SchlüchtemerMtung
Erscheint Mittwoch u. Samstag—Preis mit „Kreisblatt" u. .Gemeinnützige Blätter" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
Mittwoch, den 14. Januar
1891
Rast-liltnaen °^ ble »Schlüchterner Zeitung" U werden noch fortwährend von allen ........... ■ ■ -- Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
In elfter Stunde.
Einem süddeutschen Blatte entnehmen wir folgenden Artikel: „Em gehimnißvolles Etwas, das der Kurzsichtige nicht sehen kann oder nicht sehen will, das aber von vielen mit erschreckender Klarheit wahrge- nommen und erkannt wird, schleicht durch die heutige Welt, — ein Etwas, klein, unansehnlich, vorerst kaum der Beachtung werth scheinend, aber außerordentlich behende, bald da, bald dort, auf den Bergen, in den Thälern, auf der Landstraße, in Kneipen, — überall, wo menschliche Wesen hausen.
Jetzt geht es über den Berg und kommt zu den armen Holzhauern. Wie wild diese drein blicken! Die Axt saust, — wie das Beil des Scharfrichters! — Dann eilt es zu den Bergleuten, deren ernste Gesichter es sofort mit Zornesröthe überzieht. Sie blicken sich verständnißvoll an und senden dann drohende Blicke hinüber zu den luxuriösen Villen der Grubenbarone; — da wie dort dasselbe geheimnißvolle Etwas. —
Man vernimmt es laut und drohend in den Versammlungen der Arbeiter, man kann es aber auch im Marstall und der Hofküche der Fürsten erlauschen. Wenn es durch die fürstliche Residenz huscht, kracht der reichvergoldete Thronsessel, und wenn eS durch die Prachtstraßen der Großstädte dahin wandert, scheinen die glänzenden Wappen an den vorüberrollenden Wagen der Großen und der Börsenbarone von gestern und heute zu erbleichen. Immer dasselbe Etwas!
Mischt es sich unter st u dentische Kreise, so klingt es in den Liedern der Musensöhne gleich der Marseillaise, steigt es in die Dachkammer der armen Näherin hinauf, so wird ihr trocknes Hüsteln zu einem unterdrückten Nachcschrei. Immer dasselbe!
Auf den Bischofsstab blickt es mit derselben Wuth wie auf die Geld schränke der christlichen uud semitischen Wucherer. Wenn es sich zum Festmahl der Gründer, Börsen- und Dividendenmatadore schleicht, so wird das Klingen der Champagnergläser zum Klirren zerbrochener Scherben; läuft es neben der hocharistokratischen Reiterin einher, erscheint ihr kostbarer wallender Schleier wie ein zerrissener Fetzen, und guckt es in die Schaufenster der Bankiers, so sehen die bunten Obligationen und Noten aus wie alte Wische, die ins Kehricht gehören. —
Immer dasselbe unheimliche Etwas! Es ist da, es ist bereits Vielen bemerkbar, es erfüllt sie mit fröstelndem Schauder — aber diejenigen, die es am Ernst- lichsten angeht, auf die ihre Blicke besonders mit Haß und Grimm gerichtet sind, — sie reden sich ein, es sei nur ein leeres Phantom, vor dem man nicht zu erschrecken brauche; man hat Millionen von Bajonetten und die ganze Maschine geht so vortrefflich!
Gleichwohl ist dieses fatale Etwas da, eS ist kein Phantom, es ist greifbare Wirklichkeit, die man fühlen, sehen und hören kann. Diese Wirklichkeit ist der latente Umsturz der Gesellschaft, dem der offene folgen wird, — es ist das Brausen der nahenden neuen Sünd- fluth. —
Wo ist der Maler, der den neuen Todtentanz malen, wo der Componist, der den Kehraus der modernen Welt in Noten setzen wird'?
Am 8. Okt. 1830 schrieb Niebuhr, der die flammenden Prophetenworte des großen Görers verstanden hatte: „Wenn Gott nicht wunderbar hilft, so steht uns eine Zerstörung bevor, wie die römische Welt sie erfahren hat: Vernichtung des Wohlstandes, der Fr iheit, der Bildung und Wissenschaft, Daß wir in Deutschland im Fluge der Barbarei zueilen, ist meine feste Ueberzeugung; daß auch eine Verheerung droht wie vor 200 Jahren, ist mir leider ebenso klar, und das Ende vom Lied wird der Despotismus auf Ruinen fein." Ein genialer Publicist des vorigen Jahrhunderts, W. L. Weckherlin, prophezeite für das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts eine gänzliche Veränderung der europäischen Landkarte, und Gervinus bezeichnet diesen Publicisten als Sehek. Daß es sich aber um mehr, um weit mehr handeln wird, als um eine bloße Veränderung der Landkarte, kann man schon heute ahnen iM erkennen-
sie sich erfüllen können. Dunkler und doch auch verständlich ist eine prophetische Vision der hl. Brigitta, die sie in den Extravaganten schildert, von der wir aber nicht zu entscheiden uns unterfangen, welche Länder und Könige gemeint sind und ob die Könige rc. der Halbvergargei en Zeit, der Gegenwart oder Zukunft angehören. Das sei dem aufmerksamen und denkenden Leser überlassen.
