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Samstag, den 20. Juni
1891
Bestellungen auf das 3. Quartal 1891 (Juli, August, September) der
„S ch 1 ü ch t e r n e r Z c i t n u g" bitten wir durch die Post (auch Landbriesträger) oder Boten gefälligst machen zu wollen und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Neu zutretende Abonnenten erhalten das Blatt vom Tage der Bestellung an bis Ende d. ^Nts. '^atis.
S ch l r .t, im Juni 1891. Der Herausgeber.
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Deutsches Reich.
Berlin, 12. Juni. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bembigt heute eine Artickelserie über die Wehrkraft Rußland Die objektiv: und w-rlhvvll: Darstellung, o: xz-(u Einz-lhriten hier nicht eingegangen werden 5 konigommt zu außerordentlichen Schlüssen für Nußl^i ein Es wird zahlenmäßig conftaftirt, daß das russi" ^'^a errwesen wie Die Flotte nach jeder Richtung H^Hrrorm: Fortschritte gemacht haben. Die Kriegs?, "ke wird auf 2,192,000 Mann beziffert, für deren Ergänzung eine gleiche Anzahl ausgebildeter Mannschaften zur Verfügung steht.
Bremen. Auf einem letzthin von La Plata zurück- gekehrten Dampfer der Deutschen Dampfschisffahrtsgesell- schaft „Hansa" wurde nach fünfwöchentlicher Fahrt aus einem der Rettungsboote an Bord ein verdächtiges Geräusch vernommen, man sah nach und fand in verzweifelter Lage einen sehr heruntergekommenen Menschen, einen polnischen Auswanderer, welcher sich unter dem Segeltuch versteckt hielt. Derselbe war ohne Reisemittel gewesen und hatte die Ucberfahrt unbemerkt in dem Boote, das er nie verlassen hatte, um nicht entdeckt zu werden, mitgemacht. Der Aermste halte sich auf der langen Fahrt von Bucnos-AireS aus in dem
nur ein bis zwei Meter tiefen Boote von dem Schisss- zwieback und Wasser, welche in jeumt nuiiuug»^^ vorschriftsmäßig aufgespeichert sind, ernährt. In der glühendsten Hitze hielt der Gefangene unter dem Segeltuch aus, nur um sich nicht zu verrathen. Der Auswanderer hatte in Brasilien nicht die erträumte Zukunft gefunden und mit anderen unglücklichen Genossen den Weg von Rio de Janeiro bis Buenos-Aires zu Fuß
zurückgelegt. . .
Dortmund, 15. Juni. Eine Vergiftung drrch den Genuß des Fleisches von einer kranken Kuh ha in den benachbarten Ortschaften Kirchlinde und Fr linde in größerem Umfange stattgefunden. Trotzdem dr Thierarzt die Tödtung des kranken Thieres und die Ver- grabung des Kadavers angeordnet hatte, ha der Besitzer das Fleisch der Kuh verkauft — un zwar zu 25 Pfennig das Pfund. Bei etwa 30 Persnen stellten sich bald nach dem Genusse Bergiftungsrschcinung-n ein, an deren Folgen eine Frau gestoßn ist. Die anderen Personen befinden sich in ärzilichr Behandlung Und sind nunmehr außer Gefahr.
Erfurt, 15. Juni. In voriger W«e sind auf der Strecke Ersurt-Gotha Probefahrten m' den von der Kasseler Maschinenfabrik Hentschck u. whn gelieferten sog. Doppel-Lokomotiven veranstaltet vorden. Letztere haben vorn unter den Cylindern vtt kleine Launäder und hinten zwei Achsen mit großenökkappelten Dreib-
»ädern. „
Halle a. S., 16. Juni. A Vorstellung der Kaiserlichen Reichspost- und TelegMnverwaltung verfügte die Königliche Regierung ^ Merftburg als Landespolizei, daß für den ell-lchen »ctrteb einer Straßenbahn derartige Vorkhrs^n zu treffen f ten, daß der Fernsprechbetrieb nicht ^^ werde. In r^olge dessen mußte der electrische U)nbctrteb Seitens der hiesigen „Allgemeinen Elec'riatsgesellfchast vorläufig theilweise durch Pferdcbetriel/^tzc werden.
Heidelberg, 9. ^uni.
