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erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatl" u. »Jllustrirtem Familienfreund" Vierteljahrs. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

A 91.

Samstag, ben 14. November

1891.

I Sozialdemokratische Zukunftsbilder.

Frei nach Bebel.

In seinerFreis. Ztg." hat Abg. Eugen Richter während des letzten Monats Bilder aus dem sozial­demokratischen Zukunftsstaate in fortlausender Folge geschildert, welche mit gründlicher Kenntniß der sozial­demokratischen Literatur ebensowohl einen körnigen Humor als ernste Mahnungen verbinden. Mit unerbittlicher Schärfe zieht der Verfasser die logischen Folgerungen des sozislistischen Programms er legt bereits das vom Erfurter Parteitag angenommene zu Grunde mit Consequenz baut er die mannigfachen Andeutungen aus, welche namentlich Bebel in seinem Buche über Die Frau" in Bezug auf den sozialistischen Zukunfts­staat gegeben hat und die Schilderung, die Eugen Richter entwirft, ist so lesenswerth, sie wirkt so abschreckend vor diesem ^entschleierten Bilde", daß wir das Lesen und die Verbreitung der Broschüre aufs Angelegentlichste empfehlen. Engen Richter hat sich mit dieser im feuilletönistischen Gewände erscheinenden, aber sehr ernsthaften Arbeit ein bedeutendes Verdienst erwo ben. Einige Auszüge aus diesen im wahren Sinne des Wortesschlagenden" Ausführungen dürften unse en L fern willkommen sein.

Der Held der Erzählung ist ein ehrsamer, ebenso wie seine Familie durch und durch von denHeils- wahrheiten" der Sozialdemokratie überzeugter, grund- draver Buchbindermeister. Endlich ist die Prophezeiung Bebel's Wirklichkeit geworden. In gehobenster Stimmung berichtet unser Buchbinder:Die rothe Fahne der internationalen Sozialdemokratie weht vom Königsschloß und allen öffentlichen Gebäuden Berlins." DieWieder geburt der Menschheit" ist angebrochen und der Sieges- lag hat auch in seiner Familie den Grund zu neuem Glück gelegtr sein ältester Sohn Franz, Schriftsetzer, Hut sich mit oer PuKmachenn Agnes Müller venovr.

Wir Alle wanderten nach Tisch hinausUnter die Linden". War das dort ein Menschengewühl, ein Jubel ohne Ende. Kein Mißton störte die Feier des großen Siegestages. Die Schutzmannschaft ist aufgelöst. Das Volk hält selbst die Ordnung in musterhafter Weise aufrecht. Im Lustgarten, auf dem Schloßplatz, an der früheren Schloßfreiheit stand dichtgedrängt die Menschenmenge fest wie eine Mauer. Die neue Regierung war im Schloß versammelt. Die Genossen von der bisherigen Parteileitung der Sozialdemokraten haben provisorisch die Zügel der Regierung ergriffen. Sobald sich einer der neuen Regenten am FAster oder auf dem Balkon des Schlosses zeigte, brach der Jubel des Volkes immer auf's Neue los: Hireschwenken, Wehen mit den Tüchern, Gesang der ArbciterMarseillaise. Abends prachtvolle Illumination . . .^ie Bourgois fliehen zu Tausenden über die Grenzen: viel können sie nicht mitnehmen: Alle Staatspapiere Pfandbriefe, Actien, Schuldobligationen und Banknoten sind für null und nichtig erklärt worden. Auf ale Immobilien, Verkehrsmittel, Maschinen, Werkzeug und Gerüche wurde für den sozial stischen Staat öeschlag gelegt DerVorwärts" ist an die Stelle desseichs-AnzeigerS" getreten. Das Blatt wird in jeder Wohnung unent­geltlich zugestellt. Da alle Druckerei' Smatseigenthum geworden sind, so haben die übriaer Zeitungen zu er scheinen aufgehört .... Das bigerige Partei-Pio- gramm, wie es 1891 von dem Erfurter Parteitage beschlossen wurde, ist als provisorihes Grundrecht des Volkes proclamirt worden..... Das Militär ist entlassen, Steuern werden nicht ühr erhoben, da die Regierung dasjenige, was sie tr allgemeine Zwecke bedarf, aus dem Ertrag der saalistischen Production vorwegnimmt. Aerzte und Recksanwülte werden vorn Staat unterhalten und haben ihrDienste dem Publikum unentgeltlich zu widmen. Die ,ei Tage der Revolution und der Siegesfeier sind für getzliche Feiertage erklärt worden Wirgehen einer neueiherrlichenZeitentgegen."

