SchlüchternerAitung
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Samstag, den 12. September
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Rußland
macht von Neuem von sich reden, nachdem sich kaum die Aufregung über das Roggenausfuhrverbot gelegt hat. Unerklärlich auf welche Weise, ist es ihm gelungen, den „kranken Mann" in Stambul auf seine Seite zu bekommen. Die Türkei hat nämlich mit Rußland ein Spezialabkommen getroffen über die Durchfahrt russischer Schiffe durch die Dardanellen, jene Meerstraße, welche Rußland von dem ersehnten Mittelmeere trennt, Nach dem Berliner Vertrag, der den letzten russisch-türkischen Krieg schloß, ist es nämlich keiner der Mächte gestattet, Kriegsschiffe durch die Dardanellen laufen zu lassen — für das ausdehnungsbedürftige Rußland allerdings eine unangenehme Beschränkung. Es ist ihm nun gelungen, bei der Pforte durchzusetzen, daß diejenigen seiner Schiffe, welche mit sog. Freiwilligen, Rekruten oder Sträflingen unter militärischer Bedeckung bemannt sind, unbeanstandet passieren können. Welch' ein Spielraum ist damit gegeben! Wer die russische Gewissenhaftigkeit kennt — und dieselbe ist ja zur Genüge aus der Balkanpolitik Rußlands bekannt — wird der englischen St. James Gazette nicht Unrecht geben können, welche das Abkommen dahin auslegt: Russische Kriegsschiffe sollen für die Zukunft Freiwilligenschiffe, ihre Bemannung soll ausgediente Soldaten oder Sträflinge unter militärischer Bedeckung genannt werden. Rußland wird sich diesen Vortheil nicht ungenützt entgehen lassen, auf diesem Wege, der denVertra, allerdings nicht durchbricht, aber umgeht, eine ziemliche Kriegsflotte in's Mittelmeer zu schmuggeln.
Das Auffallendste. bei der ganzen Sache aber ist das Verhalten der Diplomatie. Der „Standard" brächte die Notiz von diesem für alle beim Berliner Vertrag betheiligten Mächte bedenklichen Abkommen. Tagelang in allen offiziellen Kreisen „ist Ruh', keinen Laut Hörest du." Endlich veröffentlicht die Pforte das Abkommen und w'edcr „alles schweigt". Die Regierungen sollten doch, nachdem Bismarck die Völker an die größtmögliche । Offenheit in der Behandlung politischer Dinge gewöhnt hat, von dieser Praxis nicht abgeheu, da sie außerordentlich zur Beruhigung der Bevölkerung beiträgt, welche heute mehr als sonst je die Politik selbstdenkend mitdurchlebt.
Deutsche- Reich.
Berlin. Der Kaiser ist am Montag Abend wohlbehalten in München angekommen und auf das Herzlichste vom Prinzrehenten und den Königlichen Prinzen, welche sämmtlich preußische Uniformen angelegt hatten, auf dem Bahnhöfe empfangen worden. Dienstag Vormittag machte der Kaiser verschiedene Besuche, empfing Gegenbesuche und nahm, da die Truppen wegen des katholischen Feiertages Ruhetag hatten, Sehenswürdigkeiten der Sladt in Augenschein. In Begleitung des Reichskanzlers nahm er an dem in dem auf das Prächtigste geschmückten Rathhause veranstalteten Festfrühstück theil. Bei der Militär-Galatafel brächte der Prinzregent ein Hoch aus auf den Kaiser, als seinen hohen Verbündeten, treuen Freund und willkommenen Gast. Der Kaiser dankte mit einem Hoch auf den Prinzregenten — Für Mittwoch ist die große Parade der bnden bayrischen Armeekorps festgesetzt. An den folgenden Tagen wird der Kaiser den Manövern der beiden Korps gegen einander und gegen einen markirten Feind beiwohnen. — Die Kaiserin hat von der aus den überschießenden Mitteln der Schloßfreiheitslottevie vom Komitee ihr zur Verwendung für kirchliche und wohlthätige Zwecke über- wiesenn Summe von 210 000 Mark bestimmt: 100 000 Mark zum Bau einer Heimstätte für arme verheirathete Wöchnerinnen in Berlin, 100000 Mark für den Bau einer evangelischen Kirche in einer armen Massengemeinde des Ostens von Berlin und 10000 Mark zur Beschaffung der Orgel für die katholische St. Sebastiankirche in Berlin.