Karlsruhe wurde ein Prozess die katholischen Kirchenbehörden geger'." «taat angestrengt hatten. Der Gegenstand war cur^'d-mau-'.- in der Hell,gen Geistkirche. Außer ber//^s‘^ der K-rche besitzt diese noch die Ei^umlrchkert, drei Äonfentonen zu Eigenthum zu g ho" und zwar gehört der Thurm mit dem schönen Gel^ der lomisch-katholischen Kon- fe ion - doch befVic Protestanten Mitbenutzungsrechte — des Lang'' SetJürt den Protestanten und wird jetzt von te"Ukalhouk-n b nutzt. Zu Anfang des letzten Jahres entspann sich zwischen den Katholiken bezw * katholischen Kurfürsten und den Protestanten eju7“' "' M« Verlauf zwischen Chor
und Langhaus eine Scheidemauer aufgeführt wurde. Diese Verunstaltung der Kirche blieb bis zum Universt- tätsjubiläum bestehen, wo die Mauer in allseitigem Einverständniß niedergelegt wurde, wie es heißt unter der Bedingung, daß der Staat sie später wieder auf- führe. Dies geschah nicht, und die katholische Kirchen- behörde verklagte den Fiskus auf Wiederherstellung der Scheidemauer. Inzwischen wurde protestantischerseits den Katholiken das Angebot gemacht, den ihnen gehörigen Eigenthumsantheil abzukaufen. Die bischöfliche Behörde war bereit, forderte aber einen so hohen Preis — wenn wir nicht irren, über 150,000 Mark oder mehr — daß sich die Verhandlungen zerschlugen. In der ersten Instanz wurde die klägerische Partei abgewiesen , in der Berufungsinstanz dagegen der Staat verurtheilt, die Scheidungsmauer wieder aufzuführen und die Kosten zu tragen. Zur Illustration des Verhaltens der katholischen Kirche sei auch noch hinzugefügt, daß die Heilige Geistkirche seit Jahrzehnten von den Katholiken nicht mehr benutzt wird.
Ausland.
Schweiz. Zum Eisenbahn-Unglück bei Mönchenstein meldet Wolff's Bureau vom 16. d.: Bis heute 10 Uhr Vormittags waren 60 Leichen geborgen. In die Haft- pMljl |OUiU hu» UUßCl Uti ZyuiiiSahii , uns m-Mi» Ptn
: Drittel entfallen dürfte, die St. Gotthardbahn, die = Centralbahn, die Nordostbahn und die Vereinigten Schweizerbahnen auf Grund des Vertrages von 1885 : theilen. Zu Gunsten der Verwundeten und der Hinterbliebenen der Verunglückten haben Sammlungen von Geldspenden begonnen. — Aus Basel verlautet amtlich, daß noch 100 Leichen unter den Trümmern liegen. Dann betrüge die Totalziffer ca. 200 Todte. — Nach Mittheilung der Direktion der Jura -Simplon- Bahn datirt die Brücke, welche eine Ocffnung von 41 Meter hat, aus der Mitte der 1870er Jahre. Die Eisenkonstruktion wurde von Eiffel in Paris geliefert. In Folge der großen Überschwemmung von 1881 wurde ein unterwühltes Widerlager durch Holzmann u. Eo. in Frankfurt pneumatisch neu fundirt. Schon seit längerer Zeit fanden Revisionen der Eisenkonstruktion statt, deren Querträger dann voriges Jahr nach vom Eisenbahn-Departement genehmigten Plänen verstärkt wurden; die Hauptträger hatten sich nach Rechnung als stark genug erwiesen. — Die nun eingestürzte Brücke war eine circa 15 Meter lange eiserne Gitterbrücke, deren Tragkonstruktion sich oberhalb der Fahrbahn befand. Sie hat schon vor mehreren Jahren Anlaß zur Besorgniß gegeben, als die hochangeschwollme Birs die Widerlager unterwaschen hatte. Damals wurden die Fundamente verstärkt. Die Eisenkonstruktion war, wie nun die schreckliche Katastrophe gezeigt, eine zu schwache; die Verstrebungen waren zu wenig zahlreich und auch nicht kreuzweise miteinander vernietet. Die Katastrophe wird nun neuerdings Anlaß geben, die Sicherheit der eisernen Eisenbahnbrücken zu prüfen; bekanntlich fehlt es nicht an Stimmen, welche schon längst vor diesen Brücken warnten, weil das Eisen durch heftiges Vibriren mit der Zeit seine Struktion verändert, und das faserige Gefügt in ein brüchiges kristallinisches verwandelt wird. — Die offizielle aber noch unvollständige Liste der Opfer der Katastrophe giebt die Namen von 80 Toten, 100 Verwundeten und 70 Vermißten an. Dabei werden noch 200 Leichtverwundete aufg-führt, die sich in Privatpflege befinden. Bis Dienstag Abend waren 73 Leichen geborgen, von denen sieben unbekannt sind. Fünf Leichen Unbekannter wurden photographiert und dann vorläufig beerdigt, weil sie bereits in Verwesung übergegangen waren. Von den in die Birs gestürzten vier Personenwagen liegt ein Waggon zweiter Klasse, welcher mit RZsenden aus dem Ausland besetzt war, noch auf dem Grund des FlusseS. Man fürchtet in demselben zahlreiche Leichen zu finden. Andere sind noch unter den Trümmern begraben und zum Theil sichtbar. Die ।
Rettungsarbeiten werden durch anhaltendes Steigen der Birs außerordentlich erschwert.
