Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. , Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Mittwoch, den 5. August

1891

Der Krieg der Zukunft.

Einer russischen militärischen Zeitschrift, die alssehr ernst und gediegen" bezeichnet wird, hat kürzlich die BerlinerPost" eine Darstellung der Verpflegnugs- Schwierigkeitcu entnommen, mit denen die deutsche und österreichische Armee bei einem Krieg mit Rußland zu sümpfen haben würden. Der ungenannt gebliebene russische Verfasser geht von der Annahme aus, daß die beiden Mächte einen Offensivkrieg führen und daß die Westrussischen Landestheile den Kriegsschauplatz bilden würden. Nach seinen Berechnungen würde Deutschland 960,000 Mann mit 220,000 Pferden und Oesterreich- Ungarn ebenfalls 220,000 Pferde, aber 1,070,000 Mann über die Grenze werfen. Werden die deutschen wie die österreichischen Vorräthe, die in den Magazinen auf­gespeichert liegen, sowie die weitere Leistungsfähigkeit beider Länder in Bezug auf Ersatz der Vorräthe als hinreichend für einen Bedarf von 10 Monaten in nor­malen Zeiten angenommen, so würde sich bei der un­geheueren Konzentration der Truppen doch nur ergeben, daß die deutschen Vorräthe für etwa 25 Menschentage und 23 Pferdetage ausreichen. Dabei ist noch eine gewaltige Anspannung des Eisenbahntransportdienstes angenommen. Der Verfasser hält den Ersatz der auf­gebrauchten Nahrungsmittel, den allerdings Amerika liefern könnte, darum für unzulänglich, weil bis zum Eintreffen dieser Transporte die Operationen der Armeen bereits empfindlich gestört sein könnten. Die Frage, ob der Bedarf nicht aus den Gebieten des Kriegsschau­platzes selber gedeckt werden könnte, wird unbedingt verneint. Was an Vorräthen in Polen, Wilna, Po- dolien rc. noch vorhanden sein mag, das würden die russischen Truppen bei ihrem Rückzug mitnehmen unb Requisitionen wie in dem reichen Frankreich würden

verhindert werden könnten. In noch viel schwierigeren Verhältnissen aber wär jedenfalls Frankreich. Denn die Zu­fuhren aus dem befreundeten Rußland würden ihm ganz sicher, die aus Amerika zum größten Theil abgeschnitten werden können. Es sind das Zukunftsperspektiven, die ganz und gar nichts PhaMastisches an sich haben. Bei der großen Volksdichtigkeit Westeuropas, bei der ungeheuren Größe der Armeen, bei der vermehrten Schwierigkeit für die zu Hause Bleibenden, das Feld zu bebauen, bei der schon jetzt unumgänglichen sehr bedeutenden Zufuhr aus den Getreideländern wird ein enropäischer Krieg die Eruährungsschwierigkeiten nicht bloß für die Heere, sondern auch für die übrige Bevölkerung zu einem bei­nahe unfaßbaren Maß steigern müssen. Wir sind aller­dings überzeugt, daß die furchtbaren Gefahren, die in diesem Zustand schlummern, den Heeresverwaltungen nicht bloß bekannt sind, sondern daß sie diese und über­haupt die Regierungen dazu bringen müssen, einen Kriegsausbruch nach Möglichkeit fernzuhalten. Von welcher Seite man auch den Zukunftskrieg betrachtet, er ist etwas so Fürchterliches, daß nur ein Wahnsinniger ihn herbeiwünschen kann.

Deutsche- Reich.