Die Heilige schreibt in Capitel 78: „Bon fünf Königen dreier Köni greich e, welche unvernünftigen Thieren ähnlich sind, und wie der sechste König erhoben und gestürzt werden wird. Drohung Christi über Städte und Königreiche. — Der Sohn Gottes sprach: Ich habe Dir zuvor fünf Könige und deren Reiche gezeigt. Der erste ist ein gekrönter Esel, weil er aus der Art der guten Fürsten geschlagen ist, und einen Fleck auf seine Ehre gebracht hat. Der zweite ist ein unersättlicher Wolf, welcher seinen unversehenen Fall nicht erkannt hat, um seinen F ind reich zu machen. (Napoleon III. ?) Der dritte ist ein hochfliegender Adler, welcher die übrigen verachtet; der vierte ein stößiger und zerstörender Widder der da zunimmt aus Gerechtigkeit Gottes (des rächenden Gottes); der fünfte ein geschlachtetes Lamm, aber nicht ohne Flecken, dessen Blut Vielen ein Anlaß der Trübsal und des Verderbens gewesen ist. Nun zeige ich Dir am sechsten Könige, daß derselbe Land und Meer in Unruhe setzen, die Einfältigen betrüben, das Land meiner Heiligen entehren und unschuldiges Blut vergießen wird. Er hat die Zeit meiner Rache in die Kühnheit seiner Hände gelegt. Wenn er daher nicht schnell aufmerkt, so werden sich meine Gerichte nahen; er wird sein Reich in Trübsal zurücklassen, und eS wird geschehen wie geschrieben steht: „Wollust und Wind säen sie aus, Trübsal und Schmerz werden sie ernten." Und nicht allein dieses Reich werde ich heimsuchen, sondern auch noch reiche und große Städte. Denn ich werde einen Hungrigen erwecken (die Socialdemokratie?), welcher verschlingen wird, w§s sie Angenehmes haben; die einheimischen Uebel werden nicht aufhören und Zwietracht wird im Ueberflusse vorhanden sein; die Thoren werden herrschen, und die Greise und Weisen ihr Haupt nicht erheben. Die Ehre und Wahrheit werden darnieder liegen, bis derjenige kommen wird, welcher meinen Zorn besänftigen, seine Seele aber aus Liebe zur Gerechtigkeit nicht schonen wird."
Deutsches Reich.
Berlin. Der -Kaiser hat bestimmt, daß die Taufe seines jüngsten Sohnes am 26. d. M. stattfinden solle, und zu Pathen geladen: den Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, den König Humbert von Italien, die Königin Regentin Emma der Niederlande, die ver- wittwete Großherzogin Marie von Mecklenburg-Schwerin, den Herzog von Edinburg, denHerzog und die Herzogin von Connaught, die Herzogin Wera Konstantinowna von Württemberg, den Prinzen und die Prinzessin Leopold von Preußen und die Prinzessin Margaretha von Preußen. Außerdem ist der General-Fcldmarschall Graf Moltke als Gast geladen.
— Gegen die Genehmigung des vom dem Kultus- Minister mit Professor Koch abgeschlossenen Vertrages sollen seitens des Minist.r.ums Bedenken geltend gemacht werden. Namentlich halte das Staatsministe- rium in seiner Mehrheit dafür, daß die Verhandlung nur mit Koch selber angemessen sei, da die Mitarbeiter desselben immerhin nur von untergeordneter Bedeutung seien und daß es dem eigentlichen Erfinder zu überlassen sei, ob und bis zu welchem Grade er von seinem Standpunkte aus etwa seinen Assistenten aus der ihm zuge- standenen Summe einer Dotation für ihre Mühewaltung zu Theil werden lassen wolle. Das Staatsministerium hat sich, was die Einnahmen aus dem Vertriebe des Mittels anlangt, auf den Standpunkt gest.llt, daß dieser Vertrieb nicht als eine Gelegenheit zu besonderen Einnahme» für den Staatssäckel a izusehcn, sondern daß der Preis nur so hoch zu stellen sei, daß aus denselben die für die Herstellung des Heilmut.!s erwachsenden Kosten gedeckt würden.
* — Ueber die neue Sperrgcld.rvorlag: thult die „Germania", das Berliner Cutrumsorgan, ergänzend mit J „§S handelt sich um Rückzahlung des ganzen
Diese Worte hervorragender Geister sind klar, bc-Kapitals, so daß j-dc Diözese bin aus ihr angestimmt und kaum wird Jemand bezweifeln wollen, daß s sammelten Betrag erhält. Ein darauf in jeder Diözese aus Geistlichen und Juristen zusammenzusetzendeS
Schiedsgericht soll dann die Ansprüche der berechtigten Person n und Anstalten prüfen und erledigen, und der verbleibende Ueberschuß dann in jeder Diözese zu Gunsten der cmeritirten Geistlichen verwendet werden, für die
Der
bisher noch so wenig vorgesorgt wird.
