Einzelbild herunterladen
 

MüchtemerMmg

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. .Gemeinnützige Blätter" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg

J# 22. Mittwoch, den 18. März 1891.

Deutsches Reich.

Berlin. Kaiser Wilhelm hat nach einer Berliner Meldung der HamburgerReform" ein WerkDie Geschichte Kaiser Wilhelms I." vollendet, das aus zwei Bänden besteht. Das Werk, welches nur in 200 Exem­plaren erscheinen soll, ist ausschließlich für die regie­renden Fürsten Europas und die königlichen Familien- mitglirdcr bestimmt. Außerdem werden die deutschen Staatsbibliotheken je ein Exemplar erhalten. Der Kaiser habe den Text unter Geheimrath Hinzpeters Beihilfe fertig gestellt und vielfach handschriftliches Material des Fürsten Bismark zu Grunde gelegt.

Berlin, 14. März. Bei dem Empfang der elsässischen Deputation dankte der Kaiser für den Ausdruck reichs- treuer Gesinnung, welche die Einmischung fremder Elemente zurückweist. Schutz sei nur vom Reich zu gewärtigen. Der Kaiser bedauerte, die Wünsche des LandeSausschusseS in Betreff der Paßvorschrifleu jetzt nicht erfüllen zu können, hofft aber, daß in nicht allzu ferner Zeit Verkehrserleichterungen möglich würden. ES trete dies um so früher ein, je mehr die Bevölkerung von der Unlösbarkeit der Bande mit Deutschland über­zeugt sein werde.

Berlin. Der greife Centrumsführer Ludwig Windt- Horst, welcher fast ein Bierteljahrhundert im preußischen und deutschen Parlamente gesessen, ist in Berlin einer plötz­lich aufgetretenen Lungentzündung erlegen. Der achtzig­jährige noch immer lebensfrohe und kampfesbereite Mann hatte es sich bei seiner letzten Parlamentsrede am vergangenen Sonnabend sicher nicht träumen lassen, daß er heute schon auf der Todtenbahre liegen würde, noch viel weniger aber seine Freunde und seinen poli­tischen Gegner. Mit ihm ist ein Stück preußisch- deutscher Geschichte heimgegangen, mit ihm aber auch ein seltener eiserner Charakter, ein Mensch in des Wortes edelster Bedeutung und ein hochbegabter Geist.

Die gesammte Presse widmet dem Abgeordneten Windthorst eingehende Nachrufe, welche seine Fähig- leiten und seiner Bedeutung gerecht zu werden suchen. Fast allenthalben sind diese Ausführungen mit Fragen über den Fortbestand deS Centrums verknüpft, der um so zweifelhafter erscheint, als bereits am Sonnabend die Gegensätze in der Partei augenfällig hervortraten. Unter den Aeußerungen der Blätter ist diejenige des amtlichenReichsanzeiger" bemerkenswerth. Es heißt dort:Die hohe geistige Bedeutung dieses Mannes und die hervorragende Stellung, welche er seit langen Jahren im Reichstage und im Abgeordnetenhause als Führer der Centrumspartei eingenommen, rechtfertigen die große Theilnahme, welche die Kunde von seiner schweren Erkrankung bei dem Kaiserpaare sowohl wie bei allen politischen Parteien hervorrief, und sichern ihm überall, wohin die Nachricht von leinem Ableben dringt, auch bei denen, mit welchen er im politischen Kampfe gestanden, ein achtungsvolles Andenken. Seine politische Thätigkeit ist bekannt. Windthorst war eins der eifrigsten Mitglieder des Parlaments und nahm an den Sitzungen des Reichstags wie des Abgeordneten­hauses bis zuletzt regelmäßig Theil. Sein durchdringender Verstand, seine umfassenden Kenntnisse und seine stets bereite Schlagfertigkeit machten ihn nicht blos zu einem der ersten Redner des Parlaments, sondern auch zu einem der hervorragendsten Parlamentarier überhaupt."