Aber leider, leider gibt sunzufriedene Leute" selbst in dieserherrlichen Ze"- Es hat sich das Ge­rücht verbreitet, daß auch sämtliche Sparkafsenbucher und die vom Munde abgedaten, Pfennig bet Pfennig zurückgelegten Ersparnisse Tarnder alter Leute, Dienst­mädchen, Handwerker für -ull und mchttg" erklärt worden sind. Ein Heidenlä" entsteht, lautes Jammern und Weinen,schon stürmt eine regte Menge dasSchloß, da beschwichtigt der Reichster dre Gemuthrr, mdem er verkündigt,die Sparstenfrage solle sofort bem gesetzgebendem Mss^ Entscheidung unterbreitet

werden. Alle guten Patrioten und braven Sozialdemo- kralen sollten der Gerechtigkeit und Weisheit der Volks­vertreter vertrauen". Ein stürmisches Hoch dankt unserem Reichskanzler. Unter kolossalem Andrang dou Personen findet die betreffende Sitzung statt. Acht Millionen Guthaben, so wird festgestellt, mit 5 Milliarden Mark waren in den öffentlichen Sparkassen Deutschlands vorhanden, der jährliche Zinsbetrag überstieg 150 Millionen. Die Einlagen in den Sparkassen waren angelegt mit ungefähr 2800 Millionen Mark in Hypo theken, mit 1700 Millionen Mark in Jnhaderpapieren, mit 400 Millionen Mark bei öffentlichen I istituten und Corporatwnen und mit 100 Millionen Mark gegen Faustpfand. Die Jnhabcrpapiere sind überall durch Gesetz annullirt worden. Die Hypothckenschulden sind mit dem Uebergang alles Grundbesitzes auf den Staat erloschen. Ebenso sind die auf Faustpfand ausgeliehenen Gelder mit der unentgeltlichen Rückgabe der Pfänder in den öffentlichen Leihanstalten auch zum Nutzen des Volkes verwendet worden. Mittel zur Auszahlung der Sparkassen-Einlagen sind somit in keiner Weise vorhanden. Eine Vergütung an die Einleger könnte erfolgen in Form der Ausgabe von Bons, welche zu einer Entnahme aus den Waaren-Vorräthen des Staates berechtigen. Aber auch dies Auskunftsmittel wird nicht gewählt. Nach einer Debatte, in der die Geister von Rechts und Links heftig aufeinand rplatzen, erklärt der Reichskanzler: Wir müssen die Frage ohne (Sentimentalität als ziel­bewußte Sozialdemokraten entscheiden. Fünf Milliarden wieder herauszugeben an einen Bruchtheil der Be­völkerung von 8 Millionen Personen, heißt die neue soziale Gleichheit aufbauen auf einer Ungleichheit (Bei­fall). Diese Ungleichheit winde sich alsbald in allen Consumtions-Verhältnissen fühlbar machen und die künftige planmäßige Organisation der Produktion und Consumtiou strich sind alle Guthaben in den öffentlichen Sparkassen vernichtet. Darob große Erbitterung, zahlreiche Ver­haftungen werden vorgenommen, die Schutzmannschaft fährt mit Todtschläzern zwischen die tumultuirende Menge.

