SchWemerMung
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Mittwoch, den 13. Mai
1891
Czar Alexander III. und der europäische Friede.
Man scheint, sagt die über die auswärtigen Beziehungen gut unterrichtete Berliner „Kreuzzeitung" in einem Artikel vom 11. Februar d. J., in der Presse im Allgemeinen ü'-sereingckommen zu sein, für Rußland einen Widerspruch zwischen der sogen. panslavistischen Partei und dem Czaren zu konstruiren, indem man erstere als kriegerisch, letzteren aber als einen wahren Friedenshort barst eilt. Dieses ist der grundlegende Irrthum und nicht entschieden genug kann demselben entgegen getreten werden. Eine panslavische Partei, wie sie bis in die Zeiten der Regierung Alexanders II. in Rußland bestand, gibt es überhaupt nicht mehr; es mag der eine oder andere derartige Schwärmer in Moskau ein stilles, beschauliches Dasein führen: weder tritt eine solche Partei hervor, noch hat sie eine irgend namhafte Zahl Anhänger. Die Resultate des letzten Türkenkrieges und die während und nach demselben mit den slavischen Brüdern gemachten Erfahrungen haben diese Schwärmereien auf's Gründlichste geheilt. Mächtig, ja ausschlaggebend aber ist die Erbin der panslavistischen Partei, die man wohl zutreffend die „panrussische" nennen kann, der die außerrussischen Slaven ebenso nur Mittel zum Zwecke sind, wie jetzt etwa die Franzosen, und die seit Jahren in Rußland die ganze Administration, die öffentliche Meinung und die innere und äußere Politik beherrscht. Zwischen ihr aber und dem Czaren einen Widerspruch construiren wollen, ist für reden Kenner Rußlands ein widersinniges Bemühen. Niemand ist dort eifriger in dieser Richtung, als der „Selbstherrscher aller Reußen", und von Niemandem werden ihre Zwecke zielbewußter verfolgt, als von ihm. „Eine Kirche, Ein Czar und Eine Sprache" ist das Ziel dieser Partei in Ansehung der inneren Politik; Beherrschung der Dardanellen und freier Zugang zum persischen Meerbusen ihr Ziel in der äußern. Daß solches nicht ohne Krieg zu erreichen, ist den leitenden Personen, zumal dem Czaren wohl sehr klar, seine ganze jetzige Thätigkeit nur eine Vorbereitung zu demselben. Den Frieden liebt er nur so lange, wie der Krieg ihm nicht die erwünschten Siegeschancen zu bieten scheint. Vor Ausbruch des letzten Balkankrieges stand der jetzige Czar, im stärksten Gegensatze zu Alexander II., an der Spitze der zum Kriege treibenden Partei und die traurigen Erfahrungen dieses Krieges haben ihn durchaus nicht friedlicher gestimmt; nur ein richtigeres Bild von der jämmerlichen Verfassung der russischen Armee haben sie ihm und seinem damaligen General- stabs-Chef, jetzigem Kriegsminister Wannowsky gebracht und den Entschluß gezeitigt, nicht früher wieder loszuschlagen , als bis das Werkzeug genügend vervollkommnet ist, um dann nicht bloß halbwilden Türken, sondern den besten Heeren Europa's mit Aussicht auf Erfolg entgegentreten zu können. Wenn der Czar eben »och ein Gegner des Krieges sein sollte, so ist er es jedenfalls nur auf die Berichte seiner Heeresleitung hin, die Furcht vor den Gräueln des Krieges dürste ihm fern liegen. Die kulturfeindliche, barbarische Verfolgung jeglicher europäischer Gesittung, z. B. im ganzen Westen des Reiches, vom hohen Norden in Finnland bis zu den einst gesegneten Gegenden Klein-Rußlands, beruht auf seiner eigensten Initiative und auf dem bei ihm maßgebenden Gefühle des Hasses gegen Europa und gegen jedes europäische Wesen. Daß dieser Haß sich in erster Linie gegen Deutschland richtet, liegt vor Allem an der seit 1871 errungenen Machtstellung des Nachbars, der sich dadurch als maßgebendstes Hinderniß hochfliegender russischer Pläne darstellt; im Grunde des Herzens ist dem ächten Russen aber romanische wie germanische Gesittung gleich zuwider. Ganz ebenso denkt und fühlt mit dem Czaren aber auch die panrussische Partei, und falls der eine oder der andere Heißsporn in ihr vielleicht schon den Moment zum Losschlagen für gekommen erachtet, so gibt er seinen Wünschen und Hoffnungen nur offeneren Ausdruck, als seine bedächtigeren und besser über Rußlands Kraftmittel orientirten Gesinnungsgenossen. Nur hierin liegt also der Widerspruch: Während der Czar noch warten will mit der unausbleiblichen Abrechnung, weil er dieselbe seinen Wünschen gemäß noch nicht glaubt durchführen zu können, hält irgend ein Zeitungsredactenr oder redegewandter General den Augenblick dazu schon J#r gekommen."