Berlin, 2. August. Von des Kaisers Norblandreise. Wie dieNordd. Allgem. Ztg." erfährt, ist dem Kaiser vor einigen Tagen der erste Verband des verletzten Kniees abgenommen worden. Generalarzt Dr. Leuthold kon- statirte eine so merkliche Abnahme der Schwellung, daß bei gleichmäßigem Fortschreiten der Besserung in einigen Tagen eine das Gehen gestattende Bandage wird angelegt werden können. Der Unfall ist dem Monarchen am

23. Juli Nachmittags auf dem durch Regen glatt ge- Kl^®^ Aerztkichew

seits wurde sofort die nöthige Hilfe geleistet. Das All­gemeinbefinden des Kaisers blieb unausgesetzt ein gutes. Am Sonnabend ist der Kaiser in Drontheim angekommen, wo zunächst sofort die eingegangenen Regierungssachen erledigt wurden- Am Sonntag hielt Kaiser Wilhelm wieder persönlich den Schiffsgottesdienst ab.

Berlin, 31. Juli. Bei der Deutschen Bank ist ein großartiger Vertrauensmißbrauch Seitens eines Beamten entdeckt worden. Derselbe, welcher mit Abstempelung der Schlußscheine betraut war, spekulirte gemeinsam mit einem hiesigen Börsenmakler in Rubelnoten, er stempelte die Schlußscheine als Engagements der Deutschen Bank und verdeckte das betrügerische Verfahren durch Fälschung der Bücher. Die Engagements betragen 5,270,000 Rubel, der Verlust für die Bank bei Anerkennung der Engage-

kein Ergebniß liefern. Der Verfasser schließt:Die Derbiinbereit Heere merden tu emnn furLnoarcir, unab­lässigen Kampf mit dem Hunger liegen , und die Ueber- wältigung dieses schrecklichen Feindes wird nur bei An­spannung aller Kräfte, vielleicht gar unter Verzicht auf wesentliche militärische Zwecke, erreicht werden können."

Diesem nicht uninteressanten Auszug aus der russi­schen Zeitschrift fügt nun der militärische Mitarbeiter derPost" hinzu, daß die Grundlagen, auf denen der Verfasser sein Thema aufbaut, von der deutschen Heeres­leitung sicher nicht geringer gewürdigt werden, als in Rußland selbst. Man darf wohl auch dies noch hinzu­fügen , daß die angeführten Gesichtspunkte auf die öffentliche Meinung in Deutschland und Oesterreich- Ungarn gleichfalls Eindruck machen werden. Die Fragen, die der russische Militärschriftsteller anregt, gehören durchaus nicht nur vor das militärische Forum, sondern sie greifen tief in volkswirthschafmche Probleme ein. Die Ueberzeugung ist wohl allgemein, daß der nächste europäische Krieg, wenn er wirklich unvermeidlich sein sollte, den ganzen Welttheil in seinen Schlund reißen wird. Die Ernährungsfrage würde damit ein Gesicht bekommen, wie niemals zuvor in der Welt. Die letzte Epoche eines Weltkrieges ist die der napoleonischen Kriege gewesen. Damals aber konnte die Landwirth- schaft aller Länder (bei verhältnißmäßig geringer Be­völkerung) noch den Jnlandsgebrauch aus Eigenem decken, und es ist weiter zu berücksichtigen, daß tue Heere, auch die größten, im Vergleich zu heute nur klein waren. Seitdem haben wir in Europa immer nur partielle Kriege gehabt, bei denen diejenigen krieg­führenden Staaten, die Zufuhren benöthigten, diese aus einem Nachbarland einführen konnten. So konnten wir 1870 Getreide und Vieh aus Rußland hereinschaffen, Frankreich ebenfalls aus Rußland und aus Amerika. Stellt man sich nun aber vor, daß alle Großmächte, England eingeschlossen, mit einer Gesammtmacht von vielleicht 10 Millionen Menschen im Krieg mit einander sind, dann stellt sich das Bild sofort anders dar. Deutschland würde selbstverständlich die russische Bezugs­quelle sofort verlieren und die amerikanische könnte durch die französische Flotte verschlossen werden., Für Italien und Oesterreich wäre vielleicht das Gleiche der Fall. Nimmt man aber an, wozu doch einiges Recht vor­handen ist, daß die vereinigten Flotten von England, Italien, Deutschland und Oesterreich-Ungarn der russisch- französischen überlegen bleiben, dann braucht eine dauernde und regelmäßige Versorgung unseres Welttheiles mit amerikanischem Getreide und Fleisch noch immer nicht gesichert zu sein, weil gelegentliche und sehr empfindliche Durchbrechungen der Flotten der vier Mächte doch nicht