Berlin Das ist die Zeit der schweren Noth! In der Swinemünder und Putbuserstraße sind am 7. d. Mts. durch den Gerichtsvollzieher sieben Geschäfte, vier Restaurants und je ein Schlächter-, Bäcker- und Milchladen zwangsweise geschlossen worden, da die Inhaber ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten. Die Geschäfte liegen in den am stärksten bevölkerten Straßen des Arbeiterviertels der Rosenthaler Vorstadt, und die bisherigen Besitzer derselben sind, wie die „V. Ztg." schreibt, als solide und arbeitsame Leute bekannt, die nur
durch die herrschende Arbeitslosigkeit und Noth ruinirt worden sind. Aus den gleichen Gründen hat ein Schank- wirth Sch. in der Odorbergerstraße seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Weiter theilt ein Gerichtsvollzieher mit, daß die in der letzten Woche bei ihm zur Vollstreckung cingegaugenen Räumungsurtheile (Ex- missionsklagen-Urtheile) die in seiner zehnjährigen Praxis noch nicht dagewesene Höhe von 42 Aufträgen erreicht hatten. Zwei von demselben Vollstreckungsbeamten an- beraumte Pfänder-Auktionen, die sonst von den Handelsleuten mit Vorliebe besucht werden, mußten ausfallen, weil sich eben gar keine Kauflustigen eingefunden hatten.
Lüden, 9. September. Die Trichinose in Mühl- raedlitz hat weitere Opfer gefordert. Es sind ein Fabrikant, ein Arzt, eine Wirthin und ein Kantor gestorben.
Aus Schlesien. Auf die Förderung der Obsttaum- zucht seitens der Lehrer wird von den Schulbehörden ein großes Gewicht gelegt. So wird in ein r soeben veröffentlichten Verfügung der Liegnitzer Regierung beklagt, daß nur ein kleiner Theil der Lehrer sich dem Obstbau zugewandt habe und der Unterricht in diesem Fache zwar theoretisch ertheilt werde, zur praktischen Uebung die Kinder ober keine Anleitung erhalten. Die geistlichen Schulinspektoren werden angewiesen, bei den Jahresrevisionen sich auch vom Stande dieses Unterrichts zu überzeugen und'die Anpflanzungen in den Schulgärten in Augenschein zu nehmen. Die Lehrer werden nun zwar wieder über zu viel Arbeit ächzen, doch könnte man ihnen ja den Küsterdienst, wie Läuten, Uhraufziehen rc., abnchmen, was ja schon lange ihr Wunsch ist. Dadurch würde denselben eine Menge Zeit frei werden, die zur Anleitung der Jugend zum Obstbau angewandt werden könnte, — — wenn es nicht etwa der Lehrer vorzieht, zur „freien Entfaltung seiner Kräfte" aufs Botanisieren vulgo Naturbummel und Kegelschielen auszugehen. ,
। Eine böse Ueberraschung wiederfuhr dieser Tage einem Arbeiter in Weißenfels, der zu seinem gesparten Kapital noch weitere 15 Mark auf der Sparkasse hinterlegen wollte und hier zu seinem Schrecken erfuhr, daß der bisher eingelegte Betrag in Höhe von 435 Mark bereits vollständig abgehoben war. Im Verdacht der Unterschlagung steht der eigene Sohn des bedauernswerten Mannes.
Aus dem Kreis Ziegenruck (Thüringen), 8. September. Eine befremdende Meldung geht der „Geraer Zeitung" aus Gesell zu. Dort verweigerten, weil man die öffentliche Feier des Sedanfestes auf Sonntag, den 6. September, verl-gt hatte, zwei Lehrer ihre Mit Wirkung an dem Kinderfest, sodaß Bürger die betreffenden Klassen leiten mußten. Begründet soll die Absage der Lehrer mit Vermeidung der „Sonntagsentheiligung" gewesen sein! — Schau, trau, — wem?!'
Mainz. In der letzten Nacht entstand hier vor einer Wirthschaft in der Liebfrauenstraße ein blutiger Streit zwischen einigen als Händelsucher bekannten Individuen und dem Bierbrauer Sonntag von Weisenau. Der letztere stieß ein langes, feststehendes Messer dem Schreiner Brinkmann in den Leib, so daß diesem die Lunge durchbohrt wurde, und entfloh dann. An der Ecke von Rheinstraße und Mainthorstraße von den Ge noffen des Gestochenen eingeholt, stach der Brauer wüthend um sich, wobei er einem Schiffer Knewch die Nase spaltete und mehrere Stiche beibrachte. Er wurde aber nach verzweifelter Gegenwehr überwältigt, zu Boden geworfen und mit einer Anzahl Messerstiche traktirt.
Aus Straßburg I. E., 8. September, wird dem „D.-B. H." gemeldet: Bei Niederschöffelsheim wurde während des Manövers ein Sergeant des sechsten königlich sächsischen Jnf. - Regts. Nr. 105 erschossen. Bei e nein Soldaten des Jnf.-Regts. Nr. 99 wurden scharfe Patronen gefunden.
Aus der Pfalz, 3. September. In ganz Deidesheim herrscht freudige Aufregung. Es hat sich herausgestellt, daß sämmtliche Steuerzahler irrthümlicher Weise in den letzten Jahren zu viel Steuer gezahlt haben. Die überschüssigen Beträge werden in diesen Tagen den Bürgern capitalisirt wieder eingehändigt. Die höchste Summe, die auf einen Steuerzahler entfällt, beträgt — 3 Pfennige.
