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SchlüchtemerMtung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

AS 81. Samstag, den 10. Oktober 1891.

lUftrlhtttAMI auf ^eSchlüchterner Zeitung" $'l|UUUliyi.U werden noch fortwährend von allen .....=- ; Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Oktober. Der Kaiser ließ dem augen­blicklich in Darmstadt weilenden Prinzen Heinrich den Befehl zugehen, sich auch zur Beiwtzungsfeier nach Stuttgart zu begeben und den Kaiser dort heute Abend um 9 Uhr auf dem Bahnhöfe zu erwarten. Der Ka ser wird begleitet von den Generalen v. Wittich, v. Hahnke, den Flügeladjutanten Oberstlieutenants v. Kessel und v. Zitzew tz und dem Oberhofmarschall Grafen zu Eulen- burg. Der Kaiser trug einen großen Lorbeerkranz mit Schleife und der Initiale: W. Die Kaiserin gel itete den Kaiser heute früh 7% Uhr nach dem Bahnhöfe.

* Eine in der Lützowstraße in Berlin wohnende wohl­habende Dame, Fräulein Adler, ist Montag in ihrer Wohnung todt mit einigen Stichwunden aufgefunden worden. Es ist noch nicht ganz aufgeklärt, ob Mord oder Selbstmord vorliegt. Die Blutthat scheint doch nicht ohne Kampf vollführt, denn der künstliche Haarzopf, den die alte Dame zu tragen pflegte, war abgerissen und lag am Boden, etwa 8 Fuß von der Leiche ent­fernt. Die Füße waren ohne Schuhe. (Nachträglich wurde das 18jährige Dienstmädchen der Fräulein Adler verhaftet und dieselbe gestand denn auch, den Mord verübt zu haben.)

Stuttgart, 6. Oktober. Der König Karl von Württemberg ist heute früh 6 Uhr 55 Minuten ver­schieden. Das letzte Bulletin über das Befinden weiland König Karls von Württemberg lautete:Die ersten Nachtstunden verbrachte der Zeitig in schlummerndem Zustand. Gegen Mitternacht trat eine bedrohliche Herzschwäche ein, welche das Aeußerstc befürchten ließ. Die Kräfte hoben sich noch einmal, indessen stellte sich bald große Unruhe ei», welche bis 3 Uhr anhielt. Bon da an schwand das Bewußtsein, das vorher schon viel­fach benommen war. Um 6 Uhr 55 Minuten verschied Seine Majestät sanft unter den Erscheinungen von Herzlähmung , ohne daß das Bewußtsein zurückgekehrt war!" Der Tod Kön'g Karls hat einem längeren Siechthum den Abschluß gebracht. Ursprünglich bestand dasselbe aus einer Erkrankung der Respirationsorgane, gegen welche der verstorbene Monarch allwinterlich an der ligurischen Riviera Hilfe suchte; zuletzt war ein allgemeiner Kräfteverfall eingetreten. Menschlichem Er­messen nach ist nur der unausgesetzt und sorgsam ange­wandten ärztlichen Kunst die Erhaltung dieses fürstlichen Lebens bis fast an die Schwelle des achten Jahrzehnts zu verdanken gewesen; das jetzige ruhig gefaßte und gottergebene Ende des Königs war wohl als eine Be­freiung von schweren Leiden zu betrachten. König Karl ist der letzte deuische König gewesen, der noch aus der Zeit der deutschen Reichserneuerung übrig geblieben war. Abgesehen von den zwei Todesfällen an der Spitze des Reiches und Preußens haben in Bayern und Sachsen schon früher die Kronen ihre Träger gewechselt, dann auch, von den Kleinstaaten abgeschen, in Hessen uuo Mecklenburg-Schwerin. Die württembergische Krone ist an König Wilhelm II. (Carl Paul Heinrich Friedrich) übergegangen, den Sohn eines am 9. Mai 1870 ver­storbenen Königlichen Vetters Prinzen Friedrich, der mit einer Schwester König Karls vermählt war. Der neue König ist am 25. Februar 1848 geboren und war vom 15. Februar 1877 bis 30. April 1882 mit der verstorbenen Prinzessin Marie von Waldeck, einer Schwester der niederländischen Königin-Regentin Emma, vermählt, aus welcher Ehe nur eine fast vierzehnjährige Tochter, Prinzessin Pauline, lebt, ein Sohn, Prinz Ulrich, starb im frühesten Kindesalter. Die am 8. April 1886 mit der Prinzessin Charlotte zu Schaumbmg-Lippe geschlossene zweite Ehe König Wilhelms II. ist bisher kinderlos geblieben. Präsumtiver Thronfolger ist jetzt der am 20. Juli 1828 geborene Herzog Wilhelm Nikolaus, österreichischer Feldzeugmeister und durch seine hervorragende Theilnahme an dem dänischen Feldzuge von 1864 bekannt, aber er sowohl, wie sein am t.März 1833 geborener Bruder Herzog Nikolaus, österreichischer Feldmarschalllieutenant, sind kinderlos und als eigent­licher Thronerbe ist somit wohl der katholische Herzog Philipp von Württemberg zu betrachten, als Sohn des 1881 verstorbenen Herzogs Alexander und der Piin-

