Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. »Jüustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
As 32. Mittwoch, den 22. April 1891.
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sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. April. Heute Vormittag fand die Nagelung der neuen Fahnen resp. Standarten im Königlichen Schlosse statt. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin, der Kronprinz, die Prinzen Eitel Fritz und Aldalbert, die preußischen und deutschen Prinzen, GeneralfcldmarschaU Molike, der Kriegsminister und der Chef des Generalstabes wohnten der Nagelung bei. Bei der hierauf folgenden Uebergabe der neuen Feldzeichen an die Truppentheile im Lustgarten hielt Se. Majestät der Kaiser eine kurze Ansprache über die Verleihung der Feldzeichen und sprach das Vertrauen aus, daß dieselben stets in Ehren gehalten werden würden zum Heile des Vaterlands und zum Ruhme der Armee. Nach der Parade ritt Se. Majestät an der Spitze der Garde-Kürassiere zur Abbringung der Fahne.
* — Die Nachricht, daß die Kronprinzessin von Griechenland zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten werde, wird von der „Post" auf Grund einer aus Hofkreisen erhaltenen Auskunft bestätigt. Das genannte Blatt schreibt dazu: Wir haben früher einmal erwähnt, daß in den Ehepakten der Kronprinzessin ihr Verbleib beim evangelischen Bekenntnis gesichert ist, so daß kein Zwang auf sie ausgeübt werden kann. Ein Versuch, solche Beeinflussung anzurehmen, liegt auch um so ferner, als S. M. der König von Griechenland selbst an seinem lutherischen Bekenntniß festgehalten hat. Dagegen ist der Kronprinzessin der freie Wille des Ueber- tritts gelassen, und dieser scheint zur That gereift zu sein.
* — Die Verhandlungen mit den reichsständischen Familien wegen Ablösung ihrer Steuerfreiheit sind, wie ans Berlin berichtet wird, schon seit einiger Zeit eingeleitet. Wie der Finanzminister Dr. Miguel gelegentlich der Berathung des Einkommensteuergesetzes in der Herrcnhauskomimssion erklärt hat, würde, wenn diese Verhandlungen zu keinem positiven Resultat führen sollten, die Staatsregierung zu ein-r einseitigen Regelung der Frage durch Erlaß eines Gesetzes übergehen.
Danzig, 15. April. Die aus Königsberg gemeldete Erkrankung des von einem tollen Hunde gebissenen Sergeanten R. im 1. Pionierbataillon an der sogenannten Wasserscheu hat bereits den Tod zur Folge gehabt. Der Unglückliche, noch nicht volle 27 Jahre alt, war der Sohn eines hiesigen Werftbeamten, dessen Familie gestern Nachmittag die erschütternde Trauer- Nachricht erhielt. Das tollwuthkranke Thier, von dem R. angefallen war, hatte am 17. und 18. Januar in Königsberg dreizehn Personen gebissen, darunter auch ein vierzehnjähriges Mädchen, welches von der B-stie förmlich zerfleischt wurde und lange Zeit in ärztlicher Behandlung blieb. Bei keinem der Gebissenen haben sich indessen bis jetzt Spuren von Tollwuth gezeigt. Auch der verstorbene Sergeant R. fühlte sich bis vor kurzem ganz gesund. Nachdem er die Bißwunden (an der Nase und am rechten Arme) erlitten, wurde er zur Beobachtung in das Garmsonlazareth gebracht, wo der Patient 14 Tage in Behandlung blieb. Da sich indessen Nichts Ausfälliges zeigte, die Wunden regulär verheilten, sg wurde der Sergeant entlassen; derselbe fühlte sich Süch völlig wohl und that seinen Dienst mit gewohnter Pünktlichkeit. Da plötzlich am Sonnabend brach die Töllwmh bei ihm aus; er wurde daher wieder in das Lazareth gebracht, wo ihn nach dreitägigem Leiden der Tod erlöste.
Siffi (Prov. Posen), 17. April. Das „List. Tagebl." berichtet: Nach dem Tode des Bürgermeisters unserer Nachbarstadt Zaborowo hat die Königliche Regierung den Vertretern der Stadt Zaborowo die Frage zur Erwägung gestellt, ob cS nicht zweckmäßiger wäre, Zaborowo in eine Landgemeinde umzuwandeln. Es fand vor einigen Tagen zur Berathung dieser An- g legenheit unter Vorsitz des Landrathsamls-Verwesers Regierungs-Assessors Hahn eine Versammlung der Stadtverordneten und des Magistrats von Zaborowo statt. In dieser Versammlung erklärten sich beide Körperschaften mit der Umwandlung einverstanden.
Leidig. Seit Jahresfrist hat die Firma Schimm-1 Und Co. in Leipzig sich bemüht, die Kultur einer aus
den Balkanländern stammenden Rosenart zum Zweck der Rosenölgewinnung in der Umgegend Leipzigs ein- zuführen und es wurden im vorigen Sommer in der Nähe der Bahnstation Großmilitz etwa 46 Hektar Landes mit Rosen bepflanzt. Der Ertrag an Rosenblättern betrug nicht weniger als 46,000 Pfd., welche — 9 Pfund Rosenöl ergeben haben. Es gehörten also 5100 Pfd. Rofenblätter zu einem Pfund Rosenöl.
