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SchlüchtttnerMm

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Jf 48.

Mittwoch, den 17. Juni

1891.

Bestellungen auf das 3. Quartal 1891 (Juli, Augusts September) der

Schlüchterner Zeitung"

bitten wir durch die Post (auch Landbriefträger) oder Boten gefälligst machen zu wollen und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Neu zutretende Abonnenten erhalten das Blatt vom Tage der Bestellung an bis Ende d. Mts. gratis.

S ch l ü ch t e r n, im Juni 1891. Der Herausgeber.

Sozialdemokraten oder Singerianer?

Früher hörte man häufig reden von Marxisten oder Lassalleanern. Man wollte damit diejenigen Arbeiter bezeichnen, die den Judensohn Karl Marx, resp, den Juden Lassalle als ihren Führer anerkannten. Wie hat man demnach diejenigen zu nennen, die den Juden Singer zu ihrem obersten Leiter gemacht haben? In unserer Uebersch-ist liegt die Antwort. Singerianer ist ihr Name. Nicht Sozialisten, nicht Sozialdemokraten, sondern Singerianer sind sie und sollten sie deshalb auch heißen. Fragt man heute einen Arbeiter, der früher auf Bebel oder Liebknecht schwörte, zu welcher Partei zählst denn Du? Was antwortet er, wenn er die volle Wahrheit sagen will? Ich zähle zur Partei Singer, muß er sagen. Von Sozialismus oder Sozial- demokratie wissen ja fast WO Prozent jener Arbeiter keinen klaren Begriff zu entwickeln. Ja, die meisten können nicht einmal sich selbst über die eigentlichen Ziele der Sozialdemokratie Rechenschaft geben. Am leichtesten und deutlichsten für den Arbeiter jener Sorte bleibt daher die Vorstellung: Ich bin Singerianer.Ich bin Mitglied der Gesellschaft Singer u. Co."Singer ist unser Befreier, unser Moses, unser Erlöser, unser König."Was Singer sagt, ist das Richtige; was Singer will, das muß geschehen" . . .

In der That ist es aufmerksamen Beobachtern nicht entgangen, daß der Jude Singer sich die Alleinherrschaft über das sogen. Proletariat errungen hat. Freilich hätten es die Herren Bebel und Liebknecht im Voraus wissen können, daß Herr Singerdie von seiner Firma Abhängigen" alsArvcitsmaschinen" auszunutzen meister­haft versteht. Man hätte Grund genug gehabt, zu be­fürchten, daß die ganze sogen, sozialdemokratische Partei von Singer tyrannisirt und an der Nase herumgeführt werden wurde! Oder sollte man vergessen haben, was in dem ProzesseSingcr-Bachler-Dopp" das gerichtliche Erkenntniß sagte:

Die von der Firma (Singer!) Abhängigen waren für sie eigentlich weiter nichts als Arbeilsmaschinen, die für die Firma ausgenutzt wurden, soweit sie nach den Verhältnissen sich ausnützen ließen und ausnützen lassen mußten. Daß sie im Ucbrigen auch Menschen waren, kümmert die Firma jedoch nicht."

Trotzdem und alledem ist die Thatsache nicht zu leugnen: Es gibt in Deutschland heute weder Marxisten noch Lassallcaner, noch unabhängige Sozialdemokraten, sondern nur Singerianer. (Fuldaer Ztg.)

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Juni. Die kaiserliche Familie hatte sich am Montag in der Friedenskirche zu Potsdam zu einer stillen Gedenkfeier für Kaiser Friedrich vereinigt.

Die Wünsche der seßhaften Kaufmannschaft und sonstiger Gewerbetreibenden betr. die Abänderung der Gewerbeordnung bezüglich des Hausierwesens und des Detailreisens scheinen ihrer baldigen Verwirklichung ent- gegenzugehen. Der Bundesrat hat in seiner letzten Sitzung eine darauf bezügliche Eingabe des Zentral- vorstandes der kaufmännischen Vereine und Verbände Deutschlands dem Reichskanzler als Material für den in Aussicht genommenen Gesetzentwurf zur Beschränkung des Hausierhandels überwiesen.

