SchlüchtemerMung
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Jß 41.
Samstag, den 23. Mai
1891.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Mai. Der Kaiser hat sich nach Ostpreußen begcben, um einer Einladung des Grafen Dohna zu Schlobitten zur Jagd zu entsprechen. Auf der Reise nahm der Monarch einen kurzen Aufenthalt zuerst in Elbing, wo die Besichtung der bekannten Schichauschen Torpedowerft erfolgte. Vor den Augen des Kaisers wurde ein Torpedoboot vom Stapel gelassen. Dienstag Mittag erfolgt: die Ankunft in Königsberg, wos.lbst der Kaiser der Enthüllung des Monuments für den Herzog Albrecht von Preußen bciwohnle. An den Festakt, der mit Gesang begann und schloß, reihte sich eine Parade der Königsberger Garnison vor dem Kaiser, der alsdann sofort nach Schlobitten weiterfuhr.
Berlin, 18. Mai. Ueber ein kleines Malheur, welches dem Kaiser am Freitag Nachmittag auf der Fahrt von Potsdam zum Corsofest in Westend bei Char- lottenburg zustieß, berichtet der Hofbericht offiziell: „Der Kaiser trat um 2 Uhr Nachmittags, mit dem russischen Gespann die Fahrt nach Westend an. Auf der Fahrt scheuten beim Einviegen in die Mauerstraße in Potsdam die in lebhafter Gangalt befindlichen, noch sehr jungen, muthigen Pferde, und das eine kam zu Fall. Der Kaiser bestieg, ohne selbst irgend welchen Unfall davon- getragen zu haben, eine alsbald zur Stelle geschaffte Kgl. Gefolgeequipage und setzte in derselben in Begleitung des dienstthuenden Flügel-Adjutanten die Fahrt nach Westend fort.
Aus Mecklenburg. Mecklenburger Grundbesitzer scheinen mit dem Geoanken umzugehen, dem Mangel an ländlichen Arbeitern durch Einführung von Chinesen abzuhelfen. Wenigstens zeigt in den „Mecklenburger Nachrichten" ein Herr C. Knaudt in All-Boorstorf bei K'rch-Mulsow an: „Diejenigen Herren, welche zum Frühjahr 1892 gewillt sind, chinesische Arbeiter zn engagieren, werden gebeten, ihren Bedarf, bei heißt Anzahl der männlichen Arbeiter, bei mir anzumelden. Die Kosten bei 10jährigem Kontrakt werden bei genügender Betheiligung 200 Mk. pro Kopf betragen."
Hamburg, 16. Mai. Heinrich Schmilinsky und Gattin haben den Hamburger Senat zum Erben ihres mehrere Millionen betragenden Vermögens eingesetzt, welches zur Errichtung eines Asyls für unverheiralhete Töchter und alte Lehrerinnen bestimmt ist.
Aus Schleswig-Holstein schreibt man zur Arbeiterbewegung auf dem platten Lande. Die lange Arbeitszeit auf dem platten Lande ist sehr geeignet, die ländlichen Arbeiter für die sozialdemokratischen Lehren zu gewinnen. Mit Tagesgrauen beginnt die Arbeit und endet erst nach Sonnenuntergang; von 3 oder 4 Uhr- Morgens bis 7 resp. 8 Uhr Abends wird mit kurzer Unterbrechung um die Mittagszeit gearbeitet, so daß der Arbeitstag ca. 16 Stunden dauert. Die landwirth- schaftlichen Vereine, die sich augenblicklich viel mit der Bekämpfung der Sozialdemokratie beschäftigen, sollen zunächst in dieser Richtung Wandel schaffen, denn hier setzen die socialdemokratischen Agitatoren geschickt und erfolgreich die Hebel ein. So wird bereits aus der Untersener Gegend gemeldet, daß die ländlichen Arbeiter und Dienstknechte dort kürzlich eine Versammlung ein- berufen halten, in welcher einstimmig beschlossen wurde, an sämmtliche Grundbesitzer die Forderung zu stellm, in Zukunft die Arbeitszeit auf 12 Stunden festzusetzen. Jeder Billigdcnkcnde wird zugeben, daß im Interesse des Gesindes eine V.rkürzung der Arbeitszeit erfolgen muß.
* Unter den Gastwirthen und Krügern der Landstriche um Flensburg herrscht große Aufregung. Sie haben nämlich von den Vorständen der Krankenkassen die Aufforderung erhalten, nachträglich die Beiträge für ihre Kellner und Kellnerinnen an die Krankenkassen zu entrichten. Diese Personen sind bisher zum Gesinde gerechnet worden, da sie zugleich im Stall und auf dem Felde thätig sind. Die Nachzahlung erstreckt sich auf reichlich sechs Jahre, auf die Zeit von der Einführung der allgemeinen Krankenversicherung an, so daß für jeden Versicherungspflichtigen rund 100 Mark von dem Arbeitgeber zu enmajten sind. Die Gastwirthe verweigern einstimmig die Zahlung. Da diese „Kellner" und Schänkmädchen mehr in der Landwirlhschast als in der Gastwirthschaft beschäftigt sind, so sind sie nach einer Acßerung von maßgebender Stelle nicht ver- sicherungspflichlig; sie werden vielmehr zum Gesinde gerechnet; außerdem erscheint es im Höchsten Grade be
denklich, daß die Gastwirthe gezwungen werden könnten, nachträglich für eine ganze Reihe von Jahren den vollen Beitrag (drei Drittel statt des gesetzlichen ein Drittel) für P rsonen zu zahlen, die bisher als nicht versicherungspflichtig gegolten haben. Die Gastwirthe wollen gerichtliche Entscheidung beantragen; auf den Ausgang der Sache ist man sehr gespannt.
