WWemerMtung
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Jf 84. Mittwoch, den 21. Oktober 1891.
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Deutsche- Reich.
Berlin, 18. Oktober. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin begaben sich heute Vormittag aus Anlaß des heutigen Geburtstages weiland Seiner Majestät des Kaisers Friedrich mit den drei ältesten kaiserlichen Prinzen zu Fuß nach dem Mausoleum bei der Friedenskirche und legten daselbst Kränze nieder. Die Majestäten verrichteten am Grabe des verewigten Kaisers ein stilles Gebet, wohnten alsdann dem Gottesdienst in der Friedenskirche bei und begaben sich nach demselben ebenfalls zu Fuß nach dem neuen Palais zurück.
* — Die schwache Versorgung Deutschlands mit Roggen hat eine starke Verschiebung der sonstigen Handelswege zur Folge. Die Roggenpreise in Deutschland, welches den Consum dieser Getreideart nicht entbehren will oder kann, sind so hoch, daß selbst aus Frankreich Roggen nach Deutschland bezogen wird. In Frankfurt a. M. ist gegenwärtig feiner französischer Roggen zu sehr hohen Preisen am Markt. Die Thatsache ist um so bemerkenswerther, als Frankreich selber in diesem Jahre eine überaus schwache Ernte hat, so daß es einen Import von etwa 40 Millionen Hectoliter Weizen nöthig hat.
* — Nach § 20 des Gebäudesteuergesetzes vom 21. Mai 1861 ist die Gebäudesteuerveranlagung alle fünfzehn Jahre einer Revision zu unterwerfen. Die jetzige fünfzehnjährige Periode wird mit dem 1. Januar 1895 ablaufen und im Jahre 1893 mit der Revision der bestehenden Veranlagung begonnen werden müfS n.
* — Wie sehr der Verbrauch von Pferdefleisch in Berlin zugenommen hat, beweist die Thatsache, daß in den ersten 9 Monaten dieses Jahres in der Central- roßschlächterei 6099 Pferde geschlachtet worden sind, 421 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Kiel. Nicht geringes Aufsehen hat die wegen Wuchers erfolgte Verurtheilung eines hiesigen Gerichtsvollziehers erregt. Die Blätter stellen den Fall folgendermaßen dar: Der Gerichtsvollzieher hatte einen hiesigen Tapezier wegen einer Schuld von 345 Mk gepfändet. Die Sachen sollten sodann aus der Wohnung des Gepfändeten abgeholt werden, um später verkauft zu werden. Bevor es aber dazu kam, machte der Tapezier noch einen letzten Versuch, sein Eigenthum wieder zu erhalten; er bot dem Gerichtsvollzieher von 1800 Mk., die er gekündigt hatte, aber so rasch nicht erhalten konnte, 400 Mk. wenn er damit die Schuld von 345 Mk. tilgen wollte. Der Beamte nahm nach einigem Besinnen das Anerbieten an und die Sache schien aus der Welt zu sein. Da wurde der Gerichtsvollzieher plötzlich bei der Staatsanwaltschaft, wie es heißt, anonym denuncirt und die gegen ihn eingeleitete Untersuchung ergab die Richtigkeit des Gesagten. Neulich stand der Gerichtsvollzieher, des Wuchers angeklagt, vor dem Landgericht und dieses verurteilte den Angeklagten, der die Noth- lage des schon oft gepfändeten Tapeziers gekannt hatte, zu zwei Monaten Gefüngnß und 300 Mk. Geldbuße, event. noch 30 Tage Gefängniß.
Bremen, 16. Oktober. Die hiesige Gefängnißverwal- tung hat Backversuche mit einem Mischbrod gemacht. Der Erfolg war ein solcher, daß sich bereits die Privatbäckerei in ziemlich ausgedehntem Maße denselben zu Nutzen gemacht hat, da das große Publikum dem neuen Brode Geschmack abgewinnt. Die Mischung besteht aus 7a Roggenmehl und 7a Mais, sie giebt ein kräftiges, wohl- schmeckendes, dem reinen Roggenmehl fost gleichendes Gebäck, das verhältnißmäßig lange frisch bleibt. Durchschnittlich stellt sich das Mischbrod etwa 127a pCt. billiger als reines Roggenbrod.
Berlkburg, 10. Oktober. Gestern früh wurde der fürstlich wittgenstein'sche Förster Kroh zu Dotzlar in der Nähe der Sassenhänser Höhe erschossen aufgefunden. Der pflichttreue Beamte ging im Verlaufe des vorgestrigen Nachmittags von Hause weg, um seinem Berufe nachzugehen, und kehrte am Abend nicht zurück. Die besorgten Angehörigen begaben sich mit Tagesanbruch auf die Suche und fanden ihn in der Nähe des Walddistriktes Streife! todt und bereits erstarrt mit einem Schrotschuß in dem Kopf. Das geladene Gewehr tiug er auf dem Rücken und der Krückenstock hing in
gewohn'er Weise am Arm. Einige Schritte von ihm, entfernt lag ein frisch geschossener Hase. Kroh hat den Schuß offenbar von einem Wilddiebe aus kurzer Entfernung erhalten und ist auf der Stelle todt geblieben.
