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MüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. »Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

^ 87. Samstag, den 31. Oktober 1891.

Nt>üsNtt»ii,s« °uf dieSchlüchterner Zeitung" UUiiytll werden noch fortwährend von allen -........- - - Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsche- Reich.

Berlin, 30. Oktober. Se. Majestät der Kaiser hat sich am Donnerstag von der Station Wildpark aus um 4 Uhr 40 Min. mittels Sonderzuges über Westend und Gesundbrunnen u. s. w. nach Licbenberg begeben, um einer Einladung des Grafen zu Eulenburg zur Theil­nahme an g ößeren Jagden zu emsprechen. Von dort kehrt derselbe dem Vernehmen nach erst am Sonnabend Abend nach dem Neuen Palais zurück. Ihre Maj. die Kaiserin ist am Freitag von Potsdam nach Gcra gefahren um dort den Tauffeierlichkeiten bei den Erbprinzlichen Herrschaften beizuwohnen. Se. Maj. der König von Rumänien hat sich am Donnerstag Mittag von den Allerhöchsten und den Höchsten Herrschaften wieder ver­abschiedet und um 2 Uhr 50 Minuten mittels Sonder- znges Potsdam verlassen, um demnächst vom Schlesischen Bahnhöfe aus die Heimreise anzutreten.

Major v. Wißmann hat, wie dieNat-Ztg." mittbeilt, in Folge von Meinungsverschiedenheiten mit dem kaiserliche» Gouverneur von Deutsch-Ostasrika, Frhrn. v. Soden, seine Entlassung aus dem Kolonialdienst nach­gesucht. DiePost" bemerkt dazu, Major v. Wißmann habe schon im September die Absicht ausgesprochen, nach Deutschland zurückzukehren.

DerReichsanzeiger" publizirt einen kaiserlichen Erlaß an das Staatsministerium, worin die Aufmerk­samkeit des Staatsministeriums auf die beklagenswertheu Erscheinungen aus dem Prozeß gegen die Eheleute Heinze gelenkt und behufs energischer Bekämpfung des Zuhälterunwesins auf die bestehenden Gesetze hingewiesen wird. Ein sehr thatkräftiges Vorgehen würde die kaiser­liche Anerkennung und den kaiserlichen Schutz finden. Das Gericht dürfe sich bei seinem Urtheil nicht von falscher Humanität leiten lassen und solle bei ernsten Fällen auf das höchste Strafmaß erkennen. Es seien ferner Maßregeln zu erwägen, wodurch die Vertheidiger verhindert würden, dem Unrecht durch frivole Mittel zum Siege zu verhelfen.

