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WilhtemerMlmg

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. .Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Mittwoch, den 19. August

1891.

Die Fachschule für Ven bäuerlichen Landwirth.

Unter drückenden äußeren Verhältnissen seufzte oft und seufzt auch jetzt schon seit lange, hier mehr, da weniger, der deutsche Landwirth. Schwer kämpft er gegen die Konkurrenz des billiger produzierenden Aus­landes an und in der neuesten Zeit fordert die Selbst Verwaltung und Arbeiterschutzgesetzgebung immer mehr Opfer an Zeit und Geld von ihm. Wohl hat der Landwirth besonders große Schwierigkeiten in seinem Beruf zu überwinden. Kein Beruf ist so vielseitig und von elementaren Gefahren mehr umdroht und in keinem Gewerbe ist der Mitbewerb des Auslandes so gewaltig groß, so schwer im voraus beurtheilbar.

Werden denn aber auch dem Lyndwirth nicht mit einem wahren Feuereifer, namentlich in der Neuzeit, zahlreiche, schneidige Waffen von der Wissenschaft, der Technik und dem Handel zur Bekämpfung aller Schwierig leiten in die Hand gedrückt? Leider werden sie nur von wenigen hervorragenden Kräften benutzt. Die Fort­schritte zum Bessern brechen sich gerade unter den Land­wirthen am langsamsten Bahn. Es liegt dies außer in der Eigenthümlichkeit des Gewerbes selbst auch an einer gewissen geistigen Schwerfälligkeit der Berufs­angehörigen. Diese ist namentlich für den bäuerlichen Stand, der mit beschränkten Mitteln arbeitet, die größte und vor allem zu bekämpfende Gefahr. Nur größere geistige Regsamkeit durch tüchtige Schulung kann auch unsere mittleren und kleineren bäuerlichen Landwirthe, die wegen ihrer Zahl nicht nur, sondern auch wegen der Summe ihres Grundbesitzes die bedeutsamste Grund­lage für unser Staatswesen bilden, mehr und mehr be­fähigen, alle die wichtigen und werthvollen technischen Hülfsmittel, Forschungsergebnisse und Handelsartikel, welche die Neuzeit dem Landwuth zu vortheilhafter Benutzung so massenhaft barbietet, nach ihrem wahren Werth zu beurtheilen, richtig zu verwerthen und nicht mit so großem Mißtrauen zu betrachten oder sie gar aus Unkenntniß von der Hand zu weisen. Wenn die Landwirthe erst allgemein eine gute Fachbildung für sich, nachdem sie sich die nöthige allgemeine Bildung in der Volks- oder Bürger- oder auch einer höheren Schule augeeignet haben, wie dies bei anderen Gewerben der Fall ist, als eine segensvolle Einrichtung erkennen, dann werden gewiß auch bessere Zeiten für die Landwirthschaft kommen. Wie bald aber würde auch den Landwirthen diese Erkenntniß kommen, wenn sie einen wichtigen Schritt zu thun sich entschlössen! Sie brauchten nur eins zu thun, was kein tüchtiger und ordnungsliebender Handwerker und Krämer, wenn er bestehen und vorwärts kommen will, zu thun unterläßt und jeder Kaufmann, auch der kleinste, thun muß: Buch zu führen und durch die Buchführung sich von dem Erfolge jeder wirthschaft- lichen Maßnahme und Einrichtung, wie Düngung, Fütterungsweise, Fruchtfolge, Rechenschaft abzulegen, seinen Vermögensstand alljährlich zu kontrollieren, schon vorher alle seine Vorräthe, namentlich die Baarmittel, richtig je nach Nothwendigkeit und Einträglichkeit des zu fördernden Zweckes einzutheilen und zu verwenden. Durch diesen Spiegel, wenn er sonst immer nur durch Pünktlichkeit und Richtigkeit klar und glänzend erhalten wird, würde jeder Landwirth erkennen, was und wo es ihm fehlt. Er muß ihn nur richtig benutzen und sich nicht davor fürchten, alle seine Schwächen und Fehler klar beleuchtet zu sehen.

