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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. , Jllustrirtem Famitienfreund" viertcljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M M. Samstag, den 1. August 1891.

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Wider den Tru»tk.

Die Wirkungen des Uebels für Körper und Geist. Fassen wir die Wirkungen des fortgesetzten Alkohol­mißbrauchs nag er in's Auge, so ergibt sich, daß keines der lebenswichtigen Organe nach. längerem Alkohol­mißbrauch normal bleibt, sondern in einer fast gesetz­mäßigen Reihenfolge das Werk der Zerstörung fort- schreitet. Verdauung und Ernährung wird herabgesetzt; das Herz, die Leber, die Nieren entarten, verschiedene Organe überfüllen sich mit Blut und erzeugen Schlag­flüsse, die Gehmunafse schwindet, die Athemwerkzeuge erfahren krankhafte Veränderungen, ganz besonders wird das Nervensystem erschüttert, die Sehkraft, der Gehörs-, Geschmacks-, Geruchssinn abgestumpft, kurz nach allen Seiten das Verderben getragen und alle Krankheiten, alle chirurgischen Operationen verlaufen um so übler, wenn sie einen durch Trunk geschwächten Körper treffen, viele werden unheilbar. Darüber liegen die bündigsten Beweise aus den Spitälern aller Länder vor, und es ist - keine übertriebene Behauptung , daß Alkohol allein so viel Schlimmes bringt, wie die anderen Krankheits­ursachen zusammen genommen. Ein englischer Statistiker bezeugt, gestützt auf sorgfältige Untersuchungen, daß der Trunk die Sterblichkeit verdreifacht. Ein französischer Irrenarzt hat die Beobachtung gemacht, das Trinker­familien, nachdem sie alle Stufen leiblicher und morali­scher Entartung durchlaufen hatten, schon im vierten Gliede ausstarben.

Auch eine Menge jener ärgerlichen kleinen Leiden, z. B. des Kehlkopfes und der Bronchien, die regelmäßig aufErkältung" geschoben werden, rühren oft von nichts Andrem her, als vom Weingeist, dergesundheitshalber" auf Selbstverordnung wieder und wieder eingenommen wurde. Wie häufig starke Trinker von stechenden, reißenden Schmerzen in den Gliedern und der M^asn- höhte, von Mustelztttern, Zuckungen in Handen, Lippen, Zunge, von Sehnenhüpfen und Krämpfen, von pein­lichen Blasenkatarrhen, Nierenschmerzen, Flechten, Ge­schwüren befallen werden, wie bei ihnen hartnäckige Verschleimung mit Husten und Appetitlosigkeit sich ein- stellt, wie ihre Muskelkraft abnimmt bis zur Lähmung, wie sie vorzeitig altern, wie oft Schwächung des Ver­standes und des Gedächtnisses eintritt bis zum Blöd­sinn, ist auch im Publikum nicht unbekannt.

Daß etwaM aller Geistesstörungen durch den Ein­fluß der Trunksucht entsteht, darf mit voller Ueberzeugung behaupt, t werden.

Im Säuferwahnsinn treten bald diese, bald jene der angeführten Erscheinungen auf, daneben Schlaflosig­keit, erschöpfende Schweiße, Erbrechen, Sinnes­täuschungen und Wahnsinnsformcn ^verschiedener Art, namentlich Anfälle von Tobsucht. Solche Kranke ver­fallen sehr rasch und werden sehr selten geheilt Das Delirium tremens ist vorzugsweise da heimisch, wo Branntwein massenhaft genossen wird. .

In Preußen haben wir alljährlich über £>000 Menschen, welche in Folge von Trunksucht am Delirium tremens zu Grunde gehen, oder mit Selbstmord endigen, oder verunglücken oder in Geistesgestörtheit versinken. Die Sterblichkeit der Enthaltsamen gegen die der mäßig Trinkenden fanden die englischen Lebensversicherungs- gesellschaften von 71: 100.

