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SchlüchtemerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ^Gemeinnützige Blätter" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg

Jf 7. Samstag, den 24. Januar 1891.

der Theke und ging damit fort. Kurze Zeit nachher erschien in der Wohnung des Arbeiters der Bäcker in Begleitung eines Schutzmannes, um den Mann wegen Diebstahls festnehmen zu lassen. Als nun aber der Schutzmann das Elend sah, die vier hungerigen Kleinen, die kranke Frau, welche sich bemühte, in Ermangelung von Kohlen den Ofen mit Strohhäcksel zu Heizen, wies er den Bäckermeister wegen seiner Hartherzigkeit ordent­lich zurecht, bezahlte demselben das Brod und überreichte dem Arbeiter auch noch einen kleinen Betrag als Ge­schenk. Achtung vor einem solchen Beamten!

Bacharach. Nach Messungen seitens der Strombau- verwaltung hat das Rheineis hier eine Dicke von 1,50 bis 5 Meter; an einer Stelle fand man sogar eine Dicke von 7, sage sieben Meter!

Lindau, 19. Jan. Die Schiffahrt auf dem Boden- see ist eingestellt; die Dampfer sind im Hafen einge­froren. Der See ist, soweit das Auge reicht, zuge­froren.

Halle, 18. Januar. Die hiesige Polizei-Verwaltung hat einen Oberfeuerwehrmann und drei von der Feuer­wehr bei einem kürzlich ausgebrochenen Viand an der Lindenstraße angenommene Hilfsarbeiter der Staats­anwaltschaft übergeben, weil dieselben im Verdacht stehen, den eisernen Geldschrank des Dom Feuer heim­gesuchten Geschäftsmanns erbrochen und 600 Mk. daraus entwendet zu haben!

Goldeustedt. Der hiesige Pfarrer unseres Kirch­dorfes, Herr Müller, kehrt soeben von einer sehr inte­ressanten Reise aus Sibirien zurück. Der Grund ist, demWests. Merk." zufolge, folgenden: Ein Mündel dieses Herrn beabsichtigte in die russische Armee einzutreten, wurde aber nicht angenommen. Infolge -dieser Abweisung ließ sich der junge Mann zu be­leidigenden Aeußerungen in Bezug auf die russische Re­gierung hinreißen und wurde darauf nach Sibirien verbannt. Er hatte kaum noch Zeit, seinem Vormund telegraphisch Nachricht von der traurigen Lage zu geben. Darauf erwirkte der Pfarrer mit freundlicher Hülfe der deutschen Behörden in Berlin die Freilassung des un­besonnenen Jünglings, weil derselbe das straffällige Alter noch nicht erreicht hatte. Im Besitze dieses wichtigen Dokuments eilte der Herr Pastor nach Peters­burg, um die Freilassung des jungen Mannes, die ja schon auf dem Papier stand, nun auch wirklich zur That werden zu lassen; allein dort besam er die er­schütternde Nachricht, daß der Transport mit seinem Mündel bereits nach Sibirien abgegangen sei. Ent­schlossen brach der unerschrockene Mann sofort nach Sibirien auf, um sein Mündel um jeden Preis zu retten. Nach siebentägiger, überaus gefahrvoller Schlittenfahrt durch die Schneewüsten Rußlands gelang es ihm, obschon auf sibirischem Grund und Boden, den Zug der Verbannten einzuholen und seinen bedauerns- werthen Schützling den Klauen der russischenGerechtig­keit" zu entreißen.

Lokales und Provinzielles.

* Schluchzern, 22. Jan.

* Die grimmige Kälte ist seit gestern bei uns einer etwas milderen Temperatur gewichen, aber dafür ist in der vergangenen Nacht und heute Vormittag wieder viel Schnee gefallen, der für die nothleidendcn Menschen und Thiere nicht geringere Kalamitäten im Gefolge haben wird. Die Noth der gefiederten Sänger in Feld und Wald ist in diesem ungewöhnlich strengen Winter sehr groß und täglich hört man, daß viele Vögel durch Hunger und Frost zu Grunde gegangen sind. Möge daher jeder Thierfreund zur Erhaltung der armen Thiere das Seinige thun, namentlich durch Anlage von ge­eigneten Futterplätzen. Auch unter dem Wilddestand unserer Wälder richten Schnee und Kalte große Ver­heerungen an, überall stoßen die Forstbcamtcn auf ver­hungertes R hwild, Hasen u. s. W. Besonders Meister Lampe ist schlimm daran, seitdem ihm durch die dichte und theilweise fest gefrorene Schneedecke jede Möglich­keit zur Erlangung von Futter abgeschnitten ist.

a. Die anhaltende Kälte hat unter der Bogelwelt großen Schaden angerichle', überall findet man draußen todte Vögel, welche verhungert oder erfroren sind. Die Thiere sitzen mehrfach erfroren im Schnee oder auf dcw Eis fest, so daß es aussteht, als wenn sie noch lebten. Dieses mahnt uns immer wieder daran, im Winter besonders bei dem hohen Schnee den armen

yMUhtttnott °uf dieSchlüchterner Zeitung" ^qltUlinyCU werden noch fortwährend von allen

