SchlüchtemerMtung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,Jllustrirtem Famili^freund" vicrteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile ober deren Raum 10 Pf.
36 88. Mittwoch, den 4. November 1891,
Nr. 7458. Am Sonnabend, den 7. November d. Js., Mittags 12 Uhr findet eine außerordentliche Stierkörung vor der Herbert'schen Wirthschaft in Herolz statt, was den Herrn Bürgermeistern der betreffenden Gemeinden zur Kenntniß dient.
Schlächtern, den 31. Oktober 1891.
Der Königliche Landrath: R o t h.
Deutsche- Reich.
Berlin Kaiser Wilhelm machte am Donnerstag einen Jagdausflug nach Liebenberg und kehrte am 31. v. Mts. wieder nach dem Neuen Palais zurück. Auch die Kaiserin ist aus Gera zurückgekehrt. Am Sonntag ist in Berlin in Gegenwart des Kaisers der neue Begas-Brunnen auf dem Schloßplätze enthüllt worden. Der Neptun-Brunnen von Bildhauer Begas ist der erste Monumentalbrunnen großen Stils in Berlin.
— Wie verlautet, steht die Ernennung des Prinzen Heinrich von Preußen zum Kontreadmiral und zum Generalmajor nahe bevor. Beide Chargen sind dem Range nach gleich.
* — Außer den auf die Krankenversicherung und das Telegraphenwesen bezüglichen Vorlagen der Re- giernng ist dem Reichstag aus dem letzten Tagungsabschnitt auch noch ein kleinerer, aber für die Betheiligten wichtiger Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Unter stützung von Familien der zu Friedensübungen einbe- rufenenMannschaften zugegangen. Die Vorlage verdankt ihre Entstehung einer vom Reichstag im Jahre 1886 ange nommenen Resolution. Sie ist bereits am 8. Maid. J. zur ersten Lesung gelangt. Die Debatte hatte sich zwar bei der damaligen Geschäftslage des Hauses nicht umfassend gestalten können, ließ jedoch auch so erkennen, daß die Vorlage nicht ohne Aenderungen zur Annahme gelangen dürfte. Der Gesetzentwurf wird nunmehr in der dort erhaltenen Gestalt wieder an das Plenum ge langen. Als Tag des Inkrafttretens des neuen Gesetzes ( ist der 1. April in Aussicht genommen, sodaß, wenn das Gesetz zu Stande kommt, schon im nächsten Sommer den Angehörigen der zu Uebungen eingezogenen Reservisten und Landwehrmänner Unterstützungen zufließen würden.
* — Der Reichsanzeiger bringt folgende Mittheilung: In verschiedenen Kreisen wird von der Annahme aus- gegangen, daß zur Eintragung in das Preußische Staatsschuldbuch auch jetzt nur vier- und dreieinhalbprozentige preußische Konsols geeignet seien. Diese Annahme ist unrichtig. Auch dreiprozentige preußische Konsols werden schon seit dem 1. Juni dieses Jahres au jedem Geschäftslage von dem Staatsschuldbuch-Bureau in Berlin, Oranienstraße 92,94 nach Maßgabe der erlassenen allgemeinen Vorschriften zur Eintragung in das Schuldbuch angenommen. Es ist dies in der seiner Zeit veröffentlichten Bekanntmachung der Hauptverwaltung der Staatsschulden vom 1. Juni 1891 ausdrücklich ausgesprochen. Nur in Betreff der Reichsschuldverschreibungen und deren Umwandlung in Buchforderungen bleibt noch durch kaiserliche Verordnung der Termin zu bestimmen, mit dem das Gesetz vom 31. Mai 1891, betreffend das Reichsschuldbuch, in Kraft tritt. Diese Bestimmung wird voraussichtlich getroffen werden, sobald der Bundesrath die Ausführungsbestlmmungen zu dem letztgedachten Gesetz erlassen hat.
* — Zweijährige und dreijährige Dienstzeit. Daß eine Einführung der zweijährigen Dienstzeit im deutschen Reiche auch manche Lasten für die Bevölkerung mit sich bringen würde, ist schon öfter hervorgehoben. Eine von militärischer Seite herstammende Berechnung veranschaulicht die Veränderungen in dieser Beziehung deutlich. Gegenwärtig beträgt die Friedensstärke des deutschen Heeres 486,983 Mann, durch das Septennatsgesetz ist diese Ziffer bis zum I. April 1894 festgelegt. In drei Jahrgänge zerfallend, unter Abrechnung von rund 47,000 Unteroffiziere u. s. w., würde sich das heutige Rekrutenkontingent auf 146,000 Mann pro Jahr belaufen, wenn es sich nicht in Folge der starken Beurlaubung zur Disposition und der sich daraus ergebenden Verminderung des dritten Jahrgangs noch erhöhte. In Wirklichkeit sind z. B. im letzten Jahre 179,000 Rekruten , wovon bei der Infanterie allein 164,000, eingestellt worden. Nimmt man nun im Frühjahr 1894 eine neue Festsetzung der Friedens-Präsenzstärke auf 1 Prozent der Bevölkerung an, so müßte die Heeres- zisier nach der bis dahin auf 51,000,000 angenommenen
Kopfzahl etwa 5l 0,000 Mann betragen. Allein bei der Infanterie würde nach Einführung der zweijährigen Dienstzeit das jährliche Rekrutenkontingent sich danach auf etwa 235,000 Mann belaufen müssen, eine Ziffer, die derjenigen des Rekrutenkontingents in der russiichen Armee annähernd gleichkommt.