Sauer-Schwabenheim, 8 Oktober. Heute wurde hier ein junger Mann beerdigt, welcher sich beim Kegelspiel während des Marktes durch das Eindringen eines Holzsplitters unter den Fingernagel verletzt und an den Folgen hiervon vor einigen Tagen gestorben ist. Der Spitter war etwa gliedstief in den Finger eingedrungen und konnte nur mit großer Mühe entfernt werden. Trotz ärztlicher Hülfe traten nach einigen Tagen Wnndfieber und Starrkrampf ein, welche den Tod herbeiführten. Der Verstorbene hinterläßt Frau und Kind.
Mainz, 16 Oktober. In die 9. Compagnie d'es in Kastei garnisonirenden 87. Infanterie-Regiments wurde vorgestern ein Soldat zur Absolvirung seiner Militärpflicht eingereiht, der bereits das 40. Lebensjahr überschritten hat. Wegen einer Liebschaft mit einem jungen Mädchen hat sich der aus Hochheim gebürtige Mann vor nahezu 20 Jahren durch Flucht in daS Ausland seiner Militärpflicht entzogen. Nach allerlei Irrfahrten gründete sich der Flüchtige jenseits des Oceans einen Hausstand, heirathete und erwab sich einen kleinen Besitz. Die Sehnsucht nach der alten Heimath erwachte in ihm und mit Frau und 3 Kindern kehrte er nach seinem Geburtsort zurück, hoffend, seinen Wohnsitz dorten ungestört aufschlagen zu können. Diese Hoffnung wurde bitter getäuscht, denn die Behörden erinnerten sich noch seiner Desertion und zogen ihn zum Militär heran. So m»ß er denn auf 3 Jahre Frau und Kind verlassen und im 40. Jahre seiner Militärpflicht genügen und sieht außerdem wegen Desertion noch einer Bestrafung entgegen. (Und die Amnestie von 1888?)
Mainz, 18. Oktober. Nach einem gestern Nachmittag gefaßten Beschluß der Bäckerinnung wurde der Preis des vierpfündigen Laib Brodes wieder um 4 Pfg. herabgesetzt, und zwar sowohl bei Roggen- als auch bei Weizenbrod. Ursache dieses Preisabschlags war, daß einige Bäckermeister, die mit der Innung nicht auf sehr freundschaftlichen Fuße stehen, schon vor einigen Tagen das Brod auf die jetzige Taxe der Innung herabgesetzt hatten, so daß die Jnnungsmeistcr halb auf dem Trockenen saßen.
Darmstadt, 14. Oktober. Der Ankauf von Hafer- für die Militärmagazine in Darmstadt hat begonnen und wird ununterbrochen fortgesetzt. Die Angebote der Produzenten werden jederzeit besonders bevorzugt und wird auch das kleinste Quantum, sofern es von magazinfähiger Beschaffenheit ist, acceptirt. Der Hafer- muß glänzend, von dünner Hülse, mehlreichen Korn und trocken sein. Das Schesfelgewicht muß mindestens 22 Kilo betragen.
Lausten a. N., 13. Oktober. Gestern Nachmittag forderte die elektrische Kraftübertragung von hier nach Frankfurt a. M. das erste Menscheickeben. Ein seit Anfang der Uebertragung bei der Montage und beim Betrieb beschäftigter Monteur kam mit einem Leitungsdraht in Berührung und war augenblicklich todt.
Coburg, 12. Oktober. In der Nähe der Finken- mühle wurde ein hiesiger Bürger von einem ihm begegnenden Wagen, dessen Sitzbrett auf beiden Seiten, gesetzlicher Vorschrift zuwider, ca.. 7s Meter über die „Leitern" hinausragte, zu Boden geworfen, ihm das Nasenbein fast entzwei gestoßen und sonst noch mancherlei sehr schmerzhafte Verletzungen zugefügt. Mit knapper Noth entging der Verletzte, den die Insassen des Wagens herzlos in seinem Blut liegen ließen, nach dem sie sich nicht einmal umsahen, der Gefahr des Ueberfatzren- werdens. ©in ganz ähnlicher Fall hat sich dieser Tage auch in Grub ereignet. Dort hat der Verletzte den Klageweg beschritten.
Halle, 13. Oktober. Wegen einfachen Bankerotts ist der Rittergutsbesitzer v. Heidebrand und der Lasa in Namslau auf Grund des § 210 der Konkursordnung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden und zwar weil ihm Schuld gegeben wurde, durch sein verschwenderisches Leben den Konkurs hcrbcigcführt zu haben. Der Herr Rittergutsbesitzer hat in kurzer Zeit nicht nur sein eigenes Vermögen von 142000 Mark, sondern auch noch 300 000 Mk. fremde Gelder durchgebrächt. In der Revisionsinstanz vor dem Reichsgericht führte der Angeklagte aus, daß er alle seine verschwenderischen Ausgaben für seinen Stand angemessen gehalten habe. Diese Ansicht theilte der Gerichtshof nicht und verwarf die Revision.
