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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Mittwoch, den 14. Oktober

1891.

i^oftolhtttrtotl auf dieSchlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen - " " Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsche- Reich.

Berlin, 12. Oktober. Der Kaiser ist von seiner Reise nach Süddeutschland zurückgekehrt. Im Württem­bergischen Volke hat der Entschluß des Kaisers, an der Beisetzungsfeier theilzunehmen, wie derStaatsanz. für Württemb." schreibt, das Gefühl größter Rührung und Freude über den hochherzigen Beweis deutscher Fürsten­treue erweckt. Man könne allenthalben, in allen Schichten der Bevölkerung Worte dankbarster Gesinnung vernehmen. Das württembei gische Volk habe auf's Neue das gute und edle Herz kennen gelernt, kein braver Württemberger werde dem Kaiser diesen Liebesdienst vergessen. Der Kaiser erwies sich besonders aufmerksam der Königin-Wittwe gegenüber, bei der er auch die letzte Stunde seines Aufenthalts zubrachte. Auf der Rückreise besuchte der Kaiser in Frankfurt die elektrische Aus­stellung und machte dann einen Ausflug nach Homburg zum Besuch der Kaiserin Friedrich. Anfangs nächster Woche reist der Kaiser nach Hubertusstock.

* Ein ausgezeichnetes Gedächtniß, auch für ganz unbedeutende Vorfälle, scheint der Kaiser zu haben, wie folgender Fall beweist: Vor einigen Tagen wurde dem Oberpostassistenten Stüwe zu Chemnitz vom Kaiser ein Glas mit silbernem Deckel, auf welchem das preußische Wappen eingravirt ist, übersendet, und zwar als Ersatz für ein Glas, welches der Monarch als Prinz dem Genannten vor 15 Jahren zerbrochen hatte. Herr Stüwe diente im Jahre 1877 bei der 6. Com­pagnie des I. Garderegiments zu Fuß in Potsdam, zur Zeit, als Prinz Wilhelm als Premierlieutenant bei derselben Compagnie diente. Schulter an Schulter stand Herr Stüwe als linker Flügelmann lange neben dem Prinzen, und so lernte ihn dieser wohl am besten von den Leuten der Compagnie kennen. Als eines Morgens der jetzige Kaiser zur Jnstruclionsstunde auf Herrn Stüwes Stube kam, schloß der damalige Prinz wegen des schlechten Weiters das Fenster, vor dessen einen Seitenflügel Herr Stüwe sein Trinkglas gesetzt hatte. Dies fiel dabei herab und der Prinz versprach, Herrn Stüwe ein neues Glas zu kaufen. Der sehr angestrengte Compagniedienst hatte jedenfalls dazu bei- getragen, die Sache in Vergessenheit zu bringen. Vor einiger Zeit erwähnte Oberstlieutenant und Flügel­adjutant v. Kessel, welcher ebenfalls zur selben Zeit als Premierlieutenant bei der 6. Compagnie war, dem Kaiser gegenüber den Namen Stüwe. Se. Majestät erinnerte sich sofort des damaligen Vorganges und übersandte Herrn Stüwe nach bald 15 Jahren zur Ein­lösung seines Versprechens das oben erwähnte Deckelglas.

Der Lieutenant in der ostafrikanischen Schutz­truppe, v. Tettenborn, hat dem Gouverneur Freiherrn von Soden über den Zusammenstoß der Expedition Zelewski mit den Wahehes am 17. August einen ein­gehenden Bericht erstattet, der beim auswärtigen Amte eingegangen ist. Er sagt über den Ueberfall, daß die Wahehe so plötzlich in großer Ueberzahl höchstens 30 Schritt von der Kolonne auftauchten und mit solchem Ungestüm auf diese eindrangen, daß die Soldaten nur ein bis zwei Mal feuern konnten. Die Verwirrung wurde vermehrt durch die Artillerie-Esel, welche in die 5. Kompagnie eindrangen Lieutenant von Tettenborn besetzte eine Höhe, hielt diese und sammelte die Reste der versprengten Truppe. Hier hielt er auch den nächsten Tag aus, in der Hoffnung, noch einzelne etwa im Gebüsch versteckte Abtheilungen oder einzelne Europäer retten zu können. Dann trat er den Rückmarsch über ein steiles Gebirge an. Ueber den Verbleib der Europäer kann er Folgendes berichten: Unteroffizier Tiedemann erlag in der Nacht zum 18. seinen schweren Verletzungen. Der Kommandeur Zelewski soll nach Aussage einiger Schwarzer, die sich beim Ueberfall in seiner Nähe be­fanden, durch viele Speerstiche niedergemacht sein, ebenso Dr. Buschow und Lieutenant von Pirch. Von den übrigen Europäern ist mit absoluter Bestimmtheit nichts zu sagen, doch kommen die Aussagen der wenigen aus dem vorderen Gefecht Entkommenen dahin überein, daß sie sämmtlich den Tod gefunden haben. Bei Lieutenant von Tettenborn befanden sich Lieutenant -. Hcydebreck, dessen Wunden fast geheilt, Feldwebel

Kay und Unteroffizier Wutzer, Murgan Effendi, Gaber Effendi und 62 Soldaten, von denen 11 verwundet, und 74 Träger, von denen 7 verwunoet. Der Deutschen Verlust beläuft sich auf 10 Europäer (4 Offiziere und 6 Unteroffiziere), etwa 250 Soldaten, 3 Geschütze, 96 Träger, 23 Esel und den Haupttheil des Gepäcks. Die Zahl der Angreifer schätzt von Tettenborn auf 3000, wovon vielleicht 700 getödtet worden sind, darunter ihr Häuptling Knawa und ihr Führer Marawatu. Nur dem Umstände der Führerlosigkeit der Feinde schreibt Lieutenant v. Tettenborn sein und seiner Begleiter glück­liches Entkommen zu.

