunde von dem Auftreten einer Seuche, deren Erscheinen, die Aerzte in Verlegenheit und die Einwohnerin Schrecken setzt. Die Erscheinungen sind zuerst hohes Fieber, wenige Stunden darauf beginnt die Zunge sich zu entzünden und anzuschwellen, sie wird schnell schwarz, es tritt Schwäche ein und bald auch der Tod. Die Aerzte erklären, daß die einzige ähnliche ihnen bekannte Krankheitserscheinung die asiatische „schwarze Zunge" sei, gegen welche ein Heilmittel bis jetzt unbekannt ist.
Lokale- und Provinzielles.
Schlüchtern, 13. Nov. Wie aus einer Bekanntmachung der Ortspolizeibehörde in heutiger Nummer hervorgeht, sind mehrere Pumpbrunnen in Hiesiger- Stadt polizeilich geschlossen worden, da ihr Wasser auf Grund neuer Untersuchung als zum menschlichen Genuß ungeeignet befunden wurde. Es sind dies fast dieselben Pumpen, welche vor ca. 7 Jahren, als ernste Fieber- erkrankungen ungewöhnlich oft vorkamen, geschlossen wurden. Nach kurzer Zeit wurden sie auf Beschwerde der Anwohner jedoch wieder frei gegeben. Hoffentlich kommt die Quellwasserleitung nun wieder ihrer Ausführung einige Schritte näher; das Bedürfnis sowohl als auch das nöthige Kleingeld sind beide vorhanden. Dabei wollen wir erwähnen, daß z. Z. in Namslau in Schlesien eine schwere Typhusepidemie ausgebrochen ist, die bereits viele Todesfälle bewirkt hat. Die Ursache sucht man in den Wasserverhältnissen (Pumpbrunnen!) des alten Landstädtchens.
* — Jetzt znr Zeit der Einberufung der Rekruten kommen viele Eltern und sonstige Angehörige in die Lage, zum ersten Male Briefe- und Packete an das Militär zu senden; es erscheint daher angebracht, an die Portovergünstigungen zu erinnern, die unser Militär genießt, und diese sind folgende: Ein Brief an einen Soldaten bis zum Feldwebel beziehungsweise Wachtmeister aufwärts ist bis zu einem Gewicht bis zu sechzig Gramm portofrei, wenn man denselben mit der Bezeichnung „Soldatenbrief. Eigene Angelegenheit des Empfängers", versieht. Das Gewicht eines Packeis kann bis 3 Kilogramm gleich 6 Pfund, schwer sein und muß ebenfalls mit dem Vermerk versehen sein: „Soldatenbrief. Eigene Angelegenheit des Empfängers". Das Porto kostet dann, ohne Unterschied der Entfernung, 20 Pf. Schwerere Packete unterliegen den tarifmäßigen Portosätzen.
* — Der Herr Oberpräsident hat genehmigt, daß zum Besten der Errichtung eines Denkmals für den Landgrafen „Philipp den Großmüthigen von Hessen" in der Stadt Kassel bei den evangelischen Einwohnern der Provinz Hessen-Nassau eine einmalige Sammlung durch polizeilich legitimirte Kollektanten bis zum 1. April k. I. veranstaltet werden darf.
* — Es gibt immer noch Arbeitgeber, welche versäumen, bei ihnen Beschäftigte zur Allgemeinem Ortskrankenkasse anzumelden. Sie wissen jedenfalls nicht, welchen Unannehmlichkeiten sie sich hierdurch aussetzen. Nachfolgender Fall dürfte der Erwähnung werth sein. Bei einem Gewerbetreibenden zu Hersfeld war ein junger Mann in Arbeit, ohne daß dessen Anmeldung zur Ortskrankenkasse erfolgte. Der Betreffende verließ seine Stelle nnd begab sich nach Frankfurt a. M-, wo er bald nach seiner Ankunft erkrankte. Er wurde dort auf Kosten der Krankenkasse verpflegt und der Vorstand der letzteren sandte eine Rechnung an die Hersfelder Kasse mit dem Ersuchen, die entstandenen Kosten zu übernehmen. Jetzt stellte sich nun heraus, daß der Erkrankte überhaupt nicht angemeldet war, und sein früherer Prinzipal muß nun für die durch die Verpflegung in Frankfurt entstandenen Unkosten aufkommen. Möge dieser Fall zur Warnung dienen, es steht außerdem noch Strafe auf Unterlassung der Anmeldung.
Gelnhausen, 12. November. In der letzten Sitzung der Gartenbau-Vereins tvies der Vorsitzende Herr Hohm
auf die reiche Ertragsfähigkeit des Obstbaues hin, wenn derselbe rationell betrieben wird. Vor allem sei die Wahl der Sorten eine Hauptsache und muß in dieser Hinsicht im Obstbau unserer Gegend noch viel gethan werden, um so mehr, als unsere Gegend viel mehr als manche andere für den Obstban wie geschaffen ist. Von den in großer Auswahl ausgestellten Früchten wurden die zur Anpflanzung am besten geeigneten Sorten empfohlen und theilen wir in Nachstehendem dieselben mit: a) Birnen: Dechantsbirne, d'Alencon, Joseph von Mecheln, Triumph de Chatham, Wittenberger Glockeubirne, Pastorenbirne, Brumedil, Präsident Maas, Napoleons Butterbirne. Herzog von Angonlöme, Hogolds Butter-Birne, b) Aepfel: Lands- berger Reinette, der grüne Fürstenapfel, Wilhelms Reinette, Hohms Reinette, gelber Edelapfel, Banmanns Reinette, Ealvill Reinette, Edler von Blenheim, Goldparamäne, gest. Kardinal, Bnrarts Reinette, Goldapfel.
