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ZchWernerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,JÜustrirtcm Familienfreund" viertcljührl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 27. Mai

1891.

Deutsches Reich.

Berlin. In dem Finanzministerium läßt man es sich angelegen sein, mitthunlichster Beschleunigung eine auch für die weiteren Kreise des steuerpflichtigen Publikums leicht verständliche Anleitung über die Ausführung der Deklarationspflicht Seitens der Steuerpflichtigen vor- zubereiten, damit sie rechtzeitig vor dem Beginn der erstmaligen Veranlagung in der Hand sämmtlicher zur Deklaration verbundenen Steuerzahler sein kann.

Eine große Anzahl von Zehnmarkstücken mit ab- geschliffenen oder abgekratzten Rändern ist gegenwärtig in Berlin und Umgegend in Umlauf. Diese Stücke sind mitunter um einen erheblichen Prozentsatz leichter und minderwerthig gemacht worden und werden bei Zahlungen an der Reichsbank zurückgewiesen. Bei Zahlungsnahme von Gold ist darauf zu achten, daß die Münzen am Rande die Prägung zeigen.

* Vom 1. Juni ab wird eine einheitliche Zeit- berechnung im inneren Dienstverkehr der deutschen und österreichischen Slaatsbahnen stattfinden, wie sie der verstorbene Feldmarschall Graf Moltke mehrere Wochen vor seinem Tode im deutschen Reichstage befürwortet hat. Die neue Zeitbestimmung wird nach dem 15. Grad östlicher Länge gerechnet und soll allmählig die gegenwärtige Zeitbestimmung, Ortszeit, verdrängen. Man trachtet danach, 24 Zonen von je 15 Grad Breite festzulegen, die untereinander in der Zeit stets um genau eine Stunde von der Nachbarzone verschieden sind, in der Minutenzahl dagegen genau übereinstimmcn. Die Errichtung dieser 24 Zeitzonen entspräche dann ge­nau der 24stündigen Tagesdauer bezw. Umdrehungszeit der Erde um ihre Achse; die Erdoberfläche müßte als­dann nach Maßgabe der 360 Meridiane in 24 Zonen zu 15 Grade eingetheilt werden.

* Bekanntlich kennen die Führer der social- demokl arischen Partei kein größeres Behagen, als von der sittlichen Fäulniß und Vcrdcrbtheit zu sprechen, die angeblich unter der Bourgeoisie Platz gegriffen hat. Leider hat man bisher vielfach versäumt, den Vor­kämpfern des allein selig machenden Zukunftsstaates Gleiches mit Gleichem zu vergelten und auf jene große Zahl von Eigenthumsvergehen aufmerksam zu machen, die sich gegen die sauer erworbenenArbeitergroschen" richteten, welche in die socialdemokratischen Kassen fließen. Man wird sich wohl noch jenes famosen offenen Briefes erinnern, den bei Gelegenheit des vorjährigen Gruben- ausstandes in Westfalen der Bergmann Weber aus Bochum an den vielgenannten früheren Bergmann und späteren Flaschenbierhändler Siegel aus Dorstfeld richtete. Weber warf darin u. A. die Frage auf, mit welchem Geld die Herren Siegel, Bunte und Schröder ihre Bier- resp. Cigarrengeschäste gegründet hätten, und theilte mit, daß ihm Bunte einmal, als von Berlin 307 Mark Unterstützungsgelder eingetroffen waren, den arbeitetfreundlichen Vorschlag gemacht hatte, das Geld mit ihm zu theilen. Aber auch in jüngster Zeit haben sich mehrere ähnliche Fälle zugetragen: so in Berlin, wo der Kassenrevisor der Fünfer-Kommission der Tischler statt 776 Mark nur noch 72 Mark in der Kasse vor- fand. Dem Kassierer wurde daraufhin freilich das Recht entzogen, jemals wieder ein Amt in der Arbeiter­bewegung zu bekleiden, die Arbeitergroschen aber sah Niemand wieder. In Danzig stritten sich kürzlich die Führer" Jochem und Riesop auf das Heftigste; der erstere soll von einemvermögenden" Genossen eine größere Summe zur Gründung eines Eigarrengeschäftes erbeten und erhalten, gleichzeitig aber auch die Berliner Parteileitung für diesen Zweck um Geld angebettelt haben. Zudem soll er sich über den Verbleib eines auf 600 Mark Parteigelder lautenden Sparkassenbuches nicht ausg.wiesen haben. In Erfurt ist die wegen Unter­schlagung von Unterstützungsgeldern gegen den Redacteur Schulze gerichtete Untersuchung noch in der Schwebe; man sucht noch immer die verloren gegangenen Post­abschnitte. In Eisenach hat sich der Agitator Petzold, der die Kasse des sozialistischen Deutschen Müller- Lerbandcs, Filiale Eisenach, verwaltete und dafür monatlich 80 Mark erhielt, erhebliche Veruntreuungen zu schulden kommen lassen. Er ist durchgegangen und hat seine Frau mit den Kindern im Elend sitzen lassen. Aus Heide in Schleswig-Holstein werden ähnliche Dinge von einem dortigenFührer" gemeldet, wir werden davon sicherlich noch zu hören bekommen. In dem Schuhmacher-Fachblatt des früheren Schuhmachers,