Wie häufig der Spirituosenmißbranch zur Fallsucht führt, dafür haben wir die schlagendsten Beweise aus den Anstalten für Epileptische, wo man unter 80 fall­süchtigen Kindern 60 Abkömmlinge von Trunksüchtigen fonb» .. ,,,

Was über die im Rausche Herbeigesuhrten Unglücks fälle im Publikum bekannt ist, genügt schon, die Summa nicht niedrig erscheinen zu. lassen. Viel höher würde sie sich stellen, wenn immer auf den wirklichen Grund zurücke gangen würde. Allein die statistisch nachge­wiesenen Unfälle durch Trunkenheit belaufen sich in Preußen auf 4/2 pCt. Die meisten fallen immer auf den Montag, was auf die Nachwirkungen der sonntäg­lichen Ausschreitungen deutet.

Sehr oft sind es weder Trunkenbolde, noch Berauschte gewesen, die einen Unfall verschuldeten, sondern Leute, die sich nurein wenig gestärkt" und dadurch in jenen , angeheiterten" sorglosen Zustand versetzt hatten, der es weder genau nimmt mit der Amtspflicht, noch mit der allgemeinen Menschenpflicht.

Behördliche Berichte und Zeitungen melden dann kurzweg den Unfall, von seiner eigentlichen Ursache haben

sie nichts erfahren. Keines Nachdenkens bedarf es zu der Einsicht, wie leicht großes Unglück entstehen kann, wenn ein Weichensteller, Bahnwärter, Stationsvorstand, Maschinenmeister, Heizer, Werkführer, Kutscher in jenem noch keineswegs trunkenen Zustand seinem Berufe ob­liegt. Wer könnte berechnen, wie viele Wittwen und Waisen den Versorger verloren durch solche unmittelbare oder mittelbare, vielleicht jeder Wahrnehmung sich ent­ziehende Einwirkung des Alkohols!

In den eben betrachteten Fällen handelte es sich um Menschenleben, Entgleisung eines Eisenbahnzuges, tödt- liche Verletzungen u. dgl. Muß es denn aber durchaus eines jenerverantwortlichen" Aemter sein, dessen Ver­nachlässigung Schaden stiften kann? Kann nicht in jeder anderen Stellung schweres Unheil angerichtet werden? Gibt es denn überhaupt unverantwortliche LebenS- stellunaen? Hat es etwawenig zu sagen", wenn ich in solchanimirter" Stimmung durch ein unbedachtes Wort meiner Frau, meinen Kindern, einem Freunde schweres Aergerniß gebe, mich in ihrer Achtung herab- setze, eine Aeußerung thue, deren Eindruck nie wieder zu verwischen ist, die möglicherweise den Grund legt zu einer unglücklichen Ehe, einem Verluste des Ver­mögens, der Gesundheit, der Ehre? Oder wären das absichtsvolleUebertreibungen, Schwarzseherei"?

Wenn es feststeht, daß geistige Klarheit, Selbst­beherrschung, Willensfreiheit, Wachsamkeit durch alkoho­lische Reize zeitweilig unterbrochen werden, kann dann nicht ein Wort , eine unüberlegte Handlung schweres Unheil anrichten?

Ein Templerenzlerleben sollen wir also wohl führen?" wenden da Viele ein,lassen wir uns dann doch lieber gleich begraben!" Nein, nicht absolute Enthaltsamkeit von geistigen Getränken soll jedermann , a>«ljr,- -/ ' ('>w »U «OllUiuvmycu [vu

nur an die Gefahr des SpieleftK-^-^--i^--Hi^LL.^ innert werden. Wer an sich bemerkt, daß er beim Glase seine Grenze leicht überschreitet, ziehe die Linie derselben lieber enger als weiter und mache sich gefaßt auf Neckereien und Spöttereien von guten Freunden. ~