Wenn die Volksschule nicht zur Erfüllung dieses Wunsches mehr beitragen kann, so müssen und werden es die geplanten landwirthschaftlichen Fortbildungsschulen für das Bedürfniß der kleinen bäuerlichen Wirthe, An- sitzer und Kossäthen, schon fertig bringen. Für den eigentlichen Bauernstand soll es vorzugsweise die Auf­gabe der landwirthschaftlichen Winterschule sein, vor allem den Werth einer guten, den Bedürfnissen ent­sprechenden einfachen, landwirthschaftlichen Buchführung schätzen zu lehren und in ihr gründlichen Unterricht zu ertheilen, dann aber auch dem Heranwachsenden Geschlecht des wichtigsten Standes alle für ihn wichtigen Ergeb­nisse der Wissenschaft und Praxis bei tüchtiger Fort­bildung in den elementaren Fächern verständlich zu machen und ihm noch so manches für das geschäftliche Leben Unentbehrliche, für den Verkehr mit Behörden, für eine amtliche Stellung im Dienst der Gemeinde oder des Kreises, für das Verständniß der neueren Gesetz­gebung Werthvolle zu lehren. Die landwirthschaftlichen Winterschulen sind es, welche dem praktischen Bedürfniß

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin besichtigten Sonnabend Vormittag die Schleusenbaugrube bei Holtenau. Der Kaiser sah frisch aus und überwand alle Hindernisse, obwohl er zu Fuß ging, mit großer Leichtigkeit. Sein Fußleiden kann sonach als gänzlich geheilt angesehen werden.

Ueber den Unfall des Kaisers geht derKölnischen Zeitung" folgende mit früheren Mittheilungen überein­stimmende Darstellung zu: Der Kaiser stand in leb­hafter Unterhaltung mit mehreren seiner Herren auf Deck, gegen eine Kajütenwand gelehnt. Er machte während des Sprechens eine schnelle Wendung, um einen fernen Gegenstand zu beobachten, glitt dabei auf dem glatten, mit Linoleum belegten Deck aus und kam zu Fall. Glücklicherweise gehörte zu den Herren, mit denen der Kaiser eben gesprochen hatte, auch der Leib­arzt Prof. Dr. Leuthold. Als er mit den anderen getreu zusprang, um dem Kaiser wieder aufzuhelfen, entdeckte er sofort, das die Kniescheibe des rechten Beines aus der Gelenkkapsel hervorgetreten war. Mit einem festen Griff gelang es ihm sofort, die Kniescheibe wieder einzurenken, und so war im Verlauf von nur wenigen Sekunden das Knie wieder in Ordnung gebracht. Das Ausfallen der Kniescheibe, wie das Wiedereinrenken ist selbstverständlichmit sehr großen Schmerzen verbunden, der Kaiser ertrug sie aber, ohne mit der Wimper zu zucken oder einen Schmerzenslaut auszustoßen. Er sprach nur sein Bedauern aus, daß die schöne Fahrt so plötzlich gestört sei. Auf Wunsch des Leibarztes wurde der Kaiser alsbald auf sein Bett getragen und hier legte Professor Leuthold schnell einen Gipsverband an. Die ganze folgende Nacht hat der Kaiser bereits fest und ruhig geschlafen, konnte schon am Morgen um 9 Uhr auf Deck gebracht werden und verbrachte seitdem alle Tage, zumal das Wetter sehr schön und die See ruhig geworden war, mit den Herren seines Gefolges auf Deck oft bis zur späten Abendstunde zu. Augenblicklich kann der Kaiser wieder gut auf dem ver- etzten Bein stehen und gehen, die Vorsicht erheischt aber, daß er noch einige Zeit feste Bandagen trägt.