jetzigen Kaufmanns, Buchdruckereibesitzers, Kapitalisten und ReichstagSabgeordneten Bock in Gotha fanden sich bis vor Kurzem fast in jeder Nummer Warnungen vor Genossen, die als Kassierer mit den ihnen anvertrauten Arbeitergroschen übel gcwirthschaftet hatten. Ein Gleiches ist von anderen socialdemokratischen Organen, wie dem Zimmerer", demArbeiter" u. s. w., zu berichten. Als man auf diese ungewöhnlich häufigen Warnungen aufmerksam zu werden begann, stellten die genannten Organe diese Veröffentlichungen ein, weil man mit einer so reichhaltigen Liste von Eigenthumsvergehen den entsittlichten Bourgeois" eine zu gefährliche Waffe in die Hand gäbe. Die Arbeiter werden also nicht mehr vor den liebenswürdigenGenossen" gewarnt, von denen sie um ihre Groschen gebracht werden; ob aber mit diesen nützlichen Warnungen auch die Betrügereien und Veruntreuungen sozialistischer Kassierer aus der Welt geschafft sind, das wagen wir trotz allem Gezeter der Häupter des Zukunftsstaates zu bezweifeln. Arbeiter, haltet die Taschen zu! das ist die beste Antwort auf den Schlachtruf der Führer:Arbeiter, organisirt Euch!" oder auf gut Deutsch: Greift in Euren Beutel!