Hamburg, 12. März. Vor einiger Zeit verstarb hier ein sehr vermögender Handwerker, unverheirathet, und setzte u. A. einer Wittwe ein Legat von 12 000 Mk. aus. Dasselbe war von einem Briefe begleitet, den der Verstorbene kurz vor seinem Tode geschrieben. In demselben wird die Hinterlassenschaft an die Wittwe damit begründet, daß sie dem Tcstator vor etwa 30 Jahren, als er um ihre Hand anhielt, einen Korb ge­geben habe. Diesem hochherzigen Entschlüsse habe er eS zu danken, daß er seine Jahre in Ruhe verleben durfte.

Hamburg, 13. März. Ein Riesenwalfisch, der bei Kristiania gestrandet ist, -soll hier ausgestellt werden. Das Thier, eines der größten seiner Art, hat eine Länge von 76 Fuß und wiegt über 140,000 Pfund. Ein eigener Schleppdampfer war nach Christiania gefahren, um das Ungethüm ins Schlepptau zu nehmen und nach Hamburg zu bringen, wo dessen Ankunft heute oder morgen erwartet wird.

Magdeburg, 12. März. Wegen Falschmünzerei Wurde vom Schwurgericht der Tischler Röhle« zu zwei

Jahren Zuchthaus, seine Frau zu sieben Monaten Ge­fängniß verurtheilt. Der Angeklagte hatte etwa zwanzig alsche Einmarkstücke hergestellt, die dann von der Frau n den Verkehr gebracht waren.

Stargard, 13. März. Ein schildernder Grenadier wurde vorgestern Gefangener seines eigenen Schilder­hauses, aus dem er erst durch andere Personen befreit werden konnte. Er suchte Schutz vor dem herrschenden Unwetter in seinem Schilderhause. Dasse lbe muß nun wohl nicht auf fester Unterlage gestanden haben, denn der gewaltige Wind warf dasselbe mitsammt dem Grena­dier vornüber um und begrub diesen, so daß er selbst aus seiner verzweifelten Lage sich nicht befreien konnte, da bekanntlich in dem Häuschen eine Hinterthür zum Entschlüpfen nicht angebracht ist.

Neisse, 12. März. Von dem inhaftirten Vorsteher der hiesigen Reichsbank-Ncbenstclle Gottlieb Mayer sind nach den jetzt abgeschlossenen Ermittelungen 313,200 M. unterschlagen worden. Davon hat die Reichsbank 180,000 Mark verloren, wovon nur 40,000 Mark durch die Mayersche Kaution gedeckt sind. Mayer hat sich von einer einfachen Buchhalterstelle zu der hiesigen einflußreichen Stelle emporgearbeitet und in etwa zehn Jahren nachweisbar ein Vermögen von 60,000 Mark erspart. Sein Jahreseinkommen erreichte durch Pro­visionen und Prozente, die er außerdem noch als ge­richtlicher Masse nverwalter einnahm, die Höhe von circa 18,000 Mark. Alle seine Ersparnisffe hat er im Börsenspiel verloren.

Mainz. DerArbeiter-Orden", der auf Anregung des Schriftsetzers Ph. Fink in Mainz vor etwa einem Jahre begründet, und dem eS an hohen Fürsprechern nicht gefehlt hat, hat ein klägliches Ende genommen. Die Sozialdemokratin haben in demselben die Oberhand gewonnen und denArbeiter-Orden" aufgelöst, sein Eigenthum aber ihrem Vereine zugesprochen.

