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WichtmlerMum

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. .Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Jf 68. Mittwoch, den 26. August 1891.

Zufall oder Absicht's

DieRheinisch Westfälische Zeitung" unterzieht zwei Maßregeln der russischen und französischen Regierung einer Betrachtung, die scheinbar in keinem direkten Zu­sammenhang stehen, die aber in ihrem Zusammenhang geeignet und vielleicht auch darauf berechnet sind, über Deutschland Verlegenheiten heraufzubeschwören. Rußland hat sein Getreideausfuhrverbot erlassen, angeblich weil eine Mißernte im russischen Reich bevorsteht, vermuthlich aber aus dem politischen Grund, um dem Deutschen Reich, welches ungeheure Mengen russischen Getreides konsumiert, diese Zufuhr zu entziehen. Frankreich hat seine Getreide­zölle fast zu gleicher Zeit suspendiert. Der internationale Getreidehandel hat infolge dessen ein ganz wesentliches Interesse daran, jetzt alle verfügbaren Getreidemengen nach Frankreich hineinzuschaffen, um dort beim Wiederein­tritt der Zollerhebung große Lager zollfrei eingeführten Getreides zu haben. Dadurch wird ein großer Teil des Imports ausländischen Getreides nach Deutschland selbst­verständlich abgelenkt; es wird sich also in Rußland durch das Ausfuhrverbot, in Frankreich durch Aufhebung der Getreidezölle ein großer Theil des auf dem Weltmarkt vorhandenen Getreides aufspeichern und Deutschland wird in Gefahr kommen, von Getreide entblößt zu werden. Beide Maßregeln greifen so unheimlich ineinander, daß es schwer ist, an einen Zufall zu glauben, daß vielmehr ein sehr raffiniert ersonnenes politisches Manöver vorzuliegen scheint.

Wider der» Trun?»

Zur Heilung des Uebels. Die staatlichen Mittel gegen die Trunksucht bilden, in ihrer Vereinigung ernst­lich angewandt, eine scharfe Waffe gegen die Ueberhand- nahme der Unmäßigkeit. Ihre Erfolge aber werde» um so rascher eintreten und um so gesicherter sein, je mehr der Staat von dem einsichtsvollen und gutgesinnter Theile der Gesellschaft unterstützt wird. Das führt uns zur Besprechung der sozialen Mittel gegen die Trunksucht.

Wir erwähnen zuerst die Vereinsthätigkeit. Bei uns in Deutschland entstand schon in den 30er und 40er Jahren auf Anregung des hochsinnigen Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. eine Mäßigkeitsbewegung, welche rasch bedeutenden Umfang annahm und die erfreulichste Wirkung auf Abnahme der Trunksucht zur Folge hatte, allein die Stürme der Revolutionsjahre zerstörten das angefangene Werk fast vollständig und die große Be­wegung ist bis auf einige kleine Vereine zusammen­geschrumpft. Ein Grund für ihren Rückgang und ihre beschränkten Erfolge muß auch in dem Wesen der Mäßig­keitsvereine selbst gesucht werden. Dieselben bezwecken nämlich eine Verminderung der Trunksucht durch Ver­pflichtung ihrer Mitglieder zur völligen Enthaltung vom Genuß spirituöser Getränke. So wünschenswerth die gänzliche Beseitigung der alkoholischen Getränke auch erscheinen mag, so aussichtslos ist ein derartiges Be­streben bei der gegenwärtigen Gestaltung unserer sozialen Verhältnisse. Eine auf völlige Enthaltsamkeit gerichtete Vereinsthätigkeit wird in unserem Volke nie Boden ge­winnen. Gleichwohl erscheint für Einzelne bedingungs­lose Enthaltsamkeit als einziges Mittel der Rettung durchaus nothwendig und sollten sich dieselbe zum un­verbrüchlichen Gesetz machen

1) die einmal von den Fesseln der Trunkleidenschaft befreiten früheren Trinker;

2) Alle, die einen Hang zur Unmäßigkeit an sich wahrnehmen, ganz besonders Sprößlinge von dem Trunk ergebenen Vorfahren. Dies kann ihnen gar nicht dringend genug an's Herz gelegt werden, denn lediglich so vermögen sie von den ausgestreckten Klauen ihres Dämons sich freizuhallen;

3) wer, sei es auch nur einmal, an sich erfahren hat, daß er bei leiser Ueberschreitung des ge­wohnten Genusses leidenschaftlich, streitsüchtig, un­zurechnungsfähig wird. Oft sind dann schon von gutartigen Menschen blutige Gewaltthaten und Brutalitäten begangen worden, bei ehrlichen, ge­wissenhaften plötzlich Diebsgelüste erwacht, nament­lich stammen häusig Vergehen und Berbrechen gegen die Sittlichkeit aus dieser Quelle.

