Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. »Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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JS 50. Mittwoch, den 24. Juni 1891.
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„Schliichtcrncr Zeitung"
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Schlächtern, im Juni 1891. Der Herausgeber.
Deutsche- Reich.
Berlin, 20. Juni. Der preußische Landtag wurde heute Nachmittag 4 Uhr mit einer Thronrede geschlossen, in welcher die Befriedigung über die gedeihlichen Arbeiten während der Session ausgesprochen wurde. Namentlich betr. des Einkommensteuer-Gesetzes und der Landgem indeordnung. Der König erhofft eine gleich befriedig! nde Erledigung der noch rückständigen Gesetze, vornehmlich über die Vertheilung der öffentlichen Lasten und erwartet von der Aufhebung des Sperrgesetzes die Erhaltung des konfessionellen Friedens um so sicherer, je mehr Aussicht vorhanden ist, daß die kirchlichen Ansprüche auf ein dem Staat verträgliches Maß beschränkt bleiben. Ferner hofft der König, daß die Früchte der Session dem Volke von Nutzen sein werden, unter den Segnungen des Friedens, zu dessen Gefährdung keinerlei Anlaß vorliegt.
— Anläßlich des Zusammensturzes der Eisenbahnbrücke bei Mönchenstein theilt der Reichsanzeiger zur Begegnung einer etwaigen Beunruhigung im Publikum mit, daß auf den deutschen Eisenbahnen auf Veranlassung des Reichseiienbahnamts schon seit 1883 die größeren Brückenbauweik-, namentlich die eisernen Brücken, neben der alljährlich vorzunehmenden allgemeinen Prüfung des baulichen Zustandes der Eisenbahnen, in bestimmten Zeitabschnitten nach den vom Reichseiseabahnamr vorgeschriebenen Bestimmungen einer sorgfältiges! besonderen Untersuchung unterwarf n werden, welche sich auf den betriebssicheren Zustand sowohl des Mauerwerks, als auch des eisernen Ueberbaucs erstreckt. Bei den mit diesen Untersuchungen verbundenen Probebelastungen der eisernen Konstruktionen werden außer den Durchbiegungen der Träger bei ruhender und bewegter Last auch die unter der Einwirkung der Verkehrsbelastung etwa entstandenen, bleibenden Einsenkungen, sowie ferner bei Bauwerken mit größeren Lichtweiten die Seitenschwan- kungen festgcsteüt. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden nach vorgäugiger Sichtung bei den betreffenden Verwaltungsbehörden im Reichseisenbahnamt einer eingehenden Prüfung unterzogen. Wiederholt haben diese Prüfungen im Laufe der Zeit nicht allein zu Verstärkungen einzelner Theile, sondern auch zum Umbau ganzer Konstruktionen geführt. Auf den deutschen Eisenbahnen wird mithin den Brückenbauwerken diejenige Sorgfalt zugewendet, welche deren fortdauernde Betribssicherheit nach Möglichkeit gewährleistet.
* — Ein frevelhaftes Verbrechen ist in vergangener Woche auf der Berlin-Stettiner Eisenbahn in der Nähe Berlins entdeckt, glücklicher Weise aber noch rechtzeitig vereitelt worden. Kurz vor Eintreffen des Zuges machte der Streckenwärter nochmals einen Revisionsgang. Hierbei hat er an einer Stelle, wo sich an beiden Seiten steile Böschungen befinden, entdeckt, daß eine Schiene herausgerissen und unter dieselbe ein Ackerpflug gelegt worden war. Der erschreckte Beamte hatte gerade noch so viel Zeit, um das Haltesignal geben zu können.
