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Mittwoch, den 9. September
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M 72.
1891.
Wider den Trunk.
Zur Heilung des Uebels. Weil in der menschlichen Natur ein so starker Hang zu Reizen liegt, daß völlige Unterdrückung derselben bei der großen Masse keine Aussicht hat, muß darnach gestrebt werden, das vor allen gefährlichste und in seinen Folgen verderblichste Genußmittel durch andere zu verdrängen, welche dem Mißbrauch in geringerem Grade und mit minderer Gefahr ausgesetzt sind. Der Arbeiter bedarf bei seiner Arbeit ein erfiischendes und anregendes Getränk, er be darf nach der Arbeit eine Stärkung und Eiholung. Wenn man ihm den Schnaps nimmt, so ist man auch verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß ihm ein Ersatz für denselben geboten werde. Als ein solcher Ersatz empfehlen sich zunächst leichtes Bier und Apfelwein. Schon um den ärmeren Leuten am Apfelwein gutes Getränk zu verschaffen, wäre der Obstbau mehr zu fördern, die Bierbereitung aber müßte der sorgfältigen Kontrolle des Staates unterliegen, damit das Panschen verhindert würde.
Einen noch weit vortheilhafteren und unschädlicheren Ersatz für Schnaps stellen Kaffee und Thee. Diese Getränke regen das Nervensystem in angenehmer Weise an, erhöhen die Arbeitslust und Arbeitsk aft, und zwar ohne die Erschlaffung, welche nach Alkoholgenuß eintritt.
Dem Genusse von Kaffee und Thee ist in den unteren Ständen die größte Verbreitung zu verschaffen durch thunlichste Erniedrigung der Zölle und Steuern auf diese Genußmitt l, sowie durch Errichtung von sogenannten Kaffeeschänken. Das Institut der Volkskaffee- Häuser, welches sich in England, Holland und der Schweiz als Ablenkungsmittel trefflich bewährt, auch in geschäftlicher Beziehung, ist» in Deutschland immer noch zu wenig ausgebildet.
Von höchstem Werthe aber sind noch andere Ablenkungsmittel, denn daß mit alkohollosen oder nur leichteren Getränken allein der Branntwein überall aus dem Felde zu schlagen wäre, steht nicht zu hoffen. Nicht immer ist es der Hang zur Liederlichkeit und Unmäßigkeit, welcher den Arbeiter in das Wirthshaus führt, sondern in der Regel zunächst das natürliche und berechtigte Bedürfniß nach Geselligkeit, Erholung und Anregung nach vollbrachter Arbeit. Dieses menschlichste aller Bedürfnisse suche man zu befriedigen, ohne den Arbeiter zum Genuß von Schnaps und anderen schädlichen Getränken zu nöthigen, indem man Erholungsstätten einrichtet, in welchen neben harmlosen leiblichen Erfrischungen auch für gute gesellige Unterhaltung und geistige Anregung gesorgt ist.
Von großem Vortheile für die Mäßigkeitssache, die ganze Lebenshaltung der Arbeiter und für die Sonntagsruhe wäre es, wenn die Arbeitgeber die Einrichtung träfen, den Lohn nicht an einem Sonnabend, sondern an einem anderen Wochentage zu zahlen. Der arbeitsfreie Sonntag würde dann weit minder den Kneipen und weit mehr dem Naturgenuß zu Gute kommen.
Mit Nachdruck muß gegen den vielverbreiteten Brauch angekämpft werden, nach welchem den Knechten und Mägden, den Waschfrauen, den im Hause arbeitenden Handwerkern rc. regelmäßig und schon am frühen Morgen Schnaps verabreicht oder den Landbriefträgern, Kutschern, Voten durch Darbietung der üblichen Schnäpse eine vermeintliche Wvhlthat erwiesen wird, die erfahrungsgemäß schon viele Menschen wider ihren Willen zu Säufern gemacht hat.
Nicht in die unterste Reihe der Trunkfeinde, sondern eher obenan gehören die Sparkassen. Wohin fließen denn vorzugsweise Kupfer-, Nickel- und Silbermünzen der ärmeren Klasse, die zurückgelegt werden könnten? Etwa in die Unterstützungskassen, oder werden sie für wirkliche Nahrungsmittel verwendet? — Nein! die der Kinder werden nicht selten für Schnuckereien verausgabt, die der Erwachsenen wandern in die Kneipen. Der Sinn für Sparsamkeit ist daher im Volke und schon bei der Jugend zu wecken.
Alles, was zur Besserung der Sitten, zur Beförderung von Bildung und Wissen beiträgt, wirkt auch auf Verminderung der Trunksucht. Darum sind Jünglingsvereine, Fortbildungsschulen u. a. willkommene Bundesgenossen im Kampf gegen die Unmäßigkeit.
Alle Maßregeln, durch welche der Hang zum Müßiggang unterdrückt, die Bettelei bekämpft wird, bekämpfen auch zugleich die Trunksucht. Verpflegungsstationen, Herbergen zur Hermath, Arbeitsnachweisstellen und ähn
lichen Einrichtungen ist darum auf's Angelegentlichste das Wort zu reden. Es ist ja eine bekannte Thatsache, daß ein großer Theil des erbettelten Geldes in Schnaps wieder vertrunken wird. In Osnabrück z. B. verzehrten 5500 durchreisende Handwerksburschen in einer einzigen Spelunke in einem Jahre für 10,000 M. Schnaps.