Vom sozialdemokratischen Kriegsschauplatze. Einen ehrlosen und schurkenhaften Denunzianten" nennt der Redakteur derVolkstribüne" den zweiten Sekretär des Partei-Vorstandes, Fischer, weil Letzterer auf dem Partei­tage in Erfurt zu behaupten versucht habe, derBolks­tribüne" wären Nummern der Londoner anarchistischen Autonomie" beigelegt worden. Fischer wird diese Be­schuldigung kaum auf sich sitzen lassen, und so darf man weiteren gereizten Erörterungen entgegensehen. Viel­leicht erfolgen diese schon in der ausgeschriebenengroßen öffentlichen Volksversammlung", in welcher die Dele- girten vom Erfurter Parteitage Bericht erstatten sollen. Da die Versammlung im 6. Wahlkreise, dem Hauptsitz der Jungen, stattfinden und sich an die Berichterstattung eineDiskussion" schließen soll, so werden wohl die Geister wieder heftig aufeinanderplatzen. In derVolks­tribüne" und imVorwärts" erläßt Werner eine Er­klärung, in welcher er seinen Austritt aus der Drucker- Firma Maurer, Werner & Co. anzeigt. Im Verlage dieser Firma erscheint bekanntlich dieVolkstribüne". Nach seinem Austritt aus der Partei hält es Werner für gut, auch aus dieser Firma auszuscheiden, umnicht Andere mit leiden zu lassen". Auch die Magdeburger Versammlung zeichnete sich durch die schlimmsten Ver­dächtigungen und Schmähungen aus. Diese gegenseitige Behandlung gibt einen Vorgeschmack von dem allgemeinen Durcheinander, welches nach einem Sieg der Sozial- demokratie an der Tagesordnung sein würde. Am ver­nünftigsten benahm sich in Magdeburg noch die Frau des Dr. Lux, welche dem Parteitage in rother Toilette beiwohnte. Sie rief nämlich den sich zankenden Männern zu, sie sollten sich schämen, solche Faseleien vorzubringen. Wenn man den ga zen Verlauf des Erfurter Partei­tages als eine Probe auf die Aufhebung des Sozialisten- Gesetzes ansehen will, so ist diese Probe vortrefflich ge­lungen. Die freie Aussprache derGenossen" zeigt zahlloseVorkämpfer des Proletariats" in einer ab­schreckenden Gestalt. Wenn es schon jetzt, wo man noch auf dem Marschenach dem gelobten Lande des! Sozialismus" begriffen ist, zu solchen wüsten Auftritten kommt, wie soll es dann erst werden, wenn dieneue!

Gesellschaft" engerichtet werden soll? Was hat der sozialdemokratische Parteitag in Erfurt gekostet? Es waren rund 250 Abgeordnete anwesend, die für den Tag je 9 Mark Tagegelder bezogen haben. Da nun der Parteitag 8 Tage gedauert hat, so ergibt das allein die Summe von 18,000 Mark. Zu diesem Betrag kommen noch die Kosten für die Reise der Abgeordneten, für Saalmiethe, für Drucksachen, Porto rc. Und was werden die Arbeiter, die das Alles bezahlen müssen, davon haben?

* Ueber das Vermögen des wegen Betruges und Unterschlagung verhafteten Berliner Bankiers und Looschändlers Fuhse ist der Konkurs verhängt worden. Sehr beträchtliche Einlagen, man spricht von 200 000 M., sollen verloren sein. Das ist etwa ein halbes Dutzend Berliner Bankiers, welches in diesem Jahre schon in dieser Weise seine Kunden hineinlegte.

* Nachdem dies ganze Jahr bisher kaum einen einzigen nennenswerthen Arbeiterausstand gebracht hat im deutschen Reiche, scheint nun der drohende Buch­druckerstreik eine um so ernstere Gestalt annehmen zu wollen. Die große Mehrheit der Prinzipale, deren Personal g kündigt hat, ist entschlossen, die gestellten Forderungen nicht zu bewilligen und andererseits sind auch die Gehilfen, welche gekündigt haben, entschlossen, eine Kraftprobe zu machen. Von der Differenz werden beide Theile großen Schaden haben, und die Sache kann sich am Ende noch ganz anders gestalten, als heute von den Leitern der Bewegung vermuthet wird.

Ungebührliches Betragen vor Gericht hat, wie aus Marieaburg geschrieben wird, der Eigenthümer R. aus dem benachbarten Lindenwald recht hart büßen müssen. Er trat am Donnerstage mit den Worten:Der An­geklagte ist zu Hause geblieben" in den Gerichtssaal und wiederholte zur Bekräftigung feine Aussage nochmals. Mit dem Angeklagten meinte er seinen Hund, welchen er der Polizeiverordnung zuwider hatte umherlausen lassen, weswegen ihm ein Strafmandat zugegangen war. Wegen jener unüberlegten Aeußerung wurden ihm 24 Stunden Haft zudiktirt, und selbst das Anerbieten, die Strafe nunmehr bezahlen zu wollen, rettete ihn nicht vor seinem Schicksal. Er wurde sofort in die Haft ab­geführt.

