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JS 65. Samstag, den 15. August 1891.
Dom platten Land.
Die Sozialdemokratie, deren erste Versuche, in die bisher unberührten Kreise der Arbeiterschaft und namentlich in die ländliche Bevölkerung direkt einzudrinzen, fast ganz erfolglos geblieben sind, scheint einen neuen Feldzugsplan zur Ausbreitung ihrer Irrlehren in jenen Kreisen ersonnen zu haben. Man beabsichtigt, wie die „Neue Reichs-Korrespondenz" ausführt, die hauptstädtische Sozialdemokratie landsmannschaftlich zu organischen und die so gebildeten landsmannscha tlichen Gruppen als Agilationstruppe in der Art zu verwenden, daß die persönlichen Beziehungen der Aukgewanderden zu den in der Heimath verbliebenen Angehörigen als Anknüpfungspunkt für die Einbürgerung sozialistischer Schriften und Anschauungen benutzt werden. Bei der großen Zahl von Personen, welche namentlich aus den östlichen Landestheilen und insbesondere auch aus den Kreisen der Landbevölkerung jahraus, jahrein in Berlin eine bessere Verwerthung ihrer Arbeitskraft suchen, ist der Plan keineswegs ungefährlich. Er ist vielmehr nur dazu geeignet, zahlreiche Berührungspunkte der Sozialdemokratie und ihrer Lehren mit solchen Kreisen und Landestheilen zu schaffen, auf welche ein direkter Angriff völlig aussichtslos wäre. Ob das starke Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen in jenen beiden Wahlkreisen au der östlichen Grenze, in welchen in den letzten Tagen des vorigen Monats Ersatzwahlen stattgefunden haben, wirklich, wie behauptet wird, auf diese neue Taktik der Sozialdemokratie zurückzuführen ist, läßt sich mit Sicherheit nicht beurtheilen. Unwahrscheinlich ist es nicht. Jedenfalls werden alle diejenigen, welche der Ausbreitung der Sozialdemokratie entgegenzuwirken für ihre Pflicht halten, aus diesem neuesten Vorstoß der Umsturzagitatoren die dringende Aufforderung Verleiten müssen, ihrerseits ihre Wachsamkeit und Sorgfalt zu verdoppeln, damit den Versuchen, durch Vermittelung jener landsmannschaftlichen Organisationen sozialdemokratische Kuckuckseier in fremde Nester zu legen, im Vorhinein wirksam entgegengetreten werden kann. Für die Arbeitgeber gilt es, sich noch mehr als bisher mit den Arbeitern in naher Fühlung zu halten und mit ihrem Denken und ihren Anschauungen in dauernder Bekanntschaft zu bleiben. Das ist natürlich nur möglich, wenn die Arreiler den Arbeitgebern Vertrauen entge^enbringen und von den guten Absichten derselben gegenüber den Arbeitern überzeugt sind. Diejenigen Arbeiter aber, welche wollen, daß ihre Genossen zum Besten einer Anzahl von Männern, denen die sozialdemokrattsche Bewegung Ansehen, Einfluß und Geld einträgt, zur Theilnahme an dieser verführt werden und so anstatt eines guten und friedlichen, beiden Theilen gedeihlichen Verhältnisses zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, zum größten Schaden der letzteren selbst, der Klassenkampf eintrete, werden um so eifriger über ihre Genossen wachen, und siwie sie Versuchen, sozialdemokratische Schriften u. dergl. durch Berliner Landsmänner einzu- schmuggeln, auf die Spur kommen, diesem Treiben kräftig entgegenwirken müssen. Wenn alle Theile ihre Pflicht erfüllen, wird es gewiß gelingen, auch den neuesten Schachzug der Sozialdemoklatie unwirksam zu machen,
Wider den Trunk.
Zur Heilung des Uebels. Eine von Gegnern und Gleichgültigen vielgebrauchte Phrase ist: „Worte, Moralpredigten helfen nichts gegen einen in die ytenfdjennotur so tief eingewurzelten Trieb, wie die Trunksucht es ist." — Nun, wir wissen, daß die dringendsten Aufforderungen an einen Lahmen, die Schwäche seiner Beine durch Willensanstrengung zu überwinden, wenig fruchten würden, wissen aber nicht minder, daß keineswegs alle Trinker schon aus der Stufe der Willenlosigkeit und des Stumpfsinns angetonunen und daß unter ihnen manche sind, die ein weckbares Gewissen haben. Uebrigens soll sich der Kampf gegen die Trunksucht auch nicht auf Worte beschränken, sondern dieselben wollen zu Thaten anregen und Mittel zur Heilung an die Hand geben.
Unter den gegen die Trunksucht zu ergreifenden Maßregeln kommen hauptsächlich solche in Betracht, welche einerseits vom Staate, andererseits von der bürgerlichen Gesellschaft auszugehen haben.
Zunächst wollen wir uns die Frage beantworten, welche Hülfe vom Staate zu verlangen ist.
