der Uebrigen leben und wirthschaften. Wir müssen große Summen steuern — das Land selbst steuert Millionen, die schon gegeben und die französische große Anleihe geht ganz auf in Nothbauten von Eisenbahnen, Chausseen rc. Das Vieh hat keinen Werth, da es ganz und gar sutterlos ist; so kostet ein großer Zugochse, mager, jetzt nur 10 Rubel — (Mk. 21,40). Pferde, ebenso Fohlen läßt man einfach laufen, ihr Schicksal ist, von Besitzenden eingefangen, oder von Wölfen gefressen zu werden. — Dieses Jahr ist für die Regierung eine gute Lehre, die ihre Wirkung nicht verfehlen wird! Wir haben wieder schreckliche Dürre: seit Anfang August keinen Regen; die Wintersaaten erbärmlich, zum größten Theil gar nicht aufgegangen; das Feld schwarz. Traurige Aussichten auch für den Süden, wo man noch gar nicht ans Säen denken konnte. Das wird schlecht in 1892." —
Türkei. Das Amtsblatt von Siwas (asiatische Türkei) meldet, daß die türkische Regierung dem Bürger Mustapha Raba an dessen 152. Geburtstag ein Jahresgehalt auf Lebenszeit ausgesetzt habe. Dasselbe dürfte die türkische Staatskasse wohl nicht allzu lauge belasten. Mustapha Raba sah unter seinen Geburtstagsgratulanten einen Enkel von 90 Jahren.
Die „World" meldet aus Wheeling, West-Virginien, daß sich beim Bohren eines Schachtes auf einem Kirchhof große Quantitäten Gas entzündet haben. Dieses verursachte ein Emporheben der Erde, wodurch Hunderte von Leichen aus ihren Gräbern geschleudert und mehrere kostbare Grabdenkmäler zerstört wurden.
Lokales «ud Provinzielles.
Schlüchter», 10. November.
* — Katholische Kirchen werden im Hessenlande jetzt in größerer Zahl errichtet. Außer in Schmalkalden ist der Bau katholischer Kapellen u. Ä. in Frankenberg, veranschlagt auf 21,000 Mark, und in Hofgeismar im Gange.
* — Lotterieloos - Schwindel. Hierzu schreibt die Berliner „Volkszeitung": Viele Lotteriespieler pflegen ihre Einsätze erst kurz vor der Ziehung an den Loosehändler einzusenden. Der Händler verzögert nun die Absendung der bestellten und bezahlten Loose bis zum Abend vor der Ziehung. Er hat genau die Zeit registrirt, zu welcher die Bestellung der Einschreibebriefe an die Adressaten erfolgen kann. Alle Briefe, welche weitere Entfernungen zurückzulegen haben, sind noch nicht ausgehändigt, wenn die Ziehung stattfindet. Sobald ein Loos gezogen wird, läuft eine telegraphische Depesche hinter dem Briefe her, welcher das gezogene Loos enthält, mit der Anweisung an das bestellende Postamt, den Brief nicht auszuhändigen, sondern zurückzusenden. Unser Berichterstatter erklärt, daß er in der Lage sei, Postbeamte als Zeugen anzuführen, welche diese Manipulation genau verfolgt haben. Es ist dies möglich gewesen, weil die Nummern der betreffenden Loose auf den Konverts bemerkt waren und bei der Rücksendung nur mit den Gewinnlisten verglichen zu werden brauchten. Die Gewinne steckte alsdann der Loosschwindler in die Tasche. Die am ersten Tage nicht gezogenen Loose werden dagegen ohne Weiteres bestellt.
* — Die beabsichtigte Neuformirung der Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht fixirr den Mindest betrag des Stammkapitals aus M. 20,000, denjenigen jeder Stammeinlage auf M. 500.
* — Das Reichsgericht hat entschieden, daß Stacheldraht als Einfriedigung an öffentlichen Wegen und Plätzen nicht statthaft ist. Es kann also jeder durch Stacheldraht Beschädigte den Besitzer desselben straf- und zivilrechtlich verfolgen lassen.
Steinau, 9. Nov. In der gestern hier stattgehabten Handwerker-Versammlung, welche außerordentlich zahlreich besucht war, wurde die Bildung eines Handwerkervereins für Steinau beschlossen und haben sich sofort 40 selbstständige Handwerksmeister als Mitglieder ein« geschrieben. Viele andere Meister aus Steinau und Umgegend wollen ebenfalls dem Verein beitreten. Es ist aber auch an der Zeit, daß die Handwerksmeister sich zusammenschließen, wollen sie nicht ganz und gar an die Wand gedrückt werden vom Großkapital.
