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J# 19. Samstag, den 7. März 1891.
Deutsches Reich.
Berlin. Zur politischen Lage schreibt die Bonner Deutsche Reichsztg.: „Um ein Haar breit sind wir an einem Kriege mit Frankreich vorbeigekommen. Die Welt hat alle Ursache, sich Glück zu wünschen, daß die Kaiserin Friedrich Paris verlassen konnte, ohne einer Beleidigung ausgesetzt zu sein, wie sie sich der verstorbene König Alphons gefallen lassen mußte. Die Folgen eines solchen Z-vischenfalls wären unabsehbar gewesen; denn soviel ist sicher: eine Beschimpfung der Mutter des Kaisers uud der Wittwe des verstorbenen Kaisers Friedrich hätte man sich in Berlin nie und nimmer bieten lassen. Die Erfahrung der letzten Jahre aber lehrt, wie wir mitten im Frieden oft nahe am Kriege sind. Eine ganz geringfügige Ursache, ein ganz unvorhergesehenes Ereigniß vermag plötzlich den Krieg mit allen Schrecknissen über die nichts ahnenden Völker herbei zu beschwören. Des ist charakteristisch für unsere Zustände. Sie sind derart, daß ein Wechsel der Dinge nur an einem schwachen Faden hängt. Wir sehen, daß wir auf einem Vulkane stehen, der jeden Augenblick zum Ausbruche kommen kann. So steht es mit der vielgerühmten Sicherheit Europa's." Fürwahr ein recht trauliches Bild. Wenn man nun bedenkt, welche Masse von Zündstoff seit dem letzten großen Kriege zwischen Deutschland und Frankreich aufgehäuft ist, sodaß nur der kleinste Funke hier einzuschlagen braucht, um eine Explosion ohne Gleichen zur Folge zu haben, gegen welche die im Grunde genommen aus einem Wortwechsel entstandenen Ereignisse von 1870/71 nur ein Kinderspiel sind, so kann man sich doch eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren. War man doch, wie jetzt be sannt wird, in der Erregung des ersten Augenblicks in B rlin geneigt, weit schärfere Maßregel als nur 17 Wiedereinführung des Paßzwangs an der französischen Grenze zu ergriffen. Zum Glück besann man sich noch rechtzeitig eines Andern. — Ruhe thut noth und kaltes Blut dazu.
* — Wie nachträglich bekannt wird, hatten die ersten Nachrichten über die Vorgänge in Paris am Hofe eine hochgradige Erregung und Verstimmung hervorgerufen. Man war im ersten Augenblick bereit, die Pariser Ausschreitungen durch sehr ernste Maßregeln zu beantworten und ist erst nach näherer Kenntnißnahme der Einzelheiten davon zurückg-kommen. Jetzt betrachtet die Regierung den französischen Zwischenfall als durch die Anordnung der Paßmaßregeln erledigt und wird der französichen Regierung weder eine Note noch eine andere amtliche Mittheilung darüber zustellen. Sehr bedenklich dülften aber die Beziehungen zwischen den beiden Staaten werden, sobald neuere Zwischenfälle eintreten.
— Die am Sonnabend erfolgte Absage des Reichskanzler an die Freisinnigen bildet in allen parlamentarischen Kreisen das Tagesgespräch. Wenn bei den Deutschfreisinnigen, nach den Freundlichkeiten, welche der Kaiser in letzter Zeit einigen ihrer Angehörigen erwiesen, diese Absage peinliche U-berraschung hervorgerufen, so ist dagegen bei den Mittelparteien eine freudige Genugthuung erwirkt.
Berlin, 4. März. Abermals wird ein Mittel gegen die Schwindsucht genannt. Der bulgarische Regimentsarzt Tranjen hat hier mit seinem neuen Mittel Erfolge erzielt, die angeblich von keinem anderen erreicht wurden. Tranjen will demnächst Näheres mittheilen.
Arolsen. Der regierende Fürst zu Waldeck und Pyrmont hat sich mit der Prinzessin Luise zu Schleswig- Holstein-Glücksburg (geb. am 6. Jan. 1858) verlobt. Die Braut ist eine Tochter des Herzogs Friedrich und eine Nichte des Königs von Dänemark.