Von einer Kreuzotter gebissen wurde dieser Tage ein Bauer in Hainstetten bei Augsburg. Er entdeckte das Thier beim Heuen und hieb es in zwei Stücke. Am anderen Tage fand er es anscheinend leblos am selben Platze vor. Obwohl gewarnt, hob er das Kopftheil auf. Sofort erhielt er einen Biß in die Hand. Bald schwollen Arm und Brust hoch auf und nahmen eine schwärzliche Färbung an. Noch heute schwebt der Mann in höchster Lebensgefahr.
Görlitz, 19. Oktober. Auf dem Bahnhof Kohlfurt fand heute Nacht ein entsetzliches Eisenbahnunglück statt. Der „Neue Görlitzer Anzeiger" schreibt: Als der Schnellzug Breslau-Berlin um 12 Uhr 51 Minuten in den Bahnhof einlief, fuhr ein Rangierzug dem Schnellzug in die Flanke. Es erfolgte ein furchtbarer Zusammenstoß, bei welchem mehrere Menschen um's Leben gekommen sind. Ein Wagen erster und ein Wagen dritter Klasse fuhren direkt in einander it :b standen beide in hellen Fiammen. Ein fürchterliches Angst- geschrei entstand unter den Trümmern, welche Viele begruben. Zwei Aerzte, die sich im Zuge befanden und selbst verletzt wurden, leisteten die erste Hilfe. Der Stationsarzt Dr. Wurst traf noch in der Nacht in Kohlfurt ein. Der Zug nach Görlitz stand zur Abfahrt bereit, sodaß die Passagiere desselben Augenzeugen waren. Todt sind 3 -Reisende und 2 Bahnbeamte.
Der /Oberlelegraptzenassistent Samtand in Memel hatte in den letzten fünf Jahren einem dortigen Kaufmann gegen Gewährung von Geschenken für andere Kaufleute Memels bestimmte Telegramme'vorher gezeigt, wodurr; einige Kaufleute schwer geschädigt wurden. Wegen dieser Verletzung des Telegraphengeheimnisses ist Samland zu '2 Jahren Gefängniß und 3 Jahren Eh »Anst. der Kaufmann wegen Anstiftung dazu zu 9 Monaten Gefängniß vwurtheilt worden.
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Wie», 14. Oktober. In hiesigen diplomatischen Kreisen wird positiv versichert, der russische Minister des Weiteren, Gicrs, treffe ehestens in Berlin ein. Giers habe in Rom den Ministern Rudini und Nigra erklärt, Rußland senke nicht daran, der Bannertiäger französischer Rachegedanken zu fein. — Vor einigen Monaten wurde in Galizien ein russischer Oberst wegen Spio-age verhaftet; letzte Woche geschah das Gleiche mit einem französischen Major und abermals verlautet von einem neuen Fall. In der bucowinaischen Ortschaft Liteny wurde nämlich nach Depeschen aus Krakau ein „Tourist" verhaftet, welcher angibt, Paul Lanczeny zu heißen und Kapi an in der französischen Artillerie zu sein. Man fand bei demselben, heißt es weiter, Papiere und Karten, aus denen hervorgeht, daß er die Spionage im Interesse Rußlands getrieben habe. Das wird wohl auch mit dem französischen Major der Fall gewesen sein. Angesichts dieser wiederholten Vorkommnisse werden alle Grenzorte Galiziens nvt Staatspolizisten versehen, welche eigene Instruktionen erhalten und befugt sein sollen, jeden Spion sofort dem zuständigen Gerichte einzuliefern. Da die Staatspolizei eme politische Behörde ist, so darf man erwarten, daß der bisherige Modus, russische Spione aus Courtoisie gegen Rußland straflos laufen zu lassen, fein wohlverdientes Ende finden wird. Die Regierung wird ferner das mit strengen Bestimmungen versehene Gesetz gegen die Spionage mit größter Beschleunigung zur verfassungs- gemäßen Behandlung gelangen lassen. Diese Thatsachen werfen ein eigenthümliches Licht auf die offiziösen Friedensversicherungen Rußlands.
Lokale- und Nroviuzieüe-, Schlichtern, 20. Oktober.
* — In der am vorigen Sonnabend stattgefundenen Kreis-Ausschußsitzung wurde der kommissarische Amtsvorsteher Wolfs aus Münsterberg in Schlesien zum Kreis AuSschuß-Sekretair und Kreissparkassen-Controleur mit Dienstantritt vom 1. December c. ab gewählt.
* — Dem Vernehmen nach ist Herr Seminardirector Wieacker dahier auf seinen Wunsch in gleicher Eigenschaft vom 15. Novbr. ab nach Erfurt versetzt worden.
* — Dem Regiernngs- und Schulrath Dr. Wilhelm Falckenheiner zu Kassel ist bei seinem Ausscheiden aus bem Amt der Charakter als Geh. Regierungsrath verliehen worden.
* — Die Maul- und Klauenseuche, mit ihren nicht unerheblichen, hier und da sogar schweren Verlusten, ist