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser, dessen Befinden ein durchaus befriedigendes ist, reist am 29. nach Drontheim. In der Dauer der Reise ist keine Aenderung beabsichtigt. Dem Vernehmen nach durfte der Kaiser etwa am 8. nächsten Monats oder an einem der nächsten Tage von seiner Nord­landreise wieder zurückzuerwarten sein, während die Kaiserin mit den kaiserlichen Prinzen unb ihrem Gefolge schon früher wieder im Neuen Palais bei Potsdam eintreffen wird, um den Kaiser bei seiner Ankunft daselbst zu begrüßen. Am 28. August früh trifft der Kaiser in Bromberg ein, be- giebt sich ohne Aufenthalt nach Fordon und von dort mittelst bereitstehender Wagen nach Schönste, um dem Haupttreffen der Kavallerie-Manöver beizuwohnen, welche von zwei Kavallerie-Divisionen des 2. und 17. Armee­korps ausgeführt werden.

* __ Alle verfügbaren Regierungs-Assessoren werden augenblicklich den Landrathsämtern als Hilssbeamte für die Durchführung der Steuerreform überwiesen.

* __ Das Ober - Verwaltungsgericht in Berlin hat nachfolgende, für Jäger interessante Entscheidung gefällt: Die Zurücknahme eines bereits ertheilten Jagtscheincs kann erfolgen, sofern dessen Inhaber sich an einem Schießen bethciligt hat, durch welches leichtsinniger Weise ein Mensch gefährdet wurde, selbst dann, wenn nicht feststeht, daß er selbst gerade den gefährlichen Schuß abgegeben hat.

Aus Schlesien, 23. Jul. Die Berichte über das Hochwasser, von welchem weite Landstrecken unserer Provinz heimgesucht worden sind, lassen erkennen, daß der Schaden alt Hab und Gut Tausender unermeßlich ist. Stadt und Umgegend von Neisse sind wohl am allerschwersten betroffen. Der größere Theil der Stadt liegt auf dem steilen rechten Ufer der Glatzer Nersse, daher sind nur die niedern Stadttheile überfluthet, diese aber haben großen Schaden erlitten. Das Pulver- mühlengelände ist ein wogender See geworden, die auf Pontons einherfahrenden Pioniere räumen Hulfreich aus den Keller- und Parterrewohnungen Betten, Möbel u. s. w. nach den höhern Stockwerken oder den Boden. Den Bewohnern dieser Häuser, zu denen auch das des Divisionsgenerals v. Wödtke gehört, werden von den Mannschaften Lebensmittel zugeführt. Mehrere Militär­behörden mußten ihre Bureaux räumen. Die Schreiber

