Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 64.
Mittwoch, den 12. August
1891.
Wider den Trunk.
Die furchtbarsten Seiten des Uebels. Die durch Alkoholismus herbeigeführten und gesteigerten Krankheiten, die Fälle von Säuferwahnsinn und Tod, die im Rausch und durch Berauschte Verunglückten, die auf die hitzigen Getränke verschwendeten Geldsummen, das Alles sind nicht die furchtbarsten Seiten des Uebels, sondern am schwersten ins Gewicht fällt das durch fortgesetzten Mißbrauch von Spirituosen verursachte oder geförderte geistige und sittliche Siechthum weitester Volksschichten, die vielen unheilbar zerrütteten Ehen und der von trunk- liebenden Eltern auf Kinder und Kindeskinder vererbte, sie in Elend, Schande und Verbrechen stürzende Fluch. Sterben die unglücklichen Opfer des vorangegangenen Geschlechtern anhaftenden Lasters frühzeitig, so kann man ihnen und den Eltern nur Glück wünschen, denn schon die Erziehung und das üble Beispiel hätten für ihre Zukunft Schlimmes verheißen. Der Regel nach erben sie die Leidenschaft und ihre Folgen, oder auch nur die letzteren, fallen in Nervenkrankheiten, Krämpfe, Epilepsie, Blödsinn. Diese Gedanken allein, sollte man meinen, müßten da, wo noch ein Funke von Gewissen vorhanden, jeden Vater, jede Mutter zur Umkehr drängen! — Das geschieht aber nicht, denn der Alkoholismus stumpst das Gefühl ab.
Die Ehre des Mannes, die liebende Fürsorge des Familienvaters treibt ihn, seinen äußeren Beruf zu fördern, damit er die Seinigen ernähre und sie nach seinem Scheiden nicht hülflos zurücklasse, und sollte auch unausgesetztes Mißgeschick dies vereiteln, so hinterläßt er doch den guten Namen eines achtungswerthen Menschen, welcher den Kindern Häuser zu bauen die Verheißung hat. Von dem Allen so ziemlich das Gegentheil ist das Endergebniß eines Trinkerlebens: wirre, trostlose, zerstörte Vermögensverhältnisse, Krebsgang im Beruf, ein unglückliches Familienleben, und als Quelle des Ganzen: ersäuftes Pflichtgefühl, schrittweiser Untergang aller besseren Regungen: Ein verfehltes Leben! Das ist die Signatur auch der tüchtigsten und hoffnungsreichsten dieser Unglücklichen. Nach mir mag kommen, was da will! Das ist die Loosung dieser schwankenden Lebensläufe auf schiefer Ebene. Doch mit dem angedeuteten Ruin ist die Hinterlassenschaft des Trinkers nicht erschöpft. Die verhängnißvollste besteht vielmehr darin, daß er in sein eigen Fleisch und Blut, seine Nachkommen, den Keim heilloser körperlicher und geistiger Verkrüppelung gelegt hat. Es ist eine Erfabrungs- thatsache, daß der Trunk der Eltern in ihre Kinder und Kindeskinder den angeborenen Hang zu derselben Leidenschaft verpflanzt, oder Epilepsie, Schwach- oder Blödsinn bewirkt; eine der ernstesten Mahnungen für die bürgerliche Gesellschaft, aus allen Kräften dahin zu arbeiten, daß die Erbschaft des Bluts auf künftigen Geschlechtern in minderem Grade laste.
Daß ferner die Hälfte aller Gesetzesübertretungen im Rausch begangen werden, ja daß gerade die Trunk- liebe zu den grauenhaftesten Brutalitätsverbrechen führt, unterliegt nach den angestellten Erhebungen keinem Zweifel.
