Einzelbild herunterladen
 

ZchlWernerZeitung

erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtcm Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

JS 90. Mittwoch, den 1L November 1891.

Deutsche- Reich.

Berlin. Der Kaiser hat sich in einem Erlaß an­erkennend über die Entwickelung des Post- und Tele- graphenwesens, namentlich auch des Fernsprechwesens, und über die Aufbesserung der Besoldung der Unter- und mittleren Beamten dieser Verwaltung ausgesprochen. Der Bundesrath hat in seiner vorgestrigen Sitzung dem Gesetzentwürfe betreffend die Einziehung der Vereinsthaler österreichische» Gepräges zugcstimml.

* Zum Zusammentritt des Reichstages. Die Stärke der Mitglieder der Parteien des Reichstages stellt sich gegenwärtig wie folgt: 68 Konservative, dar­unter 3 Hospitanten, 29 Freikonservative, 105 Cen­trumsmänner mit 6 Hospitanten, 16 Polen, 40 Nationalliberale mit 1 Hospitanten, 66 Deutsch-Frei­sinnige, 9 Volksparteiler, 35 Sozialdemokraten; keiner Partei gehören an 29 Mitglieder, darunter Fürst Bismarck.

* Zur Durchreise des Czaren durch Deutschland wird der N. Allg. Ztg. geschrieben: Es tritt immer deutlicher zu Lage, daß die Durchreise des Czaren mit den ihr vorausgegangenen und sie begleitenden Jm= städden als ein Symptom zu betrachten ist, daß unsere Beziehungen zu Rußland nicht mehr alskorrekt" sind. Von innigen, geschweige denn von herzlichen Beziehungen kann füglich die Rede nicht mehr sein. Von deutscher Seite ist in diesem Falle, wie stets, geschehen, was irgend möglich war, um einer Wendung zum Besseren den Raum frei zu lassen; wenn Rußland nach wie vor für passend findet, sich über die Formen internationaler Höflichkeit hinwegzusetzen, so wird man sich in Deutsch- lend mit einem Achselzucken behelfen.

* In der verflossenen Woche sollen sowohl in London als in Antwerpen große Weizenkäufe für Reck nung der deutschen Militärverwaltung stattgesunden haben, die nach den vorzunehmenden Verschiffungen für Garnisonen in Elsaß und Rheinland bestimmt sind. Die Käufe haben keinerlei politischen Hinterhalt, man man hat diesen Weg gewählt, um keine Preissteigerung im Jnlande hervorzurufen.

* Beim Reichstage sind 6314 Petitionen mit 1,081,000 Unterschriften für die Rückberufung der Jesuiten und >5,136 Petitionen mit 1,125,000 Unterschriften gegen die Rückberusung der Jesuiten eingegangen.

* Ueber den Antheil des deutschen Geschwaders an der Uebergabe Valparaiso's enthält eine Nummer der in Valparaiso erscheinendenDeutschen Nachrichten" einen Artikel, in welchem die Freude und Genugthuung der in Chile lebenden Deutschen über die Anwesenheit der deutschen Kriegsschiffe folgenden starken Ausdruck findet. Das Blatt schildert ausführlich die Vermittlung des deutschen Admirals bei den Uebergabe-Verhandlungen und die Zwischenfälle, welche sich dabei ereigneten. Der bemerkenswertheste ist folgender: Admiral Valois und seine Begleiter hatten das Ihrige gethan, um das auf­geregte Volk zu beruhigen, und das war ihnen auch dermaßen gelungen, daß die Leute riefen:Vivan los alemanes, vivan, vivan! So war Alles auf dem besten Wege, als plötzlich etwas Unerwartetes geschah: der Bedienungsmannschaft von zwei vor der Intendantur aufgefahrenen Murailleusen wurde von Viel und Vicunna der Befehl zugerufen, auf daS andringende Volk zu feuern.Inzwischen glücklicherweise noch frühzeitig genug waren die Herren Admirale zurückgekehrt, ein energischesHalt!" wurde den Herren Viel, Vicunna rc. zugerufen, und kühn entschlossen sprangen Herr Kapitän- Lieutenant Wenzel und Herr Konsul von Voigts Rhetz vor die zwei Oeffnungen der Kanonenrohre, ^während die Bedienungsmannschaften schon die Zündschnur er­griffen hatten: so das Verhängniß in seinem Laufe auf­haltend und die Menge vor einem entsetzlichen Unglück bewahrend."