* — Ueber die Frage des Verfügungsrechts der Ju- validitäts- und Altersversicherungsanstalten bezüglich der ihnen durch den Verkauf der Beitragsmarken zugeflossenen Geldbestände ist in letzter Zeit mehrfach gestritten worden. Es ist hierzu zu bemerken, daß die Versicherungsanstalten einen Theil des Anstaltsvermögens, allerdings nicht mehr als den vierten, auch in Grundstücken anlegen dürfen. Zu dieser Anlage bedarf es es jedoch einer Einwilligung des Kommunalverbandes oder der Centralbehörde des Bundesstaats, für welche die Versicherungsanstalten errichtet sind, oder bei gemeinsamen Anstalten des Bundes- raths. Durch das Gesetz sind demnach die Versicherungs- austalten durchaus nicht an der Anlage eines Theiles ihres Vermögensbestandes in Arbeiterwohngebäuden gehindert, wenn der Kommunalverband oder die Centralbehörde des Staates oder der Bundesrath dazu ihre Einwilligung geben.
* — 30. Oktober. Der sozialistische R ichs- tagsabgeordnete Schmidt-Burgstädt wurde, trotz der Immunität der Abgeordneten während der Vertagung, gestern auf die Anmdnung des Landgerichts Chemnitz in einer Beleidigungssache gewaltsam auf die Anklagebank geführt. Schmidt verweigerte mit Berufung auf seine Abgeordnetenqualität jede Antwort. Der Staats anwalt beantragte darauf seine Verhaftung, die der Gerichtshof aber ablehnte. Die Sache wurde auf den 2. Noveyiber vertagt. Die Angelegenheit wird wegen ihrer außerordentlichen principiellen Wichtigkeit den Reichstag alsbald beschäftigen.
* — Dem Vernehmen nach soll auf ministerielle Anordnung die Frage der Herstellung einer elektrischen Hochbahn durch die südlichen Stadt-theile Berlins eingehenden Prüfungen unterzogen werden und sollen zunächst Verhandlungen der polizeilichen und städtischen Behörden unter Betheiligung der Firma Siemens & Halste demnächst stattfinden.
* — Zur Massenkündigung der Buchdruckergehilfen in Berlin, welchen sich auch das Maschienenpersonal angeschlossen hat, schreibt der „Börseukurier", die Buchdruckereibesitzer in Berlin hätten die Kündigung mit großer Ruhe entgegengenommen; einzelne Besitzer großer Druckereien hätten die kündigenden Gehilfen aus Stellung und Arbeit alsbald entlassen und vorgezogen, ihnen ohne Arbeit den vierzehntägigen Lohn zu geben. Der angedrohte AuSstand sei der frivolsten einer, der je dagewcsen, da er Angesichts der schweren Zeiten der Industrie und der Geneigtheit der Principale zu einer 5 7 '/s procentigen Lohnerhöhung lediglich im Dienste der socialdemolratischen Idee unternommen sei.
* — Einem in den Conrad'schen „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik" veröffentlichten Artikel über die Frauenarbeit ist zu entnehmen, daß die Frauenarbeit außerordentlich viel rascher zunimmt, als die Beschäftigung männlicher Arbeiter- Am auffallendsten ist diese Erscheinung in den Kleinbetrieben. Fast die ge= sammte Zunahme der Arbeiterschaft ist hier auf das Kon o der Frauenarbeit zu setzen. Wir wollen von den mitgetheilten Zahlen nur die Verkehrszissern in Procenten angeben, um die Uebersicht klarer zu machen. Danach betrug im Jahr 1882 die Zunahme der männlichen Arbeitskräfte im Vergleich zum Jahr 1875 6,4 pCt., die Zunahme der weiblichen Arbeitskräfte im selben Zeitraum 35 pCt. Sehen wir uns diese Zahlen nach Großbetrieben und Kleinbetrieben gesondert an, so beträgt die Zunahme der männlichen Arbeitskräfte in den Großbetrieben 15,8 pCt., die Zunahme dcr weiblichen Arbeitskräfte 26,1 pCt. Sind schon die mitgetheilten Zahlen übei raschend, so wird man erst recht frappiert durch die entsprechenden Zahlen für die Kleinbetriebe. Hier beträgt die Zunahme der männlichen Arbeitskräfte in den zu Grunde gelegten 7 Jahren von 1875 bis bis 1882 nur 1 pCt., die der weiblichen Arbeitskräfte dagegen 40,2 pCt.! Mit anderen Worten: die Kleinbetriebe sind zu ihrer Erhaltung mehr und mehr darauf angewiesen, sich der billigeren Arbeitskräfte von Frauen und Mädchen zu bedienen.