Essen. Redakteur Fusangcl wurde im Bochumer Steuerprozeß verurtheilt und zwar wegen Beleidigung diverser Ehrenmänner in 13 Fällen zu 5 Monaten, Redakteur Lunemann zu 2 Monaten Gefängniß^,, Das hat ein Redakteur gewöhnlich davon, wenn er bisdvdcrs hervorragenden Ehrenmännern auf die Haube steigt und sie entlarvt: er wird cingksperrt und der entlarvte Sünder bleibt nach wie vor „Ehrenmann", wenn auch in part. — Geheimrath Baare in Bochum, der weiland Vertraute und Rathgeber Bismarcks, welcher an dem Fusangel'schen Steuerprozesse eine wirkliche und wahre Fußangel gefunden hat, auch wenn die letzte furchtbare Anklage der Schienenstempelfälschung, die gegen ihn erhoben wurde, noch glücklich an seinem Haupte vorübergeht, was die nächste Zukunft zeigen muß, hat laut stenographischem Bericht in dem Zeugen- Verhör vom 5. Juni u. A. gesagt: „Daß einmal geflickte Schienen bei einer Lieferung mit unterlaufen, kommt bei jedem Werke vor." Der Satan bedient sich
gern, wenn er Menschenopfer auf Eisenbahnen haben will, solcher „geflickten Schienen"! Man bemerkt sie nicht, sie thun eine kurze Zeit lang gut, brechen dann plötzlich unter der Last eines Eisenbahnznges wie Schwefelhölzer zusammen, und die „Eisenbahnkatastrophe" mit all ihrem Schrecken und ihrem Jammer ist da Wenn es nun „bei jedem Werke vorkommt, daß bet einer Lieferung auch einmal geflickte Schienen unterlaufen" — ein ganz klein wenig Aufmerksamkeit und Gewissenhaftigkeit würde dies leicht verhüten können —, dann sind die Chancen für fortwährend wiederkehrende Schienenbrüche und Eisenbahnkatastrophen ganz außerordentlich gestiegen. Hoffentlich kommt es aber nicht „bei jedem Werke", welches zu Schienenlieferuvgen rc. zugelassen wird, vor, und das frivole Wort des Herrn Baare wird wohl noch widerlegt werden; im anderen Falle müßte man annehmen, daß um der „Profitwuth" willen von gewissen Ehrenmännern ein grauenhaftes Spiel mit Menschenleben getrieben wird.
Ulm, 13. Juni. Auf der Anklagebank saß ein „Hexenbanner" aus dem Dorfe Hohenstaufen bei Göppingen ; er heißt Luther, ist seines Zeichens Maurer und genoß, wie es scheint, in der Gegend einen namhaften Ruf als Beschwörer von Hexen und Spukgeistcrn und Bezwinger aller finsteren Mächte. Als es nun Ende vorigen Jahres in dem Hause des Bäckers und Wirths Scheer zu Göppingen gräulich spukte, indem nächtlicher Weile den Kindern die Litzen von den Kleidern getrennt, der Stiefelzieher hinter den Spiegel gesteckt und andere schreckliche Sachen verübt wurden, hatte der biedere Bäcker nichts Eiligeres zu thun, als den großen Hexenbanner von Hohenstaufen kommen zu lassen. Der machte sich's denn auch mehrere Tage bequem in dem Scheer'schen Haus, aß und trank was ihm schmeckte, und trieb seinen Hokuspokus mit Beschwören, Räuchern und Verstecken hieroglyphischer Zettel in allen Ritzen und Löchern. Schließlich verlangte und erhielt er für diese „Versicherung" des Hauses auch noch 25 Mark baar. Aber die Sache wurde ruchbar und der Hexenbanner selbst von der Justiz in den Untersuchungsarrest gebannt. Die Verhandlung neulich bot ein Bild des bornirtesten Aberglaubens und der Staatsanwalt gab feiner Verwunderung unverhohlen Ausdruck, daß so etwas bei uns noch möglich sei. L. wurde wegen Betrugs zu drei Wochen Gefängniß verurtheilt.
Ettlingen, 18. Juni. Ein hiesiger Glasermeister war mit dem ausschweifenden Leben seiner Söhne nicht zufrieden und wartete eines Abends in voriger Woche die Heimkehr sencs Jüngsten ab, um ihm Vorstellungen zu machen. Das paßte den Söhnen nicht, und sie mißhandelten den alten Mann so, daß er starb. Morgens machten die Todtschläger die Anzeige, daß ihr Vater Nachts von der Treppe gestürzt und dabei todtgeblieben sei. Es wurde geglaubt und der Erschlagene beerdigt. Inzwischen hat der Staatsanwalt Kenntniß von dem Vorgänge erhalten, und das Gericht ordnete die Ausgrabung der Leiche an. Eine genaue ärztliche Untersuchung bestätigte den gewaltsamen Tod des alten Mannes.
