Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,Jllustrirtem Familienfreund" vierteljührl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
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Jf 63. Samstag, den 8. August 1891.
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freier Eigenthümer,
ein stolzes Wort. Nur schade — in unseren kleinbäuerlichen Verhältnissen eben nur ein Wort. Wie viele, die dafür angesehen werden, sind das direkte Gegentheil davon. Die Anzahl der verschuldeten Grundbesitze unserer Gegend ist wohl mit 60 pCt. nicht zu hoch gegriffen. Die hypothekarischen Schulden belaufen sich im Durchschnitt sicher auf ein Drittel des Besitzes, bei einer großen Anzahl auf die Hälfte und mehr. Die Grundbücher reden in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache. Wie soll ein Bauer, der.wie die Mehrzahl unserer Besitzer nur an 10—12 Hektar besitzt, bei diesen Zuständen auf einen grünen Zweig kommen? Er heißt „freier Eigenthümer" und alle Lasten liegen auf ihm — in Wirklichkeit ist er Arbeiter seines Schuldherrn, der ihm ein kärgliches Jahrbrot läßt und den Ueberschuß für sich als Zinsen einheimst, um damit neuen, noch unverschuldeten Grundbesitz zu belegen. Hierin liegt, kurz ausgedrückt, die soziale Frage auf dem Lande.
Man mag bei uns noch soviel von „freien Eigenthümern" reden, in der That liegt die Sache so, daß wir auch in unseren Verhältnissen, wo „doch jeder noch etwas hat", eine kleine Anzahl von „Arbeitgebern und eine große Masse von „Arbeitern" haben. „Arbeitgeber" ist aber nicht etwa der sogenannte freie Eigenthümer, „Arbeiter" nicht der Knecht oder Tag- löhner, sondern „Arbeitgeber" ist der Schuldherr, „Ar heiter" eben der freie Eigcuthüiner, der nur den noth- dürftigen Unterhalt hat, während jener die Früchte seines Schaffens erntet, d. h., er läßt sich nicht von der Sonne verbrennen, arbeitet sich auch nicht in Schweiß, um die Ernte in's Trockene zu bringen, sondern sitzt auf seinem Komptoir und läßt sich die Zinsen bringen. Natürlich, wozu braucht er produktiv thätig zu sein? Kapital ist ja ersparte Arbeit, heißt's in jeder Nationalökonomie.
Es ist wichtig, sich bei Zeiten bewußt zu werden, daß gerade darin das Wesen der sozialen Frage auf dem Lande beruht. Geschieht dies nicht, so wird sich dieselbe zu der nämlichen verderbeuschwangeren Sphinx auswachsen, zu der sie in den Judustriebezirken geworden ist. Sie wird es um so schneller thun, als die „Arbeitgeber" auf dem Lande meist zu einer Klasse gehören, welche noch gewissenloser ist als die Fabrikbesitzer. Mangelhafte Schulbildung und konservativer Sinn der „Arbeiter" haben die greulichen Mißstände bis jetzt wenig hervortreten lassen. Beides wird sich ändern. — Bis jetzt hat sich erst eine einzige sichre Partei an die Lösung dieser Frage gemacht, die deutsch - soziale. Freilich scheint sie besonders in ihrer Abart, der rein antisemitischen Partei, als Hauptagitationsmittel dasselbe zu verwenden wie die sozialdemokratische auf ihrem Gebiet, nämlich Ver- feinduna der „Arbeiter" regen die „Arbeitgeber".
Bei den veränderten E r w e r b s v e r h ä l t n i ss e n auch auf landwirthschaftlichem Gebiet scheint nichts anderes als eine Bodenbesitzreform zu helfen. Je mehr sich die Erwerbsverhältnisse ändern, die Schulbildung zunimmt und der Pauperismus wächst — und an allen drei Punkten sind wir im Fortschritt —, desto unabweisbarer wird sich die Forderung nach einer Boden- besitzreform aufdrängen. Hoffen wir, daß man berufenen Orts damit nicht zu lange zögert, gewitzigt durch die Erfahrungen, welche mau mit der sozialen Frage in den Judustriebezirken hat machen müssen.
Wider den Truuk»
Die wirthschaftlichen Folgen des Uebels. Daß die Trunkleidenschaft alle anderen durch den Menschenwillen zu bekämpfenden Armuthsursachen zusammen genommen weit hinter sich läßt, ist eine Thatsache, welche in nationalökonomischer, wie privatwirthschastlicher Hinsicht noch lange nicht gewürdigt wird. Unzweifelhaft ist der durch Völlerei herbeigeführte Verlust in produktiver Arbeitskraft, sowie an Geld und Gut ein sehr bedeutender.
Beispiele von Verarmung durch Trunksucht hat wohl jeder Beobachter des Volkslebens vor Augen. Wenig Beachtung finden indessen die viel häufigeren Fälle, in denen nur sogenanntes „müßiges", aber regelmäßiges Trinken die Verarmung unmerklich vorbereiteten. Die erste Ursache wird dann der Regel nach übersehen oder vergessen und der Ruin einer Krankheit, einem geschäftlichen Mißgeschick u. dgl. zugeschrieben. Dgs Elend
wäre nicht ciugetreten, oder es wäre überwunden worden, hätte der Unglückliche nicht seiner Liebhaberei gefröhnt.
