SchlüchternerMtung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ^Üuftrirtem Familienfreund" Vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Jf 59. Samstag, beit 25. Juli 1891.
WaS ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten.
Einen neuen Beleg für diese alte Wahrheit gibt Paul Lindau, der in der Monatschrift: . Nord und Süd" das Tagebuch des llrjührigen Schülers des Gymnasiums zu Breslau und nachher der Handelsschule in Leipzig, Ferdinand Lassalle veröffentlicht. Später ist dieser Vater der Sozialdemokratie als ein neuer Heiland vergöttert worden. Was er für ein Heiland war, darauf lassen uns diese seine Tagebuchaufzeich nungen (wir geben sie nach den Mittheilungen im Evang lischst Schulblatt) einen gewiß nicht unberechtigten Schluß machen. Schon in ihnen tritt uns seine maß lose Eitelkeit als hervoi siebende Eigenschaft entgegen. Er kann es nicht begreifen, daß einige seiner Mitschüler, die, wie er sagt, an Talent, Auffassungsgabe, Genie, Beurtheilungskrait, Verstand, Geist ihm so weit nach stehen, gute Zeugnisse bekommen, während die sein n überaus mangelhaft ausfallen. Er vergleicht sich mit dem feingebildeten Römer, der, unter wilde Völkerschaften verbannt, wehmüthig darüber klagt, daß er als Barbar gelte, weil er von ihnen nicht verstanden werde. Er, der Jude unter seinen christlichen Mitschüler n! Aus dieser Eitelkeit erklärt sich auch zum Theil seine Aufsässigkeit gegen seine Lehrer. Auf eine seiner Censuren schreibt er: „Wahrheit und Dichtung", und als ihm darüber Vorhalt gemacht wird, klagt er über ungerechte, lieblose Behandlung. Zu der Eingenommenheit von sich selbst tritt ergänzend seine namenlose Faulheit. In dem ganzen Tagebuche, in dem alles Mögliche verzeichnet ist, findet sich auch nicht eine einzige Andeutung über eine Schularbeit, die er zu Haus gemacht hat. Er findet es ganz selbstverständlich, daß er die Exercitien nicht selbst macht, sond rn abschreibt, und ist ganz empört über die Ungefälligkeit eines Mitschülers, der ihm dasHelt verweigert. Nachdem,er^-diLSchuke-gLschwäüzt hat, schreibt er sich selbst einen Entschuldigungszettel und versieht ihn mit der gefälschten Unterschrift seines Vaters. Hat er ein schlechtes Zeugniß erhalten, so macht er sich kein Gewissen daraus, dasselbe Manöver zu wiederholen. Sein Vater, meint er, nehme die Geschichte zu tragisch und ärgere sich mehr über ein schlechtes Zeugniß, als es die Sache verdiene. Trotzdem er von seinen Eltern mit reichlichem Taschengeld bedacht ist, ist er in Folge seiner Genußsucht in steter Geldverlegenheit. Er sucht sich durch allerlei, guten Profit abwerfende Tauschgeschäfte zu helfen. Selbst mit seiner Mutter schachert er. Er kauft von einem Mitschüler ein Federmesser für 7 */s Sgr. und bietet es seiner Mutter für 10 Sgr. an. Von seinem Vater läßt er sich 5 Sgr. für den Pedell geben, gibt diesem aber nur 2Va Sgr. Die Lüge wird ihm immer mehr Gewöhn heit. Daneben ist sein Gemüth vom leidenschaftlichen Haß erregt. Er leistet fürchterliche Eide, daß er nicht eher ruhen werde, bis er sich an seinen Feinden gerächt habe. Als er sich einst in der Schule schlecht behandelt glaubte, schrieb er mit Beziehung auf seinen Lehrer in sein Tagebuch: „Ich hätte sein Blut trinken können« und an einer anderen Stelle: „Geduld, Geduld, die Zeit wird kommen".