Trotzalledem behandelt die Gesetzgebung, die Polizei und die bürgerliche Gesellschaft die Trunkenheit mit einer dieselbe geradezu in Schutz nehmenden Nachsicht, sodaß man mit Recht fragt: Ist denn die Freiheit, sich und seine Familie durch Trunk zu Grunde zu richten und die Sicherheit der Gesellschaft zu gefährden, etwa das idealste Stück der persönlichen Freiheit, das als Rührmichnichtan behandelt werden muß? Wenn ein Vater sich dem Trunk ergibt, Weib und Kind hungern läßt, sie prügelt, die Kinder verwahrlost; wenn der Ruin der Familie vor Augen liegt, ein Stück Hausrath nach dem anderen versetzt wird, das unglückliche Weib sich das letzte Bett wegnehmen lassen muß, die Familie der Armenkasse verfällt, der Vater zum Verbrecher wird und ein Verbrechergeschlecht erzieht, dann darf man ihm noch nicht die Schnapsflasche aus der Hand winden?
Ist das Elend, welches durch Trunkfälligkeit in die niederen Bevölkerungsschichten getragen wird, riesengroß, so steht es in den höheren Ständen nicht viel besser. Unverkennbar zahlen auch sehr viele Gebildete und Bemittelte dem Bachus schweren Tribut. Kommt denselben auch eine bessere Ernährung zustatten, wie die minder schädliche Form, in der sie meistens den Weingeist in Gersten- und Rebensaft genießen, so werden doch diese Vortheile dadurch sehr geschmälert, daß die Gebildeten
ihren Tag fast nur innerhalb der vier Wände verbringen und mehr den Geist anstrengen als den Körper, mithin wieder zwei schlimme Feinde mehr gegen sich haben.
Viel mehr Leiden der höheren Stände, als man gemeiniglich denkt, rühren unzweifelhaft vom Uebergenuß geistiger Flüssigkeiten her. „Ueberanstrengung im Berufe" heißt es da regelmäßig, auch wenn das gläserne Auge und der Feuerschein im Gesichte den wahren Grund noch so hell beleuchten. Badereisen, Heilversuche jeglicher Art sollen nun helfen, die Pfahlwurzel des Uebels läßt man aber getrost stecken und — geht nach einigen Wochen zum alten Schlendrian zurück.
Allgemein ist in gebildeten Kreisen die Klage über Mangel an Zeit. Deshalb müssen so Viele ihre Familie, Kindererziehung, Kirche, Lektüre eines guten Buchs, dringende Briefe vernachlässigen, nur — für die Wirths- stube fehlt es nie an Zeit. Auch der trauliche Verkehr mit Freunden, der ehedem der Frau und den erwachsenen Kindern zugute kam, wird dahin verlegt. Und doch gebricht es den Wohlhabenden nicht an einer behaglichen Heimstätte, an reichlicher Ernährung und Kleidung, an Gelegenheit zu Kunst- und Naturfreuden, wie dem armen Arbeiter, den wir seiner Schänke abwendig.machen wollen! — Greifen bildungslose Arbeiter, um den ein tönigen Mechanismus ihres Tagewerks auf Stunden zu vergessen, zu Rauschmitteln, so ist das begreiflich; tief zu beklagen aber, wenn gebildete Leute, Männer, die den Slaat regieren, die Wissenschaften pflegen, Gesetze und Ordnungen handhaben, das Volk bilden und die Jugend erziehen sollen, statt ihren Untergebenen ein Vorbild zu werden, sich selbst nicht zu beherrschen wissen. Die schönsten Lehren, die ernstesten Mahnungen, und würden sie mit Beilegungen gepredigt, richten ja nichts aus, wenn das lebendige Beispiel nicht dahinter steht. Ihr Herren, was wollt Ihr erwidern, wenn der Arbeiter Euch entgegenhält: „Ihr versitzt in Euren Wein- und Bierstuben beim Früh- oder Spätschoppen ganze Stunden und halbe Nächte, wir nehmen unsere Schnäpse aus der Tasche und halten die Zeit zurathe?"