'-'^- - Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Jan. Kaiser Wilhelm wohnte am Mon­tag Mittag der Einweihung der neuen Friedenskirche in der Ruppinerstraße in Berlin bei, die zum Gedächt­niß an die Kaiser Wilhelm I. und Friedrich errichtet ist. Außerdem waren alle in Berlin anwesenden Fürst­lichkeiten zugegen. Die Weiherede hielt General- superintendent Dr. Brückner. Am Nachmittage fand größere Tafel im Schlosse statt. Der Kaiser hat dem Fürsten Bismarck zum Weihnachtsfeste ein Album mit Aufnahmen aus dem Innern des Palais Kaiser Wilhelm's I. geschickt. Auf das Dankschrciben des Fürsten folgte dann eine Neujahrsgratulation Kaiser Wilhelm's.

Ueber die Abgabe des Koch'schen Heilmittels an die Apotheken sind gegenwärtig im Kultusministerium in Berlin Verhandlungen im Gang. Ueber die damit zusammenhängenden Fragen wird die wissenschaftliche Deputation für Medizinalwesen gehört. Es handelt sich dabei namentlich um die Einreihung des Heilmittels unter die Zahl derer, über die besondere Vorschriften über die Art der Abgabe durch die Apotheken bestehen. Koch hat, entgegen seiner früheren Ansicht, jetzt erklärt, sein Mittel sei den praktischen Aerzten zu übergeben, weil in der Praxis derselben überwiegend Fälle phtisischer AnfangSstadicn vorkommen, für welche das Mittel eigent­lich wirksam ist, während in den Kliniken überwiegend hochgradige Phthisen vorkommen, welche jenseits der Heilgrenze liegen. Der Kultusminister hat von allen hervorragenden Aerzten, welche mit dem Koch'schen Heil­mittel operieren, Gutachten über ihre Beobachtungen und Erfahrungen eingeholt. Es wird darüber eine Publikation vorbereitet.

Hamburg, 19. Januar. Nach einer aus JquWe tingetroffenen Meldung ist daselbst ein von England abgegangenrs Segelschiff erst nach 190 Tagereisen an- gekommen. Das Schiff soll dieselben Stürme, von denen man Orth's Schiff betroffen glaubt, bestanden und Orth's Schiff auch gesehen haben. Man glaubt, dadurch zu neuen Hoffnungen auf eine Rettung Johann Orth's berechtigt zu sein.

Bremen Der Kassier Vetters,Reserveoffizier", der seiner Firma über 1,600,000 M. unterschlagen und mit seiner Geliebten, der wegen Ehebruchs mit ihm und Anderen geschiedenen 50 I. alten Jüdin Cohn, verputzt hatte, wurde zu 10 Jahren, die Jüdin wegen Hehlerei und Bankerott- zu 7 Jahren Zucht­haus verurtheilt.

Kiel, 13. Januar. Nach uralter Sitte werden in der Zeit des Tages der heiligen drei Könige fast alle bedeutende Hypothekengeschäfte der Provinz in Kiel er­ledigt. Das ist die Bedeutung des KielerUmschlags", dessen Bestehen seit einem halben Jahrtausend nach- weisbar ist. So unbedeutend auch der in früheren Zeiten so bedeutende Fremdenvetkehr in den Ninschlags- tagen geworden ist, so erheblich sind die Umsätze, welche hier diesmal gemacht worden sind. Die Geschäfte haben sich diesmal sehr glatt abgewickelt. Geld war so reichlich vorhanden, daß es gegen ausreichende Sicherheit für 3'/« 4 pCt. leicht zu haben war, da­gegen war es schwerer, Geld für städtische Neubauten an zweiter oder dritter Stelle zu erhalten, für solche Posten ist der Zinsfuß vielfach um '/«'/, pCt. gestiegen.

Bei Emmerich vorgenommene Messungen des Rhein- eiseS am Spyck (unterhalb Emmerich) ergaben eine Dicke von annähernd fünf Metern, gerade gegenüber der Stadt eine solche von 2 bis 3 Metern. Es ist daher kein Wunder, wenn hier schwerbelastete Wagen über die natürliche Eisbrücke fahren.

Köln, 17. Jan. Vor einigen Tagen wollte bei einem in der Nähe von St. Kunibert wohnenden Bäcker­meister ein Arbeiter ein Schwarzbrod borgen. Der Bäckermeister wies ihn ab, da die alle Schuld noch nicht bezahlt sei. Der Arbeiter bat den Meister, er möchte ihm das Brod noch einmal lassen, da seine vier Kinder vor Hunger schrieen; wenn er Arbeit habe, würde er sofort zahlen. Als der Bäcker sich hierdurch nicht erweichen ließ, nahm der Arbeiter ein Brod von

Vögeln Futter zu streuen, um sie wenigstens vor dem Hungertode zu retten.

