SchlüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,.Jllnstrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
h ^ 60. " Mittwoch, den 29. Juli . 1891.
Die Sozialdemokratie auf dem Lande.
Alle Versuche der L>ozialdemokraten, die Bewegung auf das platte Land zu tragen, sind der Nat.-Ztg. zufolge gescheitert. Das Blatt schreibt:
Auf allen Parteitagen wurde koustatirt, daß die bisherige Art der Agitation wesentlich daran Schuld sei, daß die Sozialdemokratie auf dem Lande keinen festen Boden habe fassen können. So sollen nun vorläufig die sozialdemokratischen Versammlungen auf dem Lande aushören, da sich überall herausgestellt hat, daß die Redner, welche von der Stadt kommen, unt dem allergrößten Mißtrauen von den Bauern betrachtet werden; letztere sollen in den Jdeenkreis der geschulten Agitatoren nicht eindring-n können und die »«geschulten, welche auf dem Lande vertreten sind, brächten die sozialdemokratischen Lehren so ungeschickt bei der Wirthshaustafel zum Vortrag, daß die Geistlichen und Lehrer leichtes Spiel hätten, um die sozialdemokratischen Agitatoren ab- zuführen. Darum also soll die Agitation durch das Wort aufhören, resp, stark beschränkt werden; dagegen gedenken die Leiter der Bewegung eine Agitation durch die Verbreitung billiger Schriften und Broschüren und Werke zu hegen, wie sie bis dahin noch nicht stattge- funden haben soll. Eine Ausgabe derartiger Pamphlete ist von hervorragenden „Genossen" ausgearbeitet. Die zu bearbeitenden ländlichen Kreise sind derartig aus- gewählt, daß sie von mehreren Seiten angefaßt werden können; die „Genossen" bestimmter Stärke sollen auf diesen oder jenen ländlichen Wahlkreis losgelassen werden. Ganz genaue Instruktionen sind ebenfalls für die Vertheiler von Broschüren und Flugblättern aus-
1 gearbeitet.
Wenn diese Angaben der Nat.-Ztg. richtig sind, so erhellt daraus eine außerordentliche Begabung k' Sozialdemokratie, das für ihre Zwecke Entsprechendste zu treffen. Es gibt kein wirksameres Agitationsmittel als die billigen Broschüren und Flugblätter. In einer Volksversammlung kann dem Redner widersprochen werden. In der Unterhaltung am Wirthstisch wird gar manchem der Mund durch ein treffendes Witzwort gestopft. Zeitungen müssen sich auf Grund des Preß- gesetzes selber corrigiren oder sie werden von anderen Zeitungen corrigirt. Die Broschüre, das Flugblatt liest jeder für sich. Keiner belehrt, widerlegt, corrigirt. Man steht dem Blatt Papier allein gegenüber mit dem oft nicht sehr widerstandsfähigen Verstand. Dazu können sich viele Leute noch nicht denken, daß auch Unwahres gedruckt werden dürfe. Eine Ansicht, die sich selbst bei städtischen Arbeitern zeigt. So schreibt P. Göhre, daß ein Arbeiter von einem Buch über „das Pfaffen- thum seit dem 12. Jahrhundert" meinte: „Es muß alles wahr sein, was drin steht, sonst Hütten sie es ja längst verboten." (cf. Göhre, drei Monate Fabrikarbeiter, S. 173.)