„Wehe denen, die des Morgens frühe gehen, des Saufens sich zu befleißigen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzet" (Jesaias). Ist der Branntwein den ärmeren und handarbeitenden Klassen ein so gefährlicher Widersacher, so sind Bier und Wein für die bemittelten Stände ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Gefahr.
Deutsche- Reich.
Berlin. Kaiser Wilhelm hat seine an den mannigfachsten Eindrücken so reiche jüngste Nordlandsfahrt beendigt und weilt der Monarch zur Stunde wieder auf heimathlichem Boden, in Kiel. In genannter Stadt gedenkt der Kaiser bis Ende nächster Woche Aufenthalt zu nehmen, ja, es heißt, derselbe würde unter Umständen noch weiter ausgedehnt werden, sodaß der Kaiser vielleicht auch nicht die auf den 22. August anberaumte Herbstparade über das Garde-Korps abnehmen wird. Als Grund für diese veränderten Dispositionen wird die Nothwendigkeit für den Kaiser, fein bei dem Unfall auf der „Hohenzollern" verletztes rechtes Knie thunlichst zu schonen, bezeichnet. Jedenfalls darf es aber als sicher gelten, daß der Kaiser den großen Manövern in Oesterreich und in Bayern beiwohnen wird, und schon, um für die Strapazen bei denselben besser gerüstet zu sein, wird er vorher Alles vermeiden, was eine unnöthige Anstrengung des verletzten Kniees bewirken könnte. Das Allgemeinbefinden des Kaisers ist fortgesetzt ein äußerst befriedigendes.
* — Nach einer Meldung des „Standard" aus New- York wird der Ertrag der diesjährigen Getreideernte in den Vereinigten Staaten auf 600 Millionen Scheffel geschätzt, von denen 200 Millionen zur Ausfuhr bestimmt sind. Chicago allein speichert in diesem Jahr sieben Mal so viel Getreide auf wie int vorigen Jahr, fünf Mal so viel Roggen und zwei Mal so viel Gerste. Die Preise sind indessen bisher noch nichl wesentlich gesunken.
Auf dem jüngsten Pferdemalkt in Charlottenburg blieb nach Abräumung des Platzes ein Pferd (ein schwarzer Wallach) übrig, das sich dort herrenlos umhertrieb, so daß sich die Polizei veranlaßt fand, daß Thier in Gewahrsam zu nehmen. Da zu demselben sich ein Eigenthümer nicht fand, so wurde der Wcllach am Mittwoch von Amtswegen versteigert, wobei ein Meistgebot von 120 Mark erzielt wurde. Daß ein Pferd vom Markt gestohlen wird, ist schon öfter vorgekommen, daß aber ein solches
dort übrig bleibt, das dürfte wohl doch noch nicht vor gekommen sein.
In der Schwimmschule zu Plötzensee bei Berlin wurde in voriger Woche ein Ulane vom Schwimm- meister so lange im Bassin herumgehetzt, bis er vor Erschöpfung sich an einen Pfahl klammerte und ein Zeichen gab, daß er nicht weiterschwimmen könne. Der Sergeant aber schlug den Mann mit der Stange, an welcher er ihn hielt, so heftig auf die Hände, daß er vor Schmerz losließ, unterging und ertrank. Der brutale Schwimmmeister wurde verhaftet, aber was wird ihm viel geschehen? Es war ja „Diensteifer"!
