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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. »Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 46.

Mittwoch, den 10. Juni

1891.

Deutsche- Reich. i

Berlin. Die Zeit des Kaisers füllen gegenwärtig | Truppcribesichtigungen in Berlin und Potsdam, sowie Berathungen mit dem Reichskanzler und höheren Be­amten aus. Der Kaiser empfing am Sonnabend den Major v. Wißmann und den Afrikarcisenden Oskar Borchert und zog alsdann die Herren zur Abend- tafel zu.

* Die Kommission der Abgeordneten zur Vorbe- rathung eines Gesetzentwurfes, betreffend die Verlegung des Landes-Buß- und Bettages, nahm in ihrer Sitzung vom 5. d., welcher auch der Kultusminister beiwohnte, einen Paragraphen an, nach welchem der Freitag nach dem letzten Trinitats-Sonntag als Buß- und Betlag in Vorschlag gebracht wird. Das Gesetz soll am 1. Januar 1892 in Kraft treten.

Berlin. DerReichsanzeiger" hebt hervor, daß, nachdem staatlichcrseits den Volksschullehrern Dienst­alterszulagen gewährt seien, nunmehr auch für die Gemeinden die Verpflichtung vorliege, sich dem Vorgehen des Staates anzuschließen. Als spätester Termin für die neuen Gehallsfestsetzungen sei der 1. Oktober dS. Js. bestimmt worden. Auch müßten die Pensionsbe­dingungen und die Pensionen selbst seitens der Gemeinden für Lehrer und Lehrerinnen gebessert und erhöht werden.

In Berliner unterrichteten Kreisen diePost" hatte vor einigen Tagen bereits darauf angespielt will man wissen, es wäre der russischen Regierung vor mehr als Monatsfrist von Seiten Frankreichs ein förm­liches Alliance« Anerbieten gemacht worden, und zwar unter dem Eindrücke der Gerüchte über einen Besuch des Zaren in Berlin und über die Einleitung deutsch­russischer Handelsvertrags-Verhandlungen. Man wollte in Paris Klarheit über die Lage' gewinnen und, wenn möglich, der Gefahr der Jsolirung Frankreichs Vor­beugen. Nach längerem Zögern erfolgte, der Abneigung des Zaren gegen bindende Entschlüsse entsprechend, die Ablehnung des Antrages der französischen Regierung.

Posen, 5. Juni. Das Schöffengericht sprach heute die Redakteure derPosener Zeitung" und desKurtzer PoznanSki" von der Anklage oes groben Unfuges frei, den sie durch Abdruck der falschen Nachricht desKroto- schiner Anzeigers", das dortige Militär sei in voller Kriegsbereitschaft nach der russischen Grenze abgerückt, verübt haben sollten. Jede Zeitung sei verpflichtet, ihren Lesern solche und ähnliche Nachrichten, deren Un­richtigkeit sie nicht anzunehmen brauchten, nicht vor- zuenthalten.

Zglau. Der Selbstmord in der Kiste. Der in Heinzendorf ansässige Schmied Josef R'pper war schon wiederholt in der Ausführung eines Selbstmordes ver­hindert worden. Am letzten Freitag gelang es dem hartnäckigen Manne, seinem Leben ein Ende zu machen. Er zimmerte sich eine große Holzkiste von Manneshöhe, legte von innen ein Vorhängschloß an und befestigte oben in der Decke einen Nagel. Dann begab er sich in die Kiste, verschloß dieselbe und erhängte sich dann mittels seines Leibriemens.

Hamburg, 4. Juni. Ein eigenartiger Unfall paffirte gestern in der Frcßlerstraße in Barmbeck einem Hand- lungsreisenden aus Berlin. Eine Katze, die vor einem sie verfolgendem Hunde flüchtete, sprang aus der Boden­luke auf seinen Cylinderhut, welcher hierdurch derartig eingetrieben wurde, daß daS Gesicht nur mit Mühe von seiner Umhüllung befreit wurde.

Bor der Strafkammer in Essen hat am Montag eine Verhandlung begonnen, die man am besten als den Bochumer Steuerprozeß bezeichnen kann. Sie wurde hervorgerufen durch mehrere Artikel der ultramontanen Westfälischen Volkszeitung" in Bochum, die in ganz Deutschland Aufsehen erregten, weil darin behauptet wurde, die reichsten Einwohner Bochums seien weit unter ihrem wirklichen Einkommen zur Steuer veran­lagt. Weil die angesehensten Männer, namentlich aber der Geheime Kommerzienrath Baare, Mitglied des Volkswirthschafts- und Staatsrathes und Ehrenbürger Bochums, der Landtags-Abgeordnete Bergrath Schultz u. s. w. genannt waren, machten dieEnthüllungen" großen Eindruck. Herrn Baare wurde vorgerechnet, er steuere nur von einem Einkommen von 28- bis 32,000 M., während er 330,000 M. Einkommen habe. Herr Schultz steuere von einem Einkommen von 10,800 bis 12,000 M., nehme aber wenigstens 10 mal mehr Ehrlich ein. Der Chefredakteur der Volkszeitung, Herr