Am preußischen Königshofe ist am Freitag der Icbnrtstag des Prinzen Heinrich, Bruders des Kaisers, östlich begangen worden. Der Prinz, welcher in sein dreißigstes Lebensjahr eintritt, verweilt gegenwärtig, wie gemeldet, mit seiner Gemahlin und seinem Sohne, dem Prinzen Waldemar, zum Besuch bei der Königin von England in Schloß Osborne. Der Prinz bekleidet in der Marine den Posten eines CapitänS zur See, und hat in der Landarmee den gleichen Rang eines Obersten inne; er hat das heitere Naturell seines Vaters geerbt, ist aber im Dienst wegen seiner Strammheit allgemein bekannt. Er ist ein ganz ausgezeichneter Fachmann, Dank der strengen Schulung, die er in der Marine hat durchwachen müssen, in welcher ihm keine Schiffsarbeit, auch die schwerste nicht, erspart geblieben ist.

Alle Nachrichten aus Regierungskreisen stimmen darin überein, daß die Deklamationen gegen die Getreidezölle dort nicht den geringsten Eindruck mach<n. Der Reichskanzler hält nach wie vor an der Ueberzeugung fest, daß eine Herabsetzung der Getreidezölle augenblicklich angesichts der Handelsvertragsverhandlungen, welche für lange Jahre die Höhe unserer Zölle festlegen sollen, nur zu dauern­dem Nachtheil und Schaden für unser Vaterland werden kann, und alle Minister stimmen ihm darin bei.

* Die in weiten Kreisen verbreitete Ansicht, daß es sich bei dem russischen Getreide-Ausfuhrverbot weniger um eine wirthschaftliche Nothwendigkeit, als um einen politischen Akt, eine Errungenschaft desneuen Kurses"' handelt, findet ihre Bestätigurg in einer aus St. Peters­burg an dieTimes" gelangten Depesche, in welcher es heißt: In gut unterrichteten Kreisen wird behauptet, daß die Roggenernte durchaus nicht so schlecht sei, wie angegeben wird, und daß die Vorräthe nicht so gering seien, um ein Ausfuhrverbot zu rechtfertigen. Der

des Bauernstandes am meisten, auch insofern Rechnung tragen, da sie die jungen Kräfte der väterlichen Wirth­schaft für die Arbeitszeit verfügbar lassen. Ihr Besuch läßt sich bei ihrer Verbreitung in jedem deutschen Staat, in der Zahl von über 100 Anstalten, auch mit verhältniß- mäßig geringen Opfern ermöglichen. Schon gegen 200 Mark genügen zur Bestreitung der Unkosten während eines Winterhalbjahres. Sie leisten alle Gutes und viele sind bereits in dieser Beziehung seit Jahren erprobt.

Export von Roggen wird vielmehr für nothwendig erachtet. Man neigt zu der Ansicht, daß das Ausfuhr­verbot ein politischer, gegen Deutschland und Oesterreich gerichteter Schachzug sei.

Der Reichsanzeiger veröffentlicht im nicht amtlichen Theile die Berechnung des diesjährigen Roggenertrages, wonach 6 256 136 Tonnen erwartbar seien, welche Menge zum Verbrauch nebst Aussaat genügen würde, so daß eine Einfuhr unnöthig sei.

Berlin, 15. August. DieNationalzeitung" erfährt aus Rom: In vaticanischen Kreisen wird ein Artikel des Osservatore" über Schorlemers Erklärung viel besprochen. (Herr v. Schorlemer hatte auf dem katholischen kauf­männischen Congreß in Düsseldorf einen Artikel des Osservatore romano", welcher sich im Sinne der französischen Revanchepolitik gegen den Dreibund aussprach, Namens der deutschen Katholiken auf das entschiedenste zurückgewiesen und den Inhalt als albern bezeichnet.) Der Artikel soll vom Papst selber geschrieben sein. Schorlemer soll an den Cardinal Rampolla geschrieben haben, die deutschen Katholiken würden nie ihr Vaterland verrathen. Die Abberufung des preußischen Gesandten von Schloezer wird für möglich gehalten.

