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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,JUustrirtem Familienfreund« vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
Jf 44. Mittwoch, den 3. Juni 1891.
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Die Sozialdemokratie und das Wirthshaus.
Der vnstorbene v. Holtzcndoiff hat einmal vor einer lleberipauiiaiig der Mäßigkcitsb-strebungen (welche bei uns übrigens noch lange nicht zu befürchten ist) gewarnt und zu bebentn geg bcn, daß das Wirthshaus dem armen Manne, der in seiner Wohnung keine Gäste bei sich sehen könne, die Geselligkeit ermögliche. Die socialdemokratische „Neue Z'it", welche seiner Zeit interessante Erörterungen für und gegen die Mäßigkeitsbestrebungen gebracht hat, schreibt nun neuerdings über denselben Gegenstand sehr offenherzig:
„Wie es mit der Vereins- ui d Versammlungsfreiheit bei uns bestellt ist — so heißt es in dem Artikel — brauchen wir unseren Lesern nicht erst auseinander zu setzen. Jeder weiß auch, wie leicht es ist, auch die dürftigen Rechte zu beschlagnahmen, die der deutsche Proß«arier diesbezüglich besitzt. Das einzige Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers, das iym so leicht nicht beschlagnahmt werden kann, ist — das Wirthshaus. Der Temperenzler mag darüber die Nase rümpfen, aber das ändert Nichts an der Thatsache, daß unter den heutigen Verhältnissen Deutschlands das Wirthshaus das einzige Lokal ist, in dem die niederen Volksklassen frei zusammen kommen und ihre gemeinsamen Angelegenheiten besprechen können. Ohne Wirthshaus gibt es für den deutschen Proletarier nicht bloß kein geselliges, sondern auch kein politisches Leben. Unter dem , Sozialistengesetz, als alle Vereinigungen der Arbeiter aufgelöst waren und die Sszialdemokralie trotzdem fortfuhr, als einheitlicher, politischer Körper sortzuleben, suchten Polizisten und StaatSanwälte mit verzweifelter Rührigkeit nach der geheimep Organisation, die die ganze sozialistische Arbeiterschaft -.usammerh ilte. Sie übersahen bei ihrem erfolglosen Suchen, daß jedes von Parteigenossen besuchte Wirthshaus einen „Geheim- bund" bildete, der Einmülhigkeit im Denken und Handeln verbreitete und den Zusammenhang unter den einzelnen | Genossen aufrecht erhielt — freilich einen Geheimbund ohne Obere, ohne Satzungen, ja sogar ohne bestimmte Mitgliedschaft: wer eben da war und an den politischen Berathungen theilnahm, ob aktiv oder passiv, war Mitglied dieses unauflöslichen und immer wieder sich er= Heuernden Geheimbundes. Ein Sozialistengesetz, das dem Proletarier nicht den Wirthshausbesuch unmöglich macht, wird stets wirkungslos bleiben. Gelänge es dagegen der Temperenzlerbewegung, ihr Ziel zu erreichen und die deutschen Arbeiter in Masse zu bewegen, das Wirthshaus zu meiden und sich außerhalb der Arbeit auf das ihnen so verlockend geschilderte Familienleben zu beschränken, gelänge das den Temperenzlern, dann hätten sie erreicht, was dem Sozialistengesetz niemals auch nur annähernd gelungen: der Zusammenhalt des Proletariats wäre gesprengt, es wäre auf eine Masse zusammenhangloser und daher auch widerstandsloser Atome herabgedrückt."