* __ Der Zeitpunkt, zu welchem nach dem neuen Arbeiterschutzgesitz die auf die Arbeit an Sonn- und Festtagen bezüglichen Paragraphen ganz oder thcilweise in Kraft treten, wird durch kaiserliche Verordnung mit Zustimmung deS Bundesrathes bestimmt. Bis dahin bleibt es bei den bisherigen gesetzlichen Bestimmungen. Die Bestimmungen über die Fortbildungsschulen ge­winnen mit dem 1. Oktober 1891 Gilligkeit. Im Ucbrigen treten die Wirkungen des Gesetzes mit dem 1. April 1892 in ihr Recht. Für Kinder im Aller von 1214 Jahren, welche vor Verkündigung dieses Gesetzes bereits in Fabriken u. s. w. beschäftigt waren, bleib diene bisherigen gesetzlichen Bestimmungen bis zum

1. April 1894 in Kraft. Für Betriebe, in welchen vor Verkündigung dieses Gesetzes Arbeiterinnen über 16 Jahren in der Nachtzeit beschäftigt worden sind, kann die Landes-Central-Behörde die Ermächtigung er­theilen , längstens bis zum 1. April 1894, solche Arbeiterinnen in der bisherigen Anzahl während der Nachtzeit weiter zu beschäftigen, wenn die Fortführung des Betriebes im bisherigen Umfange bei Beseitigung der Nachtarbeit Betriebs-Veränderungen bedingt, welche ohne unverhältnißmäßige Kosten nicht früher hergestellt werden können. Die Nachtschicht darf in 24 Stunden die Dauer von 10 Stunden nicht überschreiten und muß in jeder Schicht durch eine oder mehrere Pausen in der Gesammtdauer von mindestens einer Stunde unterbrochen sein. Die Tagschichren und Nachtschichten müssen wöchentlich wechseln.

Es ist berechnet worden, daß die Sozialdemo­kratie , vom großen Hamburger Cigarrenarbeiterstreik angefangen, in fortgesetzter Reihe 27 Ausstände verloren und dabei annähernd eine Million Unterstützungsgelder zugesetzt habe.

Die vom Blitzschlag getroffenen Soldaten des Franz-R-giments in Berlin befinden sich sämtlich auf dem Weg der Besserung. Auch der am schwersten ver­letzte Gefreite Bär wird gerettet werden, allerdings wird er zeitlebens ein Krüppel bleiben.

Circus-Director Barre, hat, wie verlautet, von der Eisenbahn - Verwaltung eine Entschädigung von 4 Millionen Mark (?) verlangt. Er ist in Berlin eingetroffen, um seine Schadenersatz-Ansprüche gegenüber der Eisenbahn-Verwaltung zu regeln.

* Eine große Anzahl von preußischen Truppen- theilen wird im Herbste d. J. die Feier des 25jährigen Bestehens begehen können. Es sind dies alle diejenigen Regimenter, welche nach Beendigung des Krieges gegen Oesterreich und seine Verbündeten infolge der Ver­größerung des preußischen Staates besonders in den annektierten Provinzen errichtet worden sind, nämlich die Infanterie-Regimenter Nr. 73 bis 88, die Jäger­bataillone Nr. 10 und 11, die Dragoner-Regimenter Nr. 13 bis 16, die Husaren-Regimenter Nr. 1316, die Ulanen-Regimenter Nr. 1316, die Aitillcrie- Regimenter Nr. 911. Viele von diesen Truppen- theilen erlassen bereits öffentliche Aufrufe, in denen sie ihre früheren Offiziere zur Theilnahme an den Jubiläums­feierlichkeiten ausfordern.

In Bremerhafen ist ein Streik der Heizer und Kohlenzieher desNorddeutschen Lloyd" ausgebrochen, welcher am Mittwoch zu ernsten Ruhestörungen geführt hat. Auf das Hilfsgeschrei eines verhafteten Streik­führers stürzten die Feuerleute aus den Hafenkneipen und überfielen die Polizei, sodaß diese von der Waffe Gebrauch machen mußte. Die Menge zerstreute sich erst 11 Uhr nachts, nachdem die Schutzmannschaft aus Lehe und Geestemünde verstärkt worden und die städtische Feuerwehr milder Dampfspritze (Probatum est!) thätig gewesen war. Zwei Schutzleute haben Verletzungen er­litten. DerLloyd" hat das fehlende Heizerpersonal thcilweise durch fremde Mannschaften ersetzt, sodaß die Schnelldampfer bisher fahrplanmäßig abgehen konnten.

Bochum. Gegenüber den Enthüllungen im Bochumer Proceß hat zwar der Staatsanwalt sich dagegen ver­wahrt, als ob er die gegen die Leitung desBochumer Vereins" erhobenen Beschuldigungen etwa schon für er­wiesen ansehe; daß er aber starken Verdacht hegt, läßt er deutlich durchblicken. In der That sind die von Fusangel gemachten und zum Theil in die Öffentlich­keit gebrachten Angaben über die Art und Weise, wie die Schienen- und Achsen-Stempelfälschungen vorge­nommen wurden, so genau und ins Einzelne gehend, daß es nicht leicht ist, sie für bloße Erfindungen zu halten, und doch solle man das zu Ehren des deutschen Namens wünschen. Denn es handelt sich um Vorgänge von solcher Niedertracht, daß es keinen Ausdruck gibt, der scharf genug wäre um sie zu kennzeichnen, wie sie