Erklärliches Aufsehen erregt in Hamburg die Fallit- erklärung des Oberlehrers Walters im Vorort Eilbeck, der nach dem berühmten Spitzederschen Muster (Dachauer Bank) Geld von früheren Schülern und Landsleuten zur Anlage erhalten und an der Börse verspielt hat. Die Unterbilanz b ziffert sich auf 300,000 Mark. Die Staats­anwaltschaft ist eingeschritten.

Münster, 13. August. Im Schaufenster eines hiesigen Geschäftes sind gegenwärtigPortemonnais aus echter Menschenhaut" zum Preise von 2 Mk. pro Stück zum Verkäufe ausgestellt.

Mainz, 12. August. Die Verurtheilung des Lieute­nant- Leydhecker wegen der Säbel-Angriffe auf den Architekten Herrn Heyl wurde heute den Offizieren der Garnison amtlich mitgetheilt. Der Verurtheilte ist auch bereits nach Koblenz abgereist, um seine zweimonatliche Festungsstrafe anzutreten. Der mitgenannte Lieutenant Hüffer ist dem Vernehmen derFranks. Ztg." nach von dem Militärgerichte freigesprochen worden.

Lich (Oberheffen), 11. August. Gestern starb der älteste Bewohner unserer Stadt, der Landwirth Albach, im Alter von 96 Jahren. Bemerkenswerth ist, daß der Mann trotz seines hohen Alters nur 23 Geburtstage erlebte, denn er war am 29. Februar 1796 geboren.

München, 11. August. Millionen von Nonnenschm tter- lingen haben seit Eintritt des wärmeren Wetters unsere Stadt überfallen, angelockt von den hellleuchtenden Bogen­lampen der electrischen Beleuchtung. Die Wände der Häuser, vor welchen Lampen angebracht sind, waren von Unmassen von Schmetterlingen besetzt. In einem Cafä erschienen gestern Abend zum Erstaunen der Gäste hausirende Kinder, welche von oben bis unten mit Schmetterlingen bedeckt waren. Bei dem gestern Abend auf dem Löwen« bräukeller abgehaltenen Concert stellte sich, angezogen durch die Intensität des Lichtes, eine solche Masse von Schmetterlingen ein, daß die unter den electrischen Lampen sitzenden zahlreichen Gäste schleunigst Reißaus nahmen. Die große Lampe am Eingänge wurde von der Masse der Schmetterlinge geradezu verdunkelt.

Ein entsetzlicher Unglücksfall hat sich am Dienstag Abend in Erfurt auf dem einstigenRadauplatz" am Schützen« Haus ereignet. Dort hatten es halbwüchsige Burschen fertig gebracht, eine stehen gebliebeneRutschbahn", welche von den: Besitzer außer Betr eb gesetzt worden war, wieder gangbar zu machen, und seit einigen Tagen gab es auf derselben freie Fahrt. Als am Dienstag Abend der von etwa 20 Personen, Knaben und Mädchen, überfüllte Wagen mit rasender Geschwindigkeit die Bahn durchlief, wurde von ruchloser Hand ein Stock unter die Schienen gelegt. Ein Mark und Bein durchdringender Schrei er­tönte, gleich darauf überschlug sich der Wagen und fiel auf der rechten Seite der Bahn mit voller Wucht nieder. Hilfe war zwar schnell zur Stelle, allein es dauerte ge­raume Zeit, ehe man den zertrümmerten Wagen heben und die im bunten Gemisch durcheinander liegenden, laut schreienden Fahrgäste befreien konnte. Das Ganze ge­währte einen herzzerreißenden Anblick. Die meisten der der Verunglückten hatten mehr oder minder erhebliche Verletzungen, starke Fleischwunden im Gesicht und Kontusionen am Kopf erlitten. Ein Kind hatte mehrere Zähne verloren, einem andern war die eine Ohrmuschel,