Kastrl a. RH., 15. März. Am Samstag ereignete sich hier ein schreckliches Unglück. Arbeiter waren mit Auspumpen einer Dunggrube beschäftigt. Als die Ar­beit etwas zu lange dauerte, stieg einer der Arbeiter hinunter, um zu sehen, was noch darinnen sei. Er kam nicht mehr herauf. Ein Zweiter folgte, und erst auf die Hilferufe des Dritten, der ihnen nachge­stiegen war, wurde das Publikum aufmerksam. Sofort angestellte Rettungsversuche brachten den dritten Nach­gestiegenen zwar noch lebend, aber in hoffnungslosem Zustand an das Tageslicht, die zwei andern waren er­stickt. Wie wir nachträglich erfahren, ist auch der Dritte einige Zeit später im Spital gestorben.

Schlitz (in Obcrhcssen), 12. März. Der 18 Jahre alte Buchhalter A. Römmer geigte dem Lehrergehilfen Moritz Strack, der dieser Tage erst das Lehrerseminar in Friedberg verlassen, ein Terzerol, zielte mit dem­selben, da er nicht wußte, daß es geladen war, nach dem Freund, der Schuß ging los und die Kugel drang dem jungen Mann in den Kopf. Sie traf die Stirn, schlüpfte unter der Schädeldecke durch und sprengte im Hinterkopf ein Hauptblutgefäß, so daß der Tod schon in 24 Stunden eintrat. Römer haben die Folgen seines Leichtsinns fast zur Verzweiflung gebracht.

Ausland»

Mailand, 9. März. (D. B. H.) Heute früh wurde Lieutenant Livraghi durch den speziell zu diesem Zwecke entsandten Polizeckommissar Gislon in Lugano gefangen genommen. Derselbe hatte sich bei Ankunft des Sicher­heitsbeamten in einer Tonne versteckt. Man ver­handelt mit der schweizerischen Regierung wegen so­fortiger Auslieferung. Es ist nunmehr amtlich fest­gestellt, daß der frühere italienische Polizeidirektor von Massauah, Livraghi, an der Spitze eines aus Polizisten zusammengesetzten Banditenhauses eine große Anzahl reicher Araber und Abcssynier verhaftete, ihr Vermögen zu seinen Gunsten kassirte, die Gefangenen dann Nachts vor die Stadt führte und mit eigener Hand erschoß. Der unerhörte Skandal hat allgemeines und peinliches Aufsehen erregt, die strengste Untersuchung ist eingeleitet.

Armuth in London. In der dritten F-bruarwoche erhielten in London 95,961 Arme Unterstützung, davon 59,844 Hausarme und 36,117 öffentliche Arme. Die Ziffern in dem gleichen Zeitraum der drei Vorjahre waren um 10,000 bis 15,000 höher.

Aus Nordamerika, dem Lande der Freiheit. Wie strenge die Temperenzler in einzelnen Staaten Nord­

amerikas die Verletzung des Prohibtionsgesetzes j ahnden mag folgender aus Vermond gemeldeter Fall beweisen Der Wirth Gco. F. Ribling in Norwich war überführt worden, mit Verletzung des Prohibitionsgesetzes in 750 Fällen geistige Getränke verkauft zu haben, und das Gericht verurtheilte ihn zur Zahlung einer Geldstrafe von 8000 Dollars. Da er diese Summe nicht auf« bringen konnte, so wurde die Geldstrafe in Gefängniß­strafe umgewandelt, welche man höre und staune!

