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Jf 92. Mittwoch, den 18. November 1891.
II. Sozialdcmvsratische Zukunftsbilder.
Frei nach Bebel.
Auf dem Lande finden die neuen Zustände des sozialistischen Staates noch weniger Anklang als in den Großstädten. Alle 20jährigen jungen Leute haben sich binnen drei Tagen beim Militär zu stellen. Die inneren Verhältnisse machen die Aufstellung einer „Volkswehr" ^üher und umfan icher, als beabsichtigt war, n . ,. D-e neuen Landrathe in den Provinzen verlandn dringend nach militärische ” '-rstützung zur Dn. hfuyrunz de neuen Gesetze auf dem Lande und in den kleineren Städten. Deshalb wird am Orte jedes Landwehrbezirkskommaudos ein Bataillon Infanterie, eine Escadron und eine Batterie aufgestellt. Indeß werden der größeren Sicherheit halber diese Truppen- theile nicht aus Mannschaften desselben Ergänzungsbe- z>rks gebildet. Die Bauern müssen zur Raison gebracht werden. Sie widersetzen sich der „Vergesellschaftung" ihres Privateigenthums an Grund und Boden, Haus und Hof, Vieh und sonstigem Inventar. „Solch' ein Bauer will durchaus auf seinem Eigenen sitzen bleiben, auch wenn er sich dabei von früh bis spät schinden und plagen muß. Man könnte die Leute ja ruhig sitzen lassen, wenn dadurch nicht die ganze planmäßige Organisation der Production für das Reich unmöglich würde. Darum müssen die Unverständigen zu ihrem eigenen Besten gezwungen werden." Die Knechte und Taglöhner auf dem Lande waren zuerst, als die großen Güter, auf denen sie bisher Arbeit fanden, für National- eigenthum erklärt wurden, sehr bei der Sache. Nun ist aber plötzlich eine sonderbare Veränderungslust in diese Leute gefahren. Sie drängen allesamt nach den großen Städten. Zum Theil sind sie mit Frau und Kind angerückt gekommen, hatten wenig Mittel, verlangten aber Speise und Trank, Kleider und Schuhwerk vom Besten und Theuersten. Sie hatten gehört, daß hier Alles in eitel Wohlleben schwelge, wenn es nur wahr wäre! Natürlich müssen jetzt diese Hinterwäldler per Schub in die Heimath zurückgebracht werden, was allerdings viel Erbitterung hervorruft. Diese wird noch vermehrt durch die Bestimmung, wonach Niemand seinen Wohnort zu vorübergehender Abwesenheit ohne Urlaubskarte und zu dauernder Entfernung ohne Anweisung der Obrigkeit verlassen darf. Die Folge davon ist, daß massenhaft Leute durch die Flucht dem neuen Heilsstaate entziehen. Erst waren es nur die Rentner, welche sich davon machten, weil sie nicht arbeiten wollten, dann Gelehrte, Schriftsteller und Künstler, welche nicht genug entsprechende Beschäftigung fanden; dann wuchs die Zahl nützlicher Leute, die über die Grenze gingen, nach der Schweiz, England unb Amerika, wo die Sozialdemokratie noch immer nicht zur Herrschaft gelangt ist. Architecten und Ingenieure, Chemiker, Aerzte, auch Lehrer, tüchtige Betriebsleiter, Modelleure, Techniker wandern schaarenweise aus. Diese Leute bilden sich ein, etwas Besseres zu sein, und können es nicht ertragen, daß sie gleichen Lohn mit dem einfachen ehrlichen Arbeiter erhalten. „Man kann es daher nur billigen" — schreibt unser wackerer Buchbindermeister in sein Tagebuch — „daß das Auswanderungsverbot mit Strenge gehandhabt wird. Dazu ist eine scharfe Besetzung der Grenzen, nammentlich der Seeküsten und der Landgrenzen gegen die Schweiz erforderlich. Das stehende Herr wird dazu weiterhin um viele Bataillone Infanterie und Escadrons Cavallerie vermehrt werden Die Grenzpatrouillen sind angtwiesen, gegen Flüchtige von der Schußwaffe rücksichtslos Gebrauch zu machen."