Das radikalste und, wie man meinen sollte, wirksamste Mittel hat der Staat Mame in Nordamerika
ergriffen, indem er den Verkauf jedes Rauschmittels, Obstwein und einheimischen Wein ausgenommen, verbot. Nur staatliche Agenturen dürfen Spiritus zu medizinischen und technischen Zwecken halten; aller anderswo gefundener Spiritus soll vernichtet werden und der Eigenthümer schwere Geldstrafen erlegen. Brennerei und Brauerei ist auf alle Weise erschwert. Trotz mannigfacher Uebertretungen dieses Gesetzes kann die Wirkung desselben auf die Abnahme der Trunksucht nicht geleugnet werden. Maine, das zu der Gesammt- ausgabe der Union für Spirituosen nach seiner Einwohnerzahl 13 Millionen Dollars beitragen müßte, steuert in Wirklichkeit höchstens eine Million. Die bei uns herrschenden sozialen und kommerziellen Verhältnisse lassen freilich die Durchführung einer solchen Maßregel nicht als möglich erscheinen. Dagegen kann der Staat Einfluß auf die Verminderung der Produktion des Branntweins ausüben durch hohe Besteuerung desselben. Die Erhöhung der Branntweinsteuer, welche bei uns zehnmal niedriger als in Rußland und dreiundzwanzig- mal niedriger als in England, ist in der That, wenn die weiteren gegen die Trunksucht in Wirksamkeit zu setzenden Mittel einen Erfolg haben sollen, eine unerläßliche Vorbedingung.
Von größter Wichtigkeit und von entschiedenstem Nutzen sind ferner gesetzliche Bestimmungen und Vorschriften, durch welche die Ausübung des Schankgewerbes und besonders der Ausschauk von Schnaps unb der Handel mit demselben geregelt wird. Bei der großen Schädlichkeit des Schnapsgenusses ist es durchaus erforderlich, daß der Staat die Bereitung, den Handel und der Ausschank dieses Getränkes auf das genaueste kontrollirt, denn der Alkohol ist ein Gift, welches viel mehr Schaden stiftet, als alle anderen Gifte zusammeu- genommen.
Die mit dem Gewerbegesetz von 1869 erfolgte Frei- gebung des Schankgewerbes hat sehr viel zur Förderung der Trunkliebe beigetragen. Denn je mehr Schank- und Klcinverkaufsstellen in einem Orte ihre lockenden Schilder und Flaschen den Vorbeigchenden unter die Augen rücken, desto massenhafter wird getrunken. Gelegenheit macht Diebe. Und je mehr Wirthshäuser und Schänken, um so weniger Familiensinn, Familienzucht, Sparsamkeit, Häuslichkeit, Mäßigkeit, Arbeitslust. Darum muß die Mehrung der Schänken jeden Volksfreund mit ernster Besorgniß erfüllen. Daß mit der Menge der Schänken die Ausbreitung der Trunksucht zunimmt, liegt namentlich auch in dem durch die erdrückende Konkuwenz unter den Wirthen hervorgerufenen ungesunden Wetteifer. Dieselben sind, um nur bestehen zu können, genöthigt, zum Besuch ihrer Räume und zum Vieltrinken auf jede Weise anzureizen und greifen da vielfach zu den übelsten Mitteln. Auch trägt die Ueberzahl der Wirthshäuser bei, unseren Sonntag zu dem zu machen, was er leider geworden ist.
Daß die Konzession von Schankstätten von der sogenannten Bedürfnißfrage abhängig gemacht wird, ist ein schwer empfundener Mißstand, denn das Bedürfniß ist ein außerordentlich dehnbarer Begriff. In kleinen Orten wird aus persönlichen Rücksichten das Bedürfniß fast immer anerkannt werden.
Der einzig sichere Weg zur Verminderung der zahllosen Versuchsstätten zum Laster, das einzig Richtige und mit allen Mitteln Anzustrebende, sind gesetzliche Bestimmungen, durch welche die Zahl der Schankstellen für die einzelnen Ortschaften nach der Zahl der Einwohner geregelt wird.
Schnaps wird aber nicht nur in den Schänken feil- gehalten, sondern auch in Kramläden und Geschäften aller Art. Für viele Trinker sind diese Gelegenheiten verderblicher, als die Wirthshäuser, denn mancher scheut sich, schon am frühen Morgen in die Schänke zu gehen, während ein Besuch des Kramladens ganz unverfänglich ist. Diese Läden sind es auch, welche so oft Frauen zum Schnapsgenuß verführen. Deshalb muß gefordert werden, daß Schnapsverkauf in Kramläden unbedingt untersagt und der Schankbetrieb von jedem anderen Kleinhandel getrennt werde.
Ebenso darf der Hausirerhandel mit Schnaps nicht länger erlaubt sein, wodurch der Branntweingeist mehr und mehr in die mittlere Bauernklaffe eindringt. Verruchte Händler betreiben ihr Gewerbe der Art, daß sie auf Grund eines Wandergewerbescheins ein Faß Branntwein den Bauern unverlangt in's Haus schicken, in der
fast nie fehlschlagenden Erwartung, daß jenes keineswegs mit Protest zurückgeht, sondern angestochen sind ausgetrunken wird. Ungezählte Bauernhöfe sind auf diese Weise zur Zwangsversteigerung gelangt. Dürfen solche Teufelswerke fort und fort geduldet werden?