I Salicylsäure, Gelatine, Syrup, Hausenblase u. s. w. unter lateinischer Bezeichnung sich hat kommen lassen und an verschiedene Brauer unter recht bedenklichen und mit der Standesehre kaum zu vereinbarenden Em­pfehlungen verkauft hat. Erfreulich war es, daß auf eine ganz exemplarische Strafe erkannt wurde und hoffentlich noch Weiteres folgen wird. Wenn es doch einmal auch in Norddeutschland, geradeso wie im König­reich Bay rn zum Gesetz würde, daß beim Bierbrauen kein Surrogat, kein vorgenanntes Schmierzeug, sondern lediglich nur Hopfen und Malz verwendet werden dürfte, das ist wohl eines jeden Biertrinkers Wunsch!

Klausthal (im Harz), 28. Juli. Nach der dies­jährigen Impfung hierselbst stellten sich nach demQu. Krsbl." bei den zwölfjährigen Schulkindern vielfach recht bösartige Anschwellungen der Arm- und Brustmuskeln ein. Ein Schulknabe, der vorher kerngesund gewesen, fiel nach der Impfung in einen neuntägigen Schlaf, von dem er nicht wieder erwachte.

Essen, 29. Juli. Vierzehn Arbeiter sind heute Mittag in der Ruhr in der Nähe der Spillenburg er­trunken. DieRh. W. Ztg." berichtet darüber: Die Arbeiter waren beim Ausgraben der Brunnen für das neue Essener Wasserwerk, welche auf der Spillenburg gegenüberliegenden Seite der Ruhr angelegt werden, beschäftigt und waren im Begriff, in einem mit 22 Ar­beitern besetzten Nachen über die Ruhr zum Mittagessen zu fahren. Das für nur 10 Personen eingerichtete Fahrzeug vermochte jedoch eine so bedeutende Last nicht zu tragen, es sank unter, und die Arbeiter, welche sämmtlich aus Böhmen hierher gekommen waren, stürzten in die Fluchen der hochgehenden, reißenden Ruhr. Nur acht von den Leuten konnten gerettet werden, und war

von den Ertrunkenen bis 6 Uhr Nachmittag noch keiner E^'chden worden. Kurz vorher waren in einem

das Mittagessen einzunehmen, und scheinender Job genden beim Besteigen des Nachens allzusehr übereilt zu haben. Bei den dortigen Erdarbeiten werden un­gefähr 150 Arbeiter beschäftigt.

Aus Xanten wird derFrankf. Ztg." geschrieben: Ueber den geheimnißvollen Knabenmord, welcher Anfang dieses Monats in hiesiger Stadt verübt worden ist, schwebt noch immer ein geheimnißvolles Dunkel; obwohl hierhergesandte Geheimpolizisten sich alle erdenkliche Mühe geben, dasselbe aufznhellen. Der Knabe wurde in einer Scheuer aufgefunden, zu welcher man nur durch einen stets verschlossen gehaltenen Thorweg gelangen konnte. Da dieser Thorweg an die Wohnung eines jüdischen Metzgers stößt, die Leiche völlig blutleer war und die Wunde angeblich auf eine im Blutzapfen geübte Hand schließen ließ, bildete sich das Märchen von einem rituellem Morde heraus, welches nicht allein die Bewohner Xantens, sondern auch die meist katholische Bevölkerung der ganzen Gegend in große Erregung versetzte. Tagelang wurden die Häuser der israelitischen Bürger von einer drohenden Menschenmenge umlagert, und nur dem Einschreiten der katholischen Geistlichkeit ist es zu danken, daß er nicht zu traurigen Ausschreitungen kam. Trotzdem aber sind die jüdischen Geschäftsleute fast vollständig kalt gestellt, ihre Läden sind verödet, denn die Bevölkerung glaubt starr und fest an das Märchen, die Juden hätten einen rituellen Mord verübt, dem der Knabe zum Opfer gefallen ist. Hoffentlich gelingt es bald, den Thäter, der wahr­scheinlich über die nahe hölländische Grenze geflohen ist, zu entdecken.