Inzwischen hat die Berufswahl sich vollzogen. Frauen und Mädchen wird in Erinnerung gebracht, daß sie in der eigenen Häuslichkeit befreit sind vom Kinderwarten, von Bereitung der Mahlzeiten, Kranken­pflege und Wäsche. Alle Kinder werden in Kinder- pflcgeanstalten Und Erziehungshäusern des Staates untergebracht. Die Hauptmahlzeit ist in den Staats­küchen des Bezirkes einzunehmen. Alle Erkrankten sind an die öffentlichen Krankenanstalten abzuliefern, die Leib- und Bettwäsche wird zur Reinigung in großen Centralanstalten abgeholt. Die Arbeitszeit ist in allen Beru'sarten für alle Männer und Frauen in den Staats­werkstätten und bei sonstigen öffentlichen Dienstleistungen die gleiche und beträgt bis zur anderweitigen Festsetzung acht Stunden täglich. Ueber die Befähigung zu der gewählten Arbeit sind Bescheinigungen beizubringen, die bisherige Berufsarbeit ist auf den Meldungen anzu- bringen. Allgemeine Freude, großer Jubel herrscht Anfangs über diese Bestimmungen, aber auch hier bleibt der Tropfen Wermuth nicht aus. Unser Meister soll nicht mehr selbstständig arbeiten, sondern wird als Ge Hilfe eingetheilt; mit vieler Mühe nur erlangt er eine Stelle als Controleur im Großbetriebe, der sehr viele Meister entbehrlich macht; sein ältester Sohn Franz wird von Berlin nach Leipzig versetzt, dessen Braut wird nicht als Putzmacherin, sondern als Weißnäherin angestcllt, weil an Putzwaaren die Gesellschaft jetzt wenig Bedarf hat. Seine Frau ist als Krankenpflegerin angenommen, aber nicht in derselben Anstalt, Pie ihr jüngstes Töchterlein pflegt, damit ja keine Bevor­zugungen stattfinden. Der alte Schwiegervater des Buchbindermeisters muß in eine Altersversorgungs-An- stalt wandern, der zweite Sohn Ernst, welcher gern zum Handwerk ging, muß erst in einem Internat die im Gleich'heitsstaate für alle unerläßliche, wissenschaftliche Ausbildung erhallen. So wird die ganze Famile zer­sprengt und man kann sich denken, daß der letzte Abend im trauten Heim, das sie so lange Jahre beherbergt, keine fröhliche Stimmung auskommen läßt. Unser recht­schaffener Buchbinder tröstet die Seinen nach Kräften; das seien noch die Nachwirkungen der verruchten Kavitals- Herrschaft, aber wenn diese überwunden, wenn die Neu­ordnung der Dinge von wirklich echt sozialistischem Geiste erfüllt sei, dann werde Alles glücklich und zufrieden sein. Aber sein Zuspruch ist nahezu umsonst; mit

trübem Antlitz hört man ihm zu und auch ihm ist recht schwer nm's Herz. Es wird aber noch schlimmer, als am folgenden Tage, getreu nach Bebel's Anweisung: Die Häuslichkeit soll auf das allernothwendigste be­schränkt werden", Schutzleute kommen und von dem behaglichen Mobiliar der Eheleute, von dem jedes Stück theure Errinnerungen wachruft, das Meiste hinweg­nehmen. Auf den erschrockenen Einwurf der Frau, daß das Hausgeräth ja doch Peivateigenthum sei, er­widert der Hüter des Gesetzes:Kein Part behält mehr als zwei Betten und an sonstigem Geräth auch nicht mehr, als in zwei oder drei große Stuben hinein- geht. Aber das reicht Alles noch nicht. Bedenken Sie doch, der Magistrat hat in Berlin bei 2 Millionen Einwohnern über 900,000 Personen, welche sich im Alter unter 21 Jahren befinden, in Kinderpflege- und ErziehungsÄnstallen unterzubringen, dazu 100,000 alle Leute über 65 Jahre in Versorgungs-Anstaltem Dazu kommt danu noch eine Verzehnfachung der Betten- zahl in den Krankenhäusern für die Krankenpflege. Woher dazu Alles nehmen und nicht stehlen?' (F. f.)

