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Samstag, den 13. Juni

1891.

Deutsche- Reich.

Berlin, 10. Juni. Se. Majestät der Kaiser be- sichtigle heute Boimitlag auf dem Bornstedter Felde bei Potsdam die zu einer Uebung eingezogene Landwehr des 1. Garderegiments zu Fuß und hierauf das 1. und 3. Garde-Utanen-Regiment. Hierauf erfolgte ein Exerciren im Feuer, wozu zwei Compagnien des Lehr- Infanterie-Bataillons zugezogen waren. Ihre Majestät die Kaiserin und Se. Kaiserliche Hoheit der Kronprinz zu Pferde und die Prinzen Aloalbert und Eitel Fried­rich zu Wagen, sowie eine zahlreiche Suite wohnten der Borst.llung bei. Se. Majestät der Kaiser setzte sich zum Schluß an die Spitze des 3. Garde-Ulanen- Regiments, führte dasselbe zur Caserne zurück und nahm hierauf an dem Frühstück im Officiercasino Theil.

Wenn die Erregung über den Beschluß der preußischen Regierung in Sachen der Getreidezölle in den letzten Tagen einer etwas ruhigeren Auffassung Platz gemacht hat, so liegt dies in erster Linie daran, daß sich tue Ernteaussichten in fast allen Gegenden entschieden gebessert haben. Namentlich beweisen die neuesten Saatenstandsberichte aus Bayern, daß die in den Frühjahrsmonaten so häufigen trüben Voraus- sagungen über zu erwartende ungünstige Ernten durch spätere genauere Feststellungen als übertrieben und un­richtig widerlegt werden. Zur Beruhigung der Ge­müther hat weiter beigetragen, daß die Erhebungen über noch vorhandene Getreidevorräthe durchaus nicht das von gewisser Seite in Aussicht gestellte ungünstige Er­gebniß geliefert haben, und daß außerdem noch be­trächtliche Zufuhren aus dem Ausland zu erwarten sind, die im Verein mit den gebesserten Ernteaussichten alsbald dem Steigen der Preise auf den deutschen Ge- treidemärklev Einhalt thun müssen.

Im Reichsamt des Innern trat Montag die Handwerkerkonferenz zusammen, deren Dauer auf acht Tage berechnet ist.

Berlin, 9. Juni. Ueber eine Gewitterkatastrophe berichten hiesige Blätter übereinstimmend folgendes Nähere: Heute früh ging in der Zeit von halb 9 bis 9 Morgens ein heftiges Gewitter nieder. Um 8 Uhr 50 Min. rollte ein furchtbarer Donner über die Stadt; der ihn veranlassende Blitz hat eine furchtbare Kata­strophe über das Kaiser Franz Grenadier-Regiment herbci- geführt. Der Blitz hatte in die hinter Tempelhof übende erste Compagnie des Regiments eingeschlagen. Die Compagnie war unter Führung des Hauptmanns v. Quast heute früh nach dem Gelände zwischen Tempel­hof und Marienhof abgerückt, um hier Pionicrubungen auszuführen. Rechts von der Chaussee wurde Halt gemacht, die Gewehre wurden zusammengesetzt und auf einer Ausdehnung von etwa 100 Metern ein Schützen­graben ausgeworfen. Die Uebung war nahezu beendet, man war schon wieder dabei, den Graben zuzuwerfen, strömender Regen ergoß sich über die Mannschaft. Der Hornist Becker stand unweit des Uebungsplatzes mit dem Pferde des Hauptmanns, die nicht beschäftigten Spielleute hatten sich um das Pferd gesammelt, Haupt- mann v. Quast stand zehn Schritte entfernt, Plötzlich ertönte ein mächtiger Krach. Die halbe Compagnie lag betäubt auf der Erde. Nur allmählich fegte sich der Schreck, der Alle erfaßt, und man übersah sich die Größe der Katastrophe. Der Blitz hatte die um das Pferd stehende Gruppe getroffen. Das Thier war noch einmal in die Höhe gesprungen, dann war :s todt niedergestürzt. Bon den Mannschaften ist der Spiel­mann Gefreiter Bärs am schwersten verletzt. Der Blitz hatte den Helm getroffen, im Hinterkopf einen fünf- markstückgroßen Theil der Schädeldecke aufgerissen, die Kleider und den Leib an der rechten Seite oersengt, und hat endlich den einen Stiefel aufgeschlitzt and drei Schritt weit weggeschleudert. Der Unglückliche konnte nur durch künstliche Athmung zum Leben zurüigebrachl werden, sein Aufkommen wird bezweifelt. Gleichfalls schwer verletzt ist der Tambour Bremer, der furchtbar am Unterleib verwundet wurde; er kam unter das Pferd zu liegen und hat auch noch Kontusionen erlitten. Der Hornist Becker, der das Pferd gehalten, hnt schwere Wunden am Bein davongetragen. Gefreiter Tassen und Spielmann Humbert sind leichter verletzt. Der Haupt- Mann lag lange Zeit bewußtlos, sein erstes Wort galt der Erkundigung nach dem Schicksal der Compagnie. Auch Vizcfeldwcbcl Steil und Sergeant Kortbmp waren lange besinnungslos. Die übrigen Mannchasten er­

holten sich schnell von der Betäubung und machten sich sofort an die Bergung der Verwundeten. Die Ver­letzten wurden in Mäntel gelegt und sorgsam nach dem Lazarcth getragen. Dann trat der Rest der Compagnie den Rückmarsch nach Berlin an.