Koblenz. Die übermäßige Konkurrenz, die dem kleinen Kaufmann und den Gewerbetreibenden durch den Hausierhandel und andere Veranstaltungen gemacht wird, hat die Handelskammer in Koblenz veranlaßt, diesen Gegenstand zu einer eingehenden Untersuchung zu machen. Wir finden in dem Bericht derselben darüber Folgendes gesagt: Die immer häufiger werdenden Klagen des seßhaften kaufmännischen Geschäftes und Kleingewerbes in Landorten und kleinen bis mittleren Städten über die zunehmende Schädigung durch den Hausierhandel, die sog. Detailreisenden, Versandgeschäfte und die besonderen Veranstaltungen zur Versorgung be­stimmter Kreise, namentlich der Beamten und Offiziere, mit Waaren jeder Art haben uns veranlaßt, den Gegen­stand eingehender zu untersuchen, wodurch sich nur ; erhöhten staatlichen Schutz zuzuwenden. Es gibt fast , unsere Ueberzeugung befestigt hat, daß es m der ^pat , an der Zeit ist, den geschädigten Berufsklassen einen

ments 1,100,000 Mark.

* Das Eisenbahnministerium errichtet in Bochum ein mit akademisch gebildeten Staatstechnikeru besetztes Abnahmeamt, welches die in Baare's Werken angefertigten Schienen auf ihre Tadellosigkeit zu prüfen hat. Wenn diese Nachricht der in solchen Dingen gut informirten Köln. Volksztg." sich bestätigt, so wäre das ein Zeichen, daß das Ministerium in der bisher geübten Praxis der Schienenabnahme ein Haar gefunden hat, und die von Fusangel gegen das Geschäftsgebahren Baare's und seiner Gesellschaft erhobenen Vorwürfe nicht unbegründet sind.

Posen. In dem Orte Goldgräber-Hauland bei Posen ist der 72jährige Wirth Uttenbach mit besonders reichem Kindersegen bedacht. Derselbe ist zum zweiten Mal verheirathet. Seiner ersten Ehe entsprossen sech­zehn Kinder, und seine noch lebende zweite, bedeutend jüngere Ehefrau hat ihn kürzlich mit dem siebzehnten Kinde beschenkt, so das er jetzt Vater von dreiund­dreißig lebend geborenen Kindern ist. Der 72jährige Greis ist, wie die Pos. Z. meldet, immer noch körper­lich und geistig gesund.

In Leipzig hat die Schlachthausordnung auch auf Hunde ausgedehnt werden müssen, weil bekannt geworden war, daß ein Gastwirth wöchentlich 34 Hunde ge­schlachtet hat, deren Fleisch von seinen Gästen übrigens sehr begehrt gewesen sein soll.

Aus dem Meininger Oberland, 27. Juli. Eine unlängst vor dem Schöffengericht in Gräfenthal stattge- Habte öffentliche Verhandlung wegen Hinterziehung der Brausteuer hat davon Kunde gebracht, daß leider manche unserer Biere weitaus nicht aus Hopfen und Malz her­gestellt werden! Es ist dabei zu Tage gekommen, daß ein Apotheker auf dem Wald eine große Masse von Surrogaten, als: Traubenzucker, Glycerin, Couleur,