* Wegen zu großer Kälte und Wassermangel mußten die meisten Mühlen ihre Thätigkeit einstellen. Unter den Landleuten macht sich bereits der Mangel an Mehl fühlbar.

* Es ist merkwürdig, daß harte Winter beinahe immer nach 10 Jahren wiederkehren. So ist z. B. der Winter von 1860,61 berüchtigt durch seine Kälte, der von 1870/71 gab ihm nichts nach, der Winter von 1880/81 ebenfalls und der von 1890/91 scheint es seinen Vorgängern nachthun zu wollen.

* In den Eisenbahn-Verwaltungen ist man wegen der Einwirkungen der andauernden strengen Kälte und starken Schneefälle auf den Betrieb von großer Besorgniß erfüllt, weil unfehlbar eine große Eisenbahn- Kalamität eintreten muß, falls nicht bald in Bezug auf das Wetter eine Wendung zum Besseren eintritt. Von allen Seiten treffen Hiobsposten in den Centralstellen ein, Hunderte von Lokomotiven haben Schaden gelitten und mußten außer Betrieb gesetzt werden, die Güter­wagen sind überall festgelegt, sodaß solche für die Ver­ladung der nothwendigsten Güter allenthalben fehlen, insbesondere für die Kohlen, für welche naturgemäß gerade ein überaus gesteigerter Bedarf eingetreten ist. Hierzu kommen noch die vielen Brüche, welche durch den starken Frost bei dem rollenden Material Vorkommen, so daß auch hier viele Ausrangierungen nothwendig werden. Wie sehr die Lokomotiven bei dem jetzigen Betrieb angegriffen werden, ist schon allein aus dem Umstand ersichtlich, daß jetzt jede einzelne Lokomotive zur Feuerung monatlich vierhundert Centner Kohlen mehr verbraucht, als unter normalen Verhältnissen.

Die Berliner Handelskammer hat auf ihre Ein­gabe um Wiedereinführung vonSonntagsbillets" vom Eisenbahnminister eine ablehnende Antwort mit der Motivirung erhalten, daß eine allgemeine Herabsetzung der Fahrpreise bevorstehe.

* Zur Darnachachtung sei dem Kaufmannsstandc folgender Fall mitgetheilt: Der Agent H. erhält einen Waggon mit 200 Kisten Corned beef, beim Entladen durch einen Spediteur stellt sich heraus, daß der Waggon nur 199 Kisten enthält. Der Waggon ist bei der Verladcstativn plombirt worden, plom- birt angenommen und der thatsächliche Inhalt von 199 Kisten bahnseitig bestätigt worden, trotzdem ver­weigert die Bahn den Ersatz für die fehlende Kiste. Der Versender verweigert ebenfalls den Ersatz, weil die Bahn ihm die 200 Kisten am Versandorte abgenommen und den Empfang bescheinigt habe. Der Bahn wird der Einspruch nichts helfen, denn das Reichsgericht hat entschieden, daß sobald die Güterexpedition den Frachtbrief über das verlorene Gut angenommen, sie auch für das Gut bis zur Anlieferung an den Em­pfänger hafte. Nur in dem Falle, wo der Versender auf dem Frachtbrief vermerktselbst verladen", über­nimmt er die Verantwortlichkeit für den Inhalt und ist dem Empfänger für denselben verantwortlich.

* Bei der am 20. d. Mts in Kassel stattge« fundenen Ausschußsitzung der Jnvaliditäts- und Alters« versicherungs-Anstalt Hessen-Nassau wurde die interessante Mittheilung gemacht, daß bis jetzt sich 1800 Personen als berechtigt zum Bezug von Altersrente gemeldet hätten. Es wird die betreffende Rente die Anstalt für dieses Jahr allein mit ungefähr 216,000 Mark belasten.

Das Ende deS Privathandels mit preußischen Lotterieloosen dürfte sehr nahe bevorstehen. Im preu­ßischen Landtage ist vom Centrum und den beiden konservativen Parteien, also der sehr großen Mehrheit, folgender Antrag im Einverständniß mit der StaatS- regicrung eingebracht:Wer ohne staailiche Ermächtigung gewerbsmäßig Loose oder Loosabschnitte der königlich preußischen Staatslotterie, oder Urkunden, durch welche Antheile an solchen Loosen oder Loosabschnitten zum Eigenthum übertragen werden, feilbietet oder veräußert oder zeitweise an einen Anderen überläßt, wird mit einer Geldstrafe von WO bis 1500 Mark bestraft. Dieselbe Strafe trifft den, welcher ein solches G.schüft als Mittelsperson betrübt." Die B stimmung wird wohl schon bei der nächsten Klassenziehu.ig Gesetz straft haben und Lottericspieler, welche von Privathäudlern ihre Loose bezogen haben, werden gut thun, sich vorzusehen. Die Loose sollen also lediglich von den amtlichen Lotterie-