Aber unser Held soll bald merken, wie solche Dinge thun, wenn man sie am eigenen Leibe erfährt. Als er seiner Frau aus dem „Vorwärts" vorliest, daß an der Seeküste, bei Rügen, wieder flüchtige Auswanderer niedergeschossen worden find, fährt die Gute mit einem Schrei des Entsetzens in die Höhe: ihr Sohn Franz und seine Braut sind geflohen, weil sie den Zwang der neuen Ordnung nicht aushalten konnten. Bange Tage der Elterttangst vergehen, bis aus England die Meldung eintrifft, daß die Beiden wohlbehalten durchgeschlüpft sind. Dieser Sorge sind unsere Buchbindersleute also enthoben, wenn es den Meister auch bitter schmerzt, daß sein in sozialdemokratischen Ueberzeugungen aufer- zogener Sohn derartig zum Verräther an der „heiligen Sache" wurde. Aber auch sonst steht es bei ihm nicht zum Besten. Sein zweiter Sohn Ernst fühlt sich todt- Mglücklich in der staatlichen Erziehungsanstalt; er
möchte ein Handwerk treiben, die Wissenschaft geht ihm nicht recht ein. Der Schwiegervater wird recht hinfällig in dem Versorgungsheim, wo er aus altgewohnten Verhältnissen gerissen, nun ein genau reglementirtes. Dasein führen muß. Seine Frau fühlt sich gar nicht behaglich und jammert ihm die Ohren voll, wie viel schöner es doch früher gewesen sei: man habe doch gesehen, wofür man arbeite. Ein erster, wirklich tiefer Schmerz ist aber erst der plötzliche Tod seines jüngsten Töchterchens. Freilich hatte sie's in der Kinderverpfleg- anstalt sonst recht gut, aber die Liebe der Mutter wachte eben doch nicht über ihr Ergehen, und so wird auf eine Erkältung nicht geachtet, die Bräune entwickelt sich und der Tod tritt über Nacht ein. Die Eltern sind ganz zerschmettert und selbst unser gesinnungstreuer Buchbinder kann nicht umhin, sich die Frage vorzul gen, ob nicht in den Kinderheimen Pflege und Ernährung der zarten Pflanzen gar zu sehr nach der Schablone vor sich gehe?
In sein häusliches Leid dringen indessen auch Berufssorgen. Er muß in seinem Amte als Controleur in einer großen Werkstätte die bittere Erfahrung machen, daß im achtstündigen Normalarbeitstage recht viel ge- faulenzt wird. Die Leute sehen, daß der Staat sie ja unter allen Umständen beköstigt und beherbergt, wozu sollen denn sie gerade sich abrackern? Mit der Parole Immer langsam voran" wird viel Zeit todtgeschlagen, Fleiß und Eifer gilt für Dummheit und Bornirtheit. Das paßt unserem braven Meister gar nicht und er hält seinen Genossen eine Standrede: „Wir arbeiten nicht mehr für Ausbeuter und Capitalisten, sondern für die Gesellschaft. Alles kommt durch die Gesellschaft uns wieder zu gut!" Aber da kommt er schön an, Hohn und Spott sind die Antwort. Und wie bei ihm, so geht's auch anderswo in den Werkstätten. Auch in Handel und Wandel herrscht nicht die „moralische Atmosphäre", die Bebel dereinst prophezeit. Die Frauen schelten um die Wette über die neuen Veckaufsmagazine. Schaufenster, Reclamen, Versendung von Preislisten, Alles hat aufgehört. Man weiß gar nicht mehr Bescheid, so klagen sie, was es an neuen Sachen zu kaufen gibt und wie die Preise sich stellen. Die vom Staat angestellten Verkäufer sind kurz gebunden, die Concurrenz der Läden unter einander hat natürlich aufgehört. Jeder ist für best inmte Bedürfnisse auf ein bestimmtes Verkaufsmagazin angewiesen. Ob man was kauft, ist natürlich dem Verkäufer völlig gleichgültig. Je mehr man zur Auswahl vorgelegt verlangt, je mehr man Auskunft wünscht über Beschaffenheit und Dauerhaftigkeit des Stoffes, desto verdrossener zeigt sich der Verkäufer. Verlangt man fertige Kleider — das Kleidermachen außerhalb des Maximalarbeitstages ist auch für den eigenen Gebrauch untersagt — so ist man erst recht übel daran. Es geht beim Anprobiren zu, wie bei Rekruten in der Montirungskammer. Die ausge suchte Nummer soll durchaus zu dem Körper passen. Ist etwas auf Bestellung gearbeitet und erweist sich beim Anprobiren hier zu eng, dort zu weit, so bedarf es großer Beredtsamkeit, den Verkäufer hiervon zu überzeugen. Gelingt das nicht, so muß man entweder den Anzug nehmen, so wie er ausgefallen ist, oder gegen die betreffende Staatsbehörde Prozeß führen.
Prozeß führen ist allerdings jetzt sehr billig. Wie schon der Erfurter Parteitag im Oktober 1891 decretirt hat, ist die Rechtspflege und die Rechtshilfe unentgeltlich. Die Zahl der Richter und Rechtanwälte hat in Folge dessen gegen früher verzehnfacht werden müssen. Aber dies reicht noch immer nicht, da die Klagen über Mängel und Fehler der in den Staatswerkstätten gelieferten Waaren, über schlechte Beschaffenheit der Wohnungen und des Essens, über Ungehörigkeiten der Verkäufer und sonstiger Bediensteten so zahlreich sind, wie Sand am Meere.