Erheblichere und dauerndere Erfolge als die der Mäßigkeitsgesellschaften sind von denjenigen Vereinen zu erwarten, welche, ohne volle Enthaltsamkeit zu fordern, dem Einzelnen das Maßhalten zur sittlichen Pflicht machen und die Bekämpfung der Trunksucht anstreben, theils durch Herbeiführung gesetzlicher Maßregeln gegen

dieselbe, theils, und hauptsächlich durch Bekämpfung und Beseitigung der Ursachen. Ein solcher Verein ist der im Jahre 1883 in Kassel gegründeteDeutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke", welchem Männer aus allen Berufsklasfen, darunter die ange­sehensten Namen der Nation, Männer der verschiedensten Pärteistellung und religiösen Richtung sich angeschlossen haben, um mit vereinten Kräften dem Mißbrauch der geistigen Getränke und insbesondere des Schnapses mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu steuern, und zwar eben'owohl in aufklärender und vorbeugender Weise, wie im Kampfe gegen das zu Tage getretene Uebel. Schon haben sich zahlreiche Zweigvereine über ganz Deutsch­land verbreitet und Dank der besonnenen Umsicht und umfassenden Gründlichkeit, womit ihre Thätigkeit bereits eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet, theils durch Ein­wirkung auf die Organe der Gesetzgebung und Ver­waltung, theils durch Vorträge, Schriftenvertheilung, Besprechung in der Presse rc., theils endlich durch öffent­liche Wohlfahrtseinrichtungen, Errichtung von Unter- kunfts-, Erholungs- und Verpflegungs-Stätten, in denen leichte warme und kalte Getränke von guter Beschaffen­heit und wohlfeil bereit gehalten werden.

Als Mittel zur Erreichung seiner Ziele hat der Verein insbesondere auch die gründliche Erforschung und fortgesetzte Beobachtung der im In- und Auslande zur Bekämpfung der Trunksucht ergriffenen Maßregeln sich zur Aufgabe gemacht.

Eine eigenartige Einrichtung, welche unter den sozialen Mitteln gegen die Trunksucht einen hervor- ragenden Platz entnimmt, ist das sogenannte Gothen- burger Ausschanksystem. Dieselbe kam so zu Stande: Von wachsamen Volksfreunden in Schweden war nach­gewiesen worden, daß die Verarmung und Verrohung der unteren Klassen reißende Fortschritte machte, und eine zur Erforschung der Ursachen eingesetzte Kommission 'erklärte als die vornehmste die Trunkliebe, und zwar werde diese augenfällig gefördert durch die Schankwirthe, in deren Interesse die Verlockung zum Vieltrinken liege. Daraufhin verbanden sich die angesehensten Einwohner der Stadt zu dem Plane, den Vertrieb von Spirituosen den Privatleuten zu entwinden und den Alkoholgenuß möglichst zu beschränken. Diesem Grundsätze entsprechend bildeten sie eine Aktiengesellschaft, welcher es leicht fiel, die Schankwirthschaften und Schnapsläden allmälig an sich zu bringen und sie durch fest besoldete, streng be aufsichtigte Angestellte besorgen zu lassen. Diesen gehört der Gewinn von allen verabreichten Speisen und Ge tränken, mit Ausnahme von Spiritussen. Auf pünkt­lichste Einhaltung der Polizeistunde und wohlgelüftete, reinliche, geräumige, helle Lokale wurde ferner gesehen, ebenso darauf, daß keinem Gaste Gelegenheit zur Be­rauschung gegeben werde. Man erstrebte und bewirkte allmälig eine Umgestaltung der Schänken in Speisewirth­schaften. Der Erfolg im sittlichen Gebiete war hand­greiflich: der Gesammtverbrauch von geistigen Getränken, ebenso die Zahl der Todesfälle an Säuferwahnsinn, sowie der durch Völlerei hervorgerufenen Krankheiten, Verbrechen und Verhaftungen nahm fort und fort ab.

Das Gothenburger System eroberte allmälig nahezu ganz Schweden, Norwegen und Finnland. Schweden, das ehedem als das dem Trunk ergebenste Land der Welt galt, zählt jetzt unter den nordischen Ländern zu den verhältnißmäßig nüchternen. Früher kamen 40 Ltr. Branntwein auf den Kopf, jetzt nur 12. Auf seine 3/2 Millionen Einwohner fallen nur 324 ländliche Schänken und 136 Kleinhandlungen mit Branntwein.

Solche Ausschankgesellschaften zu bilden, muß auch bei uns mit allen Kräften angestrebt werden. Dieselben lassen sich ganz gewiß auch unseren Verhältnissen an­passen und werden auch bei uns die segensreichste Wirkung entfalten.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. August. Der Kaiser nahm heute die Parade über das Garde-Korps auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin ab. Die gesammte Parade kommandirte General Meerscheidt v. Hüllesem. Dieselbe nahm, wie immer, einen glänzenden Verlauf. Tausende und Aber­tausende hatten sich sowohl auf dem Paradefelde selbst, wie an den zuführenden Straßen aufgestellt, um das militärische Schauspiel zu verfolgen. Mit dem Kaiser, der einen Vollbart trug, war die Kaiserin gekommen. Der Kaiser bestieg das Paradepferd leicht und elegant;

von einer Behinderung in Folge des Unfalls auf der Hohenzollern" war nicht das Geringste zu verspüren. Auch die Kaiserin stieg zu Pferde. Nach der Kritik setzte sich der Kaiser an die Spitze der Fahnenkompagnie und ritt unter Hochrufen der Bevölkerung in Berlin ein. Nachmittags fand im Schlosse Paradediner und Abends im Opernhause Militür-Festvorstellung statt.