* Die auch von uns in voriger Nummer ge­brachte Nachricht, wonach Mecklenburger Gutsbesitzer chinesische Kulis nach Deutschland einzuführen be­absichtigen , erregt, wie leicht begreiflich, die Blätter aller Parteien. Es wäre dies aber auch ein wahres Unglück für unser deutsches Volk. Unsere ländlichen Arbeiter würden dabei sehr schlecht wegkommen. Sie wurden vor den Kulis davonlaufen, den großen Städten und den Jndustriegegenden zu. Dieses neue Angebot von Arbeitskräften wurde dann auch die Industrie- Arbeiter in's.Elend bringen, und so wären wir glücklich so weit, daß nur noch die Kulis sich zufrieden fühlten. In der Zeit desSchutzes der nationalen Arbeit' sollte man doch vor Allem die Quelle diesernationalen Arbeit", die nationale Arbeitskraft schützen! Die Chinesen sind zwar sehr, sehr fleißig und ausdauernd unter allen Verhältnissen, gleichviel ob bei sengender Sonnengluth oder schneidender Kälte die reinen Arbeitsmaschinen und dabei sehr genügsam; aber als Kehrseite der Medaille sind die schlitzäugigen Söhne des Himmelischen Reichs ganz außerordentlich lasterhafte Kreaturen, bei denen deshalb auch sehr bösartige Krank­heiten, wie Aussatz und dergleichen heimisch sind. Sie sind daher überall, wo sie hingekommen, furchtbar ver­haßt geworden, und man wäre sie, wie in Kalifornien, um jeden Preis gern wieder los, wenn man sie los werden könnte, und daran liegt die Schwierigkeit. Sie lernen schnell und geschickt und haben sie es begriffen, so machen sie sich selbstständig und dann wehe dem weißen Concurrenten. Sie arbeiten, resp, liefern für 20 Pfennige, wo der europäische Arbeiter oder Geschäfts­mann nicht unter 1 Mark gehen kann. Dabei bilden sie unter sich geheime Gesellschaften, amerikanischHigh- binders", die einen ganz unglaublichen Terroismus ausüben, so zu sagen einen Staat im Staate mit eigenen, sehr strengen Gesetzen, gegen welche kein Chinese sich zu handeln getraut. Diese Geheimbünde zu unterdrücken, ist den Amerikanern noch nicht gelungen, wird ihnen wohl auch nicht gelingen, da die Chinesen in erster Linie das Geld in ihre Hände zu bringen suchen, was sie so meisterhaft verstehen, daß selbst die Juden die reinen Stümper dagegen sind. Deshalb lasse man die Mongolen, wo sie sind.

Hamburg, 21. Mai. Eine seltsame Erbschaftsge­schichte wird hier erzählt. Vor einigen Jahren starb in Schleswig der Königliche Kriegsrath Nielsen, der allgemein als ein Feind der Ehe bekannt war. Vor seinem Tode vermachte er seinem Diener und seiner Köchin je 20 000 Kronen mit der Bestimmung, daß das Erbtheil des einen dem andern zufallen soll, sobald der Diener oder die Köchin eine Heirath eingingen. Kaum war der Kriegsrath todt, so hatten die beiden Erben nichts Eiligeres zu thun, als gemeinschaftlich zum Traualtar zu schreiten; das junge Ehepaar zog alsdann nach Hamburg, wo es bereits seit sechs Jahren seine Wohnung hat. Kürzlich erfuhren die in Kopen­hagen wohnenden Verwandten des Kriegsraths Nielsen, daß die Erben sich verheirathet hätten; sie forderten so­fort die Rückzahlung der 40 000 Kronen, da durch die Heirath die Bestimmung des Testaments verletzt worden sei. Der frühere Diener und die frühere Köchin be­haupten dagegen, daß sie ihren Pflichten vollständig

nachgekommen seien; denn er (der Diener) habe, als er sich verheirathete, seine 20 000 Kronen an die Köchin abgetreten, und diese habe gleichfalls ihr Erbtheil, der Bestimmung gemäß, dem Diener übergeben. Die An­gelegenheit gelangt demnächst zur gerichtlichen Ent­scheidung; auf den Ausgang ist man gespannt.

Wittenburg i. Mcckl., 21. Mai. Ein Unikum im Deutschen Reiche dürste das Gut Dodow bei Witten- burg in Mecklenburg aufweisen, woselbst Vater und Sohn Altersrenten beziehen. Vater Burmeister ist 1796 geboren, der Sohn 1818; Beide sind noch als Tagelöhner in entsprechend leichter Beschäftigung thätig.