Borna, 16. April. Ein sonderbarer Streik ist auf dem Rittergut; Böhlea ausgebrochen. Die Mägde streiken. Sie verlangen gleichen Lohn mit den schle- sischen Arbeiterinnen und Beginn der Arbeitszeit erst um 6 Uhr, statt wie bisher im Sommer um 5 Uhr.
Halle a. S., 16. April. Der diesjährige Abgeordnetentag des Deutschen Kriegerbundes findet hier zu Pfingsten stutt. Der Deutsche Kriegerbund umfaßt gegenwärtig 1010 Vereine mit 504 655 Mitgliedern. Er besitzt einen Unterstützungsfonds von etwa einer halben Million Mark; außerdem werden im Krieger- Waisenhause Glücksburg bei Römhild 100 Krieger- waisen erzogen.
In Thüringen und vermuthlich auch in anderen Gegenden sind einzelnen Subaltcrn-Beamten der Gerichts- und Verwaltungsbehörden gedruckte Aufforderungen zugegangen, die Akten wegen alter Briefmarken zu durchstöbern und solche einzelnen Briefmarken-Händlern zu verkaufen. Diese Aufforderung ist in einigen Fällen von Erfolg gewesen und eS sollen ganz ansehnliche Beträge für aufgefundene alte Briefmarken bereits gezahlt worden sein. Freilich wird der Verkäufer hiervon eine üble Nachwirkung verspüren, da, wenn die Staatsanwaltschaft in einer solchen Handlungsweise nicht ein Amtsvergehen erblicken sollte, jedenfalls eine disziplinarische Ahndung des glücklichen Briesmarken-Finders eintreten dürfte.
Römhild, 18. April. Das gestern Abend in unserer Stadt ausgeorochene Feuer hat bis heute Morgen 5 Uhr am Markt 32 Wohnhäuser mit Nebengcväuden vernichtet. Die ganze Stadt war in Gefahr, da bei dem herrschenden Sturmwind alle menschlichen Anstrengungen das Feuer zu lokalisieren, vergeblich waren.
Reichenbach a. d. E., 14. April. Heute hatte sich der jüngste Jahrgang der Wehrpflichtigen aus Langen- bielau zur Aushebung für den Militärdienst zu geftellen. Schon beim Einzug der Leute in die Stadt, der früh 7 Uhr stattfand, waren viele angetrunken. Vor dem Gasthof zum goldenen Stern, in dem die Gestellung stattfand, kam es bald zu Tumulten, die schließlich zu Angriffen gegen die Polizei und Gensdarmerie aus- artelen, sodaß letztere blank ziehen und verschiedene Verhaftungen vornehmen mußte, bei denen es nicht ohne heftigen Widerstand abging. Die Excesse dehnten sich bis in den Gestellungssaal aus, wo die Ersatzkommlsstou waltete, und es wurde von derselben in Erwägung gezogen, von Schweidnitz aus militärische Hülfe zu verlangen. Morgen kommen die beiden ältesten Jabr- -gänge aus Langenbielau zur Gestellung; für den Fall Steuer Unruhen sind geeignete Maßregeln getroffen. jDie Verhafteten werden sich wegen Landfriedensbruch, iGcfangenenvefreiung und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu verantworten haben.
Aus dkr Rheinprovinz. Es war am 2. September v. J., einem schönen, sonnigen Tage, auf der Landstraße von Solingen nach Gräfrath herrschte ein förmliches Menschengelümmel; in letzterem Orte war nämlich Kirmeß, und Alles, was Geld und Beine hatte, strömte nach Gräfrath, um dir Kirmeß mitzufeiern. Etwas abseits vom Wege liegt die Deckersche Ringofenziegelei zu Ringelshäuschen, und hier erblickte man plötzlich eine „rolhe Fahne," die dort gemächlich hing und sich von der lieben Sonne bescheinen ließ. Einige Ultrapatrieten nahmen Anstoß an dieser „sozialistischen Demonstration" — am 2. September eine rothe Fahne — unerhört! Man schickte nach Polizei und Gendarmen. Letztere kamen, und auch sie sahen in b in Tuche eine sozialistische Anti-Sedan-Demonstration und veranlaßten den höchlichst überraschten Zieg larbeiter, der das Tuch dort ausgehängt hatte, letzteres wieder einzuziehen. So sehr der Mann nun auch versicherte, daß es ihm gar nicht in den Sinn gekommen sei, zum Zeichen seiner angeblich sozialistischen Gesinnung eine „rothe Fahne aufzuhissen," sondern daß er nur seine Schlafdecke, die zufällig gefärbt war, etwas zum Lüften an die Sonne gehängt hatte, machte man ihm doch den Prozeß auf
Grund des groben Unfngsparagraphen. Jetzt kam die Sache nun vor dem Schöffengericht zur Verhandlung, endete hier jedoch mit der Freisprechung des „Demonstranten," da das Gericht den Angaben des Letzteren Glauben schenkte, daß es sich nicht um die Hissung einer rothen Fahne, sondern nur um die Lüftung einer Schläfdecke, die zufällig roth gewesen, handele.