Bom Bogelsberg, 5. November. Endlich ist mit dem Bau der Nebenbahn Gedern-Lauterbach der Anfang gemacht worden. Bei Herbstein stecken bereits die Fähnchen im Feld. Hoffentlich läßt die Fertigstellung dieser so sehr gewünschten Strecke nicht allzu lange auf sich warten.
Fulda, 2. November. Dieser Tage ereignete sich in einer hiesigen Familie ein höchst betrübender Fall. Bei der nunm.hr eingetretenen rauhen Jahreszeit hatte die Mutter eines Zwillingspaares, um dasselbe recht warm zu betten, in das Bettchen noch eine mit kochendem Wasser gefüllte, gut verschlossene Wärmflasche hinzugelegt. Die Flasche explodirte aber und verbrühte das eine Kind dermaßen, daß es bald darauf seinem Leiden erlag.
Gersseld (Rhön), 2. November. Das Kreisstädtchen Gersfeld wird um zwei Staatsgebäude reicher werden. Zunächst ist die Erbauung eines größeren Forstgebäudes an der Straße nach Fulda beschlossene Sache; außerdem wird ein neu zu errichtendes Postgebäude in der Nähe des Bahnhofes seine Stelle finden.
Hanau, 6 November. In einer kürzlich hier statt« gehabten Volksversammlung wurde beschlossen, Angesichts
des drohenden Nothstandes an die Stadtverwaltung das Ersuchen zu richten, Kartoffeln in großen Quantitäten aufzukaufcn und an die Bevölkerung zum Selbstkostenpreis abzugeben. Der Stadtrath hat dem Ersuchen Folge gegeben und wird dieserhalb dem Gemeinde-Ausschuß eine dringliche Vorlage zugehen lassen.
Rengshausen, 3. November. Gestern Abend gegen 5-/2 Uhr brach in der hiesigen Rettungsanstalt Feuer aus und zwar in einem Wirthschaftsgebünde. Die Entstehungsursache ist mit Gewißheit auf Brandstiftung zurückzuführen, und man geht nicht fehl, wenn man den Uebelthäter unter den Anstaltszöglingen sucht. Das abgebrannte Gebäude barg neben Stroh über 300 in. Scheit- und 400 m. Reisholz, welches ein Raub der Flammen wurde. Unter der umsichtigen Leitung des Oberbrandmeisters, des Herrn Oberförsters Stahl in Ersrode, welcher von Herrn Gensdarm Kaiser wirksam unterstützt wurde, gelang es dem thatkräftigen Eingreifen der Feuerwehren nach langer Mühe, des Feuers Herr zu werden.
Weisungen, 4. Novbr. Am Montag ist das hier neuerbaute Schlachthaus dem Betriebe übergeben worden.
Kirchhain, 1. November. Heute am Buß- und Bettage ereignete sich hier ein bedauerlicher Vorfall, welcher den Bewohnern unseres Stäbchens noch lange in Erinnerung bleiben wird. Als der Schnellzug, welcher um 3 Uhr 14 Min. hier eintrifft, den Bahnübergang passirte, wurde der auf der naheliegenden Weide mit einer Rinderheerde grasende Stadtbulle plötzlich scheu. Der Hirte, welcher das Thier beruhigen wollte, wurde von ihm stark verletzt. Ferner rannte es mehrere Fensterscheiben ein und Kinder um und spießte endlich den ahnungslos des Weges kommenden Nachtwächter mit den Hörnern auf. Hierauf richtete das rasende Thier auf dem Gütcrbahnhofe noch Verwüstungen an, bis es endlich gefesselt werden konnte.