Betrübend ist es, wie die Eigenthumsvergeheu zu- nehmcn, trotzdem Gold und Silber verschwunden ist. Die Zahl der Unterschlagungen hat sich gegen früher versiebensacht. Angestellte jeder Art verabfolgen gegen irgend eine private Zuwendnng oder Dienstleistung zum Nachtheil des Staates Waaren, oder üben den ihnen berufsmäßig obliegenden Dienst aus, ohne in dem Geldcertifikat des Empfängers in vorgeschriebener Weise einen dem Werth entsprechenden Coupon loszutrcnnen und zur Buchhalterei abzuführen. Durch unrichtiges Maaß oder durch Verfälschung der Waare beim Ver
kauf sucht man das Fehlende, was nicht durch entsprechende Coupons nachgewiesen werden kann, wieder auszugleichen. Auch Diebstähle von Geldcertifikaten kommen vielfach vor. Die aufgedruckten Photographien haben im Massenverkehr die Benutzung der Geldcertifiate durch dritte Personen nicht zu verhindern vermocht. Das Zusichern und Gewähren von Geschenken aller Art an Personen, welche durch Anstellungen und Vergebung bequemer Arbeit und dergleichen Einfluß ausüben, greift bis in die höchsten Beamtenkreise hinauf Platz. Seitdem die Leute nicht mehr im Stande sind, durch persönliche Anstrengung in gesetzlicher Weise sich eine Besserung ihrer Lebensverhältnisse über das vorgeschriebene gleiche Maaß hinaus zu verschaffen, geht ihr ganzes Dichten und Trachten dahin, in ungesetzlicher Weise sich dasjenige zu verschaffen, was ihnen sonst unerreichbar ist.
Zur Beschwichtigung der wachsenden Unzufriedenheit werden den Städtern nun unentgeltliche Aufführungen von Theaterstücken und Concerten geboten. Aber das ärgert wieder die Leute auf dem Lande. In allen kleinen Nestern verlangt man unter Berufung auf die soziale Gleichheit und die gleiche Entschädigungspflicht für gleiche Arbeiter dieselben Volksbelustigungen aus dem allgemeinen Volkssäckel hergestellt zu sehen. Der „Vorwärts" suchte durch unmuthige Schilderungen über die Vorzüge des Landlebens, idyllische Betrachtungen über den Naturgenuß und die frische Luft zu beruhigen. Das wurde für Ironie genommen. Wo bleibt denn bei Regenwetter und an langen Winterabenden der Naturgenuß? Wo in den engen Wohnungen und in den Ställen auf dem. Lande die frische Luft? So murrte man in Eingesaudts. Da kam der Reichskanzler auf den Gedanken, an allen Sonntagen je einige Hunderttausende Berliner zum Naturgenuß auf das Land und dafür ebensoviele Landbewohner zum Theatergenuß nach Berlin dirigiren zu lassen. Indessen war für diese sociale Gleichheit das Wetter zu ungleich. Trat Regenwetter ein, so wollten die Berliner sich nicht auf nasse Landpartieen einlassen, während die Landbewohner die Plätze der Berliner bei den Volksbelustigungen sehr gern einnahmen. So mußte denn der Kanzler, nachdem er gleichmäßig Berliner und Nichtberliner gegen sich aufgebracht hatte, fein Amt niederlegen. (F. s.)
Deutsche- Reich.
Berlin, 15. November. Kaiser Wilhelm ist am Sonnabend Abend aus Letzlingen wohlbehalten wieder im Neuen Palais zu Potsdam angekommen. Sonntag Vormittag arbeitete der Kaiser zunächst allein und wohnte dann mit der Kaiserin dem Gottesdienste in der Friedenskirche bei. Zur Tafel waren verschiedene hochgestellte Personen geladen. Am Dienstag wird der Kaiser nach Hannover reisen und bis zum Donnerstag dort bleiben. Von Hannover begibt sich der Monarch zu den Hofjagden nach Springe.
— Fürst Bismark ist Sonnabend spät Nachmittags von Varzin in Berlin eingetroffen und fand hier auf demStettinerBahnhof einen unbeschreiblich enthusiastischen Empfang. Ganze Berge von Blumensträußen wurden ihm zugeworfen. Die Schutzmannskette wurde von der anstürmenden Menge durchbrochen. Das Lied: „Deutschland, Deutschland über Alles" gesungen und „Wieder- kommen!" „In den Reichstag kommen!" ihm zugerufen. Alles suchte seine Hand zu fassen, die so kräftig gedrückt wurde, daß ein Finger blutete. Der Fürst war überaus erfreut und weinte Thränen der Rührung.
— Laut Verfügung des Finanzministers sind die Steuererklärungen vom 4. Januar bis inkl. 20. Januar 1892 abzugeben.
* — In Betreff der Einschränkung des HausirhandelS hat das Arbeitsministerium die Handelskammern um Gutachten ersucht. Es sei beabsichtigt, fernerhin folgende Waaren vom Hausirhandel auszuschließen: 1. Putzwaaren und Luxusartikel, um der verderblichen Neigung namentlich des weiblichen Theiles der Bevölkerung zur Anschaffung von überflüssigen und unnützen Gegenständen zu begegnen; 2. Tuche, wollene und halbbaumwollene Stoffe, Leinen und Bettzeug, fertige Kleider und ledernes Schuhzeug, wegen mißbräuchlichen Verkaufs minderwer- thiger Artikel; 3. Anbieten gewerblicher Leistungen durch Schirmflicker, Korbflechter, Verzinnet', Scheerenschleifer, weil diese Arbeiten zu Bettelei und Landstreichern miß, braucht werden. Außerdem sollen diejenigen Bestimm^