Wäre es bei dieser Sachlage nicht angebracht, wenn Kreis-, Gemeinde-, Kirchen- und Schulvorstände es sich zur Pflicht machten, gute Schriften in unserem Bezirk r zu verbreiten. Wir haben alberne, schlechte und unsittliche Literatur in Stadt undLuid schon genug. Bereits hat es die Sozialdemokratie auch bei uns hie und da versucht, ihr Gift anzubringen. Die genannten Personen und Verbände Wir en kein Geld besser anwenden als das, was sie für Verbreitung guter Schriften und Flugblätter*) bewilligen. Unsere Zeitung hat bereits unter Aufwendung nicht unbedeutender Opfer durch die Beilage: „Jllustriiter Familienfreund" nach dieser Richtung hin zu wirken gesucht. Aber was ist das unter so viele? Bis in die Hütte des Aermsten muß sich die Verbreitung guter Schriften ei strecken, damit gerade da gediegene Bildung und gesu de Lebensanschauung erhalten und gefördert, bezw. geweckt werde. Bürgermeister , Lehrer, Geistliche sind jedenfalls gern gewillt bei der Verbreitung thätig zu sein, wenn ihnen die nöthigen Mittel gewährt werden.
, *) Als Bezugsquelle speziell guter, zweckentsprechender Flugblätter ist das „Bureau des Vereins für christliche Volksbildung in M.-Gladbach" angelegentlichst zu empfehlen.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Juli. Der „Reichsanz." meldet: Seine Majestät der Kaiser sind am Abend des 23. b. M. an Deck der „Hohenzollern" auf dem durch Regen glatt und feucht gewordenen Fußboden ausgeglitten und
haben Sich dabei leicht ant rechten Knie verletzt. In Folge dessen ist Schonung des Fußes erforderlich und werden für die nächste Zeit Berg- und Landpartien nicht unternommen werden können. Das Allgemeinbefinden Seiner Majestät ist ein gutes. Allerhöchst- derselbc nahm gestern au der gemeinschaftlichen Mittags tafel an Deck Theil.
* — Ueber die Behandlung der Zoll- und Steuerkredite bei drohender Kriegsgefahr hat der Bundesrath Bestimmungen beschlossen, welche den beseitigten Zoll- und Steuerbehörden mitgetheilt sind. Nach denselben ist der Reichskanzler für den Fall des Eintritts einer drohenden Kriegsgefahr ermächtigt, von den Bundesregierungen die sofortige Einziehung aller gestundeten Beträge an Zöllen, Verbrauchssteuern und Spielkartenstempel in Anspruch zu nehmen. Zu diesem Zwecke dürfen, wie die „N. A. Z." mittheilt, vom 1. August d. I. ab die vorbezeichneten Abgaben nur noch unter der Bedingung gestundet werden, daß die Kreditmitnehmer sich verpflichten, sobald der Reichskanzler es wegen Eintritts einer Kriegsgefahr für erforderlich erachten sollte, auf Verlangen der Steuerbehörde die gestundeten Beträge, wenn solche an einem Fälligkeitstermin mindestens die Summe von 300 Mark erreichen, entweder gegen Gewährung eines von dein Reichskanzler zu bestimmenden Diskonts sogleich baar einzuzahlen oder bei Vermeidung sofortigen Fälligwerdens in Höhe derselben Wechsel zu zeichnen, welche von der Reichsfinanzverwalt- ung verwerthet werden können.
* — „Zur Lebensmitteltheurung" enthält die „Freisinnige Zeitung" in durchschossener Schrift und außerdem noch mit Hervorheben durch Sperr- und Fettdruck Folgendes: „An der Berliner Produktenbörse vom Montag haben die Weizenpreise eine bedeutende Steigerung erfahren. Weizen pro Juli stieg um 8 Mark, auch spätere Termine zeigten wesentlich höhere Notirungen als am Sonnabend. Ebenso schloß Roggen mit 2 bis 1 'M M höher als am Sonnabend." Eine Erklärung dieser ihm für seine Zwecke passenden Mittheilungen gibt das Blatt, dem Nichts Ver- ehrnngswürdiger ist als die Börse, nicht. Man vergleiche dagegen folgende Aeußerungen sogar des „Berliner Tageblatt": „Die Preistreiberei am Weizenmarkt begegnet in den soliden Geschäftskreisen immer lebhafterem Widerspruch. Einige unserer Kommissionshäuser haben bereits erklärt, daß sie bei der gegenwärtigen Börsenlage überhaupt Aufträge nicht mehr ausführen. Die Haussepartei, deren Operationen von einer hiesigen Bank unterstützt werden hält das hiesige Lager vom Markte fern und nimmt alle Kündigungen auf, so daß das Angebot per Juli im Vergleich mit der Neigung zu Deckungen sehr klein ist."