Stettin, 2. August. Unter seinen Mitarbeitern war der Arbeiter Teichert schon lange als Schwimm- künstler bekannt. Besonders wußte er durch seine Wassersprünge aus bedeutender Höhe Aufsehen zu erregen. Teichert vollführte aus ganz beträchtlichen Höhen Kopfsprünge ins Wasser und hat bisher diese tollen Manöver auch ohne Schaden für seine Gesundheit ausgeführt. Gestern war Teichert auf dem Bremer Vollschiff Johann Friedrich am Danzig mit Entladen beschä tigt und wollte in der Frühstückspause ein Bad nehmen und dabei seinen Mitarbeitern ein neues Sprungkunststück zeigen. Er kletterte nach der Bramraa und stürzte sich mit einem Kopfsprung aus der Höhe von 120 Fuß herab. Während seine Collegen diesen Sprung mit Beifallsruf lohnten, kam Teichert noch einmal zum Vorschein, dann sank er als Leiche in die Tiefe. Eine durch den Sprung hervorgerufene innere Verletzung hatte seinem Leben ein plötzliches Ende gemacht.
Schwerin, 5. August. Die Aufzucht von Pferden für Militärzwecke hat seit den letzten zwanzig Jahren in Mecklenburg ungemein ^genommen und bildet für manche größere Landwirthe, besonders für solche, welche ausgedehnte, füö Pferdeweiden sich eignende Koppeln besitzen, einen sehr lohnenden Erwerb. Dieselben kaufen im Frühling einjährige Füllen, welche von Pferdehändlern vorzugsweise viel in den hannoverschen Marschen, jedoch auch in Mecklenburg selbst aufgekauft werden, im Preise von 200 - 400 Mark, ernähren sie in den Monaten Mai bis Ende September auf den Weiden und verkaufen sie dann als 3'/2jährige Remonten zum Preise von 700—900 Mark, ja selbst noch höher. Es giebt Gutsbesitzer, die auf diese Weise jährlich an 15-20 Pferde aufziehen und verkaufen.
Aus Bochum wird telegraphirt: Der Ober-Ingenieur Steiger vom Bochumer Verein wurde heute in der Nähe des Werks mit einer Schußwunde todt aufgefunden. Neben ihm lag das Gewehr. Ob Selbstmord oder Unvorsichtigkeit vorliegt, ist noch nicht festgestellt." Die Annahme, daß Selbstmord vorliegt, gewinnt größere Wahrschernlichkeit durch das auch in Berlin verbreitete Gerücht, daß Steiger Derjenige gewesen sei, der das Material gegen Herrn Baare an den Redakteur Fus- angel ausgeliesert habe. Die Untersuchung dürfte Licht in die dunkle Affaire bringen. An die Möglichkeit eines Mordes scheint man — wenigstens nach obiger Drahtmeldung — in Bochum nicht zu denken.
Haltern i. Wests., 28 Juli. Es wird gewiß den Neid der Bewohner anderer Städte erregen, wenn sie erfahren, daß, wie in früheren Jahren, so auch jetzt wieder 400 Familien hierselbst, welche das Bürgerrecht erworben haben, sogenanntes Bürgergeld ausgezahlt worden ist. Jede Familie erhielt 40 Mark, welches Geld aus den Erträgen der städtischen Waldungen stammt, und außerdem erhält jeder Bürger ein Fuder Holz und wird demselben für einen Zeitraum von je sechs Jahren ein anderes Grundstück zur Benutzung unentgeltlich überlassen. Ferner steht den Bürgern das Recht zu, auf den städtischen Weiden zwei Kühe weiden zu lassen. Auf nach Haltern in Westfalen!
Xanten, 4. August. Die Untersuchung hat nunmehr ergeben, daß der aus Leenwarden gebürtige 53jährige Metzger Salomon Vellmann dringend verdächtig ist, den Knabenmord am 29. Juni verübt zu haben. Bis zu diesem Tage war Vellmann hier in Arbeit und ist dann verschwunden. Wie verlautet, soll der nach Holland entflohene Thäter bereits verhaftet sein.
Trier, 7. August. Gestern früh ist der heilige Rock seinem Behältniß unter dem Hauptaltar des Domes entnommen und in die Domschatzkammer gebracht worden. Am 18. August wird man die Reliquie auf einer Estrade neben dem Hochaltar aufstellen. Zu derselben führt eine breite Marmortreppe hinan und eine andere von ihr hin-