ZchlüchtemerAttung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisdlatt" u. .Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 16. Mai
1891
Wb" Die nächste Nummer der Schlüchterner Zeitung erscheint Mittwoch Mittags.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist am Dienstag früh wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen. Am selben Vormittag hatte der Monarch eine einstündige Konferenz mit dem Reichskanzler von Caprivi und empfing demnächst den Marincnminister Hollmann.
* — Die preußische Regierung erwägt den Erlaß gesetzlicher Bestimmungen gegen den häufigen Kontrakt- bruch des Gesindes und der ländlichen Arbeiter.
* — Einer der größten Arbeitgeber im Reich ist der „König Stumm", wie er kurz genannt wird, und sein Hauptgegner der frühere Arbeitgeber Singer, der bekannte Sozialdemokrat. Bei den Debatten über den Arbetterschutz gerieten sie oft aneinander. Stumm erklärte sich gern bereit, eine geheime Abstimmung der früheren Arbeiter Singers darüber herbeizusühren, wer von beiden für das Ehrgefühl und die gute Sitte bei ihren Arbeitern mehr gethan habe, Stumm oder Singer. „Ich bin", fügte er hinzu, „keinen Augenblick zweifelhaft, wem von uns das Zeugniß ausgestellt werden würde, bessere Löhne gezählt und besser für die Arbeiter gesorgt zu haben." Singer hat die Probe nicht angenommen, und das hat jedenfalls sein guten Grund.
* — Graf Stolberg brächte im Herrenhaus den Antrag ein, das Haus möge die Regierung ersuchen, zu erwägen, ob sich zur Verhütung einer möglichen Getreidetheuerung vorübergehende Herabsetzung der Eisenbahngütertarife für Getreide und Mehl empfehle. I.« der Motivirung wird gesagt, da die Landwirthe nicht im Besitz nennenswerthrr Borräthe seien, liege die Gefahr vor, daß die Bösenspekulation den Getreidepreis bis zur nächsten Ernte unnatürlich hoch treiben werde.
*Kaum sino die Lanzen bei der Kavallerie eingeführt, so sollen sie schon wieder mit was Anderem ersetzt werden. Ein österreichischer Offizier, Graf Attems, hat zusammenlegbare Lanzen erfunden, mit der nun auch die Reichs-Kaoallerre versehen werden soll, bis Einer vielleicht Lanzen erfindet, die man als Zahnstocher in der Westentasche tragen kann.
In Berlin hat am Samstag ein junger Töpfer seiner Geliebten mit 3 furchtbaren Beilyieben den Schädel gespalten und dann sich selbst durch einen Sprung aus dem Fenster getövtet, und etliche Stunden später ein Fabrikwächter feine Geliebte und dann sich selbst erschossen. Beide Mörder waren verheirathct.
Bsmst, 9. Mai. In Primentdorf bei Priment ist dieser Tage der gewiß seltene Fall vorgekommen, daß die dortige zweiklassige Schule auf acht Tage geschlossen werden mußte, weil die Schulkinder von Ungeziefer wimmelten und einer gründlichen Reinigung unterzogen werden mußten. Bei einer Untersuchung der Schulkinder durch den Kreisphysikus aus Wollstein wurde, nach der „Pos. Z." festgestellt, daß von 89 Schulkindern 76 mehr oder weniger mit Ungeziefer behaftet waren.
Krossen, 14. Mai. Die von dem verstorbenen Feldmarichall von Manteusfell besessenen Rittergüter Topper 1 und 2, ein Fideikommniß von 9040 Morgen, eingetragen auf den Namen der Tochter Jsadella, werden am 1. Juli zwangsweise versteigert. Das angrenzende Gut Topper-Gruncwald, welches dem Sohne des Marschalls gehörte, ist bereits wegen Konkurses versteigert worden.
Olpe, 11. Mai. Die Sparkassenangelegenheit be- schäfligl noch immer alle Gemüther. Inzwischen hat die Untersuchung ihren Fortgang genommen, ein Kommissar aus Arnsberg ist hier anwesend und es kommt ganz Ungeheuerliches an's Tageslicht. So weiß man z. B. ganz genau, daß an 4000 verfallene Zinskoupons vorgefvnden wurden. Mit ziemlicher Gewißheit spricht man ferner davon, daß der bisher angenommene Fehl, b.trag von 480,000 Mk. nicht das thatsächliche Defizit erschöpft, das fast die Summe von einer Million erreichen werde. Wie leicht übrigens dem verstorbenen R ndameu Wrlmes die Unterschlagungen von Seiten der Bürger selbst gemacht worden sind, ersieht man aus der Thasache, daß die Einleger dem Rendanten die Quittungsbücher zum Verwahr Übergaben.
