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Ji 43. Samstag, den 30. Mai 1891.
Deutsches Reich.
Berlin. Zur auswärtigen Lage. Minister von Bölticher hat sich, nach einem Bericht der „Siralsundcr Ztg.", bei dem Festessen der landwirthschaftlichen Ausstellung über die auswärtige Lage ausgesprochen, indem er sagte: „Es ist des Kaisers Wille, sein ernster Wille, die öffentliche Wohlfahrt mit allen Kräften zu fördern, und, glauben Sie mir, meine Herren, die Sorgen sind HZ Weiten nicht so begründet, wie man im Lande des öfteren hört. Der politische Horizont ist klar und rein; lassen Sle sich nicht durch französische oder russische Uebertr.ibungen beunruhigen! Meines Trachtens ist nirgends ein vernünftiger Grund zu finden, um mit uns anzufangen, und wir werden niemals anfangen!"
Berlin, 28. Mai. Entgegen den Auffassungen fast der gesummten Presse von der gestrigen Debatte behauptet die „National-Ztg.": eine Herabsetzung der Ge- treidezöllc von 5 auf 2 */2 Mark stche unmittelbar bevor. Wahrscheinlich am Samstag, nach der Rückkehr des Kaisers werde ein dementsprechender Beschluß gefaßt und der Reichstag sofort für einige Tage einberufen werden.
Berlin. Dem Landtage soll, wie die „Köln. Ztg". behauptet, noch in dieser Session ein Nachtragsetat zugehen, welcher die Eisenbahnverwaltung von dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten trennt und ein besonderes Eisenbahnministerium herstellt. Zum Eisenbahnminister ist Eisenbahnpräsidcnt Thielen designirt. DaS Ministerium der öffentlichen Arbeiten würde dann nur noch die Bauabtheilung umfassen. Als künftiger Arbeitsminister ist der bisherige Direktor dieser Abtheilung, Geh. Regierungsrath Schulz genannt worden.
— DaS entsetzliche Elend bethörler Auswanderer entrollte sich am Montag in wahrhaft herzergreifend WHe auf beut Personenbuhnh.f in Spandau. Eine Anzahl Arbeiterfamilien aus Russisch-Polen, im Ganzen 150 Köpfe, war am Sonnabend in Bremen angekommen, um, wie ihnen vorgespiegelt worden war, nach Brasilien unentgeltlich befördert zu werden. Wie schon mehrfach geschehen, ließ sich der brasilianische Vertreter nicht darauf ein, das Fahrgeld für die Seereise zu ersetzen, und da die Auswanderer keine genügenden Geldmittel besaßen, so mußten sie Zurückbleiben. Von ihrem Gelde wurden nun für alle Personen Billets zum Rücktransport nach Thorn gelöst, und die armen Auswanderer mußten darauf wieder die Bahn besteigen. Sie schienen aber noch über ihr Schicksal im Ungewissen geblieben zu sein. Sie wähnten vielmehr, daß sie auf jeden Fall nach Brasilien kämen. Unterwegs kam ihnen aber allmählich das richtige Verständniß ihrer Lage, und Verzweiflung ergriff sie, als sie melkten, daß sie wieder in ihre Heimath zurück sollten. In Spandau mußten sie den Zug verlassen, um von hier mit einem späteren Zuge über Charlottenburg weiter befördert zu werden. Während des Wartens, von 2—5 Uhr Nachmittags, spielten sich auf dem Bahnhof herzzerreißende Scenen ab. Weiber und Kinder, darunter solche int zartesten Alter, brachen in lautes Jammergeschrei aus. Mit Gewalt versuchten die Männer mit ihren Familien den Zug wieder zu besteigen. Das Bahnpersonal und die Polizeiwache vermochten die verzweifelten Menschen nicht zur Ordnung zu bringen. Telephonisch wurde der Polizeichef, Bürgermeister Koeltze, sowie die halbe Polizeimacht herbeigerufen. Zwei der polnischen Sprache mächtige Beamte redeten unaufhörlich arf die Auswanderer ein; letztere verlangten unausgesetzt nach Brasilien befördert zu werden. Die Lage wurde mittlerweile überaus kritisch. Man befirchtete die schlimmsten Exzesse von den verzweifelten Arswanderern, welche sich neben den Bahnkörper gelagert hatten. Der Polizeichef erbat und erhielt zur Unterstem!) seiner Beamten eine Abtheilung des vierten Garde Regiments, 23 Mann, welche die Auswanderer umzingelten. Unter Anwendung von Gewalt gelang es ihm um 5 Uhr, die Auswanderer in den für sie bestimmten Zug gnzusch ffen.
In Pommern sind neue Versuche mit derAnsiedlung kleiner ländlicher Besitzer gemacht worden mrch Par- zellirung größerer Gutsbezirke, die von priiater Seite ausgehen. Es heißt, daß dieselben zu gutm Erfolge geführt haben und daß nunmehr in dieser Richtung weiter vorgegangen werden soll.