Frankfurt a. M., 6. November. Zur Feier des 25 jährigen Bestehens des 1. Hessischen Infanterie- Regiments Nr. 81 fand gestern Vormittag auf dem Kasernenhofe eine Parade statt, an welcher außer vielen ehemaligen Offizieren des Regiments die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden, darunter der Stadtkommandant, Generallientenant von Stülpnagel, der Oberbürgermeister Adickes und der Polizei - Präsident Freiherr v. Müffling theilnahmen. Der Chef des Regiments, der Großherzog von Hessen und bei Rhein, war persönlich zur Feier erschienen. Der Regiments Kommandeur, Oberst v. Sydow, gab in seiner Ansprache eine Darstellung der Geschichte des Regiments und brächte das Hoch auf den Kaiser, sowie auf den Großherzog von Hessen aus. Am Nachmittag vereinigte sich das Offizierkorps zu einem Festmahl im „Frank furter Hof"; für die Mannschaften fand Abends im „Saalban" eine Festfeier statt.
Frankfurt, 6. November. Das große Loos der Ausstellungslotterie ist, wie wir schon mitzelheit haben, in eine Speyerer Kollekte gefallen. Der Gewinner ist ein Maschinenheizer der Baumwollspinnerei in Speyer, Namens Wilhelm Clauß. Uebriqens bekommt er nur die Hälfte, denn den halben Antheil des Looses hatte Claus am Tag vor der Ziehung an einen Kollegen verkauft.
Limburg, 4. November. Bischof Klein feierte heute das goldene Priester-Jublläum. Von den verschiedensten Seiten waren Glückwünsche eingegangen: die Bischöfe Haffner aus Mainz und Weyland aus Fulda waren persönlich erschienen. Gestern Abend fand ein Fackelzug zu Ehren des Bischofs statt. Heute Vormittag wurde ein Pontifikalamt im Felsendom abgehalten. Dem Jubilar sind eine große Anzahl kostbarer Geschenke gewidmet worden.
Ein Ackersmann aus einem Orte bei NiederalM traf, vom Felde in die Stube tretend, seine Fran in einem zärtlichen Zusammensein mit einem Andern. Rasch griff er nach einem an der Wand hängenden Beil der Feuerwehr-Ausrüstung und hieb dem Ertappten die ganze rechte Wange herunter.
In Esch wurde die Schafheerde aus dem Pferche über einen Kleeacker getrieben, auf dem der diesjährige junge Klee gefroren war. Die Schafe fraßen dieses Futter mit großer Begierde; in Folge dessen entstanden bei oen meisten Thieren starke Blähungen, an denen 16 der Thiere unter großen Schmerzen verendeten.
Die Uebervolkerung der großen Städte.
Vor Kurzem war an dieser Stelle bei Betrachtung der geringen Entwicklung der Stadt Schlüchtern in den letzten Jahren auf das ungeheure Anwachsen der großen Städte hingewiesen und soll der daraus entstehende Nachtheil hier kurz erörtert werden.
Die stetig steigende Bevölkerungszunahme der großen Städte ist eine natürliche Folge der stets zunehmenden Groß-Jndustrie, die sich an den Hauptverkehrsplätzen zusammendrängt. Hierdurch wird aber in diesen Städten ein zahlreiches Arbeiterproletariat ungenaust, das bei den dort herrschenden theuren Wohnungs- und Lebensmittel^ preisen meist mit Nahrungssorgen zu kämpfen hat und nur kümmerlich sein Dasein fristet, während es den gerade in großen Städten herrschenden Luxus und die Vergnügungen der Reichen täglich vor Augen hat.
Ans diesem grasten Gegensatz entsteht die Unzu
friedenheit des Proletariats, das dann mit Leichtigkeit den verlockenden Irrlehren der Sozialdemokraten anheim fällt. Ferner können die kleinen Gewerbetreibenden in großen Städten neben der Konkurrenz, die die großen Unternehmer machen, nicht aufkommen, sie kämpfen mit Mühe um ihre Existenz und vermehren, indem sie sich zu den Unzufriedenen gesellen, bald das Kontingent der sozialdemokratischen Partei. Es ist eine anerkannte Thatsache, daß die Sozialdemokratie in den großen Städten entstanden und in denselben groß geworden ist. Daß diese Partei im steten Zunehmen begriffen ist, zeigen die Wahlresultate bei den verschiedenen Wahlen, und es ließe sich wohl leicht statistisch nachweisen, daß in den großen Städten mit dem Steigen der Bevölkerungszahl im doppelten Verhältniß anch die Stimmen der sozialdemokratischen Partei bei den Wahlen zugenommen haben. Man kann also wohl mit Recht behaupten, daß die Sozialdemokratie mit dem Anwachsen der großen Städte und in diesen groß gezogen worden ist.