Es ist etwas Grauenhaftes, bemerken die „Historisch- politischen Blätter" zu diesen Ausführungen der „Kreuzzeitung", um diesen „Frieden", der schlechterdings nichts zu erreichen vermag, als daß Rußland in aller Muße die neuen Gewehre für seine Armee beschaffen, durch immer neue Kreditoperationen, wie in dem Augenblick wieder sogar mit Hilfe deutscher Banken, die Zinsen seiner Staatsschuld herabmindern, seine Militärbahnen vermehren und aus den entlegensten Gegenden seines ungeheuren Reiches die bewaffneten Horden behufs rascher Mobilisirung herbeiziehen kann. So spielt Rußland das „Zünglein an der Waage", bis der Czar sich bereit findet zur Entscheidung. Selbst ein Berliner Professor, nebenbei anerkannter Militärschriftsteller, Dr. Hans Delbrück, hat vor Jahr und Tag sein Entsetzen üver diese Entwickelung der Dinge zu äußern gewagt: „Wir haben viel zu oft geprahlt, daß wir allein die Volksbewaffnung in infinitum (in's Unendliche) durchführen könnten. Nichts ist naturgemäßer, als daß nun die Feinde sagen: Die Deutschen sind 45 Millionen, wir zusammen 140 Millionen oder mehr; können wir den Deutschen ihre Kunst nicht entreißen, so wollen wir ihnen doch zeigen, daß wir sie in der Zahl und in der Bestialität übertreffen können." Es sei, fährt er fort, thöricht zu glauben, daß solche Millionen-Armeen noch manövriren könnten; es könne sich nur um die Wirkung durch die unerschöpfliche Masse handeln, um die Methode Dschingiskhans und Timurlenks, welche darin bestehe, daß ungeheure Massen in blinder Wuth sich auf den besser geordneten Feind stürzen und sich schlachten lassen, bis der vom Morden ermüdete Feind durch den Rest der Ucberzahl erschlagen wird. Das wären also die europäischen Friedensaussichten!
(Fuldaer Zeitung.)
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser traf, von Darmstadt kommend, am Sonntag Abend zum Besuche des Grafen v. Görtz in Schlitz ein und reifte am Montag Abend über Fulda und Bebra wieder nach Berlin.
* — Die Minister des Innern und des Krieges haben soeben eine gemeinschaftliche Verordnung erlassen, die es den preußischen Kriegervereinen zur Pflicht macht, in ihren Satzungen einen neuen Paragraphen aufzu- nehmen, der den Ausschluß, bezw. die Nichtaufnahme offenkundiger Sozialdemokraten bestimmt. Sollte sich ein Verein weigern, einen derartigen Zusatz zu machen, so wurde demselben die Erlaubniß des öffentlichen Auftretens bezw. die Führung einer Fahne versagt werden.
Essen. Der Streik im rheinisch-westfälischen Kohlen- sevier ist seit Mittwoch völlig erloschen. Es sind zwar etwa 1000 Mann noch nicht wieder an der Arbeit, doch diese feiern größtentheils nicht freiwillig, sondern sie sind wegen ihres Verhaltens während des Streiks von den Zechenverwaltungen nicht wieder zur Arbeit zugelassen worden. Sie können sich dafür bei ihren Führern betanken, die am 26. April in Bochum in frivoler Weise den allgemeinen Streik proklamiert haben, ohne die Belegschaften hinter sich zu haben.
Metz, 7. Mai. Heute früh wurde der Oberst lieutenant Präger vom Königl. Sächsischen Fußartillerie- Regiment Nr. 12 ermordet im Bette vorgefunden. Der Ermordete zeigte eine tiefe bis auf das Rückgrat gehende Schnittwunde am Halse, neben ihm im Bette fand sich ein abgebrochener Hammer vor. Offenbar ist der Offizier, ein Junggeselle, in der Nacht überfallen, nach einiger Gegenwehr durch Hammerschläge auf den Kopf betäubt und dann durch den Schnitt in die Kehle ge- tödtet worden. Die gerichtliche Untersuchung ist sofort eröffnet, die Thäter sind unbekannt, die Umstände lassen aus einen Raubmord schließen.
Metz, 6. Mai. Wir berichten unlängst, daß in Redingen an der luxemburgischen Grenze beim Nieder- reißen eines Hauses die Leichen zweier deutscher Soldaten aufgefunden worden seien. Die eingeleitete Untersuchung hat das Geheimniß, das diesen grausigen Fund umgibt, noch nicht entschleiern können, doch steht fest, daß die Leichen nicht aus dem deutsch-französischen Kriege herstammen. Sie müssen schon seit weit längerer Zeit eingemanert liegen.
Vom Thüringer Walde schreibt man: Der Mangel an Kartoffeln wird namentlich in der Schleusinger Gegend immer fühlbarer. Besonders fehlt es an gutem Material zur Bestellung. Anzuerkennen ist dabei,
daß die Regierung zu Erfurt dafür Sorge trägt, daß gute Saatkartoffeln ganz armen Leuten des Schleusinger Kreises unentgeltlich geliefert werden, um dem dringendsten Nothstände abzuhclfen. Auch der Schleusinger Frauen- vrrein vertheilt fortwährend unentgeltlich Kartoffeln. Der Preis ist von 2,80 auf fast 5 Mark für den Centner gestiegen.