Mannheim, 7. September. In dem badischen Orte Oppenau brach in dem Anwesen des verstorbenen Mechanikers Müller Feuer aus, welches auch die Bier
brauerei „Zur Karthans" ergriff. 8 vollständig ein Raub der Flammen. ..... a..
vier Menschenleben in den Flamm,..! ' zwar ein Oberbrauer und drei Säger. Dieserre., wurden als vollständig verkohlte Leichen aus dem Schutt hcrvor- gezogen. Die Entstehungsursache des Brandes ist noch unbekannt. Der Schaden wird als ein sehr bedeutender bezeichnet, da auch ein großer Theil des Viehes der beiden Anwesen dem verheerenden Elemente zum Opfer gefallen ist. ___
Ausland.
China. Ein amtlicher Bericht des französischen Gesandten in Peking meldet, daß bei den letzten Fremdenhetzen in der Provinz Shanghai 9 französische und 5 belgische Mönche, sowie 2 englische Beanite gelobtet wurden. Die Volksmenge trieb Unfug mit den Leichen und schleppte sie durch die Straßen. Wie verlautet, entsendet die französische Regierung noch zwei Kriegsschiffe in die chinesischen Gewässer.
Lokale- und Provinzielle-. * Schlichtern, 11. September.
* — Ernannt wurde der Postassistent Grebe in Elm (Bz. Kassel) zum Postverwalter daselbst, und der Bürgermeister, Hauptmann a. D. Salomon in Schlüchtern zum Amtsanwalt beim Amtsgericht daselbst.
* — Ueber den Ausfall der Ernte wird aus Kassel geschrieben: „Aus allen Theilen des engern Vaterlandes kommen jetzt Nachrichten, daß der Gesammtaus- fall der Ernte ein 4 ei weitem besserer ist, als man auf dem Lande selbst angenommen hat. Die noch in letzter Stunde eingetretene warme Witterung hat noch Vieles gut gemacht, was durch die anhaltende Nässe schon ge*' litten zu haben schien. Ich habe den Saatenstand in der goldenen Aue und in der Schwalmgegend, zwei der fruchtbarsten Striche Deutschlands, gesehen, ebenso aber ^auch in Thüringen, Schwarzburg, Werrathal, Südhannover, Waldeck, Hessen und Westfalen, überall das gleiche, mit Ausnahme des Roggens, nur erfreuliche Bild. Was jetzt über den Ernteertrag aus hiesiger Gegend mitgetheilt wild, das wird auch, des bin ich sicher, im großen Ganzen überall dort eintreffen, d. h. der Körnerertrag des Weizens, Gerste, Hafer rc. wird ein über Erwarten günstiger sein. Der Roggen ist zwar dünn und viel mit Unkraut verwachsen, indessen er gibt hier in Hessen reichlicher, als man gedacht. Es hat zwar auch hier mancher Acker umgepflügt werden müssen, indessen der darauf gesäete Sommerweizen oder andere Sommerfrüchte geben infolge anfänglich feuchter und dann warmen Witterung immer noch recht reichlichen Stroh und Körnerertrag. Insbesondere ist aus hiesiger Gegend zu berichten, daß der Roggen sämmtlich trocken eingefahren und der Körnerertrag gut ist. Der Weizen ist stellenweise schon gemäht, der Hafer schon theilweise eingefallen; beide Fruchtarten fallen sehr gut aus. Selbst mit den Kartoffeln — so sagen jetzt auch die Landwirthe — scheint es hier besser zu werden, als man anfänglich dachte. In den höheren Lagen gibt es durchweg sehr gute Kartoffeln — und ebenso auch andere Früchte — nur in den Niederungen haben die Kartoffeln fast durchgängig gelitten. Jedenfalls e^-tz>ot sich aus allen thatsächlichen Berichten jetzt mit Sich _ rheit, daß der Gesammtertrag der Ernte hier zu £ar ein viel besserer ist, als man glaubte annehmen zu dürfen.
* — Jetzt, wo viele Kinder Obstdiebstähle aus -ühren, sei darauf aufmerksam gemacht, daß auch die Eltern und Vormünder der Kinder mit Gelbst! afe bis zu 150 Mk. bestraft werden können, wenn sie die Kinder .Oon der Begehung derartiger Dicbstähle abzuhalten unter! äffen.
* — Die nicht Übungspflichtigen Ersatzreservststen, welche im Jahre 1886 der Ersatzreserve überw ^sen worden sind, haben ihre Ersatzreserve-Pässe bis spätestens 20. September an das Haupt-Meldeamt einzusenl?en, widrigenfalls ihre Ueberführung zum Landstürme k. Aufgebots am 1. Oktober d. I. nicht erfolgen wird.
* — Wie wir aus der heutigen Fuidaer Zeitung Nr. 208 ersehen, so hat der Hauptausschuß des Hess. Volksschullehrer Vereins unter Berufung auf das Preß- gesetz eine „Berichtigung" an obiges Blatt erlassen, die sich auf eine Mittheilung bezieht, welche auch wir nach dem Vorgang der meisten Zeitungen der Provinz in Nr. 68 brachten. Die „Berichtigung" hat folgenden Wortlaut:
„Die in Nr. 192 der „Fuldaer Zeitung" bezüglich