Hamburg. Mit Beginn des Monats wird bekanntlich die neue Einrichtung des deutsch-amerikanischen Seepostverkehrs ins Leben treten. Es werden, wie hiesige Blättererfahren, vom genannten Termin an allwöchentlich zwei Dampfer von Bremen und einer von Hamburg Mit schwimmenden Postanstalten nach den Bereinigten Staaten von Nordamerika abgchen, während von dort ebenfalls in gleicher Weise drei Dampfer nach den bezeichneten deutschen Häfen fahren. Die schwimmenden Postanstalten strd in der Weise organisirt, daß auf den Dampfern je drei Beamte und zwar ein deutscher, ferner ein amerikanischer und ein deutscher Unterbe- amter in vollständig eingerichteten Bureaus die Sor- tirung der Briefe während der Ueberfahrt besorgen. Nach den bisherigen Erfahrungen waren etwa 150 bis
200 Briefsäcke amtlich zu behandeln, was erst in den Hafenstädten durch 50 bis 60 Beamte geschah und einen solchen Zütaufwand erforderte, daß vielfach der Anschluß an die Bahnzüge zur Postbeförderung unmöglich wurde. Abgesehen von einem Gewinn von 24 Stunden Zeit, werden in Folge der neuen Einrichtung bei Ankunft der Post in den Hafenstädten die fortirten Briefe sofort den betreffenden Bahnzügen zur B förderung übergeben werden. WAche Beschleunigung und Sicherung Hierdurch der deutschamerikanische Postverkehr erfährt, bedarf keiner weiteren Ausführung, ist übrigens auch von den beseitigten Dampfergesellschasten durch ihr Entgegenkommen gegenüber der neuen Einrichtung anerkannt worden, indem sie unter Anderem den Postbeamten freie Ueberfahrt gewähren.
Hamburg. Johann Orth soll wieder aufgetaucht sein ! Ein Telegramm aus London meldet dem H. T. B. darüber Folgendes: „Nach hier cingelangter Meldung soll die „Sanct Margarita" mit Johann Orth an Bord in einen japanischen Hafen eingelaufen sein." Hoffentlich findet diese erfreuliche Nachricht bald ihre Bestätigung.
Harburg, 1. März. Im Oktober v. Js. verunglückte auf hiesiger Bahn der Gelegenheitsarbeiter Püttmann, worauf seine Leiche nach dem Todtenkeller des hiesigen Schloßhofes geschafft wurde. Gemäß dem alten Spruch, die Todten soll man ruhen lassen, hat man — so schreibt die Harburger Ztg. — den Leichnam denn auch „ruhen" lassen und der Vergessenheit übergeben, bis derselbe endlich gestern — also nach ungefähr vier Monaten — durch einen Zufall wieder aufgefunden und auf dem hiesigen Friedhofe der Erde .übergeben wurde. — Der Anblick der Leiche wird uns als geradezu schreckenerregend geschildert. — Wie ist es möglich, eine Leiche uneingesargt vier Monate über der Erde stehen zu lassen!
Steele. Im w stfälischen Kohlenrevier treten auch die Frauen in die Agitation ein. Die Bergarbeiterzeitung bringt einen Aufruf, in dem es heißt: „Jungfrauen und Wittwen! Es kann Euch nicht gleichgiltig sein, ob Euer künftiger Gatte sich als politischer Mensch fühlt und für seine Rechte eintritt, oder nicht. Jedenfalls gebührt demjenigen der Vorzug, der sich seiner politischen Stellung bewußt ist. . . . Nur solche Bergleute, die dem Verbände angehören, sind empfehlenswerth, und rathen wir denjenigen Jungfrauen und Wittwen, die sich mit einem Bergmann vermählen wollen, nur unter den Lerbandsmitglicdern ihre Wahl zu treffen, denn diese suchen ihre Lage zu verbessern, während die anderen sich nicht zu verbessern suchen." So schreiben die Frauen in Stecke, von denen wir vermuthen, daß sie oder ihre Vorfahren auS WeinSberg eingewandert sind.
Köln. In den letzten Wochen lagen den hiesigen Gerichten verschiedene Strafanträge wegen unbefugten Arzneiverkaufs vor, wobei verhältnißmäßig hohe Strafen über die Beschuldigten verhängt wurden. Der dreimal vorher bestrafte Drogist Michel Hamecher, Inhaber der Nötzel'schen Drogerie, stand am 17. d. Mrs. vor dem Schöffengericht unter der Anklage, in drei Fällen Rezepte mit Opiumtinktur, Chloroform u. s. w. zubereitet und verkauft und in einem Falle Brustpulver abgegeben zu haben. Das Urtheil lautete auf 600 M., die höchste zulässige Geldstrafe; der Staatsanwalt hatte 14 Tage Haft beantragt. Am 8. Januar d. I. verurtheilte die Strafkammer den achtmal vorbestraften Drogisten Erven, wegen Abgabe von Jodoform zu vierzehn Tagen Haft. Das Schöffengericht hatte in der Borinstanz auf 150 M. Geldstrafe erkannt; gegen dieses Urtheil hatte der Staatsanwalt Berufung eingelegt. Die Polizeibehörde ließ im Ladengeschäfte des Drogisten Steinau Brustpulvcr und Marienbader Thee kaufen. Der Inhalt der Papierbeutel, wovon einer die Aufschrift „Brustpulver" trug, bestand aus kleinen Dütchen, welche die Bestandtheile der betreffenden Arzneien enthielten. Das Schöffengericht hielt diese Umgehung des Gesetzes für eine strafbare Handlung und erkannte auf 20 Mark Geldbuße.