Alles endlich, was dem kleinen Mann den häuslichen Herd behaglich, die Schnapsschänke entbehrlich macht, hilft die Völlerei einschränken. Dahin gehört die Sorge für eine bessere Wohnung des Arbeiters, die Beschaffung billiger Nahrungsmittel und Brennmaterialien, die bessere Erziehung des weiblichen Geschlechts zu häuslicher Tüchtigkeit, Anleitung zu richtiger Bereitung der Speisen, Belehrung über verständige Einrichtung der Wohnung. Kleidung rc. Ein Körnlein Wahrheit liegt in dem sehr materialistisch klingenden Wort: „Der Weg zum Herzen des Mannes geht durch den Magen." Das Glück des Hauses hängt nicht zum wenigsten davon ab, ob die Frau den Haushalt ordentlich zu führen versteht.
Deutsches Reich.
Berlin. Kaiser Wilhelm hat am Freitag den österreichischen Manövern bei Edelbach beigewohnt. Der Kaiser wandte dem Gange des Manövers das regste Interesse zu, während der Kaiser Franz Joseph unablässig Aufklärungen ertheilte. Der Kaiser kehrte mit dem König von Sachsen Mittags 12 '/s Uhr nach Schwarzenau zurück, Kaiser Franz Joseph eine Stunde später. Nachmittags stattete der Kaiser mit dem König von Sachsen dem Erzherzoge Carl Ludwig in Windigsteig einen Besuch ab. Abends 6 '/a Uhr fand ein Diner statt. Das Befinden des Kaisers, der 3'/- Stunden ohne Unterbrechung zu Pferde saß, ist das allervorzüg- lichste. Der Kaiser führt, wenn er preußische Truppen besichtigt, die preußische purpurne Königsflagge, bei Besichtigung nicht-preußischer Theile der Armee die goldfarbige Kaiserflagge, Das Letztere wird aber bei den Manövern in Bayern nicht der Fall sein. Der Kaiser betrachtet sich bei diesen lediglich als Gast des Prinz- Regenten Luitpold, welcher bekanntlich die bayrische Königsflagge führt.
* — Das „Reichsgesetzblatt" veröffentlicht eine Verordnung, wonach das Verbot der Einfuhr von Schweinen, Schweinefleisch und Würsten amerikanischen Ursprungs, für lebende Schweine, sowie für solche Erzeugnisse außer Kraft tritt, welche mit amtlicher Bescheinigung darüber versehen sind, daß das Fleisch im Ursprungslande nach Maßgabe der daselbst geltenden Vorschriften untersucht und frei von gesundheitsschädlichen Eigenschaften befunden worden ist. Der Reichskanzler ist ermächtigt, Anordnungen zur Controle zu treffen. Die Verordnung tritt vom Tage der Verkündung an in Kraft.
— Der Höhepunkt des „Nothstandes" ist, wie die Münchener „Allgemeine Zeitung" sehr richtig bemerkt, jetzt offenbar erreicht und eine Besserung läßt sich in kürzester Frist erwarten. Die Preise für Roggen sowohl als Weizen sind bereits im Rückgang begriffen; massenhafte, kann: zu bewältigende Zufuhren sind in jüngster Zeit eingetroffen; die deutsche Ernte ist fast eingebracht, und wenn sie auch keineswegs glänzend ist, so hat sie doch im Allgemeinen die schlimmen Befürchtungen nicht gerechtfertigt Die Haltung der Regierung in dieser ganzen Angelegenheit ist durch die Ereignisse durchaus gerechtfertigt worden. Keine der Voraussetzungen, unter denen sie eine Suspension der Getreidezölle abgelehnt hatte, hat sich als unrichtig erwiesen. Ueber eine Ermäßigung der Getreidezölle wird demnächst im Zusammenhang mit den Handelsverträgen die Rede sein. Ueb- rigens werden die Vorgänge der jüngsten Zeit aller Voraussicht nach von bedeutsamen Folgen für die Art der Versorgung des Weltmarktes und insbesondere auch des deutschen Marktes mit Brodfrucht sein. Nicht nur die politischen Verhältnisse in Rußland, sondern auch die in den jüngsten Ereignissen zu Tage getretene starke wirthschaftliche Zerrüttung, Unsicherheit und Unzuver- lässigkeit dieses Landes müssen mehr und mehr dazu nöthigen, die große Rolle, die Rußland bei der Versorgung des europäischen Westens mit Getreide bisher gespielt, einzuschrünken und andere kornreiche Länder in erhöhtem Maße heranzuziehen Es fehlt bereits nicht an Anzeichen, daß eine solche Umwandlung sich zu vollziehen beginnt.
