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9.Samstag, den 31. Januar 1891.
Deutsche- Reich.
Berlin. Heute Nachmittag um ö1^ Uhr fand in dem zur Kapelle umgewandelten Speisezimmer des Kaiserpaares die feierliche Taufe des jüngsten Prinzen statt. Der Kaiser führte die Kaiserin, welcher die älteren Söhne folgten. Außer der Kaiserin Friedrich waren anwesend die Mitglieder des königlichen Hauses, zahlreiche landsässige Fürsten, der Reichskanzler, Feldmarschall Moltke, die Minister, die gesammte Generalität. Die Taufpathen, respective deren Vertreter, und zwar Erzherzog Eugen von Oesterreich, der Herzog von Genua, der holländische Admiral Jonkheer van Capellen, die Großherzogin Marie von Mecklenburg und die Herzogin Wera von Württemberg gruppirten sich vor dem Tauf- lisch. Den Taufakt vollzog Hofprediger Dryander. Der Täufling erhielt die Namen Joachim, Franz, Humbcrt. Consistorialrath Dryander segnete die Kaiserin und den Täufling ein. Daran schloß sich eine Desilircour.
Berlin, 24. Jan. Eine interessante Statistik über Erfolge mit dem Koch'schen Heilverfahren wird in her eben erschienenen Sonderausgabe der „Therapeutischen Monatshefte' des Prof. Liebreich veröffentlicht. Von den in einem bestimmten Krankenhause behandelten Patienten sterben 6 pCt, 11 pCt. verschlimmerten sich entschieden, 61 pCt. blieben ungebeffert und nur 19 Prozent wurden gebessert. Hiernach wird man in der That Herrn Sanitätsrath Dr. Thorner zustimmen, daß der Arzt im eigenen und im Interesse seiner Kranken am besten thut, sie in ein gut eingerichtetes und gut geleitetes Krankenhaus zu schicken. Der Privatarzt und womöglich auch der Apotheker, der die Lymphe besorgt hat, würden bei dadurch etwa veranlaßten Todesfällen in eine nicht gerade bencidcnswcrthe Lage kommen. Die Lymphe für die Krankenhäuser dürfte nach wie vor aus der staatlichen Anstalt direkt geliefert werden.
— Die Sozialdemokraten haben im Reichstag einen Antrag auf Verstaatlichung des Apothekerwesens eingebracht. Derselbe lautet: Die verbünd! ten Regierungen zu ersuchen, alsbald dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Uebernahme der Verwaltung und des Eigenthums des Apothekenwesens durch das Reich herbeigeführt wird. Zur Begründung ist beigefügt: „Der Uebergang des Apothekerwesens in Reichsverwaltung und Reichseigenthum ist die nothwendige Konsequenz der Gesetze über Kranken-, Unfall- und Jn- validitätsversicherung. Das Reich soll mit der Verwaltung und Besitznahme des Apothekenwesens kein fiskalisches Interesse verfolgen, sondern die Medikamente zum Selbstkostenpreis verabreichen." Die armen Neun- undneunziger!
Aus Anhalt, 26. Jan. Im anhaltischen Lehrerseminar zu Cöthen hat eine Disziplinaruntersuchung gegen Schüler der zweiten Seminarklasse wegen sozialdemokratischer Umtriebe begonnen. Die Schüler, im Durchschniit neunzehn bis zwanzig Jahre, sind verdächtig, sich durch Antheilnahme an sozialdemokratischen Schriften, sowie durch Agitation innerhalb und außerhalb des Seminars ander sozialdcmokratischen Propaganda praktisch bethätigt zu haben. Einer der Schüler, Otto Friedrich, entzog sich der drohenden Relegation durch schleunigen AuStrittt aus dem Seminar. Bei dem ganzen Vor- kommniß muß noch besonders hervorgehoben werden, daß das Cölhner Seminar als Alumnat eingerichtet ist, in dem die Zöglinge einer fast militärischen Kontrole unterworfen sind.
Als am Sonntag Abend ein Geschirrführer aus einem Dorf bei Merseburg nach Hause fuhr, gewahrte er am Weg einen Gegenstand, den er für einen vom Frost erstarrten Menschen hielt. Ohne sich weiter von der Richtigkeit seiner Wahrnehmung zu überzeugen, beschleunigte er seine Ankunft im Dorf, pochte hier sofort den 60jährigen Ortsrichter heraus, dieser weckte zu seiner Unterstützung auch noch den Schwiegersohn und so begaben sich die drei eiligst an den verhängnisvollen Ort, um kurz vor 12 Uhr nachts die Entdeckung zu machen, daß der Geschirrführer einen großen Feldstein für einen erfrorenen Menschen gehalten hatte.
