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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. tQQuflrirtem Familiensreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Jf 7L Samstag, den 5. September 1891.

Die Vorgänge in Chile.

Am Donnerstag ist vor den Thoren Valparaisos die große Entscheidungsschlacht geschlagen worden, durch welche die Macht Balmaceda's gebrochen und seine Armee definitiv vernichtet worden ist. Die Krongressisten haben von Valparaiso und, wie die neuesten Telegramme melden, auch von der Hauptstadt Santiago Besitz er­griffen. Damit ist hoffentlich nicht nur der endgültige Sieg der Kongressisten gesichert, sondern auch das Ende des Bürgerkrieges in die Nähe gerückt. Ueber den Verlauf des Entscheidungskampfes wird demNewyyrk Herald" aus Valparaiso gemeldet:

Bei Tagesanbruch griffen die Negierungstruppen die Krongressisten an, die aus starken Verschanzungen ein vernichtendes Feuer auf die Sturmkolonne eröffneten, die trotzdem unerschüttert vordrang. Der Kampf wurde alsdann ein allgemeiner, wobei die Truppen Balmaceda's zurückwichen. Durch die verzweifelten Bemühungen der Offiziere gelang es, die weichenden Truppen wieder zum Stehen zu bringen und aufs neue gegen den Feind zu führen. Hierbei wurde General Barboza getötet. Die Regierungstrupper gerieten dadurch einen Augen- blick ins Schwanken, drangen dann aber wieder vor. Im Fortgang des Kampfes wurde General Alzerreca todtlich verwundet und er starb auf dem Transport binnen einer Stunde. Nunmehr befahl General Eanto einen allgemeinen Angriff. Die Kongreßtruppen ver- / ließen ihre Verschauzungen und eröffneten ein mörderisches Feuer auf die Truppen Balmaceda's, welche ohneFübrer sich nicht wieder sammeln konnten. Der Rückzug artete daher in eine vollständige Deroute aus. Die Kavallerie leistete vorübergehend Widerstand, wurde aber alsbald vernichtet. Ganze Regimenter, namentlich solche, die aus gewaltsam eingestellten Soldaten gebildet waren, gingen mitten im Feuer zum Sieger über. Fast alle Offiziere Dorr Stäbe Balmaceda's sind getötet oder verwundet. Zur Vermeidung eines Blutbades durch ein gewaltsames Eindringen der Kongreßtruppen in die Stadt wurde die freiwillige Uebergabe von Valparaiso angeboten und von den Führern der Kongreßtruppen acceptiert. Kurz nach Mittag zogen letzere in die Stadt ein und wurden mit den Rufen:Es lebe Chile!" Es lebe Eanto !" empfangen.

Mag der Erfolg der Kongressisten nun durch eine Ueberrumpelung der Regierungstruppen oder durch den Uebergang eines Theils der letzteren zu den Gegnern herbeigeführt worden sein, jedenfalls hat sich die Kon­greßpartei in ihrer Strategie wie in ihrer Diplomatie der Regierung des Herrn Balmaceda weit überlegen ge­zeigt, welch' letzerer eigentlich nur im Lügen Großes geleistet hat. Der Sieg der Kongreßtruppen ist um so höher anzuschlagen, als diese gegen eine bedeutende Uebermacht (8000 gegen 20 000 Mann) gesümpft und so geschickt und schonend operiert haben, daß ein Bom­bardement der Stadt Valparaiso vermieden worden ist. Die in Chile ansässigen Fremden sind mit dem Aus- gang des Kampfes sehr zufrieden, da Balmaceda eine Willkürherrschast im schlimmsten Sinn des Wortes aus- 2 geübt und sich auf die schlechtesten Elemente des Landes gestützt hat. Vorläufig weiß man nicht, wohin sich Balmaceda gewendet hat; man nimmt an, daß er nach > Argentinien geflüchtet ist. Der neugewühlte Präsident Claudis Vicuna und viele andere Anhänger Balmacedas' haben sich an Bord fremder Kriegsschiffe in Sicherheit gebracht.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. September. Nächsten Montag wird sich der Kaiser nach München und von dort aus am Freitag nach Kassel begeben.

Offiziös wird verbreitet, daß sich die ehemals reichsunmittelbaren Familien, welche bis jetzt noch sich des Vorrechts erfreuen, keine direkten Steuern zu zahlen, zu einem freiwilligen Verzichte auf ihr Privilegium nicht haben bereit finden lassen. Dies war nicht anders zu t erwarten.

* Die Bestimmung, nach welcher den Unteroffizieren der Armee nach zurückgelegter zwölfjähriger Dienstzeit eine Dienstprämie von 1000 Mark gezahlt wird, findet, derSchles. Ztg." zufolge, auf Mitglieder der Land- geudarmerie keine Anwendung.

Ein Zug der Wandsbecker Husaren ist auf Befehl des Kaisers jetzt mit einem neuen Kavallerie-Säbel be­waffnet worden. Die Säbel haben die Länge der

Faschinenmesser der deutschen Fuß-Artilleristen, sind aber um ein Bedeutendes leichter. Die Scheide ist nicht aus Leder, sondern aus Hartgummi angefirtigt; die Klinge ist vorn sehr spitz und soll die neue Handwaffe nicht mehr wie früher als Hieb-, sondern als Stoßwaffe dienen, Der Säbel wird nicht am Körper des Husaren, sondern an dem Sattel befestigt.