— Tie Berliner Polizei setzt einen Preis von 300 M- für Eruirung des Mörders der Prostituirten
Nilsche aus. Er soll blond und erst 20 Jahre alt fein" — 300 Mark! So viel sind ja alle beide kaum werth.
Unter freiem Himmel ermordete in Potsdam der 37 Jahre alte Arbeiter Hein seine Ehefrau in Folge eines ehelichen Zwistes. D r Mörder entfloh, wurde aber sofort verfolgt und fest^euommen. Die Frau hatte so wuchtige Messerstiche in die Brust und in den Kopf erhalten, daß sie auf der Stelle ve starb.
Dresden, 80. Oktober. In der gegenwärtigen Zeit der Gänsebraten kommt es zuweilen vor, daß eine fette Gans in die Hände eines Langfingers fällt, daß aber eine ganze Gauseheerde gestohlen wird, bürste bis jetzt noch nicht zu verzeichnen sein. Dieser Fall hat sich am Montag auf Dorfstädter Rittergutsflur zugetragen, indem ein auS Böhmen gebürtiger Klempnergeselle Namens Sillinger unter dem Schutze des zu dieser Zeit herrschenden Nebels von einem F.lde 68 Stück Gänse, welche dem Rittergutsbesitzer Herrn von Trützschler gehörten, wegtrieb und mit denselben den Weg nach Oberlauterbach einschlug. Dortselbst eröffnete er einen Gänsehandel und es war ihm binnen kurzer Zeit auch gelungen, eine Anzahl zu versilbern, bis man das Verschwinden der Gänse im Rittergut Dorfstadt bemerkte und die entwendeten Gänse, sowie den frechen Gänsedieb mittelst Wagen in Oberlauterbach einholte.
Halle a. S., 27. Oktober. Auch in unserer Stadt sind neuerdings Versuche mit Maisbrot gemacht worden. Das Brot ist aus einer Mischung von Roggenmehl, Weizenmehl und Bkaismehl hergestellt. Diese Zusammenstellung setzt die Produzenten in den Stand, für 50 Pf. ca. 4 '/s Pfund des recht nahrhaften Gebäckes abzugeben. Das Brod hat neben einem angenehmen Geschmack und Geruch den nicht zu unterschätzenden Vortheil, daß es bc- richtiger Zubereitung sehr leicht verdaulich ist.
„Wie's gemacht wird", das mußte vor Kurzem in Naumburg ein Rentner zu seinem Schaden von ein paar Güterausschlächtern lernen, die ein in der Umgegend von Kösen belegenes Gut zum Zerkleinern erworben und den fraglichen Rentner bewogen hatten, zur Anregung der Kauflust und zur Erzielung eines höheren Preises bei der Versteigerung mitzubieten. Der Rentner war dazu umsomehr bereit, als er selber mit einer Hypothek an dem Gut interessirt war. Als er indessen in dem Termin eine ansehnliche Summe geboten hatte, liessen die anderen Bieter ihn sitzen, seine Freunde machten Ernst aus fernem Gebot unb er mußte sich mit einigen Tausend Mark Reugeld an sie abfinden, um nur nicht das Gut, das er nicht brauchen konnte, übernehmen zu müssen.
Suhl, 31. Oktober. Ein hiesiger Ladenbesitzer gibt seinem Schmerze über den flauen Geschäftsgang in folgenden, nach der Melodie „Still ruht der See" zu singenden Versen Ausdruck:
Still ruht's Geschäft,
Die Kunden schlafen,
Ein Flüstern nur vom Personal.
Der Abend naht, mit leerer Kasse
;,: Zieht traurig heim der Prinzipal.
Still ruht's Geschäft,
Vom Personale
Entläßt man viele peu L peu
Dem armen Chef wird's angst und bange,
:,: Denn ihn durchzieht ein bittres Weh.
Still ruht's Geschäft,
Die Wechsel kommen,
Die Thür, die will nicht stille stehn'.
O Krämerherz, gieb dich zusrieren.
:,: Auch du, auch du wirst pleite geh'n!
Elsenach. Ueber die Leistungsfähigkeit eines trunk- festen „Isenachers" werden gegenwärtig Erhebungen angestellt. Derselbe stand dieser Tage vor den Schranken des Amtsgerichts, es handelte sich um die Zurechnun.s- fähigkeit des Betreffenden; er beftritt, zurechnungsfähig gewesen zu sein, denn er habe sechzig Glas Bier getrunken gehabt! - Da von anderer Seite indessen seine Zur.chuuugs- fähigkeit behauptet worden war, so wurde ihm angegeben, glaubhaft nachzuweisen, daß er wirklich 60 Glas Bier vertilgt habe. Gelingt dies, so wird der hohe Gerichtshof von der Unzurechnungsfähigkeit überzeugt sein.
In der Stadt Alten», Westfalen, ist die TrichuosiS ausgebrochen. Eine ganze Anzahl von Personen ist an dem Genuß trichinösen Schweiueflstsches erkrankt. Das betreffende Schwein war im städtischen Schlachthaus- als