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat am Freitag und Samstag sich mit der Armee beschäftigt, indem er in Berlin und in Potsdam die Parade über die Truppen abnahm. Der Nachmittag des Sonnabends gehörte aber auch schon wieder der See. Er wohnte mit der Kaiserin und den drei ältesten Prinzen, welche Matrosen-Anzüge angelegt hatten, dem Schauspiele bei, welches die Gesellschaft zur R.ttung Schiffbrüchiger auf dem romantischen Wannsee bei Berlin verunstaltete. Es wurde gezeigt, wie bei der Rettung Schiffbrüchiger zu Werke gegangen wird, und soweit man ohne die tosende See, ohne Sturmgeheul und was sonst zu einer richtigen SchisfvruchSscene gehört, sich einen solchen Rettungsakt Dorfteilen kann, konnte man sehr gut lernen, wie mit Raketen u. s. w. Schiffbrüchige von dem gefährdeten Schiffe an's Land gebracht werden. — Montag früh treffen der Kaiser und die Kaiserin in Kiel ein, und der Kaiser wird eine Revue über den Marine-Jachtklub, zu dessen Kommodore er sich kürzlich ernannt hat, ab- halten. Die Abreise von Kiel wird nach Einbringung der Aacht in den Hafen noch an demselben Abend erfolgen.
Berlin, 1. Juni. Der Reichskanzler v. Caprivi hat im Abgeordnetenhaus die Mittheilung gemacht, daß das Staatsministerium sich nicht habe schlüssig machen können, beim Bundesraih die Herabsetzung der Gelreidrzöll: zu KksürWorten. Ein allgemeiner Nothstand sei nicht vor-
handen und die Ernteaussichten seien besser als vor 14 Tagen. Ein allgemeiner Vortheil wäre von der Zollherabsetzung nicht zu erwarten.
* — Wie trefflich es die internationale Getreide- spekulation versteift, die Zufuhr von ausländischem Getreide zurückzuhalten und dadurch die Preise in die Höhe zu treiben, geht aus den von der Berliner „Volks- zeilling" mitgetheilten Ziffern für die Getreidezufuhr in Berlin im Mai 1890 und 1891 schlagend hervor. Die Zufuhr betrug in der Woche vom 11. bis 17. Mai 1890: 430,000 Centner, in der Woche vom 4. bis 10. Mai 1891: 14,240 Zentner, in der Woche vom 11. bis 17. Mai sogar nur 1600 Centner.
* — Abgefahren ist die „Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung" mit ihrer Klage darüber, daß die Pläne für den protestantischen Dom in Berlin von dem katholischen Baumeister Raschdorf entworfen sind. Es wurde sofort entgegnet und nachgewiesen, daß die katholischen Kirchen in Barmen, Rittershausen, Düssel, Gruiten und Mettmann von dem protestantischen Baumeister Fischer erbaut worden sind. Ein Protestant war auch Angerer, Baumeister in Limburg, der den dortigen Dom und die katholische Kirche in Greiseiihcim umgebaut und viele kleine katholische Kirchen im Wcster- wald gebaut hat. Die beiden hervorragenden Baumeister des Kölner Doms, Zwirner und Voigtel, sind ebenfalls Protestanten.
Den Kaiser zu sehen, ist jüngst einer Anzahl Herren in Königsberg gründlich vereitelt worden. Dieselben wünschten Sr. Majestät einmal recht gut in's Angesicht schauen zu können und waren daher auf folgende schlaue Idee gekommen: Sie trieben ein riesiges großes Weinfaß auf, welches sie in der vorstädtischeu Feuergasse an der Ecke der Bahnhofsstraße auffteUten. Da das Faß den Verkehr weiter nicht hinderte, andererseits im letzten Augenblick ausgestellt wurde, so drückte die Polizei ein Auge zu und duldete es, daß sich auf dieses große Faß sechs Herren aufstellten, welche nun sehnsüchtigen Blicke der Ankunft des Kaisers harrten. Da kam schließlich der Kaiser dahergefahren, ein Hurrah durchbrauste die Luft, Tücher und Hüte wurden geschwenkt, und, wie alle Welt, brachen auch die sechs Herren in großen Enthusiasmus aus, wobei sie natürlich unruhig die Füße auf dem Boden des großen Fasses bewegten. Leider war der Enthusiasmus größer als die Stärke des Faßbodens, denn plötzlich brach derselbe ein und ehe die Herren es sich versahen, befanden sie sich in einem engen, dunklen Gefängniß. Da das Faß sehr hoch war, so konnten sie natürlich nicht das Geringste schauen. Hinaushelfen konnte ihnen auch Niemand, denn der Kaiser fuhr gerade vorbei, und alle Welt war natürlich mit diesem Ereigniß beschäftigt. Mit großer Mühe gelang es, durch Umwerfen der Tonne die „Ausschüttung der Masse" zu bewirken und die „HineingesaUenen" ihrer unfreiwilligen Gefangenschaft zu entreißen.