* — Für begabte Militärmusiker. Durch kaiserliche Kabiuetsordre sind laut „A. R. C." über die Vorbildung und Ergänzung der Stabshoboisten, Stabshornisten und Stabstrompcter Bestimmungen ergangen, wonach in Zukunft besonders begabte Militärmusiker zur Berliner akademischen Hochschule für Musik kommandirt werden sollen, um durch eine höhere künstlerische Ausbildung und durch praktische Unterweisung für die Stellung eines Stabshoboisten, Stabshornisten oder Stabstrompeters vor- bereitet zu werd n. Das Kommando dauert 3 Jahre. Eine frühere Ablösung erfolgt nur bei Uebernahme einer Stabshoboisten u. s. w. Stelle, bei längerer Krankheit, ungenügender Führung oder Leistung. Dir Anforderungen an die Kommaudirten betreffen: 1) Hervorragende musikalische Begabung. 2) Tadellose Führung und solche Festigkeit des Charakters, daß bei der verhältnißmäßig langen Dauer des Kommandos und dem dabei bedingten Fernsein von der Truppe weder im moralischer Beziehung noch in dem militärischen Wesen des Betreffenden eine Schädigung zu erwarten ist. Der Anwärter muß sich verpflichten, nach seiner Rückkehr von der Hochschule für jedes Jahr des Aufenthaltes auf der Anstalt zwei Jahre aktiv in der Armee zu dienen.
In Dresden hat der Gesammtausschuß für die Sedanfeier einstimmig beschlossen, in Anbetracht der drückenden Geschäftslage und der ungünstigen Erwerbsverhältnisse für dieses Jahr von einer Feier des 2. September abzusehen.
In Prausnitz in Schlesien haben die Stadtverordneten beschlossen, mit Rücksicht auf den Nothstand in Folge der hohen Lebensmittelpreise und des Niederganges der Geschäfte vom 1. August ab auf vier Monate die Gemeindeabgaben zu erlassen.
In Karlsruhe wurden kürzlich den zu einer Uebung
einberuseueu Reservisten die zahlreichen öffentlichen Lokale verlesen, welche die Mannschaften nicht besuchen dürften, weil der socialdemokratische „Volksfreund" da aufliege. Auf die Frage des Vorgesetzten: „Habt ihr Alles verstanden?" trat ein Reservist vor und erklärte, daß eine der genannten Wirthschaften sein Eigenthum sei. Allgemeine Verblüffung. „Die können wir Ihnen allerdings nicht verbieten", war die etwaskleinlaute Antwort
Zu St. Wendel starb ein Mädchen von 9 Jahren, welches unter den größten Schmerzen seinen Geist auf- gab, ohne daß die zu Rathe gezogenen Aerzte eigentlich eine Diagnose stellen konnten. Es hat sich bei Obduction der Leiche herausgestellt, daß das arme Kind Hundewürmer im Gehirn hatte, welche wahrscheinlich von Liebkosungen eines Jagdhundes herrühren. Wieder ein Fall, der Eltern ernstlich mahnt, ihre Kinder vor dem Belecken der Hunde zu warnen.