Aus Ostpreußen, 21.Mai. Die JudenaMweisungen werden in den Grenzbezirken Rußlands mit kosmischem Nachdruck betrieben. Gestern langten hier ach Familien
an, welche seit 12 bis 15 Jahren als Dachdecker und Schindelfabrikanten arbeitsam in Rußland lebten. Innerhalb 36 Stunden mußten sie ihre Wohnorte verlassen; es blieb ihnen nichts übrig, als ihr Eigenthum zu verschenken. Große L>chindelvorräthe im Werthe von m hreren tausend Rubeln wurden von den Russen verbrannt, weil sie den geforderten Preis zu hoch fanden. Die veramten Leute wandern nach Amerika. Ihre Erzählungen überbieten die bisherigen Schilderungen russischer Willkür.
Bremcrhafen, 25. Mai. Wegen großartiger Petroleumdieostähle sind hier und in Geestemünde zwei Kaufleute und sechs Küper verhaftet worden.
Leipzig, 22. Mai. Triumphierend wird aus Amerika ein Beispiel berichtet von der durch die Entwickelung des Maschinenwesens heutzutage ermöglichten fabelhaften Leistungsfähigkeit. Auf der Baumwollen- ausstellung zu Atlanta (Staat Georgia) wurden in einem Tag zwei Herren-Anzüge fix und fertig hergestellt, die morgens noch als Baumwolle auf den Stauden gesessen hatten. Wenn man glaubt, daß diese Leistung durch kein anderes Beispiel überboten werden könne, so muß dem widersprochen werden, weil ein wackerer Thüringer, der Fabrikant G. Wagner in Meiningen, bereits im Jahre 1811 durch seine im Niederländischen Hausfreund oder neuen Kalender mit lehrreichen Nachrichten und lustigen Erzählungen, und in I. P. Hebel: Sämmtliche Werke Bd. III. Seite 390 (Karlsruhe 1837—38) berichtete Leistungsfähigkeit das amerikanische „Wunder" weit übertroffen hat, indem er damals, also zu einer Zeit, wo an Nähmaschinen noch gar nicht gedacht wurde, an einem Tag einen fertigen grünen Rock geliefert hat, dessen Wolle sich morgens noch auf dem Rücken des Schafes b.fünde» hatte.
München, 25 Mai. In einer Anklage wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz gab der Bezirksthierarzt ein Gutachten über die Zubereitung von bayerischen Leberwürsten ab. Nach diesem Gutachten wird eine Leber im Gewicht von etwa 3 Pfund zu 140 Lcberwürsten verwendet, während die Hauptbestandtheile der Leberwürste aus Abfällen von Lunge, Theilen der Knöchel, Haarwachs und Hauttheilen bestehen, welche gewiegt und mit dem Wasser zu einem sogenannten Brei verarbeitet werden. Der auf der Anklagebank sitzende Schweinemetzger bestätigte diese Art der Fabrikation der Leberwürste.
Karlsruhe, 25. Mai. Man schreibt der „Bad. L.-Zkg."aus Berlin: In hiesigen, sonst sehr gut unterrichteten Kreisen geht das Gerücht, daß eine größere, durch ihren Einfluß hervorragende süddeutsche Zeitung durch einen deutschen Souverän (nicht der Kaiser) angekauft worden und in dessen Privateigenthum übergegangen sei.
In Mainz haben die Schreinergesellen 21 Wochen lang gestreikt, um die Einführung einer kürzeren Arbeitszeit durchzusetzen. Die Meister waren jedoch nicht gewillt, von der zehnstündigen Arbeitszeit etwas nachzu- lassen. Nunmehr ist der Streik durch Nachgeben der Gesellen zu Gunsten der Meister beendet.
Arbeitszeit einzutreten. Von 925 Omnibus fuhren nur 300 aus, wurden aber zumeist von Strikenden aufgehalten, zwei Kutscher wurden schwer verletzt. Das Publikum sympathisirt mit den Ausständigen; mehrere Blätter eröffneten für sie eine Sammlung. Nachmittags verstand sich, wie der „Franks. Ztg." gemeldet wird, die Omnibusgesellschaft dazu, den Bediensteten eine Lohnerhöhung um 1 Fr. per Tag, zwei Pausen von je P/e Stunden und den Kontroleurcu je einen freien Tag im Monat zu bewilligen.
* Die Christenverfolgungen in China dauern fort. Dem „Standard" wird aus Shanghai (China) gemeldet, die christlichen Missionshäuser in Nanking seien vom Pöbel gestürmt und geplündert worden. Die Insassen entgingen mit Mühe dem Tode. Wie es heißt, liege den Christenverfolgungen eine Anstiftung geheimer Gesellschaften zu Grunde und dehnt sich die Volksbewegung gegen die Ausländer schnell aus. Man fürchtet für die Sicherheit der fremden Kaufleute in den Vertragshäfen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 29. Mai.
* — Versetzt wurde: der Vollziehungsbeamte Heid zu Steinau an die Steuerkasse I. zu Cassel.