Wie sich die Ausgaben für geistige Getränke beim Einzelnen ungefähr stellen mögen, erhellt schon einigermaßen aus folgenden Zahlen.
Sämmtliche Staats- und Reichssteuern in Preußen erbringen lange nicht bie Hälfte der Summe, die für Wein, Bier und Branntwein (867 Millionen!) verausgabt wird. 1881/82 wurde allein in Preußen für Schnaps die ungeheure Summe von 261 Millionen ausgegeben, während die direkte Staatssteuer nur 150 Millionen Mark betrug, und zwar ist es gerade der kleine Mann, der Arbeiter, welcher jene 201 Millionen Mark für Schnaps aufgebracht hat.
Dieser Umstand allein gibt einen Maßstab für den Umfang, welchen die Trunksucht in diesen Kreisen erlangt hat. Von allen Staaten machen bekanntlich Frankreich und Deutschland die gewaltigsten Anstrengungen für militärische Zwecke. Den berauschenden Getränken jedoch opfern unsere westlichen Nachbarn die dreifache, wir die vierfache Summe! Die Ausgaben für Brot betragen nur die Hälfte derjenigen für Getränke. Gegenüber diesen Zahlenverhältnissen sollte es keines weiteren Wortes bedürfen.
Ein Arbeiter, der täglich 3 Schnäpse zu sich nimmt, gilt noch nicht für unmäßig, und doch gibt er dafür mindestens 52 Mark jährlich aus. Einzelne Arbeiter verwenden ein Drittel und mehr ihres Verdienstes für Getränke.
Würden vom 17. Jahre an den schweren Getränken nur 30 Pfennige täglich entzogen und in einer Renten- kasse angelegt, so brächte das wahrscheinlich ein langes Leben und gesundes, frohes Alter, jedenfalls bei Leb zeiten vom 62. Jahre an etwa 1500 M. Reuten.
Eine tägliche Ausgabe von 20 Pfg. macht jährlich 73 Mark. Diese sparkassenmäßig zu 3'/? pCt. angelegt, macht nach 30 Jahren 3822 Mark.
Freilich ist nicht zu verkennen, daß eine Wechselwirkung stattfindet und nicht blos Trunk Armuth, sondern auch Armuth Trunk erzeugen kann unb oft erzeugt. Mit großem Nachdruck wird daher von manchen Seiten behauptet: „So lange nicht die wirthschaftliche Lage der arbeitenden und ärmeren Klassen viel höher gebracht ist, werden alle Anstrengungen zur Eindämmung des Alkoholismus vergeblich bleiben". Wäre dieser Satz in seiner ganzen Ausdehnung wahr, so müßten wir unseren Kampf gegen die Trunksucht aufgeben, denn allen An- strcugnngen wird es nicht gelingen, die Massenver- annung wesentlich einzuschränken. Doch sehen wir zuvörderst dem angezogenen Satze etwas schärfer in's Auge.
Daß bei unzulänglicher Nahrung, Wohnung und Kleidung der Zug zum Branntwein, dem wohlfeilsten, zugänglichsten, am raschesten wirkenden Mittel, die Lebensnoth auf Stunden zu verscheuchen, übermächtig werden muß, wer begriffe das nicht? Wäre jedoch der unmäßige Schnapsgenuß nur oder hauptsächlich Folge der schlechten Einkommensverhältnisse, so müßte jener sich mindern, sobald diese besser werden. Die Erfahrung lehrt indessen leider das Gegentheil.
Wir sehen vollkommen ein, daß der Arbeiter inmitten schweren abstumpfenden Tagewerks über des Leibes Nahrung und Nolhdurft hinaus sich nach etwas sehnt, etwas braucht, das seine Kräfte aufrichtet, ihn erheitert, seinen Lebensmuth ftäift. Denn wie steht es so sehr oft bei ihm zu Hause? — Der engste Raum, die dürftigste Ausstattung kann ja durch Sauberkeit und Ordnung erträglich werden. Gerade daran gebricht es indessen so gar oft. Weniger die arme Frau, als die Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen, sind schuld daran. Meist hat sie von früher Kindheit auf mit erwerben helfen müssen, so daß ihr Sinn für Häuslichkeit unentwickelt blieb. Ihr Mann kommt ermüdet heim. Schon auf der Treppe hört er die schreienden Kinder, die scheltende Mutter. Diese empfängt ihn im vernachlässigten Anzüge, übelster Laune, das Zimmerchen, in welchem gewohnt, gekocht, gewaschen, geschlafen werden muß, ist im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt, rauchig, schmutzig, dunsterfüllt, das Wenige, das auf- getischt wird, durch Ungeschick halb verdorben. — Wer hätte den Muth, dem Manne einen Vorwurf zu machen, wenn er sobald als möglich den Ort aufsucht, wo er nicht Jammer und Elend, sondern Genuß und lustige Kumpane findet, welche ihm sein trauriges Loos vergessen lassen!