* - Augenblicklich finden in Preußen Erhebungen statt über das Gerichtsvollzierwesen. Es soll beabsichtigt sein, das dem Staate so theuere Institut der Gerichts­vollzieher aufzuheben und die vor 1879 bestandene Ein­richtung der Exekutoren wieder herzustellen.

Thorn, 7. Juni. Frostschaden. In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend hat es in unserer Gegend und darüber hinaus gefroren. Kartoffeln, Bohnen, Gurken und Gemüse sind arg beschädigt, auch der in der Blüthe stehende Roggen hat stark gelitten. Die­selben Nachrichten kommen aus dem benachbarten Polen. Der ungerichtete Schaden ist bedeutend.

Dt.-Krone, 10. Juni. Folgendes Kuriosum hat kürzlich ein h esiger Lehrer fertig gebracht. Er reichte bei dem Kreisschulinspektor eine Eingabe mit der Bitte um Weiterbeförderung an die Königliche Regierung ein, in welcher er die letztere angeht,-ihm zu gestatten, daher nebenbei das Schneiderhandwerk betreibe, da er von seinem Gehalte sich nicht ernähren könne. Alle Vor­stellungen des Kreisschulinspektors, er solle die Eingabe zurückziehen, waren erfolglos, und so blieb demselben nichts übrig, als dieselbe weiterzubefördern. Schließlich kam, nach derSchneidem. Ztg/'^der Regierungsschul- ralh selbst und bewog den Lehrer-Schneidermeister, von einer Vorlage seiner Petition an das Regierungskollegium abzusehen.

In Frankenthal wurden der Taubstummenhaupt- lehrer Kadner wegen 19 Verbrechen gegen die Sittlich­keit zu 12 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust und der Taubstummenlehrer Henrich wegen 4 Verbrechen gegen die Sittlichkeit unter Zubilligung mildernder Um­stände zu 2 Jahren Gefängniß und 3 Jahren Ehrver­lust verurthei!".

Ulm, 6. Juni. Gestern Abend wurde bei Postzug 305 von München nach Ulm ein Unglück verhütet. In Mitte der Strecke Ofsingen-Neuofsingen hatten sich zwei Kinder ein Knabe und eiu Mädchen auf die Schienen gelegt, um so den heranbrausenden Zug kommen zu hören. Dank der Wachsamkeit des Zug­führers und der vorzüglichen Luftbremse konnte eine geringe Strecke vor den Kindern der Zug gestellt werden.

Aus Nürnberg wird geschrieben: Ein bei der Civilkammer des hiesigen Landgerichts jetzt zur Ver­handlung gekommener Fall hat noch mehr wie der in der Presse so viel besprochene Fall Gradl die Noth­wendigkeit der Abänderung des bayerischen Gesetzes über Heimath, Verehelichung und Aufenthalt dargelegt. Ein zur Zeit hier wohnhafter, in einem bayerischen Orte gebürtiger Maurergeselle hatte im Jahre 1888 eine Ehe geschlossen. Jetzt hat er nun bei der Civilkammer des Landgerichts eine Klage auf Ungiltigkeitserklärung dieser Ehe eingereicht, da er bei der seinerzeitigen Ehe­schließung nicht der im bayerischen Gesetze vorge­schriebenen Bestimmung nachgekommen wäre, wonach von der Distrikts - Verwaltungsbehörde, in welcher der Mann seine Heimath hat, ein Zeugniß beizubringen sei,daß gegen die beabsichtigte Eheschließung kein in gegenwärtigem Gesetze begründetes Ehehinderniß vor- tiege". Der Gerichtshof hat in der That, der Klage- bitte des Mannes entsprechend, die Ehe als ungiltig erklärt. Dem Vernehmen nach will die Ehefrau sich bei diesem gerichtlichen Ausspruch nicht beruhigen und Berufung ergreifen.

Aus Bamberg bringt der Telegraph eine kuriose Nachricht. In Folge eines irrthümlichen Commando's beim Exercieren ritten 2 Schwadronen Ulanen auf­einander los und ritten einander von den Pferden, wo'-°ei mehrere Soldaten leichter oder schwerer verwundet wurden und einem eine Lanze durch den Hals gestochen wurde! Wo waren denn da die Augen inr Offiziere?

