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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

^ 79.

Samstag, den 3. Oktober

1891.

No^^linnas»^ QUf dieSchlüchterner Zeitung" £11111 Uliuylll werden noch fortwährend von allen -- Postanstalten und Landbriefträgern

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Das russische Anlehen und gewisseDaitsche".

Wochenlang nach den Vorkommnissen in Kronstadt durchlief die Zeitungen des In- und Auslandes die Nachricht von einem neuen großartigen Pump Ruß­lands in der Höhe von 600 Millionen Francs, und Jedermann könnte wissen, daß dieser Millionenpump nicht zu Culturzwecken verwendet wird, sondern lediglich zur Beschleunigung der russischen Kriegs- rüstungen angelegt ist. Wohin diese Kriegsvorbe­reitungen bei dem von keiner europäischen Macht be­drohten Rußland zielen, haben uns die Ereignisse von Kronstadt, Petersburg, Moskau und Paris zur Genüge klar gestellt. Sicher ist, daß Rußland alles auf das Losschlagen vorbereitet, und daß das Anlehen, welches jetzt in Frankreich placirt wird, nicht, wie vorgegeben, zur Beseitigung des Nothstandes in Rußland dient, sondern ein Kriegsanlehen ist.

In Deutschlands Interesse ist es sicherlich nicht ge­legen, dieses Anlehen zu unterstützen, ja im Interesse unserer Selbsterhaltung ist es schon jedem Deutschen, der im Besitze richtiger Vaterlandsliebe ist, geboten, sich der Betheiligung an dieser Anleihe zu enthalten.

So denkt auch der deutsche Patriot, aber die deutschen Juden Mendelsohu, Warschauer L Co. in der deutschen Reichshauptstadt Berlin denken anders und halten es für keine Schamlosigkeit, in ihren Comptoirs das russische Anlehen zur Zeichnung aufzulegen; ja, sie haben dabei, um den Gimpelfang richtig zu betreiben, noch die Stirne, den Leuten vorzumachen, daß sie im Sinverständniß der deutschen Regierung" handeln!

Es ist dies eine neue Illustration zu der Vater- landslofigkeit und Gemeingefährlichkeit gewisser Börsen- matadore. Mögen auch Deutschlands Fluren vernichtet, mögen Tausende von Familien ruinirt, an den Bettel­stab gebracht weroen, ja ganz im Elend und Kriegs- toben umkommen: was kümmert das die Berliner rc. Mendelsöhne, Warschauer und Konsorten, wenn sie nur ihren Schnitt dabei gemacht haben!

Neueren Nachrichten zufolge wird die Auflegung der neuen russischen Anleihe in Berlin wahrscheinlich nicht erfolgen, nachdem die beiden Bankhäuser, welche von Petersburg aus dazu aufgefordert waren, sich überzeugt haben, daß sie sich betreffs der Auffassung der Reichs­regierung im Irrthum befanden. Das Mißtrauen, von welchem das deutsche Publikum seit Jahren gegen die letzten Absichten der russischen Politik erfüllt ist, hat seit den Tagen von Kronstadt noch erheblich zugenommen, und es ist in der That eine starke Zumuthung von Seiten Rußlands, daß diejenigen das Geld zu ihren Rüstungen schaffen sollen, die man im günstigen Moment mit einer in der Weltgeschichte noch nicht dagewesenen Gründlichkeit abzuschlachten gedenkt. Die natürlichen Bankiers Rußlands sind heute die Franzosen, aber es scheint, daß auch bei ihnen in Geldsachen die Gemüth­lichkeit, Freundschaft und noch manches Andere aufhört.

Deutsche- Reich.

Berlin, 1. Oktober. Seine Majestät der Kaiser wird sich, dem Vernehmen nach, in der ersten Hälfte des Monats Oktober auf kurze Zeit zur Abhaltung von Jagden nach Jagdschloß Hubertusstock in der Schorf- haide begeben. Der Tag der Abreise dorthin ist jedoch bis zur Stunde definitiv noch nicht festgesetzt worden. Ihre Majestät die Kaiserin hat mit dem Kronprinzen und den beiden nächstfolgenden Kaiserlichen Prinzen, sowie den Damen und Herren der Kaiserlichen Be­gleitung Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel wieder ver­lassen, um nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurück- zukehren. Um 6 Uhr 45 Minuten am heutigen Abend wird der Ankunft der Kaiserin im Neuen Palais ent­gegengesehen, woselbst dieselbe die Rückkehr des Kaisers von Jagdschloß Rominten erwartet.

Potsdam- Die Sputendorfer sind stolze Leute. Ihr Dorf ist ihre Welt. Bei der Feuersbrunst am Donnerstag Abend, die sich meilenweit bemerkbar machte, rückten eilfertigst die Feuerwehren von Teltow, Zehlen- dorf, Schönow, Stainsdorf, Malchow, Großbeeren, Ahrensdorf, Schenkendorf, Ruhlsdorf, Gütergotz nach besagtem Dorfe Spütendorf au's. Das Feuer äscherte

eine große Viehstallung auf dem D. Franke'schen Bauern­gute vollständig ein, glücklicherweise kamen weder Menschen noch Thiere dabei zu Schaden. Es brannte die halbe Nacht hindurch. Der Herr Brandkommissar dorten aber sah mit scheelen Augen auf die fremden Wehren und Schläuche, und da die Teltower herangerasselt kamen, schickte er sie heim mit den stoischen Worten:'Wat willt Ji hier? Wi macken uns' Für alleene ut.