Eine heftige Windhose durchtobte vor einigen Tagen die Oberförsterei Jibloilken, im Kreise Osterode des Regierungsbezirks Königsberg belegen, in der Richtung von SSW. nach NNO. und warf in einem Zeitraum von kaum zwei Minuten auf ihrer etwa 200 Meter breiten und 4 Kilometer langen Bahn schätzungsweise etwa 20,000 Festmeter Kiefernholz. Die Ortschaften Alt-Jablonken und Königswiese, ferner die Ortschaft Barnuce und die dort befindliche Dampfschneidemühle, sowie das Oberförster» und Förstergehöfte Jablonken sind durch die Windhose zum Theil stark beschädigt.
Ctrstrin. Die Heringe sind seit vielen Jahren nicht in so zahllosen Schwärme an unsere Ostseeküste gekommen, wie gegenwärtig. Bis in die kleinsten Buchten der dänischen Wieck sind sie vorgedrungen und in solchen Mengen, daß Wiecker Fischer kürzlich in der Nähe der Badeanstalt in einem Zuge mit dem großen Garn fast lOOOOjperinge fingen. Aber es war ein verhängniß- voller Segen. Das Angebot stieg, die Preise sanken und zwar so tief, daß die Fischer kaum die Abnutzungs- kosten des Geschirres aus dem Erlös für den Fang decken können. Ein Mönchguter Fischer kam vor einigen Tagen mit einem Fange von 6000 Fischen nach Greifswald, als Erlös nahm er 7 Mark mit heim. Es ist vorg-kommen, daß das Dutzend Heringe mit 2 Pfennig bezahlt ist, 5 bis 6 Pfennig ist nun schon seit Wochen Durchschnittspreis. Und selbst zu diesen Preisen ist die Waare kaum noch abzusetzen. Es ist eben nicht möglich, die große Menge der gefangenen Heringe schnell
genug auszunehmen und einzusalzen, bevor sie in Fäul- niß übcrgehen. Vor einigen Tagen wurden zwei große Fuhren Heringe auf's Feld als Dünger gefahren, weil sie überhaupt nicht zu verwerthen waren.
Neusatz a. O. In tragikomischer Weise wurde eine Hochzeitsfeier gestöt, die in einem hiesigen bürgerlichen Hause am 23. v. MiS. stattfand. Der nicht mehr ganz junge Bräutigam hatte seine Jugendzeit in dem nicht weit entfernten Städtchen B. verlebt, wo er seine Jugendliebe mit einem kleinen Sprößling hatte sitzen lassen. So lange er in B. gelebt hatte, war er den ihm durch gerichtliches Erkenntniß auferlegten Alimentationspflichten regelmäßig gerecht geworden. Nachdem er aber nach Neusalz übersiedelt war, hatte er Jugendliebe und Alimentationspflicht schnöde vergessen. Er schaffte sich eine Braut an, beichtete seine Jugendsünde, erhielt Absolution und heirathete. Die verlassene Braut erhielt rechtzeitig Kenntniß und beschloß, furchtbare Rache zu nehmen. Sie erwirkte einen Boll- streckungsbefchl über die rückständigen Alimente, und lls sich das neuvermählte Ehepaar im HochzeilShause einfand, da erschien auch der Gerichtsvollzieher, der -um Erstaunen der zahlreichen Hochzeitsgäste sämmtliche Hochzeilsgeschenke und die wcrlhvollsten Stücke der neuen Einrichtung unter Siegel legte.