61 Jahre, 7 Monate und 20 Tage dauern soll. Der Unglückliche befindet sich bereits im Corrections- Hause in Rutland, wo man ihn mit Marmorschleifen beschäftigt. Im Falle er nicht begnadigt wird, hat er nicht die geringste Aussicht, das Gefängniß je wieder zu verlassen. Zu Wichita inKansas wurde vor einiger Zeit ein Gehilfe in einer Apotheke ebenfalls zu lang­jähriger Gefangenschaft verurtheilt, weil er zu ver­schiedenen Malen Flaschenbier an Kunden verkauft hatte. Der dortige Prohibitions-Gouverneur hatte jedoch ein Einsehen und setzte die Gefängnißstrafe auf ein halbes Jahr herab, während die Geldstrafe erlassen wurde. Ein zollgeschützter Lebenswandel. Wie die Segnungen des amerikanischen Schutzzolles dem Arbeiterstande zu Gute kommen, beschreibt ein canadisches.Journal in der folgenden Weise:Früh am Morgen erhebt sich der Arbeiter und zieht sein mit 4050 pCt. verzolltes Flanellhemd, seine mit 40-50 pCt. verzollten Bein­kleider, seine mit 25 pCt. verzollten Schuhe und seine« mit 4050 pCt. verzollten Rock an. Er wäscht Ge­sicht und Hände mit Seife, welche bis zu 50 pCt. verzollt ist, in einer mit 40 pCt. verzollten zinnernen Waschschale. Er legt sodann Kohlen, welche einen Zoll von 60 Cents per Tonne zahlen, in den mit 3040 vCt. verzollten Ofen und ißt sein Frühstück mit Messer und Gabel, welche mit 25 pCt. verzollt sind, von einem mit 35 pCt. verzollten Teller. Er versüßt seinen Kaffee vermittelst Zuckers, welcher mit 107 pCt. verzollt ist und würzt seine Speisen mit 6070 pCt. verzolltem Salz. Selbst auf die Bibel, welche er zu seinem Morgengebet gebraucht, muß er 5 pCt. Zoll zahlen und so geht es fort durch alle Phasen seines Lebens, bis er sich endlich müde in seinen mit 40 pCt. ver­zollten Sarg legt. Will er zum Ueberfluß noch sein Schicksal auf einem Grabstein verewigen, so muß er selbst hierfür noch einen Zoll von 35 pCt. zahlen." Eine ,gemüthliche" Tanzunterhaltung. In Kilgore, einer kleinen Bergwerkstadt in Kentucky, entstand während eines Tanzvergnügens Streit zwischen zwei Tänzern, von denen einer den anderen todtschoß. Die Partei­genossen der Beiden zogen darauf ihre Revolver und das Schießen wurde bald allgemein. Eine Panik ent« stand, die Damen flüchteten, die Lichter wurden auSge- löscht, aber das Schießen dauerte fort. Man zählte etwa 200 Schüsse. Als der Saal wieder erleuchtet wurde, lagen drei Todte, sechs Schwerverwundete und über 30 Leichtverletzte auf dem Boden.

Süd-Amerika. Zur Revolution in Chile veröffentlicht derNewyork Herald" einen Brief au» Santiago vom 11. Februar, in welchem es heißt, die Regierung fahre fort, alle Diejenigen auSzuweisen, welche irgendwelcher Art den Aufständischen Beistand leisteten. Mehreren auswärtigen Kaufleuten sei der Befehl zugegangen, das Land in 36 Stunden auf immer zu verlassen. Die Regierung habe die Aus­weisung des österreichischen Konsuls in Valparaiso an» geordnet, wegen der Haltung, welche derselbe zu Gunsten der Aufständischen an den Tag gelegt habe. Die Ge­fängnisse seien überfüllt. Die bolivianische Regierung und die Vertreter der auswärtigen Mächte hätten gegen die Anordnung protestirt, wonach die Ausländer ent­weder in der Armee dienen oder das Land binnen 36 Stunden verlassen sollten. Dasselbe Blatt meldet ferner, daß der KreuzerEsmeralda" die Stadt Coronet bombardirt habe. Die Einwohner hätten sich in daS Eisenbahnstations-Gebäude geflüchtet, eine Kugel habe das Gebäude getroffen, in Folge dessen das Dach und die Mauern eingestürzt seien. Ueber 200 Personen seien unter den Trümmern begraben; man habe bereits 67 Leichen aufgefunden.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchter», 17. März.

* Der heutige Viehmarkt war nur schwach be­fahren. Handel den Umständen gemäß.