In Zeiten guten Verdienstes pflegt zwar der Bier- konsum zu steigen und die Ernährung eine bessere zu sein. Treten aber magere Zeiten ein, so wird's desto schlimmer: das Bier wird vom Schnaps verdrängt und von letzterem um so mehr getrunken, je mehr der Mangel an nahrhaften Speisen ersetzt werden soll. Die Bethörten ahnen nicht, wollen es auch den Aerzten nicht glauben, daß sie für den dritten oder vierten Theil des Geldes, das sie so vergeuden, um einen rasch vorübergehenden Kraftzuwachs zu erkaufen, einen dauernden sich verschaffen könnten, wenn sie statt des flüchtigen Reizmittels wirkliche Nahrungsstoffe genössen.
In Sachen des Branntweingenusses hat sich unter diesen Umständen die öffentliche Meinung im heutigen Deutschland ungefähr folgendermaßen gestellt: „Die Arbeiterklasse bedarf, um töiperlictjen Anstrengungen gewachsen zu sein, eines Reizmittels. Wein und Bier in hinlänglichem Maße ist ihr zu theuer, folglich muß sie zum Branntwein greifen. Die Gefahr, in Unmüßigkeit zu fallen, liegt allerdings nahe, darum aber, angenommen selbst man vermöchte es, Alle und Jeden vom Branntweingenuß abzilhalten, wäre unbarmherzig. Denn auch dir dürftig genährte Arme braucht außer dem Sporn für seine Körperkräfte nicht minder einen Sorgenbrecher, der ihm mit freundlicher Hand hinweghilft über die Eintönigkeit und Härte des Kampfes ums Dasein und seine Seelenstimmung aufbessert. Gönnen wir ihm also nur fein Fläschchen." Das ist die herrschende Denk- und Anschauungsweise bei der überragenden Mehrheit, die es mit dieser Angelegenheit nicht ernsthaft nehmen mag.
Kann es denn aber weiter so fortgehen, ohne daß unser Volk seinem materiellen und moralischen Bankerott eutgegentreibt, oder stehen wir vor einer unüberwindlichen Macht, der wir uns beugen müssen?
Liegt es auch außer Menschenvermögen, alle Noch mit ihren traurigen Folgen aus der Welt zu schaffen, so muß doch unablässig treu daran zu arbeiten unsere vornejyifte Aufgabe sein. Kirche, Gesetzgebung, Staat, GefellschMchäben das <ito heilige und eilige Nothsache zu betrachten, und nicht zum wenigsten kann die Presse dabei mitwirken, indem sie die öffentliche Meinung um- zustimmen, die Volksgewohnheiten auf bessere Wege zu lenken, die Verhältnisse der ärmeren Bevölkerung und ihre Lebensführung allmählich zu heben bemüht ist.
Deutsche- Reich.
Berlin, 5. August. Einer Meldung der „Köln. Ztg." zufolge wird der Kaiser Wilhelm von seiner Nord- landsfahrc am 8. August zurückkehren und in Kiel einige Zeit Wohnung nehmen. Das Befinden des Monarchen ist zur Zeit ein vorzügliches.
* — Der militärische Berichterstatter der „Köln. Zeitung" schreibt seinem Blatte, die soeben neugebildete 15. Kavalleriedievision werde in die nächste Nähe der deutsch-östreichischen Grenze verlegt werden. Der Korrespondent erinnert daran, daß sich, nachdem früher die russische Heeresverwaltung alle Einwendungen von deutscher und östreichischer Seite gegen die russischen Truppen- vermehrungen und Verschiffungen schroff zurückgewiesen hatte, die russischen Kriegsvorbereitungen in nie dagewesener Weise vermehrt haben. Keine Regierung wage, auf die ungeheure Gefahr der Rüstungen Rußlands hinzuweisen, welches nach der Einführung des neuen Gewehres die augenblicklich noch zur Schau getragene Maske der Vertheidigung mit der des Angriffs vertauschen werde. Die neue Kavallerie-Division setze sich größtentheils aus neuen Regimentern zusammen.
* — Wie die „Köln. Ztg." erfährt, wird der nunmehr im Reichsamt des Innern fertiggestellte Entwurf eines Trunksuchtsgesetzes zunächst dem Kaiser nach dessen Rückkehr vorgelegt werden
Rathenow, 4. August. Das hiesige Proviantmagazin ist in Folge Blitzschlags vollständig niedergebrannt. Bei der schnellen Ausdehnung des Feuers müßten die Feuerwehren ihre Thätigkeit ausschließlich auf Rettung des Verwaltungszebäudes und der umliegenden Fabrken beschränken. Gegen 30,000 Zentner (150 Waggon- ladungen) Hafer, fast sämmtliche Vorräthe an Heu, Stroh und Konserven sind verbrannt. Der Schaden wird auf mindestens anderthalb Millionen Mark geschätzt. DaS Rathenower Proviantamt war das größte Deutschlands und wurde unter Friedrich dem Großen erbaut. Merkwürdig ist, daß der Blitz trotz der v elen auf den Dächern augebrachtenBlitzableiter doch einschlugundzüudete.