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WüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,J!lustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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M 40. Mittwoch, den 20. Mai 1891*

Das Arbeiterschutzgesetz.

Am Freitag voriger Woche ist endlich die Berathung über das Arbeiterschutzgifitz, nachdem dasselbe den Reichstag ein volles Jahr beschäftigt bat, zu Ende ge­führt worden. Im Anfang des Mai 1890 ist die Novelle eingebracht und am 8. Mai 1891 ist sie ver­abschiedet worden. Nicht mit Unrecht kann der 8. Mai dieses Jahres als ein socialpolitischer Gedenktag be­zeichnet werden, wird dock durch das Zustandekommen dieses Gesetzes die Lage der arbeitenden Klassen ent- schieden verbessert! Nichtsdestoweniger haben die Social­demokraten, dieberufenen Vertreter der Arbeiter­interessen", getreu ihrem revolutionären Standpunkt, gegen das GJ^tz gestimmt und dadurch wieder gezeigt, daß ihnen eine wirkliche Verbesserung des Looses der arbeitenden Klassen wenig am Herzen liegt. Die anderen Parteien des Reichstags, einige wenige Konservative ausgenommen, haben die Gegensätze, die sich hier und da geltend machten, durch geschickte Vermittelungs­vorschläge zu Überdrucken gewußt.

Schon früher hatte der Reichstag mit großer Mehr­heit aus eigener Initiative ein Arbeiterschutzgesetz be­schlossen, ohne daß dieses jedoch im Bundesrath Annahme fand. Erst nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck und nach der Ernennung des Herrn v. Berlepsch zum Handelsminister wurde dem Reichstag, allerdings nicht ein Arbeiterschutzgesetz, wie es von demselben beschlossen worden war, sondern eine Novelle zur Gewerbeordnung vorgelegt. Wenn man die wesentlichen Punkte der neuen Schutzbestimmungen herausgreift, so ist in erster Linie die Regelung der Frauen- und Kinderarbeit hcrvor- zuheben. Dom 1. Apiil 1894 ab düifen Kinder unter dreizehn Jahrcn in Fabriken nicht mehr beschäftig' werden und nach Vollendung des dreizehnten Jahres und Absolvirung der Volksschule werden sie nur zu sechsstündiger Fabrikarteil zugelassen werden. Die Sonntagsarbeit ist in der Hauptsache untersagt, und wenn auch nicht die englische Sabbathruhe eingeführt ist, so wird, geringe Ausnahmen abgerechnet, die Arbeit noch mehr als bisher eingeschränkt. Namentlich werden im Handelsgewerbe Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter am ersten Weihnachts-, Öfter- und Pfingsttag überhaupt nicht mehr beschäftigt werden, an anderen Sonn- und Feiertagen nicht länger als fünf Stunden. Die weiter­gehenden Anträge der Socialdemokraten fanden keine Berücksichtigung. Eine wichtige Neuerung ist ferner die weitere Einschränkung des Trucksystems. Neu sind die Vorschriften über die Lohneinbehaltung bei Kontrakt- druch; in Zukunft hat sowohl der Arbeitgeber bei einem Kontraktbruch des Arbeiters das Recht, den Lohn, jedoch höchstens für eine Woche, einzubehalten, im entgegen­gesetzten Fall ist aber auch der Arbeiter, bei einem Kontraktbruch des Arbeitgtbers, berechtigt, für höchstens eine Woche vom Tag des Kontraktbruches an Lohn zu verlangen. Wichtig ist auch die Neuerung, wonach der Arbeitgeber, welcher sich der Verleitung zum Kontrakt­bruch schuldig macht, für den dadurch entstandenen Schaden oder den Betrag des als Schadenersatz ein- zubehaltenden Lohnes als Selbstschuldner mitverhaftet ist. Nicht gelungen ist es der Regierung, eine Mehr­heit für den § 153 und seine Strafverschärfungen gegen den Mißbrauch der Koalitionsfreiheit zu erlangen. Nur die Konservativen sind dafür eingetrcteu.

Das Arbeiterschutzgesetz, wie es j-tzt beschlossen ist, wird erst in der Praxis seine Vorzüge und Mängel zeigen, Parlament und Regierung haben aber bet den Berathungen das Bestreben gezeigt, das Loos der arbeitenden Klassen zu verbessern, sie haben dabei Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit gleichem Maß ge­messen und dadurch einen gerechten Ausgleich zwischen beiden Theilen zu schaffen gesucht. Die Gesetzgebung hat dadurch wiederum bewiesen, daß sie gewillt ist, durch wohlwollende Maßnahmen berechtigten Mißständen und dadurch bedingter Unzufriedenheit abzuhelfen bezw. die­selben zu beseitigen._________________________________________

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser nahm am Donnerstag die Parade über die Truppen der Garnison Hannover ab. Am Nachmittag desselben Tages kehrte der Monarch in das Palais bei Potsdam zurück. Ueber etwaige Reiscpläne des Kaisers verlautet, daß sich derselbe am 10. Juli nach London begeben werde. Auf dem Wege j,ach England wird der Kaiser die Königin der Nieder­

lande und den König der Belgier besuchen. Die Ab-1 reife von Berlin wird am 29. Juni erfolgen. Ferner wird der Kaff r Mitte August in Helgoland zur Ent- hüllU'ig des Denkmals und zur 11 Übergabe erwartet. Am 19. d. M. war die Anwesenheit des Kaisers in Königsberg i. P. angekündigt, weil an diesem Tage die Enthüllung des Denkmals für den Herzog Albrecht in Preußen stattfinden sollte. Die Feier ist nunmehr verschoben worden.