Aus Bayern. (Eine grsunde Natur.) Eine Bäuerin in Hüllenlosen bei Gangkofen ging letzten Sonntag mit ihrem Bauer nach Radlkofen in den Pfarrgoltesdienst. In der Kirche angelangt, wurde die Bäuerin unwohl. Sie machte sich sofort a^f den Heimweg, und als sie 1 Kilometer zurückgelegt, gebar sie einen Knaben, welchen sie heimtrug; ehe sie aber ihre Behausu ig erreichte, gebar sie noch ein Mädchen. Beide Kindlein brächte sie ohne jegliche Beihilfe nach Hause. Als der Bauer heim kam, traf er die Mutter und Zwillinge frisch und gesund im Bette.
Mannheim, 10. Mai. Folgendes Verbrechen wurde hier von einem Weibe an seinem eigenen Kinde verübt. Der Mann dieses Weibes büßt gegenwärtig noch eine Zuchthausstrafe ab, sie selbst pflegte verbotenen Umgang, dessen Frucht ein unehliches Kind war. Kurz nach der Geburt wollte das Weib diesen Zeugen seines Thuns aus der Welt schaffen, zu welchem Zwecke es das Kind erwürgte, dann stopfte es die Leiche in den Ofen, um sie zu verbrennen. Der Geruch, der sich in Folge davon im Hause verbreitete, führte zu der Entdeckung des Verbrechens.
Rodach, 10. Mai. Der Segen der staatlichen Unfallversicherung tritt recht zu Tage bei einem Unglück, welchem ohnlängst in unserem Amtsgerichtbezirk ein Menschenleben zum Opfer gefallen ist. Ein Taglöhner war im Februar, als er sich zu einer forstwirtschaftlichen Arbeit begeben wollte, in Folge des Glatteises auf dem Weg gestürzt, hatte dabei die Kniescheibe gebrochen und ist vor etwa 3 Wochen an den Folgen des Unfalles gestorben. Jetzt erhält die Wittwe des Verunglückten, der wöchentlich nur zwei Pfennig zur land- und forstwirtschaftlichen BerufsgenossenschaftS-Kasse gezahlt hat, nicht nur die Beerdigungskosten mit 30 Mark vergütet, sondern auch bis zu ihrem Tod eine jährliche Rente von 60 Mark und ihr 10jähriger Sohn bis zu seinem zurückgelegten 15. Lebensjahr eine solche von 45 Mark. Mit Hülfe dieses Zuschusses von 105 Mk. kann die Wittwe, welche ein kleines Grundeigentum besitzt, sich nun vor Mangel schützen.
Schlitz, 14. Mai. Ueber die Auffahrt, welche dem Kaiser am Montag Vormittag währenv seiner Anwesenheit in Schlitz von den Bauern-Burschen und Mädchen aus den sechzehn Ortschaften der Grafschaft in dreißig Wagen dargeboten worden ist, wird mitgetheilt, daß hierbei in einzelnen Gruppen auf je einem Wagen die eigenartigen Sitten, Gebräuche und Gewerbe der Bewohner des Schlitzer Landes zur Darstellung gelangten, so eine Bauernhochzeit, Brautwagen, Spinnstube, Leinenweberei, Holzschuhmacherei und andere Spezialitäten. Diese vom herrlichsten Wetter begünstigte Auffahrt bot ein eigenartiges, prächtiges und lebensvolles Schauspiel dar. Die bei derselben wieder zur Geltung gekommene Nationaltracht hat sich übrigens nur noch bei den Frauen erhalten und ist bet den Männern fast ganz verschwunden. — Der Zufluß von Fremden in Schlitz war bei dieser Gelegenheit so groß, wie ihn das Städtchen noch niemals zu verzeichnen gehabt hat.
Ausland»
Wieu, 10. Mai. Das Triester Blatt „Piccolo" meldet aus Corfu: Seit dem 14. April werden die Juden dort in den Häusern gefangen gehalten und gezwungen, sogar die Fenster geschlossen zu halten. Um sich Lebensmittel zu besorgen, müssen sie früh Morgens vorsichtig ausgehen und bei den Kaufleuten Alles dreifach bezahlen. Die Noth unter den Unglücklichen ist außerordentlich. Seit dem 23. April sind alle Synagogen geschlossen. Eine jüdische Leiche konnte erst 60 Stunden nach dem Tode und unter Escorte von 20 Soldaten beerdigt werden. Der Handel liegt völlig darnieder. Aber die Bevölkerung bewahrt ihre feindliche Haltung nnv die aus Corfu gebürtigten Soldaten unterstützen das Volk bei den Ausschreitungen gegen die Juden. Wiederholt wurde auch schon versucht, durch mit Petroleum begossene und an den Thüren befestigte Fetzen, welche dann entzündet wurden, das Chello in Brand zu stecken.
In Marseille warfen ein Ehepaar und dessen Hausfreund das Dienstmädchen in einen Brunnen, um die Summe von 100 000 Frs., für welche sie es kurz vorher halten versichern lassen, zu erlangen. Die Mörder haben gestand n.
Tokio, 11 Mai. Der Gioßfürst-Thror.folger von
Rußland ist in der Nähe von Kioto von einem Japaner durch einen Schwertstreich verwundet worden. Die Verletzung ist nicht lebensgefährlich.