Bremen, 14. Mai. Ueber einen Mord, den ein rabiates, von ihrem Liebhaber sitzen gelassenes Frauenzimmer verübte, berichten hiesige Zeitungen: Der 31jährige Ingenieur Seese, welcher von seiner früheren Verlobten, der aus Wormditt gebürtigen 26 Jahre alten Gouvernante Martha Rosalie Zipper aus Eifersucht erschossen wurde, stammt aus Berlin. Er war ein allgemein beliebter, tüchtiger Mann und als Ingenieur beim hiesigen Straßenbau beschäftigt. Sein Verhältniß mit der Zipper, das er vor etwa sechs Jahren einging, hatte er, wie diese behauptet, auf Geheiß seiner Eltern getrennt. Am letzten Sonntag verlobte er sich mit der bildhübschen Tochter des hiesigen Maurermeisters und Bauunternehmers Pausing. Die verlassene Braut muß von der neuen Verlobung ihres ehemaligen Bräutigams Wind bekommen haben, denn sie traf vorgestern aus Altona hier ein, um Seese zur Rede zu stellen. Im Büreau des Ingenieurs kam es zu einem heftigen Austritt; die Z'pper soll sich sogar an ihrem ungetreuen Verlobten vergriffen haben, so daß die Kollegen des Secse große Mühe hatten, die Aufgeregte zu beruhigen. Als gestern Abend der Braut eine Nachtmusik gebracht wurde, stellte sich die Zipper auch wieder ein, mischte sich unter die Zuhörer auf der Straße und machte dieselben unter heftigen Zornesausbrüchen mit ihrem traurigen Geschick bekannt. Auch soll sie gedroht haben, sich zu rächen. Heute Morgen zwischen 5 und 6 drang sie unbemerkt in die Wohnung des Ingenieurs ein. Derselbe lag noch im Bett und wollte von der Zipper nichts wissen. Plötzlich zog sie einen Revolver hervor und feuerte vier Schüsse auf Seese ab. Der Unglückliche wurde im Herzen und in der Stirn getroffen und verstarb auf der Stelle. Von den Mitbewohnern des Hauses hat Niemand das Schießen gehört. Die Mörderin entkam und eilte nach der Wohnung des Bauunternehmers Pausing, um auch die Braut zu erschießen. An der Ausführung dieses Altentates wurde sie aber von dem Vater der Braut behindert. Die Zipper wurde dann verhaftet. Sie gesteht ihre That ein. Wie sie des Weiteren erklärt, war es ihre Absicht, erst den Bräutigam und die Braut zu ermorden und sich alsdann selbst das Leben zu nehmen.
Erfurt, 14. Mai. Am Charfreitag des Jahres 1888 fand man auf dem hiesigen Johannes Exerzierplatz die furchtbar verstümmelte Leiche eines älteren Mädchens Namens Neubauer. Das an dem Weibe verübte Verbrechen glich in den scheußlichen Einzelheiter seiner Ausführung den Schandthaten Jacks des Auf- schlitzers, und allgemein bezeichnete man einen Handarbeiter aus Jloersgehofen als den Thäter. Der Verdächtige wurde auch in Haft genommen, nach einigen Monaten jeooch wieder freigelassen, da dem Manne nichts nachgewiesen werden konnte. Nun sank abermals Dunkel auf den Mord, auch ein aus Berlin geholter Kriminalist vermochte nichts zu entdecken, bis plötzlich jetzt, nach mehr als 3 Jahren, die Nachricht austaucht ein in der Lichtenburg sitzender Sträfling aus Jlvers- gehofen habe während seiner schweren Erkrankung die Lerüb,ng des Mordes gestanden; im Ganzen seien drei Männer und eine Frau an der Unthat betheiligt.
Ausland.
* Belgrad, 19. Mai. Die Königin Natalie ist jetzt mit Polizeiescorte über die Grenze gebracht worden. Dabei gab es einen Volksaufstand, der das Militär nöthigte, zu schießen und in Folge dessen es viele Todte und Verwundete gab. Die Königin befindet sich jetzt auf ihren Gütern in Süd-Rußland und darf während der Minderjährigkeit Königs Alexander nicht nach Serbien kommen.
Griechenland. Die Judenverfolgung auf Korfu, bei welcher mehrere Juden erschlagen wurden und viele flüchteten, ist unterdrückt. Dafür gährt es in anderen Landestheilen gegen die Juden. Das Beispiel der Russen läßt auch den Griechen keine Ruhe.