Berlin. Die furchtbare Verwirrung der sittlichen Begriffe, welche unsere Zeit beherrscht, hat sie, schreibt der Reichsbote, überall den Zusammenhang zwischen Sünde und Verderben leichtherzig übersetzen lassen. Auch dem Blindesten müssen sich über die fortgesetzten Greuel­thaten, welche die Reichshauptstadt aufregen, die Augen öffnen, wie das Verbrechen und die Sünde wider Gottes Gebote innig Zusammenhängen. Wo man hinschaut, die Verletzung des 6. Gebotes ist fast durchgänig der Boden, auf dem Schlimmeres, der Mord und die Selbst­vernichtung, erwächst. Wenn die Sozialdemokratie immer pharisäisch die Augen verdreht und die angeblich noch tüchtige Moral der nichtbesitzenden Stände der verlotter­ten Bürgermoral entgegenhalten will, so mag sie nur Umschau halten, wer die furchtbarsten Beiträge zu den Verletzungen der zehn Gebote liefert. Nein, die ganze Zeit ist sittlich krank, oben wie unten und unten wie oben. Mit der Zerrüttung des 6. Gebotes, der Heilig- Hallung der Ehe und des Sittenlebens, wie sie ja gerade die Sozialdemokratie als politischen Sport betreibt, fällt der einzige Damm gegen die dämonische Macht des Verbrechens, und Woche um Woche hört man in Berlin von ungeheuerlichen Thaten, bei denen das wilde Zu­sammenleben von Mann und Weib die Unterlage abgeben.

Soest, 12. Mai. Soest soll nun auch in die Reihe derjenigen Städte eintreten, welche berühmte Männer wie den Stelzenläufer Seinen hervorgebracht haben. Ein in Nordamerika lebender Soester will zu Pferde um die Erde reisen, ein Plan, der seiner Vaterstadt zur Ehre gereichen werde so denkt wenigstens der in Amerika weitende Soester. Derselbe hat an den Land­rath v. Bockum-Dolffs sich gewandt, der das Schreiben des unternehmenden Soesters veröffentlicht. Das Geld sollen ihm die Soester, mit Rücksicht auf den zu er­wartenden Ruhm, vorschießen. Bis jetzt hat sich noch kein Landsmann gefunden, das nöthige Kleingeld zu spenden. Der Mann möge sich nach Schildburg wenden.

Auf eigenthümliche Weise ist in der Nähe von Frienstedt bei Erfurt eine Dreirad fahrende Dame verunglückt. Ein großer, an das Rad gebundener Hund zog tue Dame langsam bergauf. Als aber ein Häslein die Chaussee kreuzte, vergaß Hektor seine gute Er­ziehung, setzte hinterLampe" her und warf das Rad um, wodurch dieses stark beschädigt wurde und die Dame eine Verletzung an der linken Hand babontrug.

Grottkau, 14. Mai. Im Februar d. I. wurde der Schieferdecker Rieger von hier vom Schwurgerichte zu Brieg wegen Sittlichkeitsverbrechen zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurtheilt; die Haupt-Belastungs- zeugin war die siebzehnjährige Tochter des Angeklagten. Jetzt hat sich ergeben, daß diese letztere aus Rache wegen erhaltener Züchtigung ihren eigenen Vater falsch angeschuldigt und ihre Aussage eidlich erhärtet hat. Das saubere Früchtchen hat aber nun Angst vor Strafe bekommen und sich mit einem schon mit Zuchthaus be­straften Menschen auf- und davongemacht. Der StaatS- anwalt hat bereits Steckbriefe hinter den Beiden erlassen und es wird wohl nach Eindringen derselben das Wiederaufnahme-Verfahren bezüglich Riegers eingeleitet werden.

Aus Güstrow wird derK. Z." geschrieben: Der zum Tode verurleihlte Raubmörder Busch, welcher augen­blicklich noch der Vollstreckung des Urtheils wartet, hat in der letzten Nacht in Gemeinschaft mit seinem Wächter einen neuen Mord- und Fluchtversuch gemacht. Wegen der Gefährlichkeit des Busch und seiner Aeußerung, ehe er sich den Kopf nehmen lasse, paffire noch etwas, war Busch geschlossen an der Wand befestigt, jedoch derart, daß er sich auf das ihm als Bett dienende Lager legen konnte. Wie allen derartigen Verbrechern, so war auch ihm ein ständiger Wächter beigegeben. Diesen hatte er jedoch zu bewegen gewußt, ihm ein Stemmeisen und eine Feile mitzubringen. Durch ersteres wurden dann die angelegten Fesseln zersprengt. Busch legte sich dar­