Ueber den Buchdruckerstreik schreibt das MünchenerB. V.":

Der diesjährige Buchdruckerstreik wurde von uns gestern der thörigste und frivolste Streik genannt, der je dagewcseu. Nicht aus Noth oder aus andern zwingen­den Gründen hat man diesen Streik begonnen; bei einer Bezahlung von 22 bis 60 Mark die Woche kann von einer eigentlichen Noth keine Rede sein. Man kann da­mit zwar nicht lebenwie Gott in Frankreich", aber Schriftsetzer sind auch keine Götter, wenn sie auch zur Zeit stellenweise sich als Götter dünken, denen die Prin zipale opfern und Unterthan sein sollen. Viele Tausende von Angestellten und Beamten, Zehntausende von Klein- mpiheliUMb, nicke oder kaum das Einkommen eines mtttelmMgen Setzers in München, und muffen mehr leisten, mehr arbeiten, haben viele Jahren studieren, haben ein kleineres oder größeres Vermögen aufwenden müssen, und sind doch nicht so gut gestellt, wie diese. Ein Maschinenmeister einer Münchener Druckerei hatte 3500 Mk. Gehalt und freie Wohnung; gekündigt aber hat er doch und heute streikt er und überläßt seine an­genehme Stellung einem Klügeren als er!

Es handelt sich, wie bereits auseinander gesetzt, hier um eine Machtfrage: wer stärker ist, die Prinzipalschaft oder Gehilfenschaft, der Herr oder der Diener, der Bourgois" oder der schriftsetzende Pionir der Sozial- demokratie, hinter dem die gesammte Arbeiterschaft steht und lauert, ob er siegt, um dann sofort mit der gleichen Forderung der Arbeitsverkürzung und Lohnerhöhung hinter ihm hervorzutreten, wenn der Pionir gesiegt hat. Nicht eine Interessen- sondern eine Machtfrage hat den Streik eingefädelt, und die Machtfrage: wer soll Herr sein im Hause, der Eigenthümer oder der Gehilfe oder Diener? wird bei diesem Streik entschieden, bei dem die Buchdrucker-Prinzipale nicht blos ihre eigene, sondern die Sache aller Prinzipale, Geschäftsleute und Meister vertreten. Unterliegen sie, so ist damit das Signal zum Kampf bezw. Streik auf allen Gebieten des Geschäfts­und Erwerbslebens gegeben, so folgen den siegreichen Setzern die Buchbinder u. s. W. mit der gleichen über­triebenen Forderung: Weniger Arbeit, aber mehr Lohn! und in 23 Jahren wird die neue Forderung gestellt acht Stunden Arbeit und noch einmal 15 oder 20 pEt. Lohnerhöhung! und die andern Branchen werden sofort in das Geschrei einstimmen und durch den Streik ihren Forderungen Geltung zu verschaffen suchen.

Daß es entschieden eine Machtfrage ist, um die es sich handelt, haben wir selbst in den letzten 14 Tagen erfahren und erleben müssen. Wenn ein Artikel aus der Redaktion gegeben wurde, der den Herren Setzern nicht zu.Gesicht stand, so war er entwedernicht er­halten" worden oderverloren gegangen", oder es wurde die Aufnahme ins Blatt verweigert. Einmal wurde der Satz eines Artikels, der den Herren nicht gefiel, einfach zusammengeworfen und zugleich war mit allen Setzern verabredet worden, sofort in der ganzen Druckerei die Arbeit niederzulegen, wenn der Artikel hineinmüsse. So war der Redakteur gezwungen, zu thun als wisse er von nichts. den Artikel zu verschieben und dann zu vergessen, um nur das Erscheinen des Blattes möglich zu machen! Ein anderes Mal war der Bürstenabzug eines den z. Z. allmächtigen Herrschaften nicht genehmen Artikels in aller frühe hinter dem Rücken