Minden, 22. Mai. Heute Nachmittag hat sich in der Nähe von Kirchlengern ein schweres Eisenbahnun­glück zugetragen. Der Cirkus Carre, welcher einen Extrazug innehatte, um mit demselben aus Holland nach Hannover zu fahren, stieß mit einem entgegen­kommenden Personenzug zusammen, was die gänzliche Zertrümmerung des Carläschen Zuges zur Folge hatte. Von Carres Personal sind bis jetzt 6 Mann tobt, 15 schwerveiwundet aufgefunden. Der Zugführer Dierkamp aus Minden wurde ebenfalls gelobtet. Von dem Personenzug wurde Niemand verletzt. Der Regierungs­präsident v. Pilgrimm hat sich sofort von hier nach der Unglücksstätte begeben. Der Frau des Cirkus- direktors Karre wurden beide Beine abgefahren. Die Tochter Carres ward getödtet, er selbst hat nur leichte Verletzungen davongetragen. Sämmtliche AerzteOeynS- hausens haben sich auf eine bezügliche Requisition zur Hilfeleistung an die Unglücksstätte begeben. Von Hannover ist ein SanitätSzug abgelassen worden.

Ueber das Eisenbahnunglück von Kirchlengern in Westfalen liegt folgende amtliche Bekanntmachung des Elseuvahnvetriebsamts Hannover vor:Im Bahnhof kirchlengern stieß heute (Freitag) Nachmittag 2'/, Uhr der Personenzug 234 mit dem den Cirkus Carre befördernden Sonderzug infolge vorzeitigen Gebens des Einfahrt- signals zusammen. Es sind getödtet: 1 Privatperson (Frau Cirkusdirektor Carre) und 3 Beamte, schwer verletzt 10 bis 12 Reisende; leicht verletzt mehrere Reisende und Fahrbcanite." Wie derReichsanzeiger" meldet, ist der Stations-Assistent, welcher den bestehenden Vorschriften entgegen beide Züge gleichgiltig hat ein- fahren lassen, sofort seines Dienstes enthoben und ver­haftet worden. Gegen den Lokomotivführer des Personenzuges, welcher letzteren nicht rechtzeitig und an richtiger Stelle zum Halten gebracht hat, ist daS Strafverfahren ebenfalls eingeleitet.

Bonn. Ueber das Bonner CorpsBorussia", das durch den Besuch und die Rede des Kaisers so bekannt wurde, wird derSchles. Volksztg." aus akademischen Kreisen geschrieben: Es ist dies dasselbe Corps, für das vor ungefähr 2 siz JahrenAlte Herren" in öffent­lichen Blätternkeilten" mit der Motivirung, daS Leben in besagtem Corps sei jetzt weniger kostspielig, da die Borussen jetzt ein eigenes Corpshaus hätten; mit einem jährlichen Wechsel von 4500 M. (das gibt auf jeden der sieben Slubienmonate ca. 770 M., auf den Tag also ca. 25 M.) könne jetzt ein Borusse seinen Verpflichtungen als Mitglied des Corps schon gerecht werden.--

Ein Schneidergeselle in Leipzig betrieb längere Zeit den Sport, Abends durch die Umgegend zu streifen, Liebespärchen auszustöbern und, wenn der Seladon davon lief, sich der im Stiche gelassenen Schönen als Schutzmann vorzustellen und ihr mit der Verbringung auf die Polizei zu drohen, wenn sie ihn nicht die Stelle des Entflohenen einnehmen lasse. In den meisten Fällen gelang ihm der Streich, bis er endlich bei einer wichen abendlichen Schäferstunde von einem wirklichen Schutzmann erwischt und sammt dem Opfer seiner Schlauheit auf die Wache geführt wurde. Dieser Tage wurde das Schneiderlein vom Landgericht wegenun­befugter Ausübung eines öffentlichen Amtes" zu der höchsten hiefür zulässigen Strafe von 1 Jahr Gefäng­niß verurtheilt.

Halberstadt, 22. Mai. Im Nachbarorte Dersheim hat sich am Sonntag vor Pfingsten, kurz nach der von ihm gehaltenen Predigt der dortige Pastor Garcke im Garten erhängt. Garcke war ein Greis von 72 Jahren. In der Kirchenkasse fehlte eine ganz beträchtliche Summe, man spricht von 10000 Mark. Seit 15 Jahren soll diese Kasse nicht revidirt worden sein. Jetzt war plötzlich eine Revision angemeldet worden, diese hätte