Afrika. Der bevorstehende „Treck" (Auswanderung der Boeren) aus dem Transvaal nach Norden zur Be-
setzung des Gebietes nördlich vom Limpopo-Fluß und zur Gründung eines neuen Staates daselbst beschäftigt fortgesetzt die englische Presse in hohem Grade. Das Programm der Boeren athmet den alten trotzigen Boerengeist, wie der nachstehende kurze Auszug beweisen mag: „Die Afrikander-Boeren sind das auserwählte Volk Südafrikas. Sie waren immer die Pioniere der Civilisation. In ihren eigenen Gebieten von Engländern überschwemmt, haben sie ein Recht darauf, sich ein neues Gebiet zu suchen, wo sie eine reine Afrikander- Nation gründen können, wo Niemand den Rauch seines Nachbars am Horizont erblickt, wo Jedermann sein eigenes Mittagsmahl schießen, selbst sein Vieh und seinen Weizen ziehen und mit den heidnischen Canaaniten nach seinen Gesetzen schalten darf. Wir glaubten, das Kap wäre das Canaan, dann Natal, dann der Freistaat, dann das Transvaal. Ucberall ist uns der Engländer gefolgt. Wir werden jetzt von dem östlichen Land zwischen dem Limpopo und Zambesi Besitz nehmen, dem einzigen, das uns noch geblieben ist. Wir haben unsern Josua und Caleb gehabt, wir haben jetzt unsern Moses und Aron. Jeder Afrikander in Südafrika ist eingeladen, sich uns anzuschließen, vorausgesetzt, daß er seine eigenen Wagen, Ochsen, Lebensmittel, Waffen und sonstige Erfordernisse für den Treck mitbringt. Der Treck wird sich auf der Transvaalseite des Limpopo zwischen dem 15. Mai und 1. Juni versammeln und am 3. Juni den Fluß überschreiten. Dann wird eine Verwaltung gewählt und die Republik im Einklang mit dem Grondwet der südafrikanischen Republik von 1858 und des Oranje-Freistaates von 1854 erklärt werden. Wir wünschen nicht mit „Charter" Rhodes zu sümpfen. Ist er ein wahrer Afrikander, wie er behauptet, so wird er uns in Frieden lassen. Wir erkennen keine Rechte von ihm auf einen einzigen Theil des gelobten Landes aT. Wir werden in dasselbe nicht aus unserer Macht, sondern aus der Macht des Höchsten hineinziehen. Sein Wille ist es, daß wir von dem Land der Heiden Besitz ergreifen, und nur Er kann uns davon abhalten." Unterb .-ffen sind die Engländer schon jetzt eifrig bemüht, Konflikte mit dem Zukunftsstaat heraufzubeschwören. Die Meldung, daß Abgesandte des Gungunhama-Stammes nach London gereist seien, um die Königin Viktoria um Uebernahme des Protektorats über ihr Land zu ersuchen, ist auf eine solche englische Intrigue zurückzuführen. Das Gebiet der Gungun- Hamas gehört zu jenem weitausgedehnten, zwischen Limpopo und Zambesi gelegenen Terrain, welches die „Trecker" als Banyai-Land bezeichnen. Der Zug nach Norden wird nun zweifellos stattfinden, und die Engländer dürften sich voraussichtlich hüten, die Boeren, mit denen sie schon wiederholt recht unangenehme Erfahrungen gemacht haben, allzu sehr einzuengen.
China. Ueber die Christenverfolgung in der chinesischen Hafenstadt Wuhu bringen die Londoner Zeitungen noch folgende Mithteilungen: Nachdem der chinesische Pöbel die katholische Kirche des Ortes völlig in Trümmer gelegt hatte, stürmte er das Quartier der Zollbeamten und steckte es in Brand. Das Gebäude war bald dem Erdboden gleich. Dann kam das britische Konsulat an die Reihe, welches erst geplündert und dann gleichfalls in Asche gelegt wurde. Der Konsul und dessen Gattin hatten zum Glück rechtzeitig eine Warnung erhalten und sich, als Chinesen verkleidet, geflüchtet.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 22. Mai.
* — Am Abend des zweiten Pfingsttages bei Gelegenheit der Tanzmusik auf dem Acisbrunnen verging sich ein verheiratheter Knecht und Vater zweier Kinder gegen den § 176 des Strafgesetzbuches, in Folge dessen er andern Tags auf erfolgte Anzeige verhaftet wurde. Aus Angst vor der ihn erwartenden Strafe machte der Mann vorgestern im Gefängmß seinem Leben durch Erhängen mit dem Leibriemen ein Ende.
* — Ernannt: der Consistorial-Präsident D. Ernst von Weyrauch in Casscl zum Unterstaatssecrctair und Director im Ministerium der geistlichen, Unterrichtsund Medizinal-Angelegenheiten.
— Der bisherige Pfarrgehülfe, außerordentliche Pfarrer Lambert in Rüoigheim zum Pfarrgehülfen in Kirchbracht.