Im schlesischen Dorfe Hrabin in der Nähe von Troppau wurde am 28. Mai ein taubstummer Excedent in das Gefängniß gesperrt und darin vergessen. Am 15. Juni wurde das Arrestlokal geöffnet und man fand die Leiche des Verhungerten, von Ratten ange- fressen, vor. Hierzu meldet der Oberschlesische Anzeiger nunmehr, daß die inzwischen vorgenommene Obduktion der Leiche zweifellos den erfolgten Hungertod ergeben hat. Der Vorfall erregt allgemeine Entrüstung. Das strafgerichtliche Verfahren gegen die Schuldigen ist im Gange. Zu dieser höchst traurigen Tatsache wird amtlich gemeldet: Durch den gerichtsärztlichen Befund wurde festgestellt, daß der Unbekannte thatsächlich verhungert ist, und daß die Leiche bereits im zweiten Grade der Verwesung war. An den Augenhöhlen, der Nase und der Bauchdecke hatten Maden bereits ihr Zerstörungs
werk begonnen. Spuren einer Benagung durch Ratten oder Selbstbenagung fanden sich nicht vor. Der Tod des Unglücklichen mag vor fünf bis sieben Tagen ein« getreten sein, es mußte also derselbe sonach ebenso lange ohne Nahrung im Arrest lebend zugebracht haben. Daß der bedauernswürdige Mensch nicht Lärm schlug, wird dadurch erklärt, daß er, weil völlig blödsinnig, sich seines Zustandes nicht bewußt war. Als die Kommission eintraf, fand sie den Verhungerten nicht mehr in der Kleidung und Lage, in der er gestorben war, sondern bereits im Sarge, nachdem seitens des Todtenbeschauers „Schlagfluß" als Ursache des TodeS angegeben worden war.
Ausland»
Schweiz. Die Zahl der Todten bei dem Eisenbahnunglück wird nach der „Franks. Ztg." nunmehr auf mindestens 200 berechnet. — ES ist nunmehr festgestellt, daß der bei Mönchenstein verunglückte Bahnzug aus zwei Lokomotiven, einem Gepäck- und Postwagen und acht Personenwagen bestand, in denen sich etwa 500 Reisende befanden, von denen vielleicht nur 80 bis 100 gänzlich unverletzt davon gekommen sind. Die Zahl der angemeldeten Vermißten ist nunmehr auf 75 gestiegen; die offizielle Todtenliste führt 70 Todte auf. Hienach stellt fug das Mönchenstcmer Unglück als die weitaus schwerste Eisenbahnkatastrophe dar, welche bisher überhaupt zu verzeichnen ist. Der Materialschaden, welcher durch die Eisenbahnkatastrophe herbeigeführt worden ist, beträgt anderthalb bis zwei Millionen Mark, dazu kommen dann noch die Entschädigungskosten. Die Weg- räumungsarbeiten werden durch den entsetzlichen Leichen- geruch gestört; von den verwesenden Leichen, die noch im Wasser liegen, beginnen sich einzelne Körpertheile loszulösen, welche flußabwärts schwimmen. Einen grauenhaften Anblick boten zwei fortschwimmende menschliche Köpfe. Am Sonnavcnd Morgen sind die zwei letzten Waggons aus derBirs gezogen worden. Weder in den Wagen, noch unter denselben wurden Leichen borgefunben.
Rom. Der amtliche „Osserv. Rom. "»meldet: Der Papst vertraute wegen willkürlicher, das Vermögen des hl. Stuhles schädigender Akte die Verwaltung des ganzen Vermögens der Kurie einer besonderen Kardinalscommission an, welche die Rechnungen der bisherigen Verwaltung sorgfältigst prüft. — Damit sind die biedern „katholischen" Blätter, welche die vom „Figaro" u. a. Blätter gemeldeten Unregelmäßigkeiten und Verluste einfach abläugneten, amtlich Lügen gestraft. Der bisherige Verwalter des päpstlichen Vermögens, ein Mon- signore, hat damit in Bauaktien u. dergl. spekuliert, „um die Einkünfte des hl. Stuhles zu vermehren", und hat sich damit grausam verspekuliert, indem das päpstliche Vermögen sich um 13 Mill. verminderte, die jetzt in zweifelhaften Papieren und diversen Pumpen päpstlicher Adeliger „angelegt" sind. Der ganze päpstliche Adel bis auf zwei Familien hat gleichfalls spekuliert und sich dabei ruinirt, darunter der frühere päpstliche Nuntius in München, Fürst Nusso Scilla, dessen Bankier das ganze Vermögen der fürstl. Familie, 14 Millionen, in Bauten rc. verspekulierte.
In Chile werden die Zustände nachgerade verzweifelnd. Der Präsident Balmaceda ist mit seinen Geldmitteln zu Ende und nimmt deshalb eine Zwangs- anleihe von 20 Millionen zur Niederwerfung des Auf- standes auf. Jeder chilenische Bürger muß also eine Summe Geldes herausrücken, mag er nun wollen ober nicht. In Santiago ist des Nachts aller Wagenverkehr untersagt, Ansammlungen von mehr als drei Personen sind verboten, die Theater sind vorläufig geschlossen. Alle Werthgegenstände des Staatsschatzes sollen zur Beschaffung von Baarmitteln versteigert werden. Ob die Anhänger des Präsidenten Balmaceda sich diese Zustände lange gefallen lassen werden, muß man denn doch bezweifeln-