Lüneburg, 8. Mai. Der fahrplanmäßige Personen- zug Hanover-Hamburg, welcher gestern Bormittag 1117 hier eintreffen sollte, konnte erst 1250 anlangen, indem auf der Strecke bei Burgdorf der Kessel der Maschine explodirte, wodurch der Maschinist sofort ^'tödtet und dein Heizer ein Arm zerrissen sein soll. Außerdem wurden die hinter der Maschine laufenden beiden Packwagen vollständig zersplittert. Passagiere sind nicht beschädigt worden.
Lüneburg, 8. Mai. Vorgestern Morgens 8 Uhr erfolgte bei der an der Elbe gegenüber unsern Marschdörfern Tespe-Marschacht an der Lauenburger Seite belegenen Dynamit-Fabrik „Krümmet" eine heftige Explosion. Als nämlich um diese Zeit der Gehülfe des Fährmanns an dem Lauenburger-Ufer seinen Kahn vom Lande abstieß, was mittelst einer langen Stange geschah, welche unten mit eiserner Hakenspitze versehen ist, erfolgte plötzlich eine furchtbare Explosion, durch welche der Kahnführer mit sammt dem Kahne in die Luft geschleudert und beide förmlich in Stücke zerrissen wurden. Der verunglückte Kahnführer hat jedenfalls auf ein in der Elbe liegendes mit Sprengöl getränktes Stück Holz oder auch auf die sich am Grunde dort festgesetzte Sprengstoffmaffe, welche dem Vernehmen nach durch ein Rohr von der Fabrik aus in die Elbe abgeleitet wird, gestoßen,- so daß auf diese Weise die Katastrophe herbeigeführt wurde.
HaoerÜlebeu, 6. Mai. Der Mühlenverwalter Skau aus Aller bei Christialisfeld, ein sehr gewandter Radfahrer, vollführte gestern Abend auf dem freien Platze vor der hiesigen Marienkirche die schwierigsten Leistungen auf dem hohen Zweirad; zahlreiche Zuschauer fanden sich ein und spendeten dem Kunstfahrer reichen Beifall. Diese Anerkennung riß den Radfahrer zu einem tollkühnen Wagniß hin; in rasender Fahrt sauste er von dem hochliegenden Platze über eine mehrstufige Treppe nach der Straße hinab. Kaum hatte das Zweirad die Stufen erreicht, so gerieth es ins Schwanken und stürzte auf Die Straße hinunter; der unglückliche Radfahrer aber flog im weiten Bogen die Stufen hinunter und schlug mit dem Kopfe so hart gegen das Steinpflaster, daß die Hirnschale noUftänbig zerschmettert wurde. Der Radfahrer war fast augenblicklich eine Leiche.
Flatow, 8. Mai. Eine gräßliche That ist von einer Frau in unserer Nachbarstadt Krojanke vorgestern in früher Morgenstunde begangen worden. Seit langer Zeit lebte ein Dortiges Ehepaar in Unfrieden. Als der Mann, in diesem Falle wohl das „schwächere Geschlecht" vor seiner Frau in die Scheune flüchtete, schloß die Frau hinter im die Thüre zu und steckte die Scheune an allen vier Ecken an, so daß sie in kurzer Zeit in Flammen stand. Bevor dem eingeschlossenen Manne Hilfe gebracht wurde, hatte er Derartige Brandwunden erlitten, daß er nach etwa einer halben Stunde seinen Geist aufgab. Die Mordbrennerin wurde sofort verhaftet und in das hiesige' Amtsgerichtsgesängniß eingeliefert.
Münsterberg (Schlesien), 5. Mai. Der hiesige Ortsarme Anton Welz, der bis vor Jahresfrist noch ganz rüstig war, ist hier dieser Tage im Alter von 105 Jahren 10 Monaten gestorben. Unter Friedrich dem Großen geboren, ragte dieser alte Mann bis in das Zeitalter des dritten deutschen Kaisers hinein. An den Freiheitskriegen hat der-alte Welz als Lazarethge- hülfe Theil genommen. Sein Enkelsohn kämpfte im Kriege von 1870—71 bei Belfort. Die zweite Frau des alten Welz, mit der er fast 60 Jahre verheirathet gewesen ist, ist noch am Leben und zählt bereits 87 Jahre.
Zabrze, 4. Mai. Die Königin Luise-Grube, die vor hundert Jahren angelegt wurde, ist heute das größte Kohlenbergwerk von Preußen, und man könne sagen, von Europa. Den hundertsten Geburtstag dieses Bergwerks zu feiern, waren von der Königlichen Gruben- inspeklion die umfangreichsten Vorkehrungen getroffen worden. Am Abend vorher wurde bereits die Feier durch großen Zapfenstreich und Fackelzug eingelötet,