standen auf Tischen und reichten die geretteten Acten zu den Fenstern den mit Kähnen bereitstehenden Rettungs­mannschaften hin. In den Parterrewohnungen und namentlich in Restaurants sah man allerlei Geschirr und Sachen im Wasser schwimmen, ebenso brachten die schäumenden Wogen ganze Ställe, Dächer, Brücken, Scheunen u. s. w. an. Um Neisse herum stehen noch heute 11 Ortschaften unter Wasser. Zahllose Weizen-, Rogen-, Hafer-, Gersten- und Kartoffelfelder sind ver­nichtet, ebenso die Feldthiere und zahlreicher Wildstand. Auch Menschenleben hat das Hochwasser gefordert. Am großen Wehre zu Neisse sind mehrere Leichen ange­schwemmt, ebenso ein vollständiges Gespann, dessen todter Kutscher die Zügel noch in der Hand hält. Trotz der großen Wassermassen, welche Neisse umfluthen, hat die Stadt selbst Trinkwassernvth, da die Turbinen im Wasserhebewerk nicht arbeiten können. Zahlreiche Fabriken sind genöthigt worden, ihre Arbeit einzustellen, wodurch obendrein viele Arbeiter brodlos geworden sind. Auch die große Fränkel'sche Fabrik zu Neustadt, O.-Schl., in der mehrere tausend Arbeiter beschäftigt werden, mußte feiern. Das Goldbach-, Braunde- und Pruduik- thal sind in einen mächtigen See verwandelt. In jener Gegend ist auch viel Vieh, das nicht mehr recht­zeitig auf höher gelegene Punkte gerettet werden konnte, ertrunken. In und um Ziegeuhals (Kreis Neisse) stehen alle in der Nähe des Altbachs befindlichen Häuser unter Wasser und soweit der Blick reicht, bietet alles ein trauriges Bild der Vernichtung. Die Grafschaft Glatz hat diesmals nicht weniger gelitten. In der Stadt Glatz selbst standen die Königshainer-, Mälz- und Herrenstraße sowie der Roßmarkt völlig unter Wasser. Auf der Bahnstrecke Glatz-Mittelwalde hat sich ein großes Stück der angrenzenden Bergwand mit -inem Theile der auf derselben angelegten Warther wodurch her Verteyö gejron ksi. Bet oeM^Mthrtty^ die Militär-Schwimmanstalt durch eiserne Anker gegen die heranbrausenden Fluthen widerstandsfähig zu machen, schlug ein Ponton um. Dabei ertrank der Militär- Schwimmlehrer Sergeant Langner von der 12. Com­pagnie des Regiments Nr. 38. Die Umgegend von Reinarz und Landeck hat ebenfalls schwer gelitten, doch sind die Badeorte daselbst von Hochfluthschäden verschont geblieben. Der Schweidnitzer und Reichenbacher Kreis ist hart betroffen. Das Graf Moltkesche Gut Creisau sowie Gräditz, Faulbrück und Schwengfeld stehen zum Theil unter Wasser. In dieser Geg nd dürften nicht nur die Halmfrüchte, sondern auch die Kartoffelernte völlig vernichlet sein.

In Ratzeburg (Holstein) ging vor Kurzem der Kassierer des dortigen Spar- und Vorschuß-Vereins, Stapelfeldt, nach Unterschlagung von 177,267 Mark 21 Pfg. durch, wurde jedoch in Alton« ergriffen und sitzt nun im Gefängniß. Zur Deckung des Fehlbetrages sind die Aktionäre dem . Statut gemäß verpflichtet. Voraussichtlich wird jede Aktie (auf 30 Mark lautend) mit 600 Mark herangezogen werden müssen. Der Vor­sitzende eines inzwischen zusammengetretenen Aktions­komitees schlug vor, daß die Einleger diese Summe von ihrem Guthaben abschreiben lassen sollten. Andere, welche hierzu in der Lage seien, möchten die Summe gleich oder in kurzen Raten einzahlen. Für die Uev- rigen würden Wechsel auf Namen für diese Summe ausgegeben werden, welche mit 5 Prozent zu verzinsen seien und monatlich oder vierteljährlich mit 20 Prozent zurückgezahlt werden müßten. Geld sei unter allen Umständen anzuschaffen, um die erfolgten Kündigungen zu decken und einen -vollständigem Zusammenbruch der Kasse zu vermeiden. Dem Vorstand wurden nun die schwersten Pflichtwidrigkeiten zum Vorwurf gemacht, so soll seit Jahren keine regelrechte Kassenrevision statt- gefunden haben, auch soll derselbe die Bilanzen, welche der ungetreue Kassierer ausgestellt, ohne nähere Prüfung unterschrieben und der Generalversammlung vorgelegthaben. In Folge dessen sind diese Vorstandsmitglieder abgesetzt worden, doch haften sie noch dem Verein. Selbstredend ist man hier sehr aufgeregt wegen dieser, viele Leute schwer schädigenden Vorkommnisse.

Aachen, 24. Juli. Zwischen der Station Rothe Erde und Abchen stieß gestern Abend ein unbekannter Passagier den ihm das Billet abfmdernden Schaffner vom Wagen über den 20 Fuß tiefen Viaduct. Der Schaffner erlitt tödtliche Verletz ngen.