Flensburg. Guillotinirt wurde in einer Flens- burger Papierfabrik durch die leichtsinnige Handlungs­weise einer Arbeiterin der jugendliche Arbeiter Pedersen. Er war mit dem Reinigen der Papierschneidemaschine und dem Entfernen der Abfälle beschäftigt; als er die Maschine schmieren wollte, legte er sich platt auf den Unterleib und steckte den Kopf unter das haarscharfe Messer. Ein unglückseliger Zufall fügte es, daß eine Arbeiterin die Maschine plötzlich in Bewegung setzte; das scharfe Instrument fuhr herab und durchschnitt dem Unglücklichen buchstäblich den Nacken und den Hals­wirbel; P. war auf der Stelle todt.

Aus Trier wird derFr. Ztg." geschrieben:Die Spenden der nahezu 2 Millionen Pilger zur Ausstellung des hl. Rockes betragen im Ganzen, wie wir aus guter Quelle erfahren, noch nicht 80,000 M. Damit ist wohl auch die von verschiedenen Blä tern verbreitete Nachricht hinfällig, daß Bischof Korum für die bei der Pilger- Beförderung mitthätigen Eisenbahn-Beamten 25,000 M. gespendet habe." Da, so nehmen wir an, der hl. Rock nicht der Spenden wegen ausgestellt wurde, so sind die 80,000 M. immerhin eine schöne Zugabe. Arnold Schröder, der Herausgeber derNorddeutschen Reform", eines Witzblattes, welches die Trierer Rückfahrt be­handelte, ist vom Grafen von Droste-Vischering wegen Beleidigung der verstorbenen Freifrau v. Droste-Vischering, an welcher bekanntlich der hl. Rock von Trier vor Zeiten einmal eine wunderbare Heilung bewirkt haben soll, verklagt worden.

Siegen, 25. Oktober. Eine schreckliche That wird' aus dem unweit gelegenen Weidenau gemeldet. In einem Wassergraben wurde vor etwa acht Tagen das dreijährige। Töchterchen der Eheleute Arbeiter Frisch todt aufgefunden.! Man munkelte sehr bald, daß kein Unglücksfall, sondern' ein Mord vorliege. Nunmehr hat die unnatürliche Mutter gestanden, daß sie das Kind umgebracht hat. Zu Teich ist sie geständig, früher bereits auch das erste, 18 Monate alte Kind durch Ersticken im Bett ermordet zu haben. Als Grund der That gibt die Mörderin Nahrungssorgen an Die verhaftete Thäterin ist erst 35 Jahre alt.

«eipzig, 28 Oktober. Der Raubmörder Wetzel wurde j

hier verhaftet. Wetzel hat die That eingestanden und behauptet, Complicen gehabt zu haben. Wetzel war am 19 Oktober in dem GasthauseZum sächsischen Hof" in Leipzig angekommen und hatte sich dort unter dem Namen Westermann einlogiert. In seiner Begleitung befand sich ein Velocipedist, den er in Chemnitz kennen gelernt, und dem er ein Bicycle abgekauft hatte, auf welchem er das Radfahren lernte und Ausflüge in die Umgegend machte. Als er Dienstag Nachmittag, zurückkehrte, wurde er in der Gaststube des Hotels von zwei Kriminalbeamten der schon oft als tüchtig bewährten Leipziger Polizeibehörde, welche ihn ausgekundschastet hatte, fcstgenommen. Wetzel, der in diesem Moment leichenblaß wurde, ließ sich, ohne Widerstand zu leisten, ergreifen und fesseln, worauf er in das Gefängniß geführt wurde. Diejenigen, die während der Zeit seines Leipziger Aufenthalts mit bem Raubmörder in Berührung kamen, kennzeichnen ihn als einen gewandten Mann. Uebrigens hatte der Verbrecher schon vor einigen Tagen abreisen wollen, dies jedoch immer wieder verschoben, bis ihn daS Schicksal erreichte.