In Württemberg hat die Socialdemokratie zwei Theologen zu Mitgliedern. Der eine, Namens Stern, war früher Rabbiner und ist jetzt einer der Führer der Württembergischen Socialdemokrat n, der andere ist ein Sohn des Kanzlers v. Wächter, eines Lutheraners strengster Observanz. Wächter jun. polemisirte jüngst in einem „Th. v. Wächter, Theologe" unterzeichneten Artikel in der Stuttgarter socialdemokratischen „Schwäb. Tagwacht" gegen einen Artikel im „Schwäb. Merkur", in welchem den Pfarrern und Lehrern die Bekämpfung der socialdemokratischen Lehren zur Pflicht gemacht und u. A. gesagt war, daß mit dem Privateig enthum eine der festesten Stützen der Familie und mit dieser die Grundlagen der Sittlichkeit wegfallen. „Gottlob kennen wir eine Sittlichkeit, die unabhängig ist vom Privat- eigenthum", antwortete darauf der angehende social- dem-lcatisch. Kirchenlehrer. Er war nach Absolvirung seiner Studien nach Berlin gegangen, wo er sich in einem Arbeiterviertel einquartirte, ausschließlich mit Socialdemokraten verkehrte und vermuthlich auch seine neue Weisheit aufschnappte.
Gahle», 22. Juli. Wenn man Glück hat! Ein hiesiger Gutsbesitzer zog mit seinem etwa 14 Wochen alten Fohlen, einem schönen Thierchen, nach Bottrop zu Markt; es wurde ihm dort jedoch kein Gebot gegeben. Was nun thun? Doch er besinnt sich nicht lange, zieht mit seinem Gäulchen nach Neumühl bei Hamborn, wo landwirthschaftliche Ausstellung, verbunden mit Fohlenverloosung, ftattfaitb. Hier in Reih und Glied bekam er erstens 9 Mark Prämie, zweitens wurde ihm sein Fohlen von der Verloosungs-Kommission für 160 M. abgetanst und drittens gewann er sein eigenes Fohlen wieder.
Ulm, 22. Juli Einige Kaufmannslehrlinge und Kommis haben in letzter Zeit hier böse Sachen getrieben; sie fertigten falsche Geldrolleu an und brachten dieselben in Verkehr. Nach den bis jetzt gemachten Ermittelungen erschwindelten sie sich an der Bahnhofkasse in Söflingen 49 M., indem einer angeblich für eine Fabriksirma um 1 Mark Briefmarken kaufte und eine gefälschte 50 Mark-Rolle an Zahlungsstatt gab. Die Rolle enthielt, wie der Bahnkassier einige Tage später zu seinem Schrecken entdeckte, statt 100 50 Pfennigstücke nur 10 Pfennigstücke. Ein ähnlicher Gaunerstreich gelang ihnen bei dem Postanit Wiblingen. Da dort die Fälschung nicht sofort entdeckt wurde, ist die Geldrolle (angeblich 50 Mark in 100 50 Pfennigstücken) in den Verkehr gekommen und konnte bis jetzt nicht ermittelt werden. Laut Bekanntmachung des Untersuchungsrichters waren auf der Rolle die gefälschten Firmenbezeichnungen : Steiger und Deschler in Söflingen, V. Uhlmann in Wiblingen und Peter Seitz oder Peter Seifert in Plochingen aufgeschrieben; die Siegel der Rolle tragen die Buchstaben P. S. Auch bei der hiesigen Güterbestütterei ist eine gefälschte 20 Mark-Rolle ein- gelaufen. Es ist höchstwahrscheinlich, daß die Burschen auch noch weitere Fälschungen begangen haben.
In Worms sind sehr viele absichtlich beschädigte Goldstücke an den Kassen eingetaufen. Die Goldstücke sind teils durch Säuren, teils durch mechanisches Abdrehen und Wiederpolieren der Ränder um einen beträchtlichen Teil ihres Gewichts gebracht. Die Umstände deuten darauf hin, daß in dortiger Gegend irgend ein heimlicher „Industrieller" sich mit derartigem „Goldsnchen" befaßt.
Babenhausen. Auf Anregung mehrerer hiesiger Krieger vom Jahre 1870/71 haben eine Anzahl Kameraden von hier und aus d.n Nachbarorten Harreshausen