SchWemerMtung
Erscheint Mittwoch u. Samstag—Preis mit „Kreisblatt" u. ,.Gemeinnützige Blätter" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
M 6. Mittwoch, den 21. Januar 1891.
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Wo find die Milliarden geblieben?
Ein summarischer Nachweis, wo die seit 1871 von Frankreich als Kriegsentschädigung bezahlten 5 Milliarden geblieben sind, darf wohl auf einiges Interesse rechnen. 5 Milliarden Francs sind bekanntlich genau gleich vier Milliarden Mark, und soll daher letztere Summe zu Grunde gelegt werden. Wir wollen mit dem erfreulichsten Theil beginnen: Nahezu den vierten Theil oder eine Milliarde besitzt das deutsche Reich noch gegenwärtig in 5 Fonds, den Jnvalidenfonds, welcher allein mit 561 Millionen dortirt ist, dem Reichs F-stungsbaufonds, dem RcichS-Eisenbahnbaufonds, dem bekannten Kriegsschatz im Juliusthurm in Spandau (120 Millionen) und dem Fonds für das Reichstagsgebäude (24 Millionen, wozu stets die beträchtlichen, seit 1873 ausgelaufenen Zinsen treten.) Die zweite Milliarde ist lediglich durch die Hände des Reiches gegangen, indem mit derselben sofort die drei Kriegs-Anleihen von 120 Millionen, 100 Millionen und 120 Millionen preußische Thaler = 1020 Millionen Mk. getilgt worden sind. Bon den beiden letzten sind etwa 1 '/* Milliarde verwandt zum Ersatz der direkt durch den Krieg erwachsenen Schäden; wir nennen nur die Hauptrubriken: für die Wicderherst.llung der gestimmten im Feldzuge verschlissenen Heeresausrüstung (das sog. Retablissement) 320 Millionen, die Vergütung sämmtlicher Kriegsschäden in Elsaß-Lothringen und Baden (Kehl), sämmtlicher Schäden der deutschen Rhederei durch die Kaperei, die Entschädigung der aus Frankreich verjagten Deutschen, die Erstattung sämmtlicher Kriegskosten der deutschen Gemeinden (Eü quartirung, Fuhren), die Transportkosten der Eisenbahnen für Beförderung sämmtlicher Truppen, Borräthe, Gefangenen. Ueber die dann noch übrigen 3M Milliarden ist zu einem kleineren Theil für bestimmte große Reichszwecke verfügt, namentlich die Kosten der Einführung der Münzeinheit, also der Prägung der gestimmten neuen Münzen; ferner die Reichsbeihilfe zur Gollhardbahn und die bekannten Dotationen des Fürsten Bismarck uud der Generäle (12 Millionen). Eine bescheidene halbe Milliarde endlich ist zur Austheilung an die einzelnen Staaten ge- largt und in der mannigfachsten W.ise verwandt zur Schuldentilgung, zu Steuererlassen, Verbesserung der Beamtengehälter, in Preußen speziell auch zur Dotation der Provinzialverbände.
So haben die französischen Milliarden allerdings UNS vielfach!» Nutzen gebracht, aber auch großen Schaden. Denn sie waren die nächste und direkte Veranlassung zu dem riesigen Gründlings-, Börsen- und Großwucherschwindel, der nach dem Kriege über das deutsche Volk hereinbrach und ihm vielleicht mehr gekostet hat, als die Milliarden uns nutzten. Die Riesensummen, welche bei jener gewaltigen Verschiebung der Vermögen den mittleren und kleinen Ständen entzogen wurden, um sich in ganz wenigen Händen an- zusammel», hat noch Niemand ernstlich geschätzt. Sie werden aber auch in die Milliarden taxirt. Hub nachdem der große Krach vorüber war, lag es noch jahrelang wie ein schwerer Alp auf dem Erwerbs- und Wikthfchaflsleben unseres Volkes. Die Verluste, welche diese Nachkrankheit im Gefolge hatte, muß man ebenfalls zu den Wilkungen der Milliardenzeit rechnen.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Jan. Der Antrag Richter auf Herabsetzung der Kornzölle ist abgelehnt worden. Bet der heute Nachmittag erfolgten Abstimmung über dön Antrag Richter wurde derselbe mit 210 gegen 106 Stimmen abgelehnt.
— Im Etat der General-Ordens-Kommission fehlt zum erstenmal die Position „Ehrensold für die Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Klasse aus den Befreiungskriegen" von 1813—1814. Im vergangenen Jahr ist der letzte Inhaber dieses Ordens gestorben.
— Der Reichskanzler publizirt eine Verordnung, wonach für das gewöhnliche Telegramm innerhalb des Reiches auf alle Entfernungen eine Gebühr von 5 Pfg. für jedes Wort, mindestens jedoch der Betrag von D Pfg. erhoben Wird. Der jetzige vor einige» Jahren
von Stephan eingeführte Satz beträgt bekanntlich 6 resp. 60 Pfennig. Die Verordnung tritt am 1. Fcbr. in Kraft.
