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Samstag, den 3. Januar
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BIBLIOTHEK ,
1891
Nostpüll-ra^l ^ bte »Schlüchterner Zeitung» yilll iwerden noch fortwährend von allen ■ ' ■ ■ *- ------------Postanstalten uNdLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Zum neuen Jahre.
Wenn wir bet der Jahrcswente zurückschauen auf den eben durchschrittenen Zeitraum, so haben wir alle Ursache, mit dem, wcs er uns gebracht hat, zufrieden zu sein. Schon vor einem Jahre konnten wir mit Genugthuung auf die B-fistigung des Friedens blicken, welche das Jahr 1889 uns gewährt halte. Dasselbe gilt noch in weit höherem Maße ron dem Jahr 1890. Auch jetzt wieder haben wir es dem persö- lichen Einfluß und Auftreten unseres Kaisers zu verdanken, daß sich die Weltverhältnisse mehr und mehr geklärt haben und daß das ganz- Jahr hindurch nicht die geringsten Anzeichen einer Beunruhigung vorhanden waren. Insbesondere muß hervorgetzoben werden, daß die Befürchtungen, die in dieser Beziehung vielfach an den Rücktritt des Fürsten Bismorck geknüpft worden, nicht eingetroffen sind. Unser Kaiser hat auch in diesem Jahre wieder durch persönliche Begegnungen die alten Beziehungen der Freundschaft mit England, Rußland und Oesterreich Ungarn erneuert, und die zwischen Italien u id Deutschland bestehende Freundschaft fand neuen Ausdruck in dem Besuche, den der Reichskanzler von Caprivi dem italienischen Ministerpräsidenten Crispi in Mailand machte. Wie ruhig der Strom des auswärtigen politischen Lebens dahin floß, zeigte sich insbesondere in dem friedlichen U bergang der Insel Helgoland von England an Deutschland und in dem Abkommen mit SngUnb, welches zugleich auch die Jnteressengrenzen beider Mächte in Afrika regelte, ohne Laß ei von irgend einer and ren Seite zum Vmwa " von Verstimmungen ^wacht wu d. ®iltft die Presse des Auslandes hat sich in dem vergangenen Jahre beunruhigender E ört rangen und h tzerischer Aufwiegelungen mehr und mihr enthalten. Wenn je, so hat die auswärtige Politik Deutschlands, welche nach wie vor eine Politik des Friedens war, im Jahre 1890 einen vollen Erfolg erzielt.
Wir haben schon des Rücktritts des Fürsten Bismarck gedacht. Auch die inneren D-rhältnisse haben sich nicht ungünstig cniw-ckelt. Zwei Ereignisse stehen hier voran: das eine die Initiative, welche Kaiser Wilhelm zu Anfang des Jahres auf dem Gebiete der socialen Reform ergriff, das andere der Beginn der von unserem Kaiser eingeleiteten Unterrichtsreform. In erster Beziehung haben wir den Erfolg der internationalen Arbeiterschutzconferenz in Berlin zu verzeichnen, deren Früchte für Deutschland sich dem-- nächst in der gegenwärtig noch im Reichstage zur Berathung stehenden, insbesondere den Arbeiterschutz betreffenden Novelle zur Gewerbeordnung offenbaren werden. Und was die Unterrichtsreform anbetrifft, so hat das Hervoitreten des Kaisers zu Wege gebracht, daß hier Bahnen eingeschlagen werden sollen, aus welchen die nationale Bildung und die Pflege des staatlichen Bewußtseins zweifellos den schönsten Gewinn ziehen werden.
Das Jahr 1890 hat aber wirksame Reformen nicht nur auf diese Gebieten eir geleitet: es sind vielmehr auch bedeutungsvolle Umgestaltungen der Besteuerung, der Einrichtungen der Volksschule und der Landgemeinde- ordnung in Angriff genommen worden. Auch der Thatsache der Aufhörens deS Socialistengesetzes kann die Bedeutung eines reformatorischen Charakters in dem Kampfe gegen die Sozialdemokratie nicht abgesprochen werden.
Was wir im Jahre 1890 gesät haben, wird freilich erst später reifen! Abe, wir gehen mit dem Bewußtsein in das neue Jahr, daß wir uns auf dem richtigen Wege befinden und daß der Erfolg nicht ausbleiben wird. Der Neujahrstag ist zugleich der Tag des Inkrafttretens des großen socialreformatorischen Gesetzes über JnvaliditätS- und Altersversicherung. Dem Arbeiter wird hiermit die Mahnung zugerufen, zu der Erkenntniß zu gelangen, wie sehr der Staat für sein Wohl besorgt ist. Wie aber auch der Erfolg sein möge — so können wir, wenn die Reformen, was hoffentlich geschieht, zur That werden, mit unserem Kaiser, der uns als Führer und Reformator voranschreitet, sagen : wir hüben unsers Schuldigkeit gethan und känneu in unserem
Gewissen beruhigt sein. Möge das neue Jahr uns Anzeichen des F: jeders auch auf diesem Gebiete bringen: es wird geschehen, wenn wir einmürhig zusammen halten und uns alle um die Fahne schaaren, welche der Kaiser voranträgt!