Hamburg. Der Versuch eines Konsortiums Hamburger Vtehkommissionüre, Rinder von Chicago über Newjork nach Hamburg einzuführen, ist bereits wieder eingestellt. Im Lauf der letzten Monate sind etwa 1500 von dort importiert, doch mußte ein Theil der Ladungen bereits vom Kanal aus nach England dirigirt ^lAen. da man in Hamburg den erhofften Gewinn mehr fand.
Hamburg. In eine entsetzliche Lage gerieth dieser Tage ein Hamburger Schieferdeckermeister, der mit seinem Gesellen auf einem hohen Dache an der Hohe« luft-Chaussee arbeitete. Der Geselle zog nämlich plötzlich einen Revolver und legte ihn auf seinen Meister an mit den Worten: „Wir müssen Beide sterben!" Schon krachte auch der Schuß und der Getroffene sank am Rande des platten Daches nieder; glücklicher Weise mehr aus Schreck, denn wenige Secunden später war er sich bewußt, daß er nicht schwer verletzt sei. Als er nun nach dem Angreifer sich umsah, jagte sich dieser gerade eine Kugel in den Mund. Nunmehr hatte der Meister seine volle Geistesgegenwart wieder erlangt. Er sprang auf und suchte den noch immer Aufrechtstehenden zur Bodenluke zu drängen. Der Wahnsinnige aber widersetzte sich mit aller Kraft und machte Anstalten, den Meister über den Dachrand zu stürzen. Endlich siegte dieser über den durch starken Blutverlust geschwächten Gesellen und schob ihn zur Bodenluke, worauf er mit anderer Hilfe unschädlich gemacht wurde. Die Verwundung des Wahnsinnigen ist tödtlich.
Köln-Deutz, 29. Mai. Eine kaum glaubliche Frevellhat verübte vorgestern Morgen ein Bettler. Eine in der Grabengasse Nr. 12 wohnende Frau befand sich allein in dem zweiten Stockwerke, als ein Mann in's Zimmer trat und eine milde Gabe verlangte. Als die Frau denselben abwies, wurde er so zudringlich, daß diese sich genöthigt sah, dem unverschämten Menschen die Thüre zu weisen. Darauf wurde der Bettler grob, zog schließlich ein mit Vitriol gefülltes Fläschchen aus der Tasche und goß der Frau den ganzen Inhalt in die Augen. Auf das Geschrei der Bedauerns- werthen eilten Nachbaren herbei; es gelang denselben leider nicht, den Thäter festzunehmen; derselbe ist entkommen. Ob er auch gestohlen hat, war vorläufig nicht festzustellen. Die Frau ist nach Ansicht deS Arztes gänzlich erblindet.
Paderborn, 25. Mai. Allmählich begreifen die Arbeiter, wie wichtig für sie die Invaliden- und Altersversicherung ist und wie sehr es für sie darauf ankommt, daß für jede Woche eine Beitragsmarke in die QuittungS- k^rte eingeklebt wird. In diesen Tagen hat ein hiesiger Arbeitgeber nachträglich für 3 M. 60 Pf. Marken auf seine alleinigen Kosten in eine Quittungskarte kleben und noch 20 Pf. Porto zahlen müssen, weil er früher keine Marken eingeklebt und sich damit zufrieden gegeben hatte, daß der betr. Arbeiter erklärte, er werde schon selbst das Nöthige besorgen Nachdem der Arbeiter alsdann auswärts verzog n war, forderte er von seinem gutmüthigen früheren Arbeitgeber die nachträgliche Einklebung der nöthigen Marken, welchem An-