Friedland (i. Oberschlesien), 28. September. In der hiesigen Apotheke hat sich ein schrecklicher Unglücks­fall ereignet. Als Aporheker Wende mit seinem Haus- Hälter im Laboratorium beschäftigt war, Phosphorpillen anzufertigen, erfolgte Plötzlich unter lautem Knall eine Explosion; beide Personen, die mit Phosphor bedeckt waren, standen in Hellen Flammen. Mit Hülfe der herbeieilenden Nachbarn konnten die brennenden Kleider des Apothekers gelöscht werden; diejenigen des H»aus- Hälters waren aber derartig von Phosphor durchtränkt, daß der Brand nicht nur nicht durch Wasser, sondern nicht einmal durch Aufschütten von Sand erstickt werden konnte. Gleich einer Feuerjäule rannte der Unglückliche, von den entsetzlichsten Schmerzen gepeinigt, umher, und erst, nachdem alles Phosphor verbrannt war, hörte das Feuer auf. An dem Aufkommen des Haushälters, der an Armen, Beinen, Händen und Füßen schwere Brand­wunden davongetragen hat, wird gezweifelt. Leichter, wenn auch noch schwer genug, sind die Verletzungen des Apothekers.

Bei dem vor 14 Tagen in Borken stattgehabten Kriegerfeste ereignete sich eine Episode, welche auf sämmtliche Zeugen derselben einen tiefen Eindruck machte.

Der Vizepräsident des Kaiser Wilhelm-Krieger-Vereins, Herr Fabrikant Budenberg, welcher als Unteroffizier den Feldzug von 187071 mitgemacht und wegen seines ausgezeichneten Verhaltens in der Schlacht bei Saarbrücken am 6. August 1870 das Eiserne Kreuz erhalten hat, saß nach beendigtem Festzuge durch die Stadt im Kreise von Kameraden im Garten des Fest- lokales. Da trat ein Mitglied des Borkener Krieger- Vereins an ihn heran und begrüßte ihn mit den Worten: Guten Tag, Herr Unteroffizier, kennen Sie mich noch? Ich bin einer von denen, welche Sie bei Spichern ge­führt und welchen Sie das Leben gerettet haben. Als ich Sie heute Mittag in den Saal. einmarschiren sah, habe ich Sie gleich wieder erkannt und freue mich sehr, daß ich Sie im Leben noch mal wiedersehe. Ich bin der Landbriefbote Hellenkamp hier aus Borken." Herr Budenberg, der den alten Kameraden zwar nicht kannte, lud ihn ein, Platz zu nehmen, und nun erzählte Hellen­kamp den betreffenden Vorfall.Als bei Spichern der letzte Offizier unserer Kompagnie, Lieutenant Koch, dem schon die Spitze vom Helm wegzeschossen war, durch einen Schuß in die Brust getödtet war, da rief uns der Unteroffizier Budenberg zu:Von jetzt ab auf mein Kommando hören." Er setzte sich dadurch ganz be­sonders der Gefahr aus, daß er, ungeachtet des schreck­lichen Kugelregens, von einem erhöhten Standpunkte aus den Feind beobachtete, um unser Feuern zu leiten. Es war dieses nothwendig, weil das Terrain sehr koupirt war und dem herannahenden Gegner Deckung bot, der­selbe also sonst nicht gesehen werden konnte. Wir hatten großen Mangel an Patronen, deshalb ermähnte uns der Unteroffizier immer wieder, erst zu schießen, wenn wir das Weiße vom Auge der Feinde sehen könnten. Er lief auch unausgesetzt zu.den Gefallenen, nahm ihnen die Munition ab und vertheilte sie an uns. Da­durch machte er unsere aus Mannschaftendes 58., J7., 39., 74. Regiments bestehende Truppe so widerstands­fähig, daß es möglich war, den Feind immer zurückzu- schlagen. Der schrecklichste Moment war es für uns, als die Franzosen uns ganz dicht von der linken Flanke her auf den Leib rückten. Wir glaubten alle, daß wir verloren wären, aber unser Unteroffizier kommandirte Schnellfeuer und es gelang uns, dadurch den Feind so lange aufzuhalten, bis wir durch einen Theil des 7. Jägerbataillons ab gelöst wurden. Wir gingen dann ins Bivouak zurück. Wir wären sicher alle gefangen oder gefallen, wenn der Unteroffizier nicht bei uns ge- Wesen wäre, er hatte ein Kommando wie der beste Haupt- mann. Nach der Rückkehr in's Bivouak stellte sich heraus, daß unsere Truppe pro Kopf kaum noch drei Patronen hatte." Zum Schluß äußerte Kamerad Hellenkamp wiederholt seine Freude über das unver­hoffte Zusammentreffen, unter anderem sagte er:Das

ist mir wohl 25 Glas Bier werth, ich Will meine Frau und Kinder gleich holen, damit sie den Unteroffizier kennen lernen, von dem ich so häufig erzählt habe." Alle in der Nähe sitzenden Kameraden waren mit lebhaftem Interesse der beiden Theilen zur Ehre ge­reichenden Erzählung gefolgt, stießen mit dem Helden von Spichern und seinem ehemaligen Untergebenen herz­lich an und feierten mit ihnen das unerwartete Wiedersehen.