* — Mit Genehmigung des ProvinzialratheS für die Provinz Hessen-Nassau soll versuchsweise in den Jahren 1891 und 1892 ein besonderer Bullenmarkt in Fulda abgehalten werden. Für dieses Jahr findet derselbe am 22. Juli auf dem Viehmarktplatze statt, im Jahre 1892 an demselben Tage.
Ausland.
Rußland. Nachrichten aus Odessa zufolge dauern die Judenausweisungen aus Rußland fort. Wie es heißt, fall der Zar entschlossen sein, sämmtliche Juden aus Petersburg, Moskau und Odessa zu vertreiben, da man ihm gesagt habe, daß der südrussische Handel, namentlch der Getreidehandel, vorwiegend in den Händen der Juden sei; die Juden bereicherten sich, während die Ackerbauer und Landbesitzer immer ärmer würden. Die Behörden in Odessa werden, wie mitgetheilt wird, demnächst einen Judencensus vornehmen. Von 120,000 ansässige Juden sollen diejenigen, welche in andere Städte gehören, ausgewiesen werden. Eine Frist von 6 Monaten soll nur denjenigen gelassen werden, welche Immobilien besitzen. Da in genannten Städten eine große Zahl von Juden wohnt, so scheint die russische Regierung die Auswanderung derselben erzwingen zu wollen. Meldungen aus Chicago zufolge prolestiren die dortigen Wohlthätigkeitsvereine für Juden gegen die Einwanderung russischer Juden. (Berl. Tagebl.)
In Paris wurde am Montag der gesammte Omnibusverkehr eingestellt, weil die Direction der Omnibusgesellschaft sich weigerte, mit den Vertretern der Bediensteten in Verhandlung über Lohnerhöhung und Kürzung der
* — Landwirthschaftliches. Es steht nunmehr fest, daß im weitaus größten Theil Deutschlands unsere Winke späten cks sehr geschädigt angesehen werden müssen. Der Weizen ist vielfach bereits umgepflügt worden und die Roggenfelder gewähren auch fast aller Orten einen sehr traurigen Anblick. Die Ernte in diesem Jahr wird voraussichtlich in diesen zwei wichtigen Halmfrüchten eine sehr kärgliche werden. Die Ursachen dieser für unsere Landwirthe sehr betrübenden Er» cheinung sind bekannt genug; der harte Winter mit einen strengen Frösten, mit fast fortwährendem Eis und Schnee trägt einzig und allein die Schuld. Ganz besonders nachtheilig ist für die betr. Saaten der Monat März gewesen; nicht blos diese, sondern auch die Futterkräuter haben in jener Periode ganz bedeutend gelitten. Eine nicht unbeträchtliche Steigerung der Preise von Weizen und Roggen ist bereits eingetreten; hoffen wir, daß durch reichliche Zufuhr aus anderen Ländern wirklicher Theuerung vorgebeugt wird. Für unsere heimischen Landwirthe ist jedoch nicht bloß der ehr bedeutende Ausfall an Körnern sehr beklagenswerth, andern es wird auch für die Folge sehr an dem nichtigsten Einstreumaterial, nämlich an dem Roggen« 'trotz fehlen; für den großen und kleinen Landwirth ist dieser Mangel ein sehr empfindlicher und es müssen sich deshalb dieselben bei Zeiten nach einem geeigneten Ersatz umschauen. Entschieden kommt dem Streustroh am nächsten der Torf, dessen Verwendung als Einstreu- material in den letzten 3 bis 4 Jahren in geradezu erstaunlicher Weise zugenommen hat. Vorzugsweise im Norden und Süden unseres Vaterlandes finden sich mächtige Torflager, die sicherlich in einigen hundert Jahren nicht erschöpft werden. Zu verhältnißmäßig kleinen Volumen zusammengepreßt, können große Mengen ganz gut versendet werden. Betrachten wir indessen den Werth des Torfes als Einstreumaterial spezieller, so besteht dieser darin, daß er unseren Hausthieren ein weiches und auch reinliches Lager gewährt. Weiter vermengen sich mit ihm die festen und flüssigen auSge- schiedenen Stoffe in ganz vorzüglicher Weise. Selbst gutes Roggenstroh übertrifft er als Einstreumaterial noch insofern, als er das wichtige luftförmige, kohlen« saure Ammoniak, den werthvollsten Bestandtheil unseres Düngers, in ganz vorzüglicher Weise bindet. Den meisten Bodenarten sagt Torfdünger ganz gut zu. Auf ein Pferd rechnet man täglich 2 ’/a kg, auf ein Stück Rind 3 kg, auf ein Schwein, 0,5 kg. Als Bindemittel für Jauche ist der Torf geradezu unschätzbar; würde er zu diesem Behuf richtig verwendet, so würden wir für unsere Wiesen einen vorzüglichen Kompost erhalten und in vielen unseren Dörfern würden wir nicht den unangenehmen Anblick haben, daß die Jauche sich in größeren oder kleineren Pfützen ansammelt, oder in