F ulda, 16. November. Wie uns der Vater des vor einigen Wochen vom Sulzhof bei Fulda abhanden gekommenen zweijährigen Knaben heute persönlich mit- theilt, hat sich trotz der eifrigsten Nachforschungen bis zur Stunde noch keine Spur entdecken lassen, welche zur Wiedererlangung des Kindes führen könne. Derselbe hält jedoch an der Hoffnung fest, sein Kind wiederzu- finden, und erklärt sich bereit, Demjenigen 300 Mark Belohnung zu zahlen, der ihm dazu verhelfen werde. Da es leicht möglich wäre, daß das Kind auf irgend eine Weise in den Besitz einer andern Familie gelangt ist, so bitten wir auswärtige Zeitungen wiederholt, von dieser Mittheilung Notiz zu nehmen. Als besondere Kennzeichen führen wir nochmals an, daß der Knabe ein zartes rundes Gesichtchen, dunkelbraune Augen, ge- röthete Augenlider, hellblondes Haar, gekrümmte Beine besitzt und auf den Rufnamen „Leo" hört. Der Vater des Kindes, Herr Ferdinand Ruppert von Sulzhof, hält es auch heute noch für am meisten wahrscheinlich, daß der Knabe durch Zigeuner weggeführt worden sei .(.F. 3 )
* — In Ergänzung einer früheren Notiz über den jungen Mann, welcher vor acht Tagen todt auf einem Backstein - Feldbrand bei Fulda gefunden wurde, können wir nun seine Personalien folgen lassen. Es war der Kutscher Engelbert Bohmert, geboren am 18. November 1872 zu Annen im Kreis Dortmund, dessen Vater in Schmalnau als Steueraufseher stationirt ist.
* — Wie das „Krsbl." von unterrichteter Seite hört, beabsichtigt Herr Fabrikant Fuchslocher hier in dem Gebäude der ehemaligen Kammgarnspinnerei ein Elektrizitätswerk anzulegen und an hiesige Fabriken, Geschäftshäuser rc. den elektrischen Strom zu Beleuchtungs- und Betriebszwecken abzugeben. Mit dieser Einrichtung würde Fulda wieder einen bedeutenden Fortschritt machen.
Aus der Rhöu, 14. Nov. Jedes Jahr um die „Kirmes" kehren die Rhöner aus Westfalen und den Rheinlanden zurück, wohin sie im Frühjahr in Massen gegangen sind, um daselbst als Maurer oder Handlanger Beschäftigung zu erhalten. Es ist ein charakteristisches Merkmal des ziehenden Rhöners, daß er, wenn die Zeit gekommen ist, zur „Kirmes" in die Heimat aufbricht, auch wenn der Spätherbst noch so schön und dem längeren Aufenthalt in der Fremde günstig ist; er läßt sich durch nichts mehr halten, er wird einmal erwartet um diese Zeit, und die Sehnsucht nach den Seinen, die er ein halbes Jahr lang nicht gesehen, hat solche Kraft, daß die besten materiellen Aussichten für einige Wochen keinen Reiz auf ihn ausüben. Leider begegnet man Heuer bei den Heimkehrenden weniger freundlichen Gesichtern ; ihre Ersparnisse, der Zehrpfennig für den Winter, dürften nur eine geringe Summe betragen, denn der nasse, kalte Sommer hat sie viel feiern lassen. Dazu sind die Lebensmittel durch den geringen Ertrag der Erndte nicht nur theurer, sondern auch rarer als sonst, was mit der erübrigten Baarschaft nicht harmonirt.
Zimmerskode, 13. November. Als gestern Abend 9 Uhr der Zug von Kassel hier hielt, trat ein Schwälmer Butterführer, welcher starken Durst haben mochte, auf die Plattform des letzten Wagens IV. Klasse und rief: „Hott er (habt ihr) dann hie au Wasser?" In diesem Augenblick setzte sich der Zug wieder in Bewegung und unser Schwälmer stürzte, das . Gleichgewicht verlierend, nach unten und zwar so unglücklich, daß er mit beiden Beinen zwischen den zwei Trittbrettern hängen blieb. Ein Unglück wäre unausbleiblich gewesen, wenn nicht der in der Nähe stehende Postgehülfe H. rasch hinzugesprungen wäre und den in großer Gefahr Schwebenden herausgerissen hätte. Kaum auf den Beinen, lief der Gerettete, seine Mütze im Stiche lassend, zum großen Gaudium der Zuschauer, hinter dem Zug her und schrie: „Hahlt i, hahlt i (haltet ein). Herr Enspecter hahlensen i (halten Sie ihn ein), ech bezohl, wos er kost." Er mußte aber schließlich die Verfolgung aufgeben und zog sich langsam, sich von Zeit zu Zeit durch Betrachten seiner Glieder überzeugend, daß noch alle ganz seien, in das nächste Wirthshaus zurück, um sich auf den Schrecken zu stärken, wie er sagte.
Frankfurt, 13. November. Im hiesigen Schlachthofe wurden 2 aus Schlüchtern eingeführte Hinterviertel eines Schweines vorgezeigt, welche bei der mikroskopischen Untersuchung außerordentlich stark von Trichinen infizier befunden wurden. Da möglicherweise die übrigen Theile des Thieres gleichfalls trichinös sind, wurde sofort Drahtnachricht nach dem Absendungsorte gegeben.