Deutsches Reich.
Hamburg, 27. Dez. Dreißigtausend Juden, die aus Rußland ausgewiesen sind, reisen demnächst über Hamburg nach B asilieu.
Leipzig, 29. Dez. Nicht g-ringes Aufsehen erregt die Verhaftung eines gewissen Dr. Simon in Loschw:tz bei Dresden. Nach dem Ergebniß der bei dem V.r- hafteten vorgenommenen Haussuchung besteht eine ge= Heime Gesellschaft, welche in London, Altona, Berlin und Wien ihre Vertreter hat und bemüht ist, auf dem Geldmarkt Papiere umzusetzen, die von einem zwischen Paris und Brüssel ausgeführten Eisenbahndiebstahl herrühren sollen. Der Wiener Awtreler dieser Bande ist ebenfalls verhaftet.
Eine sehr empfindliche Lücke im Unfallversicherungs- gesetz ist, so wird aus Glogau geschrieben, durch folgenden Borfall zu Tage getreten. Im dortigen Gerichts- gefängniß hatte ein Arbeiter R. aus Jätschau eine vierwöchentliche Strafe zu verbüßen. In dieser Zeit mußte derselbe ihm aufgetragene Arbeiten außerhalb des Gefängnisses verrichten. So wurde der Straf gefangene zum Stein- und Ziegelabladen bei emem oo i einem Glogauer Maurermeister übernommenen Bau verwendet. Hierb'i siel dem Arbeiter ein schwerer Granitstein auf den linken Daumen und quetschte ihm das oberste Glied desselben ab. Nach Ablauf der vier- wöchentlichen Strafe wurde der Arbeiter aus dem Ge- sänanißhospital ungeteilt entlassen. Nach Abzug der Gtfl ignißkosten wurden ihm 1,20 Mark für seine achttägige Arbeit ausgezahlt. Eine Entschädigung für die erlittene Verstümmelung, oder wenigstens für die noch andauernde Arbeitsunfähigkeit wurde nicht gewährt. Betrachtet man den Fall, wie er thatsächlich liegt, so ist vom menschlichen Standpunkte aus der Arbeiter R. doch nichts Anderes als der unfallversicherungspflichtige Arbeiter des Unternehmers „Glogauer Gerichtsgefängniß" gewesen und hat deshalb auch wie ein anderer Arbeiter die ihm zustehende Rente zu beanspruchen. Die Gerichts
behörde hat die Zahlung derselben abgelehnt und ebenso
auch der betreffende Maurermeister, weil er nicht mit. bayr. Jnf -Regiments angehalten und um die Ur« dem Gefangenen, sondern mit der Strafanstalt im laubskarten befragt wurden. Da sie Line hatten, ent- Arbeitsverhültnisse stand, In seiner Noth wandte sich stand ein Wortstreit, und der Patrouillenführer, ein der Arbeiter an den Landrath, der ihn wieder an die preußischer Gefreiter, erklärte sie für verhaftet. Dem
Ärmenv.rwaltung seines Heimathsortes wies.
Heiligenstadt (Eichsfeld) 28. Dez. Die Nachricht von einer großen Erbschaft ist aus Amsterdam hier ein- getroffen. Dort ist, nach Mittheilung des deutschen Ksniuls, ein gewisser Brand mit Hinterlassung von 183^/4 Millionen FrancS gestorben, nachdem er seine Verwandten in Msrlh und anderen Orten des Eichs- feldes zu Erben eingesetzt. Zur Hebung der Erbschaft sind bereits Verhandlungen eingeleitet.
Hildbnrghausen in Thüringen ist eine Stadt der Schulen, denn es gibt daselbst: 1. ein Gymnasium, 2, ein Lehrerseminar, 3. ein Technikum, 4. eine land- wirthschaftliche Lehranstalt, 5. eine Taubstummenschnle, 6. eine Blindenschule, 7. eine Töchterschule, 8. eine Bürgerschule, 9. eine Seminarübungsschule und 10. eine Waisenanstalt, allerdings ohne selbst staubige Schule.
Winzenheim, 16. Dez. Als verbürgt wird der „C. Z." folgendes Geschichtchen von einem Hunde erzählt, bei dem man sich unwillkürlich die Frage vorletzt, ob allein Instinkt oder auch Uederlegung in Betracht kommen. Der Sohn eines hiesigen Einwohners, der in Colmar ein Geschäft betreibt, besitzt einen kleinen Hund, der ihm sehr zugethan ist, es aber nicht verstehen kann, daß jede Ungehörigkeit von seinem Herrn durch eine Züchtigung geahndet wird. Um nun sein Mißfallen über die schlechte Behandlung recht klar zu machen, flüchtet er sich nach j.ber Züchtigung zu den Eltern des Herrn B. nach Winzenheim, wo er stets eine freundliche Aufnahme findet. Das Interessante bei der Geschichte ist nun der Umstand, daß der Köter, der wiederholt von seinem Herrn auf der Straßenbahn mitgenommen wurde, herausgefunden hat, daß das Fahren dem Lauf n doch vorzuzi hru ist. Er läuft also bis an den Winzenheimer Zug, wartet bis zur Abfahrt, springt dann auf den Zug und inWinzen- Heim wieder herunter; dies hat sich jetzt schon wieder
holt ereignet • TaS Zugpersonal kennt den Hund und seine Vorliebe für das Eisenbahnfähren längst. Da er aber sehr artig ist und das Fahrgeld nachträglich immer
für ihn erstattet wird, so ruhig gewähren. <
Linz am Rhein, 27.