Johannes Fusangel, und deren verantwortlicher Re­dakteur, Herr Arnold Lunemann, sitzen jetzt auf der An­klagebank wegen Beleidigung und Aufreizung zum Klaffenhaß. Es sind im Ganzen 31 Leitartikel und sonstige Notizen, sowie ein Flugblatt in- kriminirt. Strafantrag ist gestellt Seitens der Steuer- Einschätzungskommissionen, des Magistrats und ver­schiedener Privatpersonen, im Ganzen liegen 13 Straf- anträge vor. Die Aufregung in der Stadt Bochum wegen der überaus scharfen Artikel war eine sehr große, es geht dies schon daraus hervor, daß Herrn Bürger­meister Lange, der ebenfalls beschuldigt ist, die zu niedrige Einschätzung mit bewirkt zu haben, ein Brief zuging, in dem er mit dem Tod bedroht wurde. Der Angeschuldigte Fusangel ist 25 mal vorbestraft, Lune­mann einmal mit 300 M. Geldstrafe. Bei der Ver­nehmung der Zeugen, d. h. der angeblichUnter­schätzten", die am Dienstag begonnen hat, sind fast nur Dinge an den Tag gekommen, welche die Angaben der Volkszeitung" zum Theil oder vollständig bestätigen. Der erste, der vernommen wurde, war Bergassessor Hoffmann, den Fusangel zu 5460,000 M. eingeschätzt hatte, der aber in den letzten Jahren nur von einem Einkommen von 89600 M. besteuert worden war. Hofsmann beschwor, daß sein Einkommen nicht einmal die Hälfte jener Summe betrage. Jetzt ist Hoffmann um 4 Stufen erhöht worden. Dr. Rieden steuerte von einem Einkommen von 12,000 M. Fusangel hatte ausgeführt, er könne gut das Doppelte (24,000 M.) vertragen. Dr. Rieden, der übrigens früher mehrfach reklamirt hat, gab zu, daß sein Einkommen 24,000 M. betrage. Der Kaufmann Tegeler ist mit 45000 M. Einkommen eingeschätzt gewesen, er hat aber, wie er unter dem Eid zugab, 15,000 M, Einkommen, zu dem ihn Herr Fusangel eingeschätzt hatte. Die Söhne des Geheimraths Baare, beide auf dem Bochumer Verein beschäftigt, der eine als Generalsekretär, der andere als juristischer Beirath, sind ebenfalls unterschätzt. Der Generalsekretär steuerte nur von 7600 M. Ein­kommen , hat aber 12,000 M., der andere steuerte in der 5. Stufe (6000 M.), hat aber etwa 11,000 M. Einkommen. Der Vorsitzende des Gerichtshofes hatte den Zeugen mitgetheilt, daß sie kein Recht hätten, die Aussage bezüglich ihres Einkommens zu verweigern. Nur der könne sein Zeugniß verweigern, der sich durch die Aussage einer strafrechtlichen Verfolgung aussctze. Das Gericht habe Mittel, die Zeugen zur Abgabe des Zeugnisses zu zwingen. Wie lange die hochinteressante Verhandlung dauern wird, läßt sich noch nicht über­sehen. Nach den letzten Nachrichten ist es Herrn Baare am Freitag noch schlimmer ergangen. Der Vertheidiger des Angeklagten, Lohn, erklärte nämlich, daß der Bochumer Verein seit 16 Jahren systematische Fälschungen begangen habe, indem die von den Staatsbeamten ge­brauchten Stempel nachgemacht und auf den schlechten Schienen und Lokomoliv-Achsen fälschlich angebracht worden seien. Geheimrath Baare, Mitglied des Staats­raths, soll von diesen Fälschungen Kenntniß gehabt haben. Lohn erklärt ferner, in der Lage zu sein, 57 gefälschte Stempel vorlegen und den vollständigen Zeugenbeweis erbringen zu können. Baare hat Die Aussage darüber verweigert. Die von dem Vertheidiger FusangelS angekündigte Beweisführung wegen im Bochumer Verein vorgekommenen Stempelfälschungen bei Abnahme von Schienen und Lokomotivachsen wurde vom Gerichtshof von dem eigentlichen Steuerprozeß aus­geschieden.

Köln, 3. Juni. Heute Mittag 3 Uhr schlug der Blitz in das Wasch- und Mischhaus der Dynamitfabnk in Schlebusch (Kreis Solingen) ein. Der Umfang der eingetretenen Explosion ist noch nicht übersehbar. Drei Mann find getödtet, mehrere verwundet.

Trier. Die Ausstellung des heiligen Rockes in Trier wird nach dem nunmehr veröffentlichten Hirtenbrief des Bischofs Korum Ende August beginnen und volle 6 Wochen dauern.

Vom Rhein, 5. Juni. Aus den von Oberrhein, aus Rheinhessen und der Pfalz einlaufenden Nachrichten geht hervor, daß die gestrigen und vorgestrigen Ge­witter in mehreren Gemarkungen die ganze Ernte ver­nichtet haben. In den Weinbergen ist der Schaden noch nicht zu übersehen, an vielen Orten schlug der Blitz ein, vier Personen wurden getroffen.