Jst's Aufrichtigkeit, mit der er seine schlechten Eigenschaften und Streiche aufdeckt, oder ist's Frechheit, oder die Eitelkeit, auch nach dieser Richtung excellieren zu wollen? In dem Manne finden sich dieselben Charakterzüge , die das Bild des Fünfzehnjährigen so häßlich machen, vor Allem Eitelkeit, Genußsucht, Unwahrhaftig- keit. Kann aber ein schlechter Baum gute Früchte bringen? Können wir uns wundern, daß auch der Sozialdemokratie unserer Tage, obwohl sie die Eier schälen Lassalle'scher Weisheit abzuwerfen bemüht ist, das Charakteristikum der Eitelkeit im Gewände des Wissenschaftsdünkels, der Genußsucht und des Diesseitscultus und der Unwahrhaftigkeit, die selbst den Meineid rechtfertigt, nicht fehlt?
Wider den Trunk.
Die Natur des Uebels. Jeder Freund von Spiri- tuofen hat an sich selbst erfahren, daß deren bescheidener Genuß zunächst Leib und Seele ermuntern, Körper- und Geisteskräfte aufrecht halten, Arbeitslust und Lebensmuth anregen kann; an sich und anderen hat er ferner bemerkt, daß diese Wirkung sichH auch bei erneuten Proben wiederholt, bisweilen geraume Zeit hindurch und inmitten harten Tagewerks und schwerer Kümmernisse
bewährt. Ohne Arg zu haben, spricht er dem Glase immer häufiger, immer nachdrücklicher zu, und erst wenn der Genuß zur unwiderstehlichen Gewohnheit g worden, zeigt sich, weß Geistes Kind der vermeintliche Wohl- thäier ist, mit dem der Bund geschlossen worden. Den Abgrund dicht vor sich sieht die große Menge nicht, will ihn nicht sehen, vergißt ganz, daß der Wein- und Bier- trinker, zumal der unbemittelte, nur zu leicht zum wohlfeilen, stärkeren Getränk, dem Branntwein übergeht, dessen Sklave und Opfer wird. Unter den aber und aber Tausenden, die einmal auf der abschüssigen Bahn soweit kamen, finden nur Wenige den Rückweg. Wohl Alle kannten die Gefahr des Uebermaßes, Jeder meinte indessen, zu weit werde ich's ja nicht treiben. Noch nie hat es einen Trunkenbold gegeben, der nicht ursprünglich mäßiger Trinker gewesen wäre!
Gefahrvoll ist also keineswegs nur der gewohnheitsmäßige Rausch, fest steht vielmehr, daß mau auch durch geringere, nie zur Trunkenheit führende, aber regelmäßige Gaben sich zu Grunde richten kann. Darin l egt das Verhängnißvolle des Genusses. „Ein paar harmlose Schnäpschen" sind so oft die unscheinbare Quelle jenes breiten, tiefen Stromes, in dem das Lebensglück ungezählter Familien und Geschlechter untergeht.
In jedem Menschen wohnen ja neben einander zwei um seinen Besitz streitende Mächte, die Begierde und das Gewissen, welche abwechselnd zu Worte kommen. Je mehr auf die eine Stimme gehört wird, um so öfter und gebieterischer läßt sie sich vernehmen und um so seltener und schüchterner die andere. Von den ersten Willensentscheidungen hängt darum so unendlich viel ob. Den ersten Regungen muß Widerstand geleistet werden. Wird das unterlassen, so pflegt zunächst ein Schwächezustand im sittlichen Gebiete einzutreten, das Gefüyt sur Hnftmth,.. ötjn* sOn- «ipphtnf ru mahlen,, allmählich auch das Urtheilsvermögen, im weiterenVer-" laufe dann die leibliche Gesundheit.