Meinung, Maskeraden leidigungen gegen Anvere Gegenstände haben, seien
man das kluge Thier
läßt
>4 verbreitete che auf Versen oder zum
statthaft und unstrafbar, ist
durch Erkenntniß des Sü.jgl. Landgerichts zu Neuwied am 18. d. M. als irrihümlich ausgesprochen worden. Es hatte nämlich das Königl. Schöffengericht zu Höhr- Grenzhausen der Johann M. und den Karl M. von Höhr wegen öffentlicher Beleidigung einer der dortigen Lehrerinnen durch eine am 18. Februar d. J. daselbst veranstaltete Maskerade zu 12 Mark Geldstrafe verur- thetlt. Seitens der Königl Staatsanwaltschaft ist hiergegen wegen des geringen Strafmaße die Berufung eingelegt worden. Nach nochmaliger Verhandlung der Sache erkannte der Gerichtshof auf 14 Tage Gefängniß gegen jeden Angeklag'en.
Koblenz, 27. Dez. Der Oberpräsident der Rhein- provinz erläßt eine Polizciverodnung, betr. die Regelung des Betriebes der Pferdem tzgerei und d.s Verkehrs mit Pferdefleisch. Der wesentliche Hauptinhalt ist, daß kein Pferd, Maulrhier od r Esel, dessen Flüsch zur menschlichen Nahrung dienen soll, geschlachtet werden darf, bevor eS von einem approbirten Thierarzt untersucht worden. Nach Schlachtung der Thiere müssen zunächst das Fleisch und die inneren Theile thicrärzt- lich untersucht werden. Die Verkaufsstellen für Pferde- rc. Fleisch müssen mit einer für das Publikum deutlich erkennbaren Aufschrift als Roßfleischverkauf bezeichnet sein. Die Verordnung tritt am 1. Januar 1891 in Kraft.
Ulm, 27, Dezember. Ein württembergischer Soldat wurde durch eine bayrische Patrouille erschossen. Zwei Soldaten der 5. Kompagnie des 6. württembergischett Infanterie-Regiments Harten vorgestern Abend Erlaubniß, im Stadttheater srF Statisten zu futtgtren. Nach der Vorstellung begaben sie sich, statt, wie befohlen in die Kaserne zurück, in verschiedenen Wirthschaften, u. a- auch nach Neu-Ulm, wo sie um 3 Uhr Morgens von einer aus 2 Mann bestehenden Patrouille des 12.
fügte sich der eine, der andere jedoch sprang davon.
Der Gefreite gab nach dreimaligen Haltrufen Feuer auf den Fliehenden und traf ihn aus einer Entfernung von etwa 20 Meter in den Rücken. Der Getroffene stürzte lautlos nieder und wurde von der herbcige- kommenen Patrouille liegen gelassen. In den Flur deS nächsten Hauses verbracht, starb der Verwundete nach 10 Minuten; die Kugel hatte den Unterleib durchschlagen und war beim Nabel wieder herausgedrungen. Um 5 Uhr Morgens wurde die Leiche ins bayr. Garnisonlazareth abgeholt. Der Gctödte hieß Nägle, und war der Sohn eines Handwerkers aus Biberach, er stand im zweiten Dienstjahr und hatte sich bis jetzt gut aufgeführt. Gestern Abend trafen die telegraphisch benachrichtigten Eltern hier ein: ihr Jammer über den Verlust des blühenden Sohnes kennt keine Grenzen.
Ausland.
Rorschach, 15. Dez. An der Dampfschifflände zu Rorschach band ein Knecht einen als bissig bekannten Gaul an einen Pfostm. Allein kaum halte der Man» das Anbinden besorgt, so ritz das Thier sich loS und stürzte sich wie wüthend auf den Knecht. Derselbe wußte sich nicht anders zu retten, als den kühnen Sprung in den Hafen zu wagen. Der Gaul aber in seiner Verfolgungswuth stürzte sich ebenfalls in daS kalte nasse Element und begann die Jagd zur See. Eine Zeit lang vermochte daS Thier sich über Wasser zu halten, sank aber dann in die Tiefe. Der Knecht wurde den Wellen entrissen und in das Krankenhaus gebracht, wo er jedoch Mittags starb. — Aus Zug in der Schweiz wird dem „Hundesport" berichtet, daß ein dortiger Einwohner seinen Bernhardinerhund in einer Kiste wohlverpackt einem Freunde nach Brüssel schickte. Einige Tage nach der Ankunft war das Thier entlaufen, um nach 14 Lagen todtmüde und avgemagert, um Ein