es verdient. Schienen- und Achfinstempelfälschungen, wenn sie im größeren Umfange vorkommen, wie hier behauptet wird, seit vollen sechzehn Jahren systematisch geübt werden, sind, ganz abgesehen von der schmählich in die Brüche gegangenendeutschen Ehrlichkeit", ge­eignet, die Sicherheit des Lebens in hohem Grade zu gefährden und überdies den guten Ruf der Eisenbahn- Verwaltungen zu untergraben, die in den letzten Jahr eine außerordentlich große Zahl von Unfällen zu ver­zeichnen gehabt haben, ohne daß die Ursachen bis jetzt immer haben festgestellt werden können. Die Fälschungen würden alles erklären; aber auf welch traurige, tief betrübende Art! Wenn es wirklich an dem ist, wie Geh. Kommerzienrath Baarc selber zugegeben hat, daß geflickte Schienen" wohl auf jedem Werkemitlaufen", was soll man von dieserGeschäftsmoral" denken? Geflickte" Schienen dürfen eben nicht mitlaufen; eS muß Ehrensache sein, daß derartiges ausgeschlossen ist, weil jedegeflickte Schiene" zur Ursache einer Katastrophe werden kann. Wenn die gegen den Bochumer Verein" gerichtete Beschuldigung erwiesen werden sollte, muß die Strafe schwer und unerbittlich sein, so daß bis in denletzten Winkel" hinein ihre Wirkung übt.

Dortmund, 9. Juni. Der städtische Straßenmeister war darum eingekommen, einen Revolver tragen zu dürfen, da er des Nachts bei Beaufsichtigung der Kehr- arbeiten mehrfach angegriffen worden war. Dies wurde ihm gestattet und Polizei-Jnspector Brake wollte ihm heute Morgen kurz nach 8 Uhr in der Wachtstube aus den Beständen einen geben. Als der Straßenmeister die Waffe in der Hand hielt, ging sie die Ursache bleibt dahingestellt los und die Kugel ging dem Polizei-Jnspector durch's Herz, der sofort todt zusammen- brach. Der stattliche, noch verhältnißmäßig junge Mann war vor Kurzem erst von Emden hierher ge­kommen. Er lebte in kinderloser Ehe.

Bon der Sieg. Keine Tugend scheint die Jugend in Herchen zu haben, wie aus folgender Bekanntmach­ung des Stadtoberhauptes hervorgcht:Den Burschen der Gemeinde Leuscheid wird bis auf Weiteres der Besuch jeder Festlichkeit und der Wirthschaften verboten, und werde ich Jeden, der sich hier sehen läßt, ohne Weiteres arretiren und einsperren lassen. Die Jugend von Leuscheid befleißigt sich in letzter Zeit Rohheiten, die sie für das Erscheinen in einer anständigen Gesell­schaft unwürdig machen."

Eisenach, 11. Juni. Die Strafkammer verurtheilte den Pfarrer Dr. Raschle aus Mihla wegen Unterschlag­ung von Kirchengeldern zu drei Jahren Gefängniß.

Ausland.

Basel, 14. Juni. Heute Vormittag 2 Uhr 15 Minuten stürzte die Eisenbahnbrücke vor Mönchenstein bei Basel (Jura-Simplon-Linie) ein, infolge dessen der Zug entgleiste und zum Theil ins Wasser fiel. Es stürzten 2 Locomotiven, 2 vollbesetzte Personenwagen, 1 Post- und 1 Gepäckwagen in die hochgchende BirS. Bis jetzt wurden 54 meist schrecklich verstümmelte Todte und über WO Verwundete h-rausgeholt. Die meisten sind erdrückt oder ertrunken. Die vermuthete Gesammt- zahl der Todten wird auf 120 geschätzt.

Wien. Die Wiener Schriftsetzer haben mit ihrem großen Streik traurige Erfahrungen gemacht. Sie haben demselben rund WO 000 Gulden geopfert, um nach einem vollständigen Mißerfolg die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder aufzunehmen.

Rußland. Das gute Väterchenzivilisirt" weiter. Laut Meldungen aus Odessa wurden dort 16 protestantische Familien verbannt und nach einem unbewohnten Distrikte Georgiens nördlich der persischen Grenze verwiesen; die Gegend wird von Tartaren bewohnt. Die Verbannten wurden als Gefangene tranSportirt und machten die ganze Reise zu Fuß, von Militär begleitet. Ein eigenartiges Verbrechen ist vor Kurzem in Odessa