Düsseldorf. Einen Theil der Heeresmacht der chile­nischen Insurgenten führte ein Deutscher und zwar der Sohn einer Düsseldorfer Familie, General Conto, welcher vor Jahren in die chilenische Armee als Freiwilliger ein- trat und durch feine Tüchtigkeit sich zu hohem Rang em- porgearbeitct hat. Die Angehörigen des noch im besten Mannesalter stehenden Generals wohnen zur Zeit in dem Düsseldorf gegenüber liegenden Ort Oberkassel.

Greiz, 29. September. Die Fürstin Jda von Reuß ä. L., geborene Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, ist heute im Alter von 39 Jahren gestorben.

Gero, 26. September. In dem Prozeß gegen den Bankdirektor Roßbach und Genossen wegen einfachen und betrügerischen Bankerots, sowie wegen Untreue er­kannte der Gerichtshof gegen Roßbach auf 8 Jahre Zuchthaus und 17 800 Mk. Geldstrafe event, weitere 16 Monate Zuchthaus, wobei zwei Monate der Unter­suchungshaft auf die Strafe in Anrechnung gebracht werden, außerdem auf 10 Jahre Ehrverlust. Wilhelm Tetzner und A. Leibell wurden freigesprochen.

Mühlhausen, 26. September. Der erste Anfang, sich von der theuren Kohle zu befreien, ist von einem der Großindustriellen unserer Gegend, Herrn Kiener in Amphersbach gemacht worden. Nach dem Projekte des Herrn Ingenieurs und Elektrotechnikers Kretz von hier, hat derselbe aus einer Entfernung von 300 Meter ober­halb seiner Weberei die elektrische Kraft in sein Etablis- tement überführen lassen. Eine alte, unbenutzt liegende Sägemühle wurde zu der Anlage benutzt. Nicht nur genügt die übertragene Kraft von 20 Pferden zum Be­triebe der Weberei, sondern es blieb noch eine über­schüssige Kraft für 80100 Glühlampen, so daß gleichzeitig die Fabrik elektrisch beleuchtet wird. Herr Kretz hat schon vor einigen Jahren den Plan ausge­arbeitet, die Stadt Mühlhausen mit elektrischer Kraft vom Rheine her zu versehen, und sowohl die Industrie mit der genügenden Kraft, als auch die Stadt mit Licht zu versorgen. Zunächst nahm man diese großartige Idee mit halb ungläubigem Lächeln auf, aber jetzt be­ginnt man aufmerksam zu werden und wer weiß, welche Ueberraschungen uns in dieser Beziehung noch vor Schluß des Jahrhunderts bevorstehen.

Ausland.

Rußland. Aus Libau ist ein großer, ausschließlich mit Roggenbrod beladener Dampfer nach Stettin abge­gangen. Die Besorgniß vor einer Erschwerung der Weizen-Ausfuhr veranlaßt die russischen Landwirthe, sich ihrer Ernte so rasch wie möglich zu entledigen und dieselbe nach dem Ausland zu versenden.

Brüssel, 30. September. General Boulanger be­ging heute Morgen auf dem Grabe der Madame Bonne­main Selbstmord.

Lokale- und Provinzielle-, Schlüchtern, 2. Oktober.

* In den Tagen vom 18. bis 23. September fand am hiesigen Königlichen Lehrerseminar die dies­jährige Abiturientenprüfung unter dem Vorsitz der Herren Provinzial-Schulrath Kannegießer, Geh. Re­gierungsrath Hasse und General-Superintendent Lohr statt. Das Resultat war günstig: sämmtliche 28 Abi­turienten bestanden die Prüfung und wurden alsdann mit einer herzlichen Ansprache des erstgenannten Herrn entlassen. Die Aufnahme-Prüfung der Aspiranten er­folgte am 24. und 25. September.

* Auf der Strecke JossaBrückenau verkehren vom 15. d. Mts. ab täglich in jeder Richtung zwei Züge, und zwar Jossa ab 10 Uhr 5 Min. Vormittags und 7 Uhr 55 Min. Abends, in Stadt Brückenau an 11 Uhr 5 Min. Vormittags und 8 Uhr 55 Min. Abends, in Stadt Brückenau ab 6 Uhr 25 Min. Vor­mittags und 6 Uhr Abends, in Josfa an 7 Uhr 25 Min. Vormittags und 7 Uhr Abends.

* Aus der Sitzung der Hanauer Strafkammer. Ein Taglöhner von Sterbsritz ist beschuldigt, im Februar