Amerika. Aus New-Aork, 10. Mai. wird telegraphier: Mehrere Wälder brennen in Mittel- Michigan. Einige Städte sind schon vernichtet, andere schweben in großer Gefahr. Die Eisenbahnbrücken und Telegraphen-Leitungen sind zerstört, so daß die Verbindung mit dem Norden unterbrochen ist. Längs der ganzen Strecke der Flint- und Pere Marquette- Eisenbahn steht das Land in Flammen. Die Bahnzüge müssen mit vollster Dampfkraft fahren, um nicht in Brand zu gerathen. Viele Holzhöfe mit enormen Holz- vorrälhen und zahlreiche Häuser und Scheunen sind niedergebrannt. In einer Ausdehnung von 130 Meilen verwandeln dichte Rauchwolken den Tag in Nacht; alle Anstrengungen, die Waldbrände zu löschen, erweisen sich als fruchtlos. Die Einwohner flüchten massenhaft mit ihrer Habe. — Eine Depesche vom 11. Mai besagt: Die Waldbrände in Mittel-Michigan greifen um sich. Die Städte Clinton, Farwcll, Walkerville und Bear Lake sind gänzlich zerstört.
Lokales und Provinzielles. Schlüchtern, 16. Mai.
* — Das Amtsblatt veröffentlicht die nachstehenden Prüfungstermine: Zur Abhaltung der 2. (praktischen) Lehrer-Prüfung im Königl. Schullehrer-Seminar in Schlüchtern ist Termin auf den 12. Oktober d. I., an welchem Tage die schriftliche Prüfung beginnt, und die folgenden Tage angesetzt. Zur Abhaltung der 2. (praktischen) Lehrer-Prüfung im Königl. Schullehrer- Seminar in Fulda ist Termin auf den 19. Oktober d. I., an welchem Tage die schriftliche Prüfung beginnt, und die folgenden Tage angesctzt. Die mündliche Prüfung beginnt am 22. Oktober. Zur Abhaltung der
2. (praktischen) Lehrer-Prüfung im Israelitischen Schullehrer-Seminar in Kassel ist Termin auf den 26. October d. I., an welchem Tage die schriftliche Prüfung beginnt, und die folgende Tage angesetzt. Die mündliche Prüfung beginnt am 29. Oktober. Zur Abhaltung der Prüfung der Lehrer an Mittelschulen vor dem Kgl. Prov. -Schulkollegium in Kassel ist Termin auf den 27. November d. I., an welchem Tage die schriftliche Prüfung beginnt, und die folgenden Tage angesetzt. Zur Abhaltung der Rektorats - Prüfung ist Termin auf den 3. Dezember d. J. angesetzt.
— Deutschland tritt jetzt in das Zeichen der Maifröste. Dieselben gehören gleich den Äquinoktialstürmen zu denjenigen Witterungserscheinungen, für deren sehr regelmäßige Wiederkehr eine ausreichende Erklärung zu geben bisher nicht gelang. Es werden mäßige Nachtfröste vom 19. bis Freitag den 22. für Nord- und Mittel- deutschland wieder in Aussicht gestellt.
* — Die drei strengen Herren, d. h. die drei kalten Tagen Mamertus, Pankratius und Servatius, deren Erscheinen dem Landmann und Gärtner stets ein gewisses Gruseln verursacht, sind vorüvergegangen, ohne daß ihr Regiment bemerkbar geworden ist. Damit eröffnen sich die besten Aussichten auf eine selten günstige Obsternte. Die Bäume sind mit Blüthenschmuck förmlich beladen. Leider profitirt auch das Ungeziefer bei dem milden Frühlingswetter, so z. B. der Maikäfer, der in großer Zahl auftaucht.
* — Die kaufmännische Sonntagsruhe gestaltet sich nach Annahme des ArbeiterschutzgesetzeS so, daß 1. die für die Handlungsgehilfen maßgebenbe Sonntagsruhe für das ganze Personal (auch für den Unternehmer und seine Familienangehörigen) maßgebend sein soll, 2, die Ausübung des Hausirgewerbes Sonntags verboten sein soll, 3. durch Ortsstatut die Sonnlagsbeschäftigung weiter eingeschränkt, ja ganz verboten werden kann.
* — Eine Verlängerung der Schonzeit für Rehböcke bis zum 1. Juni wird in Kasseler Blättern befürwortet. Früher, in hessischer Zeit, lief die Schonzeit für Rehböcke erst Mitte Juni ab, während dieselbe jetzt nur zwei Monate, vom 1. Februar bis 1. Mai dauert. Beim Jagdaufgang ist der Bock jetzt unreif und das Fleisch weniger schmackhaft, als Anfangs Juni, in der sogen. Feistz it.
* — Vom 1. Juli ab sollen sämmtliche Schaffner der deutschen Bahnen Nummern au ihren Dienstmützen erhalten, welche auch gleichzeitig an den Lochzangen j#