WÜrzburg, 7. Juni. Ein Opfer des Barfußgehens ä la Kneipp. Gestern, am 6. Juni, wurde der Reichs- freiherr Fritz v. Hütten zum Stolzenberg bei Soden (Kreis Schlüchtern) in Steinbach zu Grabe getragen. Der Verstorbene ist ein Opfer des Kneipp'schenHeil­verfahrens" geworden: er hatte sich beim Barfußlaufen eine kleine Verletzung am Fuße zugezogen, in Folge deren sich tödtlicher Starrkrampf einstellte.

Brückenau, 7. Juni. Die zweite Kurliste weist bis 4. Juni 75 Kurgäste auf. Heute begann die Kurkapelle in unserem Bade mit ihren Produktionen. Dieselbe konzertirt von nun an täglich dieimal.

Ausland»

Wien, 9. Juni. In aller Stille ist die Todeser­klärung von Johann Orth (des früheren Erzherzog- Johann) erfolgt, die Versicherungssumme für das zu Grunde gegangene SchiffMargarethe" erhoben und der Nachlaß Johann Orth's im Sinne seines Testaments vertheilt worden. Ziemlich hohe Legate erhielten die Verwandten seiner Frau, der ehemahligen Operetten« sängerin Stubel.

Rom, 9. Juni. Gestern erfolgte ein breiter Lava­strom aus einer neuen Vesuvöffnung. In der lom- bardo-venetischen Ebene hörten die Erdbeben allgemein gleichzeitig mit dem Eruptionsbeginn auf. Der Lava- erguß scheint nicht fortzuschreiten.

Endlich ist von der deutschen Botschaft in Konstantinopel die Nachricht eingetroffen, daß sämmtliche Gefangene aus den Händen der türkischen Räuber befreit sind und sich auf dem Weg nach Kirkilisse befinden.

Gibraltar, 9. Juni. Die Heuschreckenplage in Nordafrika wächst. Die Getreide-Ernte ist vernichtet; trotz der getroffenen Maßregeln wird eine HungerSnoth befürchtet.

London, 8. Juni. Die General-Omnibus - Com­pany theilt mit, daß die Ausständigen die Fütterung der Pferde der Gesellschaft gewaltsam verhindern. 10,000 Pferden würde dadurch der Hungertod bevorstehen.

Liverpool, 11. Juni. Spezialmeldungen aus Lo- arge sind alle Mitgliedei der Ende Juli v. I. unter Führung des Lieutenants Crampel nach dem Tschadsee abgegangenen französischen Expedition von den Einge­borenen getödtet und die Weißen aufgefressen worden.

Die fortdauernden Christenverfolgungen in Chitta haben endlich eine diplomatische Intervention Frank­reichs und der Vereinigten Staaten zur Folge gehabt. Wie unter gestrigem Datum aus Shangai gemeldet wird, haben ernste Unruhen in Wuhu bei Kinkiang stattgefunden; die eingeborene Bevölkerung hat einen Zollbeamten und einen Missionär ermordet und mehrere Häuser in Brand gesteckt. Die Frauen und Kinder der Europäer retteten sich nach Kinkiang. Die Mandarinen unterstützen die fanatische Bewegung. Schon bevor diese neuesten Gräuelthaten bekannt wurden, haben die Gesandten Frankreichs und der Vereinigten Staaten die Aufforderung an die chinesische Regierung gerichtet, den Vertretern ihrer Staaten einen wirksamen Schutz beizugeben. Die Gesandten hätten zugleich angekündigt, ein ablehnender Bescheid auf ihr Verlangen würde eine feindliche Action des französischen Geschwaders und ein Bombardement Nankins zur Folge haben, wofern die chinesische Regierung sich nicht zur Genugthuung und Schadloshaltung herbeiließe.

Lokale- und Provinzielles.

Schlüchtern, 12. Juni.

* Ist Alles richtig geklebt? Für weitere Kreise dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, daß in Ber­lin seit einigen Tagen Beamte der Jnvaliditäts- und Altersversicherung - Anstalt die Häuser besuchen, um sich davon zu überzeugen, daß die Quittungskarten gesetz. müßig mit Marken versehen und alle ocrsicherungS- pflichtigen Personen angemeldet sind. Solche Revisionen fanden, wie derKonfektionär, erfährt, bereits in den Straßen des Potsdamer- und Thiergarten-Viertels zu Berlin statt. Da dir Nachforschungen jedenfalls auch in der Provinz angestellt werden, so sehe Jeder bei Zeiten nach, ob die richtige Anzahl Marken einge- tlebt ist.

* Es dürfte wohl bis jetzt noch nicht bekannt geworden sein, daß Rundreisefahrkarten für die Strecken SchlüchternHanau - Frankfurt a. M.GießenMar­burg Guntershausen Kassel Bebra Fulda Schlüchtern oder umgekehrt auch auf Bahnhof Schlüchtern zur Ausgabe gelangen. Außerdem werden nun die Züge 47 und 48, wie in dem dieser Zeitung bei­gegebenen Fahrplane schon gesagt, die 4. Klasse führen.

* Wie mitgetheilt wird, hat sich die von der preußischen Staatsbahnverwaltung vor etwa Jahresfrist versuchsweise angevrdnctr Ausrüstung der Eisenbahn-