Köln. In der letzten Sitzung des landwirthschaft- lichen Vereins für Rheinpreußen wurde der Frostschaden, den die Landwirthschast in diesem langen Winter erlitten hat, allein für den Landkreis Köln auf zwei Millionen angegeben. Der Verein wird beim Ministerium beantragen, in diesem Jahr den Landwirthen seines Bezirkes die Grundsteuer ganz zu erlassen.
Metz, 16. April. Die Abhänge des Spicherer Berges, die am 6. August 1870 die erste große Schlacht des deutsch-französischen Krieges sahen, werden kommenden Geschlechtern ein ganz anderes Ansehen darbieten, als sie es zur Zeit des großen Krieges hatten. Damals und noch bis vor Kurzem waren bie Abhänge ausschließlich mit niederem Ginster bestanden, der den angreifenden Truppen des Generals o. Fran^ois nicht die geringste Deckung gewährte. Im vorigen Jahre hat man damit begonnen, die Abhänge mit Kiefern auf» zuforsten uud dieses Jahr wird der Rest ver Abhänge in gleicher Weise nutzbar gemacht werden. In Zukunft wirb also ein Kiefernwald die Stätte beschirmen, wo die unüberwindlich scheinende Stellung des Generals Frossard von den Deutschen, allerdings unter furchtbaren Opfern, erstürmt wurde.
Ausland.
Oesterreich. Ueber eine entsetzliche Katastrophe wird dem B T. aus Czernowitz Folgendes gemeldet: Ein vermuthlich aus Bessarabien übergelaufener wüthender Wolf hat gestern (Sonntag) früh auf der Strecke vön Narancze bis Roboczna (Vororte von Czernowitz), so weit bis jetzt festgestellt werden konnte, zweiunddreißig Personen gebissen, ehe es den Bauern gelang, das wüthende Thier durch Keulenhiebe zu tödten. Bei der Obduktion des erschlagenen Wolfes wurde das Vor* handenfein der Wuthkrankheit festgestellt. Den Verletzten wurden die Wunden mittelst des Paquellinischen Apparates ausgebrannt, außerdem ist ihre Ueberführung zu Pasteur nach Paris beschlossen worden.
Budapest, 15. April. Das hiesige „N. Pol. Volks- blatt" veröffentlicht im Anschluß an das Gerücht vom Wiederauftauchen Johann Orihs, daß derselbe nach Briefen, welche er an seine Mutter gerichtet, sein Schiff „Santa Margarethe" verkauft habe und den La Plata- Staat landeinwärts gezogen sei. Angeblich ist das Schiff von dem neuen Eigenthümer desselben umgetaufk worden und später nach Europa zuruckgekchrt; viele von der früheren Bemannung sollen sich in Dalmatien befinden. Die höchst unwahrscheinlich klingende Nachricht ist jedenfalls mit aller Reserve aufzunehmen.
Brüssel, 15. April. In maßgebenden Kreisen nimmt die Besorgniß über die steigende Disziplinlosigkeit in der Armee zu. Zu einem neuen Skandale gab die große Wachmannschaft des JustizpalasteS Veranlassung, deren Soldaten und Unteroffiziere sämmtlich am Hellen Tage im Zustande vollständiger Trunkenheit derartige Scenen ausführten, daß die von der Bürger* schüft hcrbeigeholte städt. Polizei die gesummte Wachmannschaft verhaftete und durch eine nicht betruntenS Abtheilung ablöste.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 21. April. Der „Reichsanzsiger" veröffentlicht in feiner neuesten Nummer eine Uebersicht der Zusammensetzung der in der Provinz Hessen-Nassau zur Durchführung der Jnvaliditäls- und Altersversicherung errichteten Schiedsgerichte. Danach setzt sich das im hiesigen Kreise errichtete Schiedsgericht wie folgt zusammen: Bezirk des Schiedsgerichts: Kreis Schlüchtern. Sitz des Schiedsgerichts: Schlüchiern. Vorsitzender: Dr, Porscher, Königlicher Regierungs-Assessor zu Kassel. Stellvertretender Vorsitzender: Schwarz, Königlicher Regierungs-Assessor zu Kassel. Beisitzer aus der Klasse der Arbeitgeber: 1) Schäfer, Heinrich F., Fabrikant zu Schlüchtern. 2) Bralfifch, Wilhelm, Fabrikant zu Salmünster. 3) Keiser, Heinrich, Ockonom zu Hunds- rück. 4) Stahl, I., Steinbrüchsbefi-er zu Schlüchtern. 5) Kohlyepp, Wirth zu Schwarzenfels, Hülfsbeifitzer;