* — Eine Folge des deutsch-französischen Krieges, auf die, so viel wir wissen, noch von keiner Seite aufmerksam gemacht worden ist, stellt sich gegenwärtig bei den Eintragungen in die Stammrolle heraus. Im Jahr 1871 war die Anzahl der Geburten aller Orten beträchtlich geringer, als in normalen Jahren und im gleichen Verhältniß ist für das Jahr 1891 die Zahl der Gestellungspflichtigen gesunken. Der Regierungsbezirk Trier zählt dieses Jahr nur zwei Drittel so viel Gestellungspflichtige wie 1890 und in anderen Landestheilen wird das Zahlenverhältniß etwa das gleiche sein. Es folgt aus dieser Thatsache, daß im Jahr 1891 jeder Taugliche eingezogen werden muß und manche Reklamation nicht wird berücksichtigt werden können.
Hamburg, 17. Jan. Die Eisverhältnisse in der Unterelbe nehmen neuerdings einen bedenklichen Charakter an. Verschiedene Segelschiffe treiben hilflos mit Nothsignalen nach Verlust der Anker, so die Bark „Kinfauns" und „Senator Vetsmann." Ein Vollmastschiff und ein Dreimastschooner sind bei Schagchören an der Elbe gestrandet. Zahlreiche Schiffe haben ihre Anker, Dampfer ihre Schrauben verloren. Die stärksten Schleppdampfer können von Cuxhaven nicht heraus, um auf Nothsignalc Hilfe zu bringen. Kolossale Eismassen sind in die Unterelbe getrieben und zu Eisbergen aufgethürmt. Der Schnelldampfer „Augusta Viktoria" sitzt seit gestern Vormittag 10 Uhr im Elfe bei Blankenese fest; er wollte nach Cuxhaven, um zur Mittelmeerfahrt bereit zu sein.
Aus Westfalen. Eine außerordentlich wichtige und Aufsehen erregende Entscheidung hat, wie aus Hagen geschrieben wird, das Reichsgericht gefällt. Nach der Gewerbeordnung müssen die Arbeitgeber den jugendlichen Arbeitern Vormittags und Nachmittags je eine halbe Stunde Pause gewähren. In mehreren Hagener Fabriken, in denen die Bormittagspause von 8 bis ^O Uhr stattfindet, hatten die Arbeitgeber den jugendlichen Arbeitern die Vergünstigung gewährt, daß diese ihre Arbeit erst nach der Pause zu beginnen brauchten, wodurch ihnen die bis 8 Uhr eigentlich zu abfolvirende Arbeitszeit geschenkt wurde. Diese jungen Leute arbeiteten also von */s9 bis 12 Uhr ohne Pause. Die betreffenden Arbeitgeber kamen nun vor die Strafkammer, weil sie diesen jugendlichen Arbeitern innerhalb ihrer Vormittags-Arbeitszeit keine Pause gewährt hatten; sie wurden jedoch freigesprochen, weil durch den eingeführten Modus die Pause nicht nur vorweg gewährt, sondern auch die Arbeitszeit stark verkürzt worden war. Das Reichsgericht hat diese Entscheidung aufgehoben und entschieden, daß die Pause unter allen Umständen zu gewähren sei, gleichviel wann die Arbeit beginne. In Folge dieser Gesetzesauslegung mußten die Angeklagten nun von der Strafkammer verurtheilt werden. D-e Fabrikanten werden also gezwungen, die jungen Leute länger arbeiten zu lassen, als sie selbst wollen.
Verben, 13. Januar. Daß auch der Iltis ein gefährlicher Fischjäger ist, beweist die Entdeckung, welche Gastwirth Claus Bösch in Brunshausen vor einigen Tagen machte. Derselbe schoß in der Nähe der Pratjeschen Ziegelei einen Iltis, welcher eben im Begriff war, in einen Reethaufen hineinzukriechen. DaS in dem Haufen befindliche Lager des Raubwildes wurde nachgesehen und es fanden sich in demselben mehrere todte Ratten und Frösche, sowie neun Aale. Ein ähnlicher Fall wird aus Verben gemeldet. Nach der „HanN. Volkszlg." fand ein Jäger in Torsholt in der Vorräthskammer eines Iltis 1 Quappe, 4 Frösche und 24 Hechte, von denen die kleinsten einige Zoll und die größten 1—1 ’/s Fuß Länge hatten.
Sreuett, 15. Januar. Vorgestern entleibte sich in seiner Behausung der hiesige Webermeister P. Derselbe war Kassiret bei der allgemeinen Ortskrankenkasse. Als Grund seines Todes führt s.r Heimgegangene in zwei hinterlassenen Briefen an, daß er seine Rüste den Anforderungen gegenüber, die die weitere Führung und Verwaltung der allgemeinen Ortskrankenkasse in Verbindung mit der Alterversorgung und Jnöaliditäts- versicherung an ihn stellen würden, für die Zukunft für zu schwach halte.