Berlin, 12. Oktober. Der Kaiser genehmigte fünf weitere Geldlotterieen zur Wiederherstellung und Aus­schmückung der Marienburg und gestattete ferner den Vertrieb der Loose zur Wiederherstellung und Freilegung des Münsters zu Freiburg im Breisgau.

Stuttgart, 9. Oktober. Die Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen König Karl haben heute Morgen 10 Uhr im Marmorsaal des Residenzschlosses mit Gottes­dienst begonnen. Es haben demselben die Königin Olga, sowie die sämmtlichen hier eingetroffenen Fürst­lichkeiten beigewohnt. Um 11 Uhr hat sich unter Ge­läute sämmtlicher Glocken der Trauerzug in Bewegung gesetzt. König Wilhelm ging zwischen dem Kaiser und dem Großherzog von Baden. Diesen folgten die Fürst­lichkeiten, worauf der prachtvoll dekorierte Leichenwagen kam. Der»Trauerrede lag der Text zu Grunde:Der Herr dein Gott ist bei dir, dein starker Heiland". Die Beisetzung in der Gruft erfolgte unter Kanonendonner.

Ein Leipziger Kaufmann hat kürzlich das sächsische Amtsgericht in Oberwiesenthal um Bezeichnung eines Rechtsanwalts am dortigen Platz, der ihn in einem Prozeß vertreten sollte, gebeten. Darauf ist ihm mittels Postkarte folgende Antwort ertheilt worden:Auf Ihre Anfrage vom 22. September 1891 wird Ihnen hier­durch mitgetheilt, daß sich am hiesigen Ort ein Rechts­anwalt nicht befindet, wohl aber der Barbier Fritz Bril hier Termine in Civilprozessen abwartet. Oberwiesen­thal, am 23. September 1891. Königl. Amtsgericht." (Unterschrift.)

Hamburg. Hamburger Berichten zufolge lagern dort gegenwärtig ganz ungewöhnlich große Getreide- vorräthe. Es wird behauptet, daß sich in den dortigen Lagerräumen 750,000 Centner Weizen und über 500,000 Centner Roggen befinden. Thatsächlich fehlt es namentlich in der Hafengegend bereits vielfach an geeigneten Räumlichkeiten für das vorhandene Getreide. Das meiste ist noch vor dem Erlaß des Roggenausfuhr­verbots aus Rußland gekommen und dürfte in nicht zu ferner Zeit auf den Markt gelangen. Aehnliche Ge­treideansammlungen, wenn auch in nicht so bedeutendem Umfange, werden neuerdings aus Lübeck und anderen Seestädten gemeldet. Ihr Einfluß auf die Preisbildung hängt davon ab, wie lange die Besitzer im Stande sein werden, diese großen Vorräthe zu behalten.

Stettin. Einer Beamtenfrau, die den Jahrmarkt besuchte, ist dort aus ihrer Kleidertasche ein Beutel mit 15,500 Mark in Gold und Papiergeld gestohlen worden. Die Frau hatte das Geld aus dem Grunde zu sich ge­steckt, weil sie es in der Wohnung während ihrer Ab­wesenheit nicht sicher wähnte.

Von einem Prozeß um einen Kubikmeter Schweine­fleisch wird aus Hameln berichtet: Der vor einiger Zeit beim hiesigen Amtsgericht anhängig gewesene Prozeß wegen Lieferung eines Kubikmeters Schweine­fleisch zum Kaufpreis von 100 Mk. ist letztinstanzlich dahin entschieden: daß Kläger unter Verurtheilung in die Kosten mit der Klage abzuweisen ist. Das Be­rufungsgericht hat die Ueberzeugung gewonnen, daß der Beklagte nicht die Absicht gehabt hat, ein ernstliches Geschäft abzuschließen, und hat es als Unding bezeichnet, daß ein solider Geschäftsmann, wie der Beklagte, eine Quantität Schweinefleisch nach einem Raummaß in wirklich ernstlicher Absicht habe verkaufen wollen. Daraus, daß Parteien sich den Handschlag gegeben, könne noch nicht gefolgert werden, daß die ernstliche Ab­sicht, einen Vertrag zu schließen, vorgelegen habe, da im Scherz häufig die äußeren Formen, welche bei ernstem Handel üblich, nachgeahmt würden. Es ist ferner vom Berufungsgericht angenommen, daß Kläger ge­wußt habe, welches Gewicht ein Kubikmeter Schweine­fleisch habe. Habe er es aber gewußt, daß ein Kubik­meter Schweinefleisch einen Werth von etwa 800 Mk,

darstelle, so habe er die Unkenntniß des Beklagten in verwerflicher Weise ausbeuten wollen, und es stehe seiner Klage der Einwand arglistigen Handelns entgegen.