zessin Marie von Orleans, am SO^ali 1838 geboren, und also ein Enkel des Franzosenkönigs Louis Philipp.

Worms. Die Liebfrauenmilch, jener weltberühmte rheinhessische Wein, wird nun bald noch seltener werden, als sie seither schon war; denn zwei Drittel des Ge­ländes des Licbfiaueustiftes, auf welchem dieser kostbare Wein, der durch seine Würze, Blume, Lieblichkeit und Wohlgeschmack einen Weltruf bekommen hat, wächst, müssen, wie man demNass. Boten" berichtet, der neuen Wormser Hafenanlage zum Opfer fallen. Die vorzüglichsteLiebfrauenmilch" gedeiht nur auf einem Terrain von 3,s Hektaren. Wohl wird auch noch der in dem 3M Hektar großen angrenzenden sog. Kapuziner­garten, sowie der in dem 2'/z Hektar großen an­grenzenden übrigen Weingelände wachsende Wein fürLiebfrauenmilch" angesehen; doch gilt diese nicht mehr als die echteLiebfrauenmilch". Da also von diesem ganzen, nicht einmal 4 Hektar großen Ge­lände 2,3 der neuen Hafenanlage zum Opfer fallen wird, so verbleibt nur noch ein Stück Gelände von nahezu 1'/« Hektar Größe übrig, auf welchem noch Liebfrauenmilch" wachsen wird. Die Tausende von Liebfrauenmilchtrinkern, welche seither schon mit großem Mißtrauen vielleicht die vermeintlicheLiebfrauenmilch" schlürften, haben nun in der Zukunft noch viel mehr Ursache, dieLiebfrauenmilch" gründlich auf ihre Echt­heit zu prüfen oder prüfen zu lassen. Für viele Leser dürfte es auch von Interesse sein, zu erfahren, zu welchem Preise dieses Gelände angekauft werden mußte. Für ein hessisches Klafter oder 6^4 Quadrat­meter mußte die Stadt Worms bis zu 70 Mark be­zahlen , was für den hessischen Morgen oder 2500 Quadratmeter das nette Sümmchen von 28,000 Mark ausmacht. Im Ganzen kommt demnach das für ge­nannte Hafenanlage von demLiebfrauenmilch" tragenden Weinbergsgelände, welches nicht ganz zehn Morgen groß ist, nahezu auf 300,000 Mark.