Aus Schlefien. Wie theuer ist das Mädchen? Das hat in einem lustigen Exempel derOberschl. Anz." wie folgt ausgerechnet: In einem schlesischen Blatte findet sich folgendes Heirathsgesuch:Ein junges Mädchen, 18 Jahre, Besitzerin eines einstöckigen Karoussels, wünscht die Bekanntschaft eines ordentlichen Herrn von angenehmem Aeußern mit 1000 Mark Vermögen. Ge­fällige Offerten an Fräulein **, Karousselbesitzerin, z. Z. in Goslawitz bei Oppeln. Eventuell ist das Karousfel für 300 Thaler zu verkaufen." Das Karousfel mit Mädchen kostet 1000 M., das Karousfel allein 900 M., demnach das Mädchen allein 100 M. Bei den theuren Zeiten entschieden nicht zu viel!"

In Mannheim wurde ein Brief mit folgender Adresse:An mein lieber Sohn Mezger Kanonensoldat, reitet en Kolfugs hinter der Musig, in Mannem" richtig an den Adressaten durch den findigen Stephansjüngcr befördert.

Ausland.

Wien. Der polnische Abg. Pvpowski hat eine Broschüre veröffentlicht, worin er Frankreich warnt, sich in einen Krieg mit dem deutschen Reiche einzulassen, da es ohne Rettung verlieren werde. Die Polen seien seit lange Freunde Frankreichs und deshalb gerade müßten sie zum Frieden rathen.

Schweiz. Das inmitten reizender Naturschönheiten gelegene Dorf Meiringen ist heute ein Trümmerhaufen, aus welchem nur wenige erhaltene Gebäude hervorragen. Die Bewohner sind ganz vernichtet vom Unglück. Die Brandstrecke ist 8M Stunden lang; sie reicht von der Brauerei bis zu dem bei Meiringen gelegenen Weiler­hausen. Ein gewaltiger Föhnsturm, der fast Menschen fortriß und von zwei Seiten kam, verbreitete das Feuer mit Blitzesschnelle, so daß manche Familien Nicht» retteten, als die Kleider am Leib. Hoch in der Luft recken sich die ausgebrannten Mauern der großen Hotels Viktoria" undMeiringer Hof". Mit Noth konnten Pfarrhaus und Kirche gerettet werden. Das Feuer brach in einem kleinen, von einer Wittwe bewohnten Häuschen bei der Brauerei Sonntag nach 7 Uhr früh aus. Man meint, es dürfte beim Kochen entstanden sein. Nach der offiziellen Zusammenstellung sind 165 Familien mit 784 Personen obdachlos. Die Zahl der abgebrannten Firsten betrügt 120. Eine Wolff-Depesche besagt: Bei dem Brand in Meiringen sind alle Winter- vorräthe verbrannt. Die Löschversuche waren in Folge des wüthenden Föhns vergeblich; die vortreffliche Hydrantenlcitmrg vermochte Nichts auszurichten. Auch die Wälder bei Brienzwyler, 2 Stunden entfernt, gc- riethen in Brand; das Dorf Brienzwyler selbst wurde nur mit größter Mühe gerettet. Von Thurn und Jnter- laken wurden sofort Lebensmittel gesandt. Obgleich der Brand nur drei Stunden währte, ist die Katastrophe viel beträchtlicher, als 1879. Die Bewohner konnten nur mit Mühe gerettet werden. Das Gemeindearchiv ist unversehrt.

Schon wieder meldet der Telegraph ein schreckliches Eisenbahnunglück und zwar diesmal a s Frankreich: Bei Grenoble entgleiste am Dienstag ein Personen- zug, bei welchem 8W-gen zertrümmert wurden. Man zählte 15 Todte und 40 Verletzte, von denen bereits mehrere gestorben sind. Unt.r den Trümmern wurden