Lauban, 10. Oktober. Bei der Abschätzung der Flur­schäden, welche durch die Manövertruppen im Kreise Lauban verursacht wurden, gab demB. a. d. R." zufolge ein Besitzer an,das Gras sei ihm abgeschossen worden".

Mainz, 10. Oktober. Die Strafkammer verunheilte gestern zwei Jungen aus Alzey wegen Diebstahls von Rüben auf dem Bahnhof Alzey zu 14 resp. 1 Tage Gefängniß. Nachdem so dem Gesetz Genüge geschehen, legten Staatsanwalt und Richter Geld zusammen als Zehrpfennig und Reisegeld für die jugendlichen Lang­finger.

Ausland.

Schweiz. In Brugg besteht, wie derBotsch." meldet, folgende hübsche Einrichtung: Jeder von der Wanderschaft heimkehrende Bürger von Brugg, der ein Handwerk erlernt hat und sich über 3-4 Wanderjahre ausweisen kaun, erhält zur Errichtung einer eigenen Werkstätte einen unverzinslichen, aber zu verbürgenden Vorschuß von 700 Francs aus der dortigenFröhlich- stiftung." Nach Verfluß von sieben Jahren hat die Rückzahlung zu beginnen und wenn sie regelmäßig er­folgt und mit Ablauf von ferneren sieben Jahren voll­endet ist, so wird auch für diese Zeit kein Zins gefordert.

Rußland. DieKöln. Zig." meldet aus Peters» bürg: Ein alter russischer Militär schildert in einem Briefe an denGrashdanin" aus Paris seine Eindrücke und erklärt, die russischen Sympathieen der Franzosen seien keineswegs ein Erzeugniß sorgfältiger Erwägung; dieselben würden nur auf den Lippen als Ausfluß der fröhlichen Stimmung getragen. Ernst sei es ihnen damit nicht, dagegen habe die instuict-ve, unbesiegbare Furcht der Franzosen vor Preußen eine sehr ernste Be­deutung. Diese Furcht dränge die Franzosen zu Ruß­land. Die französischen Soldaten seien in Uniform ge­steckte Bauern, die Soldaten sähen aus, als seien sie eben aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der Mangel an Reinlichkeit (wie ist es in diesem Punkte aber mit den Russen bestellt? D. R.) falle in die Augen, außerdem mangele es an geistiger Erziehung und Entwickelung der Kühnheit, sowie Kräftigung des Körpers.

Lokale- und Provinzielles.

Schlüchtern, 13. Oktober.

* Am Sonntag Abend wurden mehrere Rad­fahrer in Niederzell von Bauernburschen angegriffen und mit Steinen, Holzstücken rc. beworfen, so daß mehrere Radfahrer verletzt wurden. Der Vorstand deS in Schlüchtern und Umgegend neu gegründetenKinzig- thaler Radfahrervereins" will deshalb demjenigen 10 M. zahlen, der die betreffenden Attentäter vom Sonntag Abend so namhaft macht, daß dieselben gerichtlich belangt werden können. Dabei machen wir auf eine Entscheidung des Berliner Schöffengerichts aufmerksam, die neulich ergangen ist: Die überhandnehmenden Ausschreitungen gegen Radfahrer pflegen gerichtsseitig empfindlich ge­ahndet zu werden. Der Arbeiter Carl Ulm, der vor einem Neubau arbeitete, sah eines Tages einen Rad­fahrer sich nähern. Während derselbe an ihm vorbei- fuhr, warf er ihm einen Sack mit Coaks zwischen Vorder- und Hinterrad. Der Fahrer stürzte und ver­stauchte sich die Hand. Trotz der bisherigen Unbescholten- heil des Angeklagten belegte die 92. Abtheilung des Schöffengerichts denselben dafür 'mit einer Gefängniß- strafe von 8 Tagen.

* Dem pensionirten Steuer-Aufseher Haseneier zu Fulda, bisher zu Züntersbach im Kreise Schlüchtern, ist das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden.

* Das letzte Quartal vor dem Feste. Es ist wohl nicht überflüssig, allen Denen, die es mit der Zeitrechnung nicht sehr peinlich nehmen und daS wird den Mitgliedern des schönen Geschlechts gemeinig­lich nachgesagt schon jetzt eine Mahnung zuzurufen: Rüstet Euch für die Weihnachts-Campagne!" Kaum elf Wochen und die große Bescheerungs - Polonaise be­ginnt. Etwas Selbstgearbeitetes soll und muß es meist sein, da darf bei Gefahr des Fertigwerdens und vor Allem der Gesundheit nicht Alles den letzten vier Wochen überlassen bleiben. Wer Letzteres thut, der sitzt dann in peinigender Angst Nächte hindurch, verdirbt sich