Braunschweig, 28. August. Eine empfindliche, aber gerechte Strafe verhängte die Strafkammer über den Fleischermeister Ritsch von hier. Derselbe hatte Fleisch von einer im hohen Grade tuberkulösen Kuh veikauft. Das Urtheil lautete auf ein Jahr Gefängniß und drei Jahre Ehrverlust.

Freiherr von Stumm in Neunkirchen hat seiner Arbeiterschaft eine erneute Theuerungszulage bewilligt. Vom 1. September ab erhalten bis auf Weiteres die Meister und Arbeiter über 24 Jahre eine Zulage von monatlich 8 Mark, die Arbeiter zwischen 19 und 24 Jahren monatlich 6 Mark, alle jüngeren Arbeiter 4 Mark. Den letzeren Satz, also monatlich 4 Mark, erhalten vom 1. September ab auch alle Invaliden und Wittwen, die aus der Nennkircher Knappschaftskasse Pension beziehen, als Theuerungszulaqe.

Trier, 30. Aug. Die Trierischen Gewerbetreibenden setzen alle Hebel in Bewegung, um das klägliche materielle Ergebniß, welches die Wallfahrt zum heiligen Rocke bislang für sie hatte, günstiger zu gestalten. Es ist eine Thatsache, daß die Gastwirthe sowohl, wie die übrigen Geschäftsleute unserer Stadt gegenwärtig weniger zu thun haben, als in anderen Jahren um dieselbe Zeit. Unter der Bürgerschaft herrscht eine trostlose Stimmung, und alle Welt steht unter dem Eindruck eines herannahenden Kraches. Um dies zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß sicherlich drei Viertel der Trierischen Bürger unter Inanspruchnahme großen Kredites für die Wallfahrtszeit irgend ein Ge­schäft errichtet haben, sei es eine Gastwirthschaft, eine Devotionalienhandlung oder etwas dergleichen. Mit auswärtigen Lieferanten bis nach Italien hat man Ver­träge für die Lieferung von Lebensmitteln, wie Eier, Gemüse rc., abgeschlossen. Von zum Theil wenig be­mittelten Privatleuten sind insgesammt mehrere Tausend neue Betten gekauft worden, die leerstehenden Wohnungen wurden gemiethet und ausmöblirt, Unsummen in diesen Spekulationen fest^clegt. Nun stellt sich heraus, daß alle Hoffnungen auf Erwerb für die Wallfahrtszeit irrig waren! Die große Mehrzahl der improvisirten Wirthe hat bislang buchstäblich noch nicht soviel ein­genommen, als der Lohn d s angestellten Dienstpersonals beträgt; die vielfach neu hergestellten und erweiterten Läden stehen leer, kein Mensch kauft all die Bilder, Medaillen, Tabakspfeifen, Uhrbommelu, Shlipsnadeln mit dem heiligen Rock. Die Trierer schieben das Un­glück auf das, was sie diegeistliche Konkurrenz" nennen. Die Herren Pfarrer haben unter Mitwirkung des bekannten Kaplans Dasbach ihre Pfarrkinder bereits vor Antritt der Wallfahrt nach Trier mit Allem ver­sehen, was dazu nöthig und nützlich ist. Die Pilger besitzen bei ihrer Ankunft bereits ihre Broschüren über den heiligen Rock, ihre Rosenkränze und Kruzifixe, welche durch Anrührung an die Reliquie geheiligct werden sollen, und andere Erinnerungszeichen an die Wallfahrt. Am Abend fahren die Pilger mit ihren Sonderzügen wieder heim. Nur wenige bleiben hier, und diese finden, gegen gute Bezahlung natürlich, Unterkunft in den ver­schiedenen Klöstern und geistlichen Anstalten unserer Stadt. Die allgemeine Erbitterung über diese geistliche Konkurrenz machte sich in einer Versammlung Trierischer Wirthe am Freitag so kräftig Luft, daß die Versamm­lung polizeilich aufgelöst werden mußte. Den größten materiellen Vortheil dürfte der Rock dem heiligen Vater bringen. Für diesen sind im Dom 2 Opferkästen aus­gestellt, einer, bevor man zu der Reliquie gelangt, der andere, wenn man von ihr weggeht. Kein Pilger schreitet an diesen Opferkästen vorüber, ohneder Noth des heiligen Vaters" zu gedenken. Sehr gute Geschäfte machen bei unerfahrenen Pilgern die zahlreichen Taschen­diebe und Gauner, welche aus aller Herren Länder in Trier zusammengeströmt sind. Bereits hat man einige Dutzend dieser Herren Langfinger hinter Schloß und Riegel gebracht, aber natürlich nur die ungeschickten, während deren gewandtere Kollegen ihr Geschäft erfolg­reich fortsetzen. Mit der Skrupellosigkeit, welche die Diebe aller Bekenntnisse auszeichnet, haben sie gerade