Sperrgelderfonds »ertheilt sich in folgender Weise auf die einzelnen Diözesen:
1. Erzdiözese Köln....
3,272,017
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2. Erzdiözese Gnesen-Posen .
1,954,205
„ 27 „
3. Diözese Kulm . . . .
983,565
„ 37 „
4. Diözese Ermland . . .
1,037,239
„ 34 „
5. Diözese Breslau . . .
1,482,893
„ 98 „
6. Diözese Hildesheim . .
681,334
325,865
„ 65 „
7. Diözese Osnabrück . . .
„ 35 „
8. Diözese Paderborn . . .
1,182,364
„ 57 „
9. Diözese Münster . . .
10. Diözese Trier . . . .
1,535,266
2,122,421
„ 90 „
„ 91 „
11. Diözese Fulda . . . .
823,819
„ 35 „
12: Diözese Limburg . . .
570,416
„ 31 „
23. Preußischer Antheil der Diö-
zese Prag .....
33,893
„ 29 „
14. Preußischer Antheil der Erz-
diözese Olmütz ....
6,865
15. Preußischer Antheil der Erz-
diözese Freiburg . . .
1,561
« 87 „
16,013,731 cM 10 4
Kriegsrechtlich zu sechs Jahren Gefängniß verur- theilt wurde in Königsberg ein Maurergeselle, der im Oktober dieses Jahres als Reserve-Unteroffizier zu einer vierzehntägigen Uebung nach Jnsterburg eingezogen war. Derselbe war in Jnsterburg wegen sozial- demokratischer Umtriebe, inbesondere auch wegen Verbreitung social-demokratischer Schriften s. Z. in Haft genommen und nach Königsberg überführt worden.
Pillkallen, 7. Januar. Vor einigen Tagen starb nach einem vielbewegten Leben der älteste Insasse unseres Kreises, der Hirt Anton v. Waselowski in einem Alter von 105 Jahren. Derselbe, einst ein reich begüterter polnischer EdUmann und Jnsurgentenführer, hatte, nachdem er sich durch die Flucht aus dem Vaterlande gerettet, hier ein Unterkommen gefunden und schließlich, der Armuth und dem bittersten Elend preis- gegeben, in der Stellung als Hirte seinen Lebenslauf beschließen müssen.
Aus Oberschlefien wird gemeldet: In der Sylvesternacht ist auf dem Wege von Pawlowitz nach Schwarz- wasser im Kreise Pleß ein Mann erfroren gefunden worden. In Kühschmalz, Kreis Grottkan, ist in einer der letzten Nächte der Nachtwächter erfroren. Bei einer am Dienstag auf Trillendorf, Kreis Bunzlau abgehaltenen Treibjagd verlief sich ein Treiber, ein zwölfjähriger Schulknabe, und wurde am folgenden Tage erfroren im Walde gefunden. Die Kälte der letzten Tage hat vielfach die ärmeren Landleute im Kreise Kohl gezwungen, um das Vieh vor dem Erfrieren zu schützen, Kälber, Ziegen, Schweine und auch Kühe in dir Wohnstuben zu nehmen.
Licgnitz. Um dir umständliche Beitragszahlung zu vereinfachen, hat man, nach der K. Z., in Liegnitz zu einem Auskunftsmittel gegriffen, dessen Erfolg man erst abzuwarten hat. Es ist nämlich beschlossen worden, die Erhebung der Beiträge, die Aufbewahrung der Quittungskarten, deren Beklebung mit Marken und die Entwerthung derselben durch städtische Steuererheber und Krankenkassenboten bezw. die Beamten des städtischen Versicherungsamtes und der Krankenkassen geschehen zu lassen. Als Unguemlichkeit bleibt die Zahlung der Beiträge an die Boten und die Wiedereinziehung der Hälfte des Betrages von den Versicherten. Die Bürger sind aber vor Strafen für Unregelmäßigkeiten, vor dem Verlust von Quittungskarten oder Ma:k n u. s. w. geschützt, und die Stadt hat dabei die Sicherheit, daß wirklich die VersicherungSpflichtigen alle herangezogen werden und daß sie die Armen-Unrerstützung Nachsuchenden übersetzen kann. Diese Einrichtung ist nicht so sonderlich kostspielig, da die Stadt von den Versicherungsbeiträgen 5—6 Prozent als Hebegebühr erhält. Voraussichtlich wird eine Reihe von schlesischen Städten ebenfalls ein solches Versicherungsbureau errichten.
Magdeburg. Wegen der Ausbreitung der Paul»