Von buntester, wahrhaft verblüffender Mannigfaltigkeit sind die für den Genuß des heißbegehrten Labsals stets sich darbietenden Vorwände, die, wie echte Zechbrüder, sich schlagen und vertragen. An kalten Tagen soll ein kräftiger Schluck erwärmen, an heißen die innere Hitze die äußere vertreiben. Bei trübem Wetter soll es innerlich anfhellen, scheint hingegen die liebe Sonne, so weckt sie die Lebensgeister und den Durst, der sein Recht verlangt. Bei harter Arbeit muß der Branntwein stärken, in geschäftsloser Zeit die Langeweile vertreiben. Ersäuft werden müssen Trauer, Kummer, Sorge, Zorn, dagegen Geselligkeit, Freude, Freundschaft, Liebe gefeiert, befestigt, erhöht werden, Alles auf dem nämlichen Wege. „Ein traurig Herz ist immer durstig", Leichen- träger, Leichengefolge in trunkenem Zustand find darum nichts Seltenes, ebenso berauschte Brautleute, Hochzeitsgäste, Pathen. Je schlechter die Zeit, je karger der Erwerb, je unsicherer die Zukunft, um so mehr wird Trost ertrunken, andererseits in reichlichen Einnahmen und guten Aussichten stets die berechtigte, unwiderstehliche Aufforderung zum Poeulieren gesehen. Hat ein Arbeiter Durst und keine andere Flüssigkeit zur Hand, so greift er zum Fläschchen, das unfehlbar in seiner Tasche; goß er hingegen zu viel Bier in sich hinein, so muß nothwendig Schnaps nachgeschüttet. werden, damit's nicht schadet. In gleicher Weise wird durch Trinken der Hunger beschwichtigt und, wenn der über- füllte Magen streiken will, zur Botmäßigkeit zurückgeführt. Bauleute „gönnen sich Einen", damit sie nicht schwindlig werden, andere Arbeiter, um Schweiß, Trockenheit der Kehle zu vermeiden, üblen Gasen zu widerstehen. Auf dem Abschluß von Käufen, Verkäufen, Verträgen aller Art wird gemeinhin noch gezecht. Kurz, allerwege muß der stets bereite, unermüdliche Freund, der Allem und Jedem geschickte Diener, Rath schaffen.
Man kann, wenn wir es überlegen, Wein trinken fünf Ursachen wegen: Einmal um des Festtags teilten. Sodann vorhand'nen Durst zu stillen, Jngleichen künft'gen abzuwehren, Ferner dem guten Wein zu Ehren Und endlich um jeder Ursach willen. (Rückert.) So erscheint der Trunk, als solcher erschleicht er unser Vertrauen, um sich über kurz oder lang als unser Meister und Verderber zu enthüllen.
Dem gegenüber gilt es, allgemein zur Erkenntniß
zu bringen: Der Weingeist leistet alle diese Dienste entweder nur scheinbar oder sehr unvollständig und immer unter unverhältnißmäßigen Lohnansprüchen, drei oder vier mal so theuer, wie rechtschaffene Nahrungsmittel: Branntweingenuß fördert weder Ernährung, noch Kräftigung, noch Erwähnung, täuscht dagegen über das Nahrungsbedürfniß und steigert den Sei tust an Köiper- Wärme, welche er nach der Haut treibt, wo sie sich schnell verflüchtigt. Der nach beiden Seiten gerichtete Betrug ist leicht erkennbar: stets folgt auf kurze Anregung längere Erschlaffung, auf rasch vorübergehendes Wärmegefühl nachhaltige Fi vstempfinduug und — Anreiz zu erneutem Trunk. So trägt der Genuß von Branntwein in sich den Grund zu immer steigendem Gebrauch und Mißbrauch, noch weit mehr als vom Bier und anderen Reizmitteln. Es drängt den ihm einmal Ergebenen meist unaufhaltsam zur Steigerung der Gabe fort und fort, bis vollständige Willenlosigkeit eintritt. Auf den ersten Stufen, zuweilen sogar geraume Zeit hindurch, verkennt der Gewohnheitstrinker die Schädlichkeit seiner Gewohnheit. Nach und nach drängt sich ihm jedoch die Ahnung, die Ueberzeugung von dem nahenden Verderben auf, aber — zu spät. Siebenzig-, achtzigjährige, anscheinend unbestraft gebliebene Säufer hat es einzelne gegeben, wie auch in China steinalte Opium- raucher gelebt haben; beweist denn das aber, daß Weingeist und Opium keine heftigen Gifte wären? — Bei der urtheilslosen Menge freilich find solche Schlüsse gang und gäbe, kein Wunder darum, daß, wo ein Narr zehn Narren macht, ein Säufer Dutzende von Saufbrüdern auf dem Gewissen hat. In der Regel ist er ein lustiger Kumpau, ein sogenannter „prächtiger Kerl", „urgemüthlich", — seit 10, seit 15 Jahren schnapst er drauf los, „frisch und munter" — kann der Sauf teufet bessere Agenten finden?