Trier. (Ein passendes Ständchen.) In Namborn im Kreise St. Wendel besteht ein Gesangverein und diesem gebührt das Verdienst, einen funkelnagelneuen Anlaß zur Darbringung eines Ständchens entdeckt zu haben. Am Mittwoch Abend ließen Namborns Sangcs- brüder ihre Weisen zu Egren eines Mitbürgers er
schallen, weil dieser am Donnerstag früh auf sieben Monate in'S — Gefängniß mußte. Diese Strafe war dem Gefeierten wegen schwerer Körperverletzung zudictirt worden. Die Polizei freilich scheint von dem Zweck eines Ständchens andere Anschauungen zu haben als der Namborner Gesangverein. Sie hat ihn wegen Veranstaltung eines unerlaubten Aufzuges mit einer gehörigen Geldstrafe belegt.
Mannheim, 2. März. In dem bei Kaiserslautern gelegenen Hochspeyerer Tunnel der von Kaiserslautern nach Neustadt gehenden Bahn stürzte Freitag Abend eine Mauer in Länge von 14 Meter ein. Der vor dem Tunnel postirte Bahnwarl, welcher ein donner- ähnliches Geräusch vernahm, begab sich sofort nach dem Tunnel und bemerkte noch rechtzeitig das Unglück, so daß er dem von Kaiserslautern kommenden Zug WarnungS- zeichen geben konnte. Zwanzig Schritte vor der Unglücksstelle hielt der Zug, derselbe fuhr sodann wieder eine Stunde Wegs zurück, während welcher Zeit die Trümmer hir.wcggeräumt werden konnten. Dank der Umsicht des Bahnwarts war ein großes Unglück verhütet worden.
Waldheim, 28. Februar. Einen gräßlichen Selbstmord verüble der Maschinenführer einer Stuhlfabrik hierscldst. In der Frühstückspause setzte er durch Zulassung vollen Dampfes die Dampfmaschine in schnellsten Gang und stürzte sich dann gegen das Schwungrad, das ihm mit einem Schlag den Kopf vom Rumpf trennte und den entseelter. Körper mit furchtbarer Gewalt gegen die Wand schleuderte Durch den ungeheuer raschen Gang der Maschine, wurde das Fabrikgebäude in Erschütterung versetzt; die erschrockenen Arbeiter stürzten ins Freie, die aufgestappelten Stuhlwaaren stürzten zusammen, kurz, es entwickelte sich eine Szene furchtbarster Verwirrung, die noch dadurch erhöht wurde, daß der Selbstmörder mehrere Regulier, schrauben so fest angezogen hatte, daß es erst nach längeren Bemühungen gelang, die Maschine zum Stillstand zu bringen.
Ohrdruf, 27. Februar. Am 19. ds. MkS. hat, wie wir aus der „Thüringer Landes-Zeitung" ersehen, vor dem hiesigen Schöffengericht eine Verhandlung statt- gefunden, welche wegen ihrer prinzipiellen Tragweite in den betheiligten Kreisen Aufsehen erregt hat und auch die Pfarrkonferenzen eingehend beschäftigen wird. Ein Geistlicher unseres Landes, wechcr in seinem Amtszimmer einem Glied seiner Gemeinde in seelsorgcr« licher Unterredung über dessen unfriedliches Eheleben pflichtgemäßen Vorhalt gethan und dabei erklärt hatte, der betreffende Parochiane könne seine Kinder nicht christlich erziehen, ist wegen Beleidigung verklagt und vom Schöffengericht zu Ohrdruf zu 30 Mk. Strafe und zu sämtlichen Kosten verurtheilt worden. Der Hinweis des Geistlichen auf seine kirchlichen Vorschriften und seine pfarramtlichen Pflichten wurde als nicht wesentlich bezeichnet und von juristischer Seite die Ansicht vertreten, ein Geistlicher dürfe nur da Seelsorge ausüben, wo es gewünscht werde.
Sprottau, 1. März. Der Kanonier Stafik, welcher den gemeldeten Bubenstreich bei einer Gefechtsübung ausführte, wodurch ein Geschützrohr unbrauchbar wurde, ist bei seiner Aburtheilung verhältnißmäßig gut weg. gekommen. Angesichts der bisherigen guten Führung des p. Stafik und der stets bewiesenen Pflichttreue wurde die That als Jugendfehler angesehen und die Strafe auf 10 Tage strengen Arrest bemessen.
Kattowitz, 2. März. Am vergangenen Donnerstag früh kam, oberschlcsischcn Blättern zufolge, das kaum acht Jahre zählende Söhnchen eines Arbeiters W. aus Koschuttka bei Kattowitz betrunken zur Schule. Als der Lehrer dies bemerkte, rief er das Kind aus der Bank und fand bei Revision seiner Kleider ein Fläschchen, daS noch mit Branntwein gefüllt war.
Lokales und Provinzielles
* Schlüchtern, 6. März.
* — Versetzt wurde der Kataster-Assistent An ackefr zu Kassel als Katastercontroleur nach Rennerod auf dem Westerwald und der Förster Baden zu Neuhof nach Guttels bei Rotenburg.
* — Wie aus dem heutigen Kreisblatt zu ersehen, findet auf Veranlassung des Kreisausschusses des Kreises Schlüchtern am 20. Juni d. I., Nachmittags 3'/» Uhr in Fulda ein Markt für Nemontepferde statt,