— Aufsehen erregte in Ältenburg ein Handwerks- bMfchr, Welcher barfuß tm Schnee durch die Pauritzer
Gassi, Wilhelmstraße und Kanalstraße lief. Mitleidig? Menschen gaben ihm Strümpfe und Stiefel, welche er aber fortwarf. Der seltsame Tourist war jedenfalls ein Anhänger Kneipps.
Leipzig, 17. J inua r. Der Staalssikretär v. Ochlschläger ist zum R ichsgerichtspräsideuten vom Kaiser ernannt worden.
Aus dem Meininger Oberland, 15 Januar. Gewöhnlich wird angenommen, daß eine mit einem Cylinder versehene Petroleumlampe ebenso ungefährlich sei, als eine gutschließende Laterne, und daher in gleicher Weise wie diese benutzt werden könne. Das ist aber nicht so, wie ein vor kurzem in einem Dorf des Kreises Sonneberg vorgekommener Fall zeigt. Ein Handwerker ging nämlich mit der sonst für die Wohnstube bestimmten Hängelampe in die Scheune, um das für seine Arbeit nötige Holzmaterial zu holen. Wohl in Folge eines plötzlichen Luftzugs explodierte die Lampe, das sich ergießende brennende Petroleum ergriff die zunächst liegenden Gegenstände und bald stand die ganze Scheune in Flammen. Diese und die anstoßenden Gebäude sind in Asche gelegt worden.
Mannheim, 13. Jan. Der verhaftete Postbote Reffert aus Ladenburg hat eingestanden, daß er die Werthbriefe geöffnet und sich selbst, um den Anschein eines Raubanfalls zu erwecken, die lebensgefährlichen Verletzungen beigebracht habe.
Lausenburg, 14. Jan. In der Nähe von Laufenburg wurde anläßlich des Bahnbaues Stein-Koblenz in einer Tiefe von etwa drei Metern eine Ringelnatter in ihrem Winterschlafs ausgegraben, welche 3,80 Meter lang ist. Fachmänner eiklären sie als die giftlose Cd über natrix aus der Familie der Innocua und sfl ätzen sie 100 bis 120 Jahre alt. Vielleicht ist eS xVMbe Exemplar, welches schon Jahre lang einen in der Nähe liegenden Badeplatz gefährdete. (Dies er-- iüncrt an die vor ca. 100 Jahren bei Ramholz erlegte große Schlange. Vermuthlich war das auch ein solch abnorm großes Exemplar der Gattung Ringelnatter wie im vorstehendem Falle.)
Trier, 14. Jan. Die außerordentliche Säfte der letzten Wochen droht unter der Eifelbevölkerung einen Nothstand hervorzurufen. Arbeit im Freien, welcher Art sie auch immer sei, ist vollständig unmöglich, Handel und Wandel sind gänzlich gelähmt, die einzcluen Ortschaften von einander abgeschlossen und können nur noch vermittels des Telegraphen mit der Außenwelt verkehren. Getreide ist in Dörfern wohl vorhanden, aber da alle Bäche und Wasserfälle gefroren sind, so müssen die Mühlen feiern und an manchen Orten gibt es kein Pfund Mehl mehr. Die Röhrenleitungen und Brunnen sind sämmtlich zugefroren. Statt frischen Wassers muß man sich mit geschmolzenem Schnee und Eis behelfen.
Birlenseld, 12. Januar. Der Ort des deutschen Reiches, welcher im Verhältniß zu seiner Einwohnerzahl die meisten Wittwen besitzt, ist sicherlich Nieder« wörresbach im Fürstenthum Birkenfeld. Jedes fünfte w eidliche Wesen und insbesondere 40pCt. der Haushaltungsvorstände sind dort Wittwen. Diese merkwürdige Thatsache, welche durch die letzte Volkszählung an den Tag gebracht wurde, beruht auf der außerordentlich ungesunden Industrie — Achatschleiferei —, von welcher sich die Bewohner Niederwörresbachs fast sämmtlich ernähren. Die Achatschleifer besitzen in Folge ihres Gewerbes eine ungemeine Empfänglichkeit für die Schwindsucht und werden von ihr fast alle im besten Mannes« alter dahingerafft.
Metz, 17. Januar. Einem hiesigen Blatte zufolge hätte sich kürzlich Abends in der Nähr von Dieuze der schreckliche Borfall ereignet, daß ein neunjähriges Mädchen vor dem Hause seiner Eltern gen einem Wolfe ängefallen und in den nahen Wald geschleppt worden sei. Die dem Hülferufen des unglücklichen Kindes nachfolgenden Eltern hätten nur noch einige Reste der zer fleischten Leiche vorgefunden.
Ausland.
Nordamerika. Die letzten Nachrichten aus Washington lassen den Jndianerkcieg als beendigt erscheinen. Die Unterwerfung sämmtlicher Häuptlinge wird angekündigt. General Miles gab Namens der Regierung in Washington das feierliche Versprechen, das Kriegs« dcpartement werde in Zukunft strenge darüber wachen, daß die Indianer von den Agenten nicht beraubt würden«