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Berlin, SäT^ulL^^Ice^^ ■gefttrimmr-
Nordkap und setzte darauf die Fahrt nach Hammerfest :ort, woselbst die Ankunft heute Vormittag 11 Uhr er« :olgte; während 24 Stunden gedenkt der Kaiser in Hammerfest zu verbleiben. Auf der Fahrt von Tromsö nach dem Nordkap hatte der Kaiser Gelegenheit, eine zahlreiche Heerde Walfische in der Gegend von Soerven von Bord der „Hohenzollern" aus betrachten zu können.
— Die Siegessäule im Berliner Tiergarten steht schief! Der „National-Zeitung" wird von bamechnischer Seite geschrieben: Wenn man von der Mitte der Alsenstraße aus einen Blick auf die Siegessäule wirst, so kann man deutlich wahrnehmen, daß der eigentliche Säulenschaft aus dem Loth gewichen ist und nach der rechten Seite tjinüberneigt. Was die Ursachen betrifft, welche jene merkwürdige Schiefstellung, die wahrscheinlich schon seit dem Bestehen des Monuments, vielleicht schon während des Baues eingetreten ist, hervorgerufeu haben, so kann man sich natürlich nur auf Vermuthungen beschränken. Es wäre möglich, daß ein ungleichmäßiges Setzen des Fundaments der Säule ihre jetzige Lage gegeben hätte, was aber sehr unwahrscheinlich ist, da das Monument ganz ausgezeichnet fundirt worden ist. Ferner wäre es möglich, und dafür spricht die Richtung der Neigung, daß unmittelbar über der attischen Basis, auf welcher die Säule aufsetzt, ein oder mehrere horizontale Haarrisse während des Baues entstanden sind, welche sich unter dem Einfluß der kalten Ostwinde mit der Zeit erweitert und die seitliche Neigung des ganzen Schaftes hervorgerufen haben. Läßt sich endlich feststellen, daß die Hebevorrichtungen, mittelst welcher die schweren Geschütze und die mächtigen Lronzestücke, aus denen die Figur der Siegesgöttin zusammengesetzt ist, aufgezogen worden sind, an der westlichen Seite angebracht waren, ohne durch ein Gegengewicht auf der entgegengesetzten Seite ausbalaucirt zu sein, so kann man mit ziemlicher Sicherheit die Behauptung aufstellen, daß durch diesen Umstand die Schiefstellung hervor- gerufen worden ist. Wie dem aber auch sei, eine Gefahr für die Stabilität der Säule ist nicht im Entferntesten vorhanden und wie die columna Trajana wird noch nach Jahrtausenden dieses Denkmal monumentaler Architektur die große Zeit, der es geweiht war, den Nachkommen offenbaren.
Löbau, 20. Juli. Die Trichinosis, die unter den Bewohnern von Alt- und Neugersdorf in Folge Genusses von Rüuchk! Würstchen ausgebrochen ist, nimmt