Berliner Arbeiier-Verhältnisse. Daß in Berlin, wo, wie in jeder Großstadt auch in den besten Zeiten genug Elend herrscht, die Noth gerade jetzt einen besonders hohen Grad erreicht hat, soll und kann umsownniger ge­leugnet werden, als im Central-Arbeits Nachweis für männliche Personen sich jetzt täglich viele Hunderte arbeitslose Männer einfinden, die dringend Beschäftigung und Verdienst suchen. Leider steht die Zahl der gewünschten Arbeitskräfte in keinem Verhältniß zu dem Angebot und traurig gehen täglich Hunderte wieder fort, ohne Arbeit zu finden. Um so mehr muß es Erstannen erregen, daß sp wenig Arbeiter sich bereit finden lassen, Land-Arbeit

zu übernehmen. Die Schuld hieran tragen nicht am wenigsten jene Agitatoren, die immer und immer wieder über die unwürdige Bezahlung, Behandlung und Beköstig­ung der Arbeiter auf dem Lande reden. In Folge dessen tragen Tausende von Arbeitern Bedenken, selbst auf günstige Bedingungen hin einem Arbeits Anerbieten, das sie auf's Land führt, zu folgen, weil sie sich damit in den Augen ihrer Kameraden etwas zu vergeben fürchten. Lieber bleiben sie in Berlin und hungern. Es kommt hierbei auch die Schwerfälligkeit in Betracht, mit der sich der deutsche Arbeiter bei der Arbeits-Auswahl bewegt. Wochenlang sucht er zunächst in seinem Beruf Arbeit, während sich nebenbei die allergünstigste Arbeitsgelegenheit darbietet. Nur die allergrößte Noth des Winters ver­einigt bei den Schneeschippen die verschiedensten Berufe; zu Erd-Arbeiten dagegen, welche in günstiger Jahreszeit ausgesuhrt werden, lassen sich die Arbeitslosen nur aus­nahmsweise herbei, und meist auch nur dann, wenn sie nochneu" in Berlin sind. Für die Thatsache, daß Arbeiter, denen es schlecht geht, so ungern Berlin ver­lassen, bietet vielfach auch ein falschverstandener Stolz die Erklärung. Der in jungen Jahren nach Berlin gezogene Arbeiter, der sich als Einzelstehender ziemlich gut hat durchschlagen können und bei gelegentlichen Besuchen in der Heimath in begreiflicher Renommirsucht denFeinen Herausgebissen" hat, wird später, wenn ihn die Sorgen noch so sehr drücken, Berlin doch nur im äußersten Noth­falle verlassen, gerade weil er sich vor Verwandten und Bekannten in der Heimath zu blamiren fürchtet Es ist dies ein Moment, das nicht unterschätzt werden darf, wenn man den Zug nach den großen Städten und die Entvölkerung des platten Landes völlig begreifen will. Zu dem Geständniß, daß es ihm schlecht geht, versteht sich der in Berlin ansässig Gewordene nur sehr schwer. Durch alle möglichen Mittel sucht er vielmehr die gegen- theilige Meinung H.wvorzurufen. Wird eine Reise in die Heimath nöthig, dann erscheint er dort in erborgtem feinem Sommer-Ueberzieher und Cylinderhut und bestärkt damit in der Brust so manches Bauernburschen die Sehnsucht nach der Großstadt, zu der er durch seine Schilderungen von den Berliner Herrlichkeiten schon den Grund gelegt hat. Vielfach hat er noch ein direktes Interesse daran, einen seiner Heimathsgenossen nach Berlin zu locken, wenn er ihn nämlich als Schlafbursche zur Eileichterung der Miethszahlung gebrauchen kann. Es geht mit dem Zuge nach Berlin beinahe so wie mit der Auswanderung nach Amerika. Diejenigen, die drüben sind, gestehen nur sehr selten, daß es ihnen nicht nach Wunsch geht, und die Wenigen, die wirklich Glück gehabt haben, verallgemeinern ihre Erfolge nur zu sehr. Vor Kurzem fand die Ent­lassung der Reservisten statt. Jetzt sieht man die jungen Leute mit Militärmütze schaarenweise vor den Arbeits- Nachweise-Bureaus umherstehen. So mancher von ihnen wird eine herbe Enttäuschung erfahren; möge er sich da­durch wenigstens nicht abhalten lassen, zu der eine Zeit lang mißachteten Heimath und zu der Landarbeit zlirück- zukehren. Die gebratenen Tauben fliegen in Berlin nicht in der Luft umher; die Arbeitsgelegenheit ist schlecht und der Lohn keineswegs glänzend.