Mainz, 3. Juni. An der Mündung des Main explodirte heute während eines schweren Gewitters mit wolkenbruchartigem Regen ein Petroleumschiff. Ein Matrose verlor dabei das Leben.

Aus der Pfalz, 3. Juni. In dem Orte Spesbach erschlug der Blitz die 28 Jahre alte Ehefrau des Klein­bauern Christmann in dem Augenblick, als sie das ge­öffnete Fenster wegen des Gewitters schließen wollte. Die Frau war augenblicklich todt, ohne die geringsten Spuren des Blitzes an Kölper und Kleidung aufzuwersen.

Aus Württemberg, 2. Juni. Die betrogenen Erben. Einen bösen Streich haben sich selbst einige Bewohner in einem Grenzorte gespielt. Mit größter Bereitwilligkeit nahmen sie einen alten verwandten Aus­gewanderten auf, der sich anmerken ließ, daß ersehr reich" sei, aber auch an Taubheit litt. Dieses körper­liche Gebrechen gab den zärtlichen Verwandten die Ge­legenheit, sich in ihren kränkenden und ehrenrührige« Ausdrücken keinen Zwang aufzuerlegen. Eine Zeit lang ließ der so freundlichst Aufgenommene Alles über sich ergehen, doch auch seine Geduld hatte ein @nbe; eines Tages zog er fort, und mit ihm waren auch so an die hunderttausend Mark fort. Der gekränkte Mann hatte die Taubheit nur geheuchelt, um die Erben kennen zu lernen, die nun statt der reichen Erbschaft einen Monstreprozeß wegen Beleidigungen aller Art erhalten. Derselbe soll nächster Tage vor dem Gericht in M. ver­handelt werden.

Weimar, 3. Juni. Die ZeitungDeutschland" weist heute auf die Unbilligkeit und die Inkonsequenz in der Preisbestimmung seitens unserer Fleischer hin, in'- n sie tonftatirt, daß früher, als die Schweine 48 bis 50 Mk. pro Zentner kosteten, die Fleischer sich das Pfund mit 60 Pf. bezahlen ließen, während sie heute, wo die Schweine höchstens 43 bis 45 Mk. pro Zentner kosten, sogar 65 bis 75 Pf. für das Pfund fordern. Es ist dies ein werthvoller Beitrag zu dem Kapitel von derVerteuerung der Lebensmittel durch die Zölle"!

Gerstungen, 4. Juni. Eine eigenthümliche Bekannt­schaft machte kürzlich der Sohn des Gastwirths Müller aus Wünschensuhl. Derselbe war auf dem Felde beim Ackerpflug, als er auf einmal in einer fremden Sprache angerufen wurde. Nicht weit von sich sah er auf der Straße von Oberellen nach Wünschensuhl einen unbe­kannten jungen Menschen, welcher sich ihm näherte und ihn in russischer Sprache anredete. Da nun der Ange­redete zufällig diese Sprache verstand, da er auf seiner Wanderschaft sich sechs Jahre lang in Rußland auf­gehalten, so konnte er sich zur Freude des Fremden, der nur in seiner Muttersprache zu reden verstand, leicht mit Jenem verständigen. Im weiteren Gespräch erfuhr er nun, daß der Unbekannte in Warschau als Soldat gestanden, von dort aber wegen allzu harter Behandlung desertirt sei und sich seitdem ruhe- und mittellos in Deutschland herumtreibe. Da es ihm nicht gelungen war, sich in Deutschland seinen Lebensunterhalt zu ver­schaffen, so hatte er die Absicht, sich dem nächsten Gerichte zu stellen, das ihn an Rußland ausliefern sollte, wenn er sich dort auch den Empfang nicht allzu rosig vor- stellte. Da er sehr zerlumpt aussah, so nahm der rc. Müller ihn mit nach Hause, gab ihm zu essen, um dann dem Amtsgericht in Gerstungen hiervon Anzeige zu machen. Aus dem Wege dahin begegnete Beiden zufällig ein Gensdarm, welcher den Flüchtling nach Gerstungen abführte. Da man ihn hier aber nicht ver­stand, so wurde der rc. Müller andern TageS wieder geholt und als Dolmetscher vereidigt. Nach weiteren 10 Tagen, während welcher Zeit erst weitere Recherchen angestellt worden waren, wurde der Desertenr an die Grenze gebracht und der russischen Polizei auSgeliefert.

Ausland-

Rußland. Die neueste Niederträchtigkeit, die au» dem Land brutaler Tactarenwirthschaft gemeldet wird, ist ein Regierungserlaß, durch den die lutherischen Geistlichen in den Ostseeproviuzen aufgefordert werden, ein Freudenmanifest des Zaren über den Abfall der Großfürstin Elisaveth von ih.em evangelischen Glauben von den Kanzeln der evangelischen Kirchen herab zu verlesen. Die meisten sind, wie dieKreuz­zeitung" mittheilt, entschlossen, dem Befehl nicht Folge zu leisten und Amtsentsetzung, Gefängnis und Verbann­ung nach Sibirien wird ihre Strafe sein. Wenn man