den Dom zum Operal ^sfeld genommen und leeren den Pilgern die Taschen, wenn die andächtigen Wallfahrer ganz und gar in die Anschauung des heiligen Rockes ver­sunken sind. Die Ausstellung desheiligen" Rockes hat noch ein andere» Stück Mittelalter, das man verschollen und vergessen wähnte, wieder ans Tageslicht gezogen den geistlichen Ritterorden der Malteser. Die 24 Ritter, die sich den überraschten Gläubigen als Ehren- geleite der Reliquie Präsentiren, haben sogar weit größere Bewunderung erregt, als derheilige" Rock selber. EuÄmmig ist man hier der Meinung, daß ihre Trach. weit schöner sei, als die unserer Offiziere. Man erimte sich, daß die alten Malteser-Ritter über der Rüstung einen rothen Mantel mit weißem Kreuze trugen. Heute trugen die Herren Ritter rothe Fracks mit weißen Beinkleidern und Napoleonhüten, das letztere Kleidungsstück wohl zur Erinnerung daran, daß es Napoleon I. war, der dem politischen Dasein des Malteserordens im Jahre 1798 ein Ende machte. Seit dieser Zeit dient der Orden nur noch dekorativen Zwecken. Er zerfällt in eine Provinz italienischer und eine solche deutscher Zunge. Die deutsche Provinz zer­fällt wieder in fünfGenossenschaften der Ehrenritter", deren eine Rheinland und Westfalen umgreift. Diese Genossenschaft ist es, die 24 Ritter nach Trier entsendet hat. Es befinden sich unter denselben die ultramontanen Parlamentarier von Schorlemer-Alst, v. Heereman und Graf Hompesch. Um Malteser werden zu könuen, muß man 16 ritterbürtige Ahnen nachweisen können, 8 von väterlicher und 8 von mütterlicher Seite.

Aus Bayern. In Münchsmünster fuhr am Donners­tag eine Anzahl Landleutc auf einem Leiterwagen zum Mähen, aus dem sie auch ihre Sensen untergebracht hatten. Als sie unterwegs durch einen Wald kamen, beugte sich einer der Insassen des Wagens nach rück- .ts, um dcu herein!) äugenden Zweigen auszuweichen. Hierbei Wirrt ihm eine hinter ihm befindliche Sense den Hals gänzlich durch. Der schwer Verletzte verschied alsbald.

Memel, 30. August. Im Jbenhorster Forst wird bekanntlich noch das im übrigen Deutschland ausge­storbene Elchwild gehegt. Gegenwärtig zählt der Be­stand etwa 10 Stück. Der Jbenhorster Forst mit seinen 2000 Morgen Hochwald, 6000 Morgen Torf­mooren und über 40 000 Morgen Erlenbruch, worauf sich eine üppige Flora entwickelt, bietet den Elchen alle Bedingungen zu einem behaglichen Dasein. Im Früh­jahre ichwimmen die Thiere nach dem den Mündungs­armen des Skirwithstromes vorgelagerten Werder hinüber, welches mit Gebüsch und Sumpfpflanzen aller Art reich bestanden ist. Im Spätherbst werden sie nach dem Hochwald zurückgetrieben. Während des Frühjahrshoch- wasfers kommen mitunter manche, die nach den nörd­licher gelegenen Hochmooren zu entfliehen suchen, um. So verendeten auch in diesem Frühjahr bei Pokallua und Kuvertshof 3 der Thiere. Trotz der sorgfältigsten Pflege der Elche vermehrt sich der Wildstand nicht er­heblich, da von 40 Mutterthieren durchschnittlich nicht mehr als 12 Kälber gebracht werden. Es soll das be­sonders an der Inzucht liegen, die dort thatsächlich besteht. Dem allmählichen Aussterben des Wildes wird man wohl dann am erfolgreichsten entgegentreten können, wenn man dem gegenwärtigen Stande aus Rußland oder Schweden neues Blut zuführt. Irren wir nicht, so ist bereits vor einigen Jahren ein Anfang damit gemacht worden.

Ausland.

Rußland. Eine deutsche Familie, die vor Kurzem aus Petersburg zurückgekehrt ist, schildert uns die Nahrung der Russen als ziemlich unabhängig vom Ge­treidebau, insbesondere vom Roggen. Der Russe hat das Fleisch billiger als das Brod. Ein Pfund Schweine­fleisch kostet 1 bis 2 Kopeken, also noch nicht 10 Pfg., ein Hase 50 Pf., ein Rind ist für 8 bis 10 Rubel zu haben. Das gilt für das Innere von Rußland, nament­lich um Moskau. Nach Westen hin steigen die Preise. Hier haben die Juden das ganze Handelsgeschäft in den Händen und werden reich dabei. Der Bauer verkauft sein Korn meist schon vor der Ernte an den Händler, der ihm das ganze Jahr vorher schon darauf geliehen hat. Eine Hunge-snoth ist schon deswegen unmöglich, weil jedes Dorf einen bestimmten Porrath an Getreide aufweisen muß, was freilich mit Trinkgeldern abgewandt