Zu einer förmlichen Nothlage steigert sich der Mangel an Eßkartosfeln in der Provinz Brandenburg. Die Ernte ist doch schlechter ausgefallen, als die gute Witterung im September erhoffen ließ. Der Ertrag ist stellenweise so gering, daß zahlreiche kleinere Land­wirthe überhaupt keine Kartoffeln verkaufen. Der Preis dafür geht fortwährend höher und beträgt, wie aus Spandau geschrieben wird, im Havellande schon über 4 Mk., um diese Jahreszeit unerhört. In wahrhaft erschreckendem Umfange mehren sich die Kartoffelsieb- stäh e. Nicht in der eigenen Behausung ist der Vorrath sicher. Leider scheuen die Diebe, welche immer in großen Trupps, meist mit Hundewagen, kommen, auch vor Gewaltthätigkeiten nicht zurück.

Glogau, 5 November. Gegen das Denunzianten- thum hat der Erste Staatsanwalt Black-Swinton in Glogau demNiederschlesischen Anzeiger" zufolge eine Erklärung erlassen. Die große Anzahl von Denunzia­tionen, die ohne oder mit falscher Unterschrift bei der Staatsanwaltschaft eingehen, und deren Verfasser in den meisten Fällen nur rein persönliche und oft recht unlautere Zwecke verfolgen, soll nach jener Bekanntmachung nur dann zu weiteren Maßnahmen anregen, wenn durch anderweit ermittelte Umstände der Inhalt der Anzeigen unterstützt wird.Wer zu feig ist, um für seine Be­

hauptungen mit seinem Namen einzutreten, begründet den Verdacht der Unglaubwürdigkeit und hat eine Be­rücksichtigung seiner Anzeige nicht zu beanspruchen." (Kann auch für hier gelten! D. R.)

Hirschberg i. Schles., 2. November. Am 26. o. Mts. wurde in Rothenbach, Kreis Landeshut, ein der Tollwuth verdächtiger Hund getödtet, weshalb über Godesberg die Hundesperre verhängt werden sollte. In der bezüglichen, in Nr. 87 desGottesberger Stadt­blattes" veröffentlichtendie Polizeiverwaltung Hentschel" unterzeichneten Verfügung heißt es:In Folge dessen wird hiermit auf Grund des § 33 des Reichsgesetzes vom 23. Juni u. s. w. angeordnet, daß fortan sämmtliche Hundebesitzer hiesiger Stadt und Vorstadt Kohlau auf die Dauer von drei Monaten festgelegt oder mit einem das Beißen sicher verhindernden Maulkorbe an der Leine geführt werden."