auf in's Bett, deckte sich zu und heuchelte im Einver- stäadniß mit dem Wärter krampfartige Zuckungen des -pers wie auch ohnmächtiges Daliegen. Es handelte sich nämlich darum, den Hauptwärtr die Thür der Z-lle öffnen zu lassen, um ihm die Schlüssel des Haus­ausganges zu nehmen und dann in's Freie zu gelangen. Zu dem Zweck schellte der Wärter, und sofort erschien der Hauptwörter vor der Klappe der Zellenthür. Auf die Mittheilung des Zelleuwärlers, daß Busch in Zuck­ungen liege, öffnete der Hauptwärter die Zellenthür, trat ein und forderte den Wärter auf, dem Busch die Decke abzunehmen, da dieser sich vielleicht die Pulsadern geöffnet habe. Auf anscheinend ängstliches Zurückgehen des Wärters bückte sich der Hauptwärter über Busch, um die Decke zurückzunehmen. In diesem Augenblick fuhr jedoch Busch dem Ahnungslosen mit^beiden Händen an die Kehle, der Zellenwärter kam von hinten seinem saubern Kumpan zu Hilfe, so daß der Hauptwörter zu Boden geworfen wurde. Durch den Lärm erwachte der Hausmeister, eilte in die Zelle und stürzt sich auf den Busch. Der nun verrathene Wärter eilte sofort aus der Zelle, schloß dieselbe hinter sich zu und wollte fliehen. Er wurde jedoch noch frühzeitig ergriffen und gefesselt. Der überfaUene Wärter konnte erst nach längeren An­strengungen in's Leben zurückgerufen werden.

Ausland.

Luxemburg, 14. Mai. Der Mörder des Oberst­lieutenants Präger ist indem benachbarten Dorfe Hollerich, wo derselbe bet einem Ackersmann bedienstet war, ver­haftet worden. Derselbe, Namens Uebing, ist seiner Zeit aus dem deutschen Heere desertirt. Er hat die ^Lhai cing- müden: der Chronometer und das Porte­monnaie des Ermordeten wurden bei ihm vorgefunden-

Petersburg, 15. Mai. Nunmehr steht fest, daß der Urheber des Attentats gegen den Großfürsten Thron­folger demselben persönlich als Sicherheitswache beige­geben war und daß seine eigenen Kameraden von der japanischen Polizei ihren Genossen niedergeschlagen haben. Prinz Georg von Griechenland parirte mit einem Stocke den zweiten Hieb, den der Altentäler führen wollte. Die Wunde befindet sich vorn an der rechten Stirnseite.

Rom, 12. Mai. In der Verwaltung des Peters- pfemngs ergaben sich große Unregelmäßigkeiten. Der Papst ernannte deshalb zur Prüfung sämmtlicher unter seinem Pontifikat beglichenen Rechnungen eine aus drei Kardinälen bestehende Kommission. Mehrere hohe Persönlichkeiten des Vatikans erscheinen schwer kompromtttirt, so dürfte auch Monsignore Folchi, bis­heriger Sekretär, des Peterspf-nnigs, seines Postens enthoben werden. Trotzdem die Sache begreiflicher Weise mit großer Heimlichkeit behandelt wird, stehen schwere Skandale in Aussicht.

Algier, 12. Mai. Der Zug von Necheria traf in Saido gestern mit einer Verspätung von einer Stunde ein. Er hatte einen Schwärm von Heuschrecken durch­fahren, der eine Dichte von mehreren Zentimetern hatte. Die zerquetschten Heuschrecken hatten die Schienen derartig schlüpfrig gemacht, daß der Zug nicht vorwärts kam. Aus allen Theilen Algeriens laufen die bedenk­lichsten Nachrichten ein. Um Tiaret sind mehrere Hundert Quadrat-Kilometer mit Wanderheuschrecken be» deckt. Ueberall fehlt es an Arbeitskräften, um diese Landplage zu bekämpfen, und man fragt sich, warum die Regierung keine Truppen zur Verfügung stellt. Auch in TunefUn nimmt Die Pluge über Hand und verursacht ungeheueren Schaden.

Aus Japan, wo der auf seiner Weltreise begriffene russische Thronfolger augenblicklich weilt, trifft folgendes Telegramm ein:

Tokio, 12. Mai. Der Großfürst Thronfolger wurde gestern, den 11. d., tn Otsu durch einen Polizei- soldaten am Kopfe durch einen Säbelhieb verwundet. Der Angreifer versuchte einen zweiten Hieb, wurde aber vom Prinzen Georg von Griechenland mit einem Stocke niedergeschlagen. Die Verwundung des Großfürsten- Tyronsotgers ist nur leicht und flößt keinerlei Besorgnisse ein. Der Thronfolger telegraphiere beruhigend, er be« absichiige die Weiterreise ohne Aenderung des Programms. Ueber die Gründe, welche einen japanesischen Polizei­soldaten zum Angriff auf den Thronfolger veranlaßt haben, verlautet noch nichts und es wäre müssig, Ver­muthungen darüber aufzustellen. Meuchelmorde find i»