Deutsche- Reich.
Berlin, 12. August. Das Befinden des Kaisers ist andauernd ein günstiges; er bewegt sich ohne Stock. Heute Vormittag empfing der Kaiser den General Grafen Waldersee und später den deutschen Botschafter in Paris, Grafen Münster.
Berlin, 12. August. Angesichts des russischen Roggenausfuhrverbots richten die Blätter verschiedener Parteien wiederholte und ernste Mahnungen an die Regierung, eine Zollsuspension anzuordnen. Die Lage wird auch von der „National-Zeitung" düster geschildert.
* — Berliner Zeitungen theilen übereinstimmend mit, daß in letzter Zeit dort die Zahl der sogenannten Detectiv - Institute (Ermittelungs - Anstalten) überhand nimmt. An der Spitze der drei jüngsten dieser Schöpfungen stehen — bestrafte Verbrecher.
* — Der Deutsche scheint vogelfrei zu sein. Wir lesen: „Zu Gunsten der aus Rußland vertriebenen Juden sind in Frankfurt ca. 500,000, in Hamburg ca. 200,000 und in Stuttgart bis jetzt 15,000 Mark citigegangen. Im ganzen gingen bei dem, Central- hilfskomiice in Hamburg bis jetzt 2 Millionen Mark ein." Wir fragen: Und wieviel ging bis jetzt zur Unterstützung, zur moralischen und finanziellen, für die aus Rußland vertriebenen protestantischen Deutschen ein?! Weiß man in Deutschland nichts von der Noth der Ostseedeutschen, von der Noth deutscher Kolonisten in Südrußland, welche großentheils ebenso wie die Juden zur Auswanderung genöthigt find ? Der Deutsche wird vom feindlichen Rußland, -vom „befreundeten" Oesterreich in Böhmen und neuestens wieder in Ungarn drangsaliert. Wer nimmt sich seiner an ?! Wir billigen die russische Lösung der Judensrage gewiß nicht. Allein die finanzielle Unterstützung jener Unglücklichen überlasse man doch getrost den Jsraeliten selbst, welche von ihren ungezählten Millionen und Milliarden mit größter Leichtigkeit, ohne sich auch nur im allermindesten wehe zu thun, ihren Glaubens- und Stammesgenossen die nöthige Unterstützung gewähren können. Uns drängt sich dagegen die schmerzliche Frage auf: Und was geschieht für die deutschen Stammesbrüder?! '
Gleiwitz, 9. August. Eine recht unangenehme Suppe hat sich ein hiesiger Fleischer eingebrockt, ander er sich wahrscheinlich den Magen verderben wird. Dem „Oberschl. Anzeiger" wird hierüber berichtet: Der Fleischer kam auf ein Gut der hiesigen Umgebung, um Vieh zu kaufen. Sein Weg führte ihn zunächst in den Kuhstall, und es war ihm sehr willkommen, dortselbst weder einen Beamten noch sonst Jemanden anzutreffen. Eine Magd war auch nicht zu sehen und so hatte er die beste Gelegenheit, sich vor dem Handel gründlich zu orientinn. Nach einem längerem Aufenthalte im Kuhstall ließ sich der brave Mann auf dem Schlosse melden uno trat bei dem Besitzer ein: „Ihr Diener, Herr Oberamtmann!" — „Ihr Diener! Was wünschen Sie!" — Nichts zu handeln, Herr Oberamtmann?" — „Nichts!" — „Aber den Stier werden sie doch verkaufen?" — „Wie so denn den Stier? Ich denke ja gar nicht daran." — „Ja, aber was soll Ihnen denn der lahme Stier im Stalle?" — Der lahme Stier, sagen Sie? Der Stier ist so gesund wie Sie!" — „Das stimmt nicht, Herr Oberamtmann, der Stier ist lahm." — Kopfschüttelnd ging der Gutsbesitzer mit dem Fleischer in den Stall. Des Morgens war das Thier noch kerngesund gewesen. Der Bulle wurde herausgeführt und siehe da, der Fleischer hatte Recht, das Thier lahmte auf allen vier Knochen. Dem Guts- bescher kam die Sache sehr bedenklich vor, er konnte sich das Rätsel gar nicht erklären. Da kam eine Jungfrau hinzu, die das liebe Vieh zu ihren Schutzbefohlenen zählte. Sie wußte des Rätsels Lösung. Vom Hühnerstall aus hatte sie ungesehen den Fleischer beobachtet und dabei wahrgenommen, wie der wackere Mann mit einem Stocke die Beine des bedauernswerthen Thieres unausgesetzt bearbeitet hatte. So wollte er den Werth des Thieres gewaltsam herabmindern und den Verkauf desselben erzwingen, in der That eine