— Zu den Schienenstempel-Fälschungen wird dem
B. T. geschrieben: An demselben Tage, an welchem Herr Fusangel seine Gefängnißstrafe in Duisburg on« tritt, erscheint in einem ostfriesischen Blatt, der „Ems- Zeitung" in Papenburg, ein sensationeller, die Aufmerksamkeit von Neuem auf die Baare'sche Angelegenheit lenkender Artikel, der folgende überraschende Enthüllungen zu Tage fördert. Im Laufe des Monats August liefen einige Waggons aus Bochum bezogener Schienen in Aschendorf ein. Auf der Strecke von dort nach Cluse sollten 1300 Meter Schienen neu gelegt werden. Nach Aschendorf kamen 300 Stück Schienen. Von diesen 300 erwiesen sich bei der Prüfung, welche am 20. August der Vorsteher der Emdener Bauinspektion, Regierungs- Baumeister B-, vornahm, 72, schreibe zwei und siebzig Stück, also etwa der vierte Theil, als defekt. Einige wiesen Rillen, andere Risse bis zu 35 Zentimeter Län„e auf. Die Risse waren ausgekittet und darauf die schadhaften Stellen mit einer der Naturfarbe der Schienen ähnelnden Theermasse überstrichen. Sämmtliche Schienen, auch die schadhaften, tragen an den beiden Kopfenden den Abnahmestempel K. rrh. (Köln rechtsrheinisch), sowie den Firmenstempel W. St. mit dem Vermerk Bochum 1890. 17 der am meisten schadhaften Schienen sind neben der Strecke bei der Wärlerbude Nr. 226 oufge- stapelt. An eine Verwendung der Schienen konnte natürlich nicht gedacht werden, und die Umlegungs- arbeiten wurden in Folge dessen bis auf Weiteres eingestellt.
Aus Königsberg wird berichtet: Der Werth der in den letzten 14 Tagen hier angekommenen und zum größten Theil auch angekauften Getreidemengen wird auf mindestens 20 Millionen Mark geschätzt.
Aus Ostpreußen. Verschiedene Kreisblätter des Bezirks brachten in den letzten Tagen folgende landräthliche Veranntmachung: „Wider einen im hiesigen Regierungsbezirk stationierten Gendarm war bei dem Königl. Kommando der 1. Gendarmerie-Brigade wegen Verübung von (hier sind die angeblichen Vergehen aufgeführt) denunziert worden. Nachdem die eingestellten Ermittelungen die völlige Grundlosigkeit der Denunziation ergeben haben, sind die bei letzterer behelligten drei Personen und zwar diejenige Person, welche die Denunziation angebracht, eine zweite Person, welche die erstere dazu verleitet, uud eine dritte Person, welche die Denunziation verfaßt hat, durch vollstreckbares gerichtliches Urtheil je mit einer Gefängnißstrafe von 1 Jahr und 6^.Monaten, sowie Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 2 Jahren bestraft worden. Gleichzeitig ist dem betreffenden Gendarm die Befugniß zugesprochen, die Bestrafung der Angeklagten durch Einrückung der Urtheilsformel in das Kreisblatt aus Kosten derselben bekannt zu machen. „Mit Rücksicht auf die vielfachen Denunziationen gegen Gendarmen, welche sich häufig als vollständig gegenstandslos, bezw. wissentlich falsch angebracht erweisen, bringe ich zur Abschreckung vor dergleichen Denunziationen, bei welchen in der Regel, auch wie es vorliegend der Fall, Winkelkonsulenten eine Rolle spielen, die stattgehabten Strafen zur öffentlichen Kenntniß, und veranlasse die Gemeindevorsteher, diese Verfügung ortsüblich bekannt zu machen.
Emben, 2. September. Eine segensreiche Einrichtung aus alter Zeit hat die Stadt Emden. Es ist dies der sogenannte „Vorrath", von welchem Arme noch jetzt zu billigeren Preisen Korn und andere Lebensmittel sich erwerben können. Die Stiftung wurde begründet im Jahre 1557, in welchem ein ungewöhnlich hoher Kornpreis die Armen schwer drückte. Auf Beschluß mehrerer wohlmeinender Bürger wurde damals mit Genehmigung der Gräfin Anna durch städtische Kollekte eine.Summe Geldes zusammengebracht und Korn angeschafft. Sechs „ehrbare und fromme" Bürger wurden ausgcsondert, die Stiftung zu verwalten; sie hatten auch besoude.s dafür zu sorgen, daß wenigstens 10 Last Roggen vorhanden wären. Im Fall eines plötzlichen Sinkens der Kornpreise wurde der Vorrath für einen gewissen Preis an die Emdener Bäcker verkauft, später aber wieder erneuert. Natürlich war diese Einrichtung in der Zeit der mangelhaften Verkehrsmittel von besonders großem Werthe für die Armen, ist aber auch später in bedrängter Zeit sehr von Nutzen gewesen. Die Einrichtung besteht, wie gesagt, noch heute, doch ist an den früheren Bestimmungen mit der Zeit manches geändert worden.
Essen, 4. September. Ein furchtbarer Orkan hat gestern Nacht die Gemeinde Alteudo f und insbesondere die Kruppsche Arbeiterkolonie Kroneuberg heimgesucht.