Eisenach, 24. Jan. Der durch seine Erdbeben- Thcorre, sowie durch seine Forschungen auf dem Gebiet der Wetterkunde bekannte österreichische Gelehrte Rudolf Falb hat gestern Abend im Kaufmännischen Verein vor einem HörerkreiS von etwa 400 Personen einen Vortrag gehalten über „die kritischen Tage, die Gistfluth und
die Eiszeit." Für das Interesse, welches Falb hier erregt hat, spricht der Umstand, daß man heute überall, wohin man kommt, von kritischen Tagen und Aehnlichem reden hört. Der für den morgenden Sonntag angesagte kritische Tag kündet sich bereits durch einen außerordentlich starken Sturm an, ein Grund mehr zu den Biertisch-Unterhaltungen über Falb und seine Theorie. Die Sintfluth bezw. die Eiszeit sind nach Falb der Höhepunkt der kritischen Tage und dies Maximum wiederholt sich ungefähr alle 11,000 Jahre. Die Sint- fluth fand etwa 4000 v. Chr. Geb. statt, im Iahe 6400 n. Chr. hat die Welt eine neue Auflage derselben zu gewärtigen! Liegt das kritische Maximum Falbs somit noch Jahrtausende vor uns, so ist das Minimum bereits seit dem Jahr 1240 überschritten. Zum Beweis hierfür beruft er sich darauf, daß die Gletscher feit etwa 800 Jahren vorrücken, der Weinbau, der vor Jahrhunderten noch in Norddeutschland geblüht hat zurückgegungen ist rc. Aus dem Falb'schen Vortrag dürfte noch von Interesse sein, daß das gegenwärtige Jahr in Bezug auf die kritischen Tage das Vorjahr übertreffen und das Jahr 1892 noch stärker in dieser Beziehung sein soll, als das laufende. Von den kritischen Tagen des laufenden Jahres nennen wir den 10. Januar, den 25. Januar, den 9. Februar, 9. März und vor allem den 18. S ptember als den stärksten.
Nürnberg. Harte Strafe traf einen Baumfrevler, einen 20jährigen Maschinenschlosser, der aus Acrger darüber, daß er aus einem Wirthshause an die Luft gesetzt worden war, an einer Staatsstraße in der Umgebung 45 junge Bäumchen abgeschnitten und abgc- brachen hatte. Nach Verkündung deS Urtheils, das auf fünfviertel Jahre Gefängniß lautete, geberdetc sich der Verurteilte wie rasend, so daß ihm beim Fort- schaffen aus dem Gerichtsgebäude Fesseln und Knebeln angelegt werden mußten.
Duisburg, 25. Januar. Die Duisburger Eisenbahnbrücke über den Rhein wird von Pionieren geschützt, die jeder Stauung vor den mächtigen Pfeilern durch Sprengungen mittelst Dynamits zu begegnen suchen. Heute Mittag verunglückten dabei acht Pioniere, indem sie in den Strom fielen; sie wurden gerettet, einer war aber in Folge Quetschung zwischen den Eisschollen schwer verletzt. In der Ruhrmündung und bei Mühl- Heim finden ebenfalls Sprengungen durch Pioniere auf der Ruhr statt. Unheimlichen Eindruck macht das Schießen der Allarmkanonen und das Läuten der Sturmglocken, das heute Morgen gegen vier Uhr begann.
Gelsenkirchen, 26. Jan. Heute Nachmittag fand die Beerdigung der 53 auf der Zeche Hibernia verunglückten Bergleute statt. Die meisten Häuser zeigten Trauerflaggen. Das Leichengefolge umfaßte mindestens 30,000 Menschen. Von den Verletzten sind nachträg lich mehrere gestorben. Es sind nahezu 60 Todte. Da noch immer Leute vermißt werden, wird die Ge- sammtzahl der Opfer einschließlich der Verletzten zwischen 80 und 90 betragen, Sechs leicht Verletzte sind aus den Krankenhäusern entlassen. Verheirathet sind 25, dieselben hinterlassen Wittwen und über 60 Waisen. Das Unglück gehört zu den größer« des Ruhrbergbaubezirks, dessen größtes, die Explosion auf Zeche Neu-Jserlohn am 1b. Januar 1868, 101 Opfer forderte.
Ansland.
In Oerlikon in der Schweiz wurden am Sonnabend in Gegenwart staatlicher Abordnungen aus Berlin, Carlsruhe, Stuttgart und Frankfurt durch die Dortige Maschinenfabrik Versuche angestellt mit hochgespannten electrischen Strömen. Ein Strom von 100 Volt wurde mittelst der ncuconstruirten Oeltrans- formatoren umgewandelt in einen Strom von 33,000 Volt und dieser Strom in einer sieben Kilometer langen Drahtleitung über den Hof des Fabrikgebäudes in den Fabrikraum zurückgeführt und dort mit Hülfe eines Oeltransformators wieder auf den schwächge- spannten Strom von 100 Volts heruntergebracht und in Glühlichtlampen zur Beleuchtung verwendet. Der Versuch ist vollständig gelungen Und beweist die technische Möglichkeit der Kraftübertragung von Laufen nach Frankfurt für die Zw.cke der Ausstellung.