Kiel, 20. August. Nicht nur Seine Majestät der Kaiser trägt, wie mehrfach in den Zeitungen berichtet, jetzt einen Vollbart, sondern auch Prinz Heinrich und zwar kurz zugestutzt, unterm Kinn spitz auslaufend.

Bon der deutsch-russischen Grenze. Die russische Roggenausfuhr ist kolossal, alle Häfen laden, was immer bewältigt werden kann, und unsere Grenzstationen sind mit den angesammelten Roggenwaggons überfüllt. In Wirballen allein sind 3WO Waggons eingetroffen und warten auf deutsche Wagen zur losen Schüttung und Ueberführung nach Deutschland. Bis zum 27. d. Mts. werden Eydtkuhnen allein sicher 1000 Waggons passiren. Die Roggenpreise in Kowno sind von 135 auf 95/100 Kopeken per Pfund gesunken. Weiter heißt es aus Warschau: In sämmtlichen Gouvernements Polens werden umfangreiche Roggenankäufe zum so­fortigen Bahnversandt nach Preußen gemacht. Man berechnet das Gesammtquantum, welches bis zum 27. d. Mts. zur Verladung gelangt, auf mindestens 30,000 Tonnen. In hiesigen kaufmännischen Kreisen herrscht allgemein die Ueberzeugung, daß das Ausfuhrverbot in spätestens drei Monaten aufgehoben wird. Die Ernte in Polen ist gut.

Aus Brandenburg. Im Belziger Lokalblatt ist folgende Anzeige zu lesen:Der Gemeinde Sandberg steht bevor, wegen der Schulunterhaltungskosten durch die Schulkommission resp, den Schulvorstand in Belzig gepfändet zu werden. Es sind diese Sachen aus's Reine zu bringen, 1500 Mark gegen billigen Zins nöthig und können Geldverleiher das Nähere bei dem Gemeinde­vorstand in Sandberg erfahren. Der Gemeinde- vorstand." --!! ??

Lüben, 22. August. Die in Mühlrädlitz ausge- brochene Trichinosis nimmt bedenkliche Dimensionen an. Von dreißig erkrankten Personen sind bereits zwei, Förster Wende und seine Frau, gestorben. Der Mühl- rädlitzer Fleischbeschauer ist seines Amtes entsetzt worden.

Nauru, 19. August. Großes Aufsehen erregt hier die am Montag erfolgte Verhaftung des Gastwirths E. Bei demselben hatte sich im vorigen Monat ein in Newyork ansässiger Deutscher einlogirt, welcher nach Deutschland gekommen war, um eine Erbschaft zu er­heben. Bei seiner Abreise hündigte der Amerikaner dem Gastwirth E. 7200 Mark in 6 Tausend- und 12 Hundert- Markscheinen, sowie verschiedene amerikanische Werth­papiere ein, und zwar mit dem Auftrage, die Geldsumme an eine Newyorker Bank einzusenden, wo er sie später abheben wollte. In Newyork traf nun wohl ein Brief mit den amerikanischen Papieren ein, es fehlten aber die 7200 Mark in deutschen Papieren. Telegraphische Anfragen an E. über den Verbleib des Geldes ließ dieser unbeantwortet, und so entschloß sich denn der Amerikaner, mit dem nächsten Dampfer die Rückreise nach Deutschland anzutreten, um nach feinem- Geld zu forschen. Der Gastwirth E., der keine Ahnung von der Ankunft des Mannes in Nauen hatte, leugnete bei seiner polizeilichen Vernehmung überhaupt, daß er deutsches Papiergeld von dem Amerikaner erhalten, be« kam aber einen gewaltigen Schreck, als ihm dieser plötzlich gegenübergestellt wurde und nun die von E. ausgestellte Empfangsbescheinigung vorlegte. Da außer­dem noch ein früherer Kellner des E. bezeugen konnte, daß er das Aufzählen des Geldes mit angesehen, so wurde der Gastwirch wegen Unterschlagung fofoit verhaftet.

Eckernfärde, 18. Aug. In den 40er Jahren erregte der Mord einesPostillons bei Eckernförde ungeheueresAufsehen. Der Mörder, welcher die Postkutsche ausgeraubt hatte, blieb unermittelt, und jahrelang war die Unthat, besonders in hiesiger Gegend, in aller Leute Mund. Jetzt nach 50 Jahren kommt aus Amerika die Nachricht, daß in Davenport in Iowa ein Mann Namens Hanemann gestorben sei, welcher auf seinem Todtenbett das Ge- ständniß abgelegt habe, daß er den erwähnten Mord im Schnellmarker Gehölz verübt habe.

Aus Tritt wird über die Ausstellung des heiligen