Paris. Turpin, der Erfinder des Melinits, harrt wegen Landesverraths des Urtheils, — Level, der Erfinder des jetzigen französischen Gewehres, ist am Sonntag wirklich in Sedan gestorben, nachdem man ihn bereits vor einem halben Jahre einmal todt gesagt hat, Das ist für die Franzosen viel Pech auf einmal! — Das Urtheil im Melinit-Prozeß lautet gegen Turpin auf 5 Jahre Gefängniß, 2000 FrS. Geldbuße und 5jährigen Verlust der bürgerlichen Rechte, gegen Tripone auf 5 Jahre, 2000 FrS. und 10 Jahre Ehrverlust, gegen Fasseler 5 Jahre Gefängniß, 1000 Frs. und 5 Jahre Ehrverlust, Feuvreur 2 Jahre, 500 Frs. und 5 Jahre Ehrverlust.
London, 15. Juni. Die heftigen Angriffe gegen den Prinzen von Wales wegen des BaccaratskandalS werden fortgesetzt. Besonders die anglikanische Geistlichkeit ist erbittert; auch Kardinal Manning hat sich in heftigen Worten gegen den Prinzen ausgesprochen. In öffentlicher Versammlung hat sich das Parlamentsmitglied Cobb, welcher den Kriegsminister über die Angelegenheit interpelliren wird, folgendermaßen geäußert: Wenn der Prinz von Wales in einem Eisenbahnwaggon beim Baccarat ertappt worden wäre, so hätte er gerichtlich
-verfingt werben. müssen; die öffentliche Meinung begreife nicht, weshalb der Prinz nicht belangt werde, da er ja selbst in Tramby Croft das Spiel organisirt habe.
Italien. Das Erdbeben in der Lombardei am 7. d. Mts. hat großen Schaden angerichtet. In Verona kampirt die Einwohnerschaft seitdem in freiem Felde unter Zellen, welche das Militär geliefert hat, da sehr viele Häuser einzustürzen drohen. Mehrere Kirchthürme haben sich gesenkt und das erzbischöfliche Palais ist derart voll Schutt, der von den Decken abbröckelte, daß nur mühsam Zugang geschafft werden konnte. In Legano sind mehrere Häuser eingestürzt und dreiviertel der stehen gebliebenen sind unbewohnbar geworden, so daß auch dort die Menschen im Freien nächtigen müssen. Dasselbe ist der Fall in noch vielen Orten. Todte hat es mehrere gegeben. Dieselben wurden entweder von stürzenden Steinen oder Balken getroffen oder stürben vor Schrecken.
Rußland. Unter dem Titel „Katholikenverfolgungen in Rußland" veröffentlicht die „Kreuz-Ztg." ebenso interessante wie beherzigenswerttze Mittheilungen, denen wir folgendes entnehmen: Die Verschickungen nach Sibirien und in das Innere Rußlands mehren sich; während man aber bei den Katholiken des lateinischen Ritus nur Geistliche wegen „religiöser Vergehen" ver- schickt, verbannt man von den Uniten (d. h. Katholiken, welche die slavische Liturgie haben) auch Bürger und Bauern, Männer und Weiber. Alle diejenigen Uniten, welche sich weigern, ihre neugeborenen Kinder von einem orthodoxen Popen taufen zu lassen und ihnen selbst die Nothtaufe geben, werden beispielsweise verschickt. Lassen sie sich von einem katholischen Geistlichen trauen, so wird zunächst der Geistliche verbannt, in zweiter Linie aber auch die jungen Ehepaare, wenn sie sich nicht vor den Popen demüthigen und das Versprechen abgeben, sich fortan zur Orthodoxie zu halten. Um der Gefahr zu entgehen, gehen die Uniten in neuerer Zeit vielfach wilde Ehen ein. Bei ihren Begräbnissen übernehmen die Popen die Leichenfeier, ohne die Angehörigen zu fragen. Mit polizeilicher Hilfe werden die Leichen auf den orthodoxen Kirchhöfen begraben und von den Popen eingesegnet. Auch gegen die „lateinischen" Katholiken kommen große Brutalitäten vor. Ein besonders cclatanter
Fall hat sich kürzlich in Kowno ereignet, wo ein sehr beliebter und tüchtiger Kaplan, Namens Augustin Gase- wicz, ohne ein Verhör, ohne daß ihm eine Anklageschrift zugestellt worden, überhaupt ohne daß ein Mensch in Kowno eine Ahnung von der Ursache hatte, plötzlich durch Gendarmen verhaftet und auf unbestimmte Zeit in das Innere Rußlands verschickt wurde. In gleicher