Schwkinfurt, 6. Oktober. Eine erfreuliche Aus­nahme bei den hohen F'eischpreisen bilden Die Span­ferkel Während man sonst für ein Stück 5 und mehr Mark zahlen mußte, konnte man heuer schon an mehreren Markttagen um Mk. 1,50 ein annehmbares Exemplar erwerben. Als Grund dieser Ausnahmserscheinung wird die geringe Kartoffelernte und die dadurch erschwerte Aufzucht von Jungschweinen bezeichnet.

Eisenach. Mit dem 1. Dezember d. I. wird be­kanntlich das Bahnhossrestanrant in Eisenach pachtfrei. Der bisherige Pächter bezahlte jährlich 6000 M. Es sind jedoch, wie wir imGoth. Tagebl." lesen, so viele Bewerbungen eingegangen, daß ein Reflektant die hohe Summe von 15,000 M. Jahrespacht geboten hat. Ein ähnliches Verhältniß ist bei der Neuverpachtung des Bahnhofsrestaurants in Fröttstädt vorgekommen. Während bisher das Pachtgeld pro Jahr 600 M. be­trug, zahlt der jetzige Pächter 3010 M.

Von der Strafkammer in Halle ist der Großgrund­besitzer Dr. phil. Hochheim aus Schafstedt zu 1000 Mk. Geldstrafe verurteilt worden, weil er fortgesetzt Milch von an der Maul- und Klauenseuche erkrankten Kühen in den Verkehr gebracht hatte, ferner zu 100 Mk. Geld­strafe , weil er jene Krankheit, die 3 Wochen ziemlich bösartig in seinem Viehbestand herrschte, nicht angezeigt hatte.

Bom Harz, 4. Oktober. Ueber das Projekt, das Bodethal zu sperren behufs Gewinnung von 6000 Pferde- kräften zu großartigen elektrotechnischen Anlagen, ver­lautet aus sicherer Quelle, daß die Regierung dem Unternehmen wohlwollend gegenübei stehe. Das Pub­likum in den weitesten Kreisen befürchtet von der Aus­führung des Projekts eine Einbuße der Romantik des herrlichen, einzig dastehenden Thales; hier glauben dagegen sachkundige Leute, daß die Frequenz durch die Anlage eher gehoben werden wird. Es ist nicht zu leugnen, daß der dann geschaffene große Bergsee, dessen Spiegel b-s Treseburg hinaufreichen und Boote rc. tragen würde, umgeben von der großartigen Felsszeneric, einen wunder­baren Eindruck auf den Besucher des Bodethals machen müßte, ebenso der geplante Wasserfall über den 56 Meter­hohen Damm oberhalb des Bodekessels, zumal abends bei elektrischer Beleuchtung. Bedeckt man dazu den praktischen Nutzen: die Gewinnung einer solch immensen Triebkraft, und den Umstand, daß die von dem Fluß durchströmten Gegenden in Zukunft vor Ueber« schwemmungen gesichert erscheinen, so wäre ein Zu- standekvmmen des Projekts nur zu wünschen»