Die Kartoffelpreise sind in Erfurt immer noch im Steigen. Mangnum bonum hat am Mittwoch pro Zentner 4 Mk. 50 Pf. bis 4 Mk. 80 Pf. gekostet und auf dem Bahnhof zu Ringleben sind von Ankäufern, die nach Holland liefern, für den Zentner Blaublüter sogar 5 Mk. gezahlt worden.

Köln. Der Marine-Soldat, welcher, wie wir ge­meldet, auf Fort Müngersdorf in Köln standrechtlich erschossen worden ist, diente zwei Jahre bei der ersten Matrosen-Div.sion. Er war aus Kalk gebürtig. Un­gefähr vor 6 Monaten hat er auf der Rückfahrt von Pokohama nach Kiel bei einer Meuterei einen Deck- Offizier erstochen. Dise Mittheilung wird eine gewisse Beunruhigung, die sich des Publikums bei der ersten, kurzen Meldung vielfach bemächtigte, zerstreuen.

«uS Holstein. Ein verbrecherisches Brüderpaar, die Schlächter Emil und Wilhelm Thiede, die früher in FlenS- burg ein bedeutendes Geschäft betrieben, versetzten seit einiger Zeit die Landleute der dortigen Umgegend in Schrecken. Kühe und Schafe, die in der Nacht sich auf der Weide befanden, wurden heimlich durch Einschneiden in das Fußgelenk gelähmt oder durch einen Keulenschlag vor den Kopf betäubt; die Urheber waren die Gebrüder Thiede. Sobald die Besitzer das Unglück bemerkt hatten, stellten sich die beiden Brüder ein, um dasverunglückte oder kranke" Thier für einen Spottpreis zu kaufen. Auf diese Weise brächte das verbrecherische Brüderpaar manche kleine Leute, u. A- eine arme Wittwe, um ihre einzige Kuh. In voriger Woche kam man dem ruchlosen Treiben auf die Spur, die beiden Thiede wurden verhaftet und gefesselt durch die Straßen geführt. Allein der riesenstarke Emil Thiede, ein wüster, gefürchteter Mensch, entfloh auf dem Wege. Tagelang wurde er gesucht; an einem der letzten Abende wurde er von einem Schutzmann ergriffen.

Ausland.

Von dem Mißbrauch, der in Rußland mit den Spenden für die Nothleidenden von Seite der Provinzen vielfach getrieben wird, erzählt der Petersburger Korre­spondent derTimes" ein krasses Beispiel aus der Provinz Tambow. Ein Adelsmarschall meldete kürzlich, daß vier Schiffe mit Getreide im Werth von 100,000 Rubeln für die hungernden Landleute zu Grunde ge- g nrgen seien. Eine Untersuchung des Falles fand nicht statt und das Ganze wäre bald in Vergessenheit gerathen, hätte nicht zufällig der Senator Shamshine, ein energischer Charakter und unbestechlicher Mann, von der Sache erfahren. Er ging derselben auf den Grund und brächte heraus, daß die ganze Geschichte vom Untergang der Schiffe erfunden war. Er vertuschte den Fall, aber nur unter der Bedingung, daß der be­treffende Adelsmarschall die 100000 Rubel und noch 30000 dazu für die Nothleidenden bezahle. Leider kommt es, wie der Korrespondent hervorhebt, nur sehr selten vor, daß Unterschlagungen, wie die gemeldete, aufgedeckt werden.

* Einem zuverlässigen Privatbriefe aus Charkow, Südruhland, vom 15. Oktober, den uns einer unsrer Leser gütigst zur Verfügung gestellt hat, entnehme» wir Nachstehendes: Wir habm hier eine sehr schwache und unvollständige Ernte gehabt. Roggen ist ganz verloren; Winterweizen halb; Kartoffeln halb; Runkeln halb; Heu 8/<; Hafer V»; Gerste 8m und nur der Sommer­weizen hat ca. 9Oü/o einer guten Ernte gegeben. In Mittel- und Ostrußland aber ist gar nichts gewachsen, man hat kaum den Samen geerntet. Sechzehn Gouvernement? leiden Noth und müssen durch die Hülse