Oesterreich. In dem gallischen Dorfe Przependow, Bezirk Tarnow, herrschte vor einigen Tagen unter den Bewohnern große Angst und Aufregung über das Er
scheinen zahlreicher Wölfe, welche von der äußersten Noth getrieben, selbst bei Hellem Tage raub« und mord- lustig in unmittelbarster Nähe der Ortschaft herum« schwärmten. Ein Bauer Namens Gawel Piatkiewicz saß mit seiner zahlreichen Familie in der Wohnstube, um mit ihr das gemeinschaftliche Mahl einzunehmen. Plötzlich wurden sämmtliche Anwesende durch das klägliche Angstgeheul des Hofhundes aufgeschreckt, der denn auch bald darauf zu Aller Entsetzen mit einem Ver- zweiflungSsprunge durch die Fensterscheiben Schutz suchend mitten unter die erschreckte Familie stürzte, verfolgt von einem riesigen Wolfe, der es auf den Hund abgesehen hatte. Das Aufkreischcn der bestürzten Frauen und der Schreckensruf der Männer machten die Bestie stutzig, die sich so unerwartet so vielen schreienden Menschen gegenübersah, und rasch wollte dieselbe auf demselben Wege, den sie gekommen war, das Weite suchen. Der beherzte Bauer jedoch, dies vorausschend. war mit einem Sprunge am Fenster, erwischte gerade noch eine Hinter« Pranke des flüchtenden Wolfes, die er, da der schwere Körper des Raubthieres aus dem Fenster hing, trotz aller Anstrengungen des gefangenen Räubers so lange festhielt, bis es dem ältesten Sohne des Bauern gelang, durch Axthiebe auf den Schädel die Bestie zu erlegen. Bei vielen Flaschen Wodka wurde dann in Gemeinschaft der Ortsinsassen die Heldenthat Piatkiewicz gefeiert.
In Amerika ist für nächstens Jahr eine Massen« strikc Der Bergarbeiter zur Erlangung des achtstündigen Arbeitstages corbereitet. Man rechnet auf eine halbe Million Theilnehmer.
Von einem furchtbaren Schneesturm wurde Newyork heimgesucht, welcher die meisten Telegraphen- und Telephonlcitungcn, sowie die elektrischen Lichtdrählk zerstörte, so daß fast das ganze Geschäft in's Stocken gerieth. Der Verkehr der Straßenbahnen war wegen des hohens Schnees eingestellt. Durch zerrissene elektrische Dräthe sind zahlreiche Unfälle herbeigeführt.
Ein in London über Mexiko eingegangenes Telegramm aus Chili besagt, daß un'er den RegierungS« truppen große Unzufriedenheit herrsche und ein Aufstand zu erwarten sei, wenn Präsident Balmameda nicht bald Frieden mit dem Congreß machen wolle.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 29. Jan. Das Ergebniß der Volkszählung vom 1. Dezember 1890 im Streife Schlüchtern beziffert sich auf 28,506 Seelen, gegen 28,990 im Jahre 1885 und 31,892 im Jahre 1870. Davon entfallen auf die Städte: Schlüchtern 1890: 2628, 1885: 2631 und 1870: 2827 Seelen; Ste inau 1890: 2121, 1885: 2186 und 1870: 2959 Seelen; Sal- Münster 1890: 1171, 1885: 1212 und 1870: 1545 Seelen; Soden 1890: 934, 1885: 883 und 1870: 1016 Seelen. Es ist mithin eine allgemeine Abnahme der Bevölkerung des Kreises Schlüchtern in den letzten 20 Jahren zu conftatiren und zwar beträgt dieselbe für den ganzen Kreis 3,386 Seelen, also noch mehr, als Die Städte Steiuau und Salmünster bei der letzten Volkszählung zusammen Einwohner gehabt haben. Die Ursache mag in dem in den letzten Jahren vorherrschenden Zug in die großen Städte liegen.
* — Die Kaisergeburtstagsfeier in hiesiger Stadt verlief in hergebrachter Weise. Nachdem bereits am Sonntag Abend Der Handwerkerverein einen Ball dieser« halb gehalten, fand am Montag Abend in der Aula des Seminars ein sehr zahlreich besuchtes Instrumental- Concert, verbunden mit Verträgen, statt, welches von Den Schülern des Seminars ganz vorzüglich enutirt wurde. Am Dienstag, Dem eigentlichen Festtag, fanden die üblichen Schulfeiern für die Kinder, Der Festgottesdienst in der Kirche und die Festessen im Seminar und im Hotel Stern statt. Außerdem veranstaltete der hiesige Kriegerverein am Abend im Hess. Hof für seine Mitglieder eine Musikalisch« Theatralische Abendunter« Haltung mit nachfolgendem Tanzvergnügen. Es wurde vielfach am Abend auf den Straßen geschossen, doch ist uns kein Unfall, der daraus entstanden, bekannt geworden.
* — Der Bürgermeister Adam Herzog zu Wall- roth ist zum Standesbeamten für Den dasigen Standesamtsbezirk und der Ausschußvorsteher Heinr. Leipold daselbst zum Stellvertreter desselben ernannt worden.
* — Verliehen: dem ordentlichen Professor in der medincinischen Fakultät Der Universität Marburg und Direktor derLandesJrren-Heilanstaltdas.Dr. Cramex