Aus Oberhausen schreibt man unterm 3. Oktober: In der Weldauer'schen Menagerie war zu Mörs der Königstiger verendet. Als dessen Ersatz kam aus Ham­burg ein prächtiges neues Exemplar, das erst vor sechs Wochen aus Ost ndien angelangt sein soll. Der Tiger schien sich in der seit einigen Tagen hier aufgestellten Menagerie recht ungemüthlich zu fühlen. Er versuchte die Schürfe seiner Krallen an dem Boden seines Käfigs und vermochte die starken Bretter schließlich so aufzu- kratzen, daß eine Oeffnung entstand und er durch die­selbe gegen 9 Uhr Abends durchdringen und in's Freie gerathen konnte. Im Nu war die ganze Stadt allarmirt. Im benachbarten Duisburg traf die benach­richtigte Polizeibehörde sofort Sicherheitsmaßregeln; es stellte sich jedoch heraus, daß der Tiger seinen Weg in der Richtung nach Mücheim genommen hatte. Die so­fortige Verfolgung hatte nur das Ergebniß, daß man sie aufgab und auf den frühen Morgen aufschob. In­zwischen war der Tiger an der Mülheimer Chaussee durch das Dach in einen Schweinestall eingebrochen und hatte ein großes Schwein geraubt, welches er in einem Gebüsch hinter einem Garten zum Theil auffraß. Hier wurde die Bestie auch am Morgen stich von dem be­treffenden Hauseigenthümer entdeckt. Die Feuerwehr wurde auf'S neue allarmirt, auch die Gendarmerie mit der gesammten Polizeimannschaft rückte aus. Wenn man nun vorsichtig zu Werke gegangen wäre, so hätten schlimme Folgen vermieden werden könnten. Aber nun ging die Schießerei los. Der Gendarm Galla ver­wundete den Tiger; dieser sprang auf den Mann los, schlug ihn zu Boden und richtete ihn mit Zähnen und Krallen so übel zu, daß der arme Beamte schwer ver­letzt im Hospital liegt. Einem anderen Gendarmen ge­lang schließlich der Todesschuß. Wie blind man auf die Bestie feuerte, beweist der Umstand, daß ein Feuer­wehrmann eine Kugel durch den Anterleib erhielt und hoffnungslos darniederliegt. Es wird versichert, daß man den Tiger ohne solche heftige, ungeschickte Ver­folgung lebendig hätte einfangen und schlimmsten Falls ohne Schaden uiederschießen können. Drei große Hunde des Menageriebksitzers hatten die Bestie schon gestellt, aber das gereizte Thier war nun einmal wüthend und richtete die werthvollen Hunde in jämmerlicher Weise zu. Die Menagerie mußte Oberhausen schon gestern um 4 Uhr Nachmittags verlassen.

Aus land.

In Melk in Nieder Oesterreich ist am Sonntag das vom Zaren gewidmete, auf dem Grab russischer Krieger aus dem Jahr 1805 errichtete Denkmal durch den russischen Erzpriester Kartassevich feierlich eingeweiht worden. Der Ursprung des Denkmals bildet einen interessanten Beitrag zur Geschichte der russisch-fran­zösischen Freundschaft, den die Franzosen jedoch am liebsten mit Stillschweigen übergehen möchten. Im Jahr 1805 befanden sich in Melk zahlreiche Russen in fran­zösischer Kriegsgefangenschaft. Einen großen Theil der­selben ließ nun der französische Kommandant bei grimmiger Kälte in einen fast völlig luft- und lichtlosen Felsenkeller einsperren. Einige Russen kletterten nun Nachts von hier aus in ein tiefes Felsenloch hinab, fanden dort Holz und zündeten sich ein Feuer an, um ihre froststarren Glieder zu wärmen. Es entwickelte sich aber schnell ein gewaltiger Rauch, der sie zunächst betäubte und dann nach oben drang, wo 300 Gefangene erstickten. Von diesem tragischen Ereigniß hörte in jüngster Zeit der russische Militürbevollmächtigte zu Wien und berichtete darüber dem Kaiser Alexander III., welcher sofort den Befehl gab, auf dem Grab der Unglücklichen ein würdiges Denkmal zu errichten.

London, 7. Okt. Der Führer der irischen Partei, Parnell, ist heute Nacht in Brighton gestorben. Der Tod war die Folge einer Erkältung, welche sich derselbe letzten Freitag zugezogen hat.

Amerika. Indianer in Mexiko haben angeblich in einer deutschen Kolonie 200 Frauen und Kinder nieder- gemetzell.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 9. Oktober.

* Pfarrer Hattendorf zu Burghaun ist zum 2. Pfarrer in Schlüchtern ernannt, wird aber seinen Dienst erst am 1. Mai k. I. antreten.

* Versetzt wurde der Postsekretär Hain von