Wenn Seitens des Staates also gegen die Verbreitung derselben gearbeitet werden soll, so wäre gewiß ein wesentliches Mittel zur Bekämpfung darin zu suchen, daß man die Ausdehnung der großen Städte begrenzt, um ein weiteres Zusammendrängen der Arbeitermasten zu verhindern.
Daß dann ferner in den großen Städten das Laster jeder Art mit der Bevölkerungszahl wächst, ist täglich aus den Zeitungen zu ersehen, und wenn man bedenkt, welche Dimensionen einzelne Laster bereits in unseren Hauptstädten angenommen haben, so kann das nur eine ernstliche Mahnung sein, von Grund aus Abhülfe zu schaffen, und die kann wiederum nur darin gesehen werden, daß man das Wachsthum der großen Städte einzuschränken sucht, damit nicht auch schließlich Zustände eintreten, wie sie uns aus London durch die Zeitungen bekannt werden.
Ein wirthschaftlicher Vortheil für den Staat ist in dem Anwachsen einzelner großer Städte auch nicht zu finden, im Gegentheil, für die wirthschaftlichen Verhältnisse würde eine angemessenere Vertheilung der Bevölkerung viel günstiger sein, denn während in den großen Städten meist ein zu großes Angebot von Arbeitskräften vorhanden ist, fehlt es in kleineren Städten und besonders auf dem Lande an Arbeitern. Gerade die fehlenden Arbeiter für die Landwirthschaft schädigen die wirthschaftliche Lage des Staates und der Mangel an Arbeitern auf dem Lande ist lediglich eine Folge des wachsenden Zuzugs nach den großen Städten. Daß die Bewohner der großen Städte durch die stete Zunahme der Bevölkerung auch benachtheiligt werden, geht aus den Gemeindeabgaben hervor, die in denselben zu zahlen sind; denn, während man in kleinen Städten 25 - 30 pCt. der Staatssteuer als Gemeindeabgave zu" entrichten hat, zahlt man in großen Städten 200 bis 300 pCt. der Staatssteuer für städtische Abgaben.
Daß dann auch die Entwicklung der kleinen Städte durch den Zuzug nach den Hauptstädten wesentlich gehemmt und hiermit deren wirthschaftliche Lage beeinträchtigt wird, ist schon früher erörtert und soll hier nur der Vollständigkeit wegen mit erwähnt werden.
Aus dem Vorstehenden läßt sich wohl schon erkennen, daß die ungeheure Zunahme einzelner g oßer Städte ein Nachtheil sowohl für diese selbst, als auch für die kleinen Städte ist, daß ferner die sozialen Verhältnisse des Staates darunter leiden und daß die wirthschaftliche Gesammtlage des Staates beeinträchtigt wird zu Gunsten einzelner großindustrieller Erwerbszweige.
Um diesen Nachtheil entgegen zu arbeiten, wäre es nothwendig, daß Seitens der Regierungen mehr Bedacht auf die Entwicklung kleiner Städte genommen würde. Wenn diese durch entsprechende Maßnahmen gefördert werden, dann wird von selbst allmählich ein Ausgleich in der Bevölkerungsvertheilung eintreten.
Welcher Art diese Maßnahmen sein müßten, soll demnächst zum Gegenstand einer Betrachtung an dieser Stelle gemacht werden.
Kaß und Ließe.
Novelle von Franz Laufkötter. (Fortsetzung.)
2.
„Amen, Amen!" murmelten die Bürger und verschlossen ihre Thüren- Dann ward es still in den Straßen, nur ein leiser Regen troff langsam und sickernd von den Dächern.
Ahnungslos war Walter Scharf nach seiner Mutter Hause gegangen. Der beginnende Regen hatte seine Schritte beschleunigt. Sein Herz pochte laut bei dem Gedanken an das bevorstehende Wiedersehen. Wie würde die Mutter freudig erschrecken, wenn er unerwartet vor ihre Augen trat!
Er klopfte ans kleine Fenster im Nebenhause, die alte Nachbarin steckte ängstlich den grauen Kopf durch die kleine Oeffnung.
„Wer ist draußen?"
„Wo ist meine Mutter, Frau Nachbarin?"
„Ah, du bist es, Walter; deine Mutter ist ausgegangen, sie ist nicht mehr hier, sie wird auch nicht wieder- kchren."
Sprachlos starrte der Jüngling sie an.