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Großvater und Enkel.

Also heute ist dein Geburtstag, nun, Gott segne dich, mein Junge," sagte. Meister Ackermann zu seinem Enkel, der im schmucken Sonntagsanzug vor ihm auf dem niederen Ladentische saß und kein Auge von dem Taschenmesser verwandete, das er eben als Geburtstagsangebinde von seinem Großvater erhalten hatte. Ja, es war gerade so, wie er es sich gewünscht, ein Messer, wie es das Herz jedes echten Jungen höher klopfen läßt und zum Schaden für Tische und Bänke unwiderstehliche künstlerische Be­strebungen in ihm erweckt.

Nimm dich nur in acht," warnte der Alte sorglich. Es ist der beste Stahl, vier Klingen und alle scharf wie Gift."Aber, Groß­vater, ich bin ja auch zwölf Jahr!"Zwölf Jahr! Wie die Zeit vergeht! Ich sehe dich noch vor mir, wie sie dich zum ersten Mal zu mir brachten, solch ein kleines, unbeholfenes, schreiendes Ding, Herrgott, war das damals eine Freude über den ersten Enkel." Und nun ist das kleine Ding bald so groß wie du," lachte der Knabe.Ja, ja, Zeit vergeht. Wirst dir bald überlegen müssen, Karl, was du einmal werden willst." Der Enkel ließ die Klingen einschnappen und blickte den Groß­vater nachdenklich an. Der Vater sagt, ich soll einmal zur Post gehen, wie er selbst. Aber sieh, dann müßte ich noch wer weiß wie lange auf der Schul­bank herumsitzen, und dazu habe ich keine Lust, und dann tagaus tagein mit der Feder hinterm Ohr im Büreau sitzen, das ist vollends zum Davonlaufen. Weißt du, Großvater, viel lieber möchte ich zu dir in die Lehre und ein Klempner werden wie du, denn hier bei dir ist es doch am schönsten." Da ging

Großvater und Enkel.

es wie Sonnenschein über das Gesicht des alten Meisters.

Hast recht, Goldjunge! Jeder Stand hat sein Gutes, aber das laß ich mir nicht nehmen: Handwerk hat goldenen Boden, und ein ordentlicher Klempner zu werden, wäre nicht das Schlechteste für dich. Nun, laß gut sein, Karl, ich rede noch mit deinem Vater darüber. Und wenn er dich mir in die Lehre giebt, und der liebe Gott mich noch so lange am Leben läßt, dann verspreche ich dir, Jnnge, daß du etwas Ordentliches bei deinem alten Großvater lernen sollst. Doch nun lauf nach Haus, es ist Zeit, daß die Eltern nicht mit dem Mittagbrot auf dich warten müssen!" H. N.

Die Fliege.

Im Jahre 1836 ward in Lyon ein Arbeiter, namens Dusavel, beim Graben eines Brunnens von 62 Fuß Tiefe durch den losen Sand, aus dem das ganze Erdreich be­stand, verschüttet, und zwar so, daß ein Luftloch blieb, mittels dessen er zwei Wochen lang in einer durch den Schutz von ein paar Brettern gebildeten engen und durch nach- . fallenden Sand immer noch enger werdenden Höhle athmen und leben und auch flüssige Lebensmittel in einem kleinen Fläschchen hinabgelassen erhalten konnte, doch ohne daß er bei der gewundenen seitwärtigen Lage des kleinen Löchleins irgend ein Licht sah. Seine Befreiung ging wegen der ungünstigen Beschaffenheit des Bodens und der außerordentlichen Vor­sicht, die man ge­brauchen mußte, um ihn nicht vollends zu verschütten, so sehr langsam von statten, und die Erzählungen von seiner Lage, die er, wieder ans Tageslicht gelangt, gab, spielten eine große Rolle in den Zeitungen. Be­sonders merkwürdig ist mir daraus folgendes: Da Sie nicht sahen (fragte der bei der Bc- gebenheit zugezogene Arzt Dr. Bienvenue), wie konnten Sie da die Tage zählen?" Dufavels Antwort lautet:Ich zählte die Tage und Nächte mit Hilfe einer Fliege, die sich in meiner Höhle aufhielt, es mußte eine sehr große Fliege sein, denn sie summte sehr stark. Den ersten Tag hörte ich sie an meinem Kopfe herumfliegen damals war der Raum noch so groß und ich stand aufrecht; wenn ich sie nicht mehr hörte, schloß ich, daß es Nacht sei. Als man Sonnabend um 2 Uhr zum ersten Male mit mir sprach, hörte ich meine Fliege erst einige Sekunden später; von denen, die Sachen herabließen, erfuhr ich, was es an der Zeit sei, und

ich hatte mich nicht geirrt. Jeden der folgenden Tage kam die Fliege mit Sonnenaufgang, setzte sich auf meinen Kopf, auf meine Hände und selbst auf meine Lebens­mittel; wenn sie ihr Theil verzehrt hatte, verschwand sie oder summte nicht mehr, kam aber nach einigen Augen­blicken wieder zurück. Ich wußte, daß sie sich auf meine Lebensmittel setzte, denn sobald ich dieselben berührte, hörte ich sie fortfliegen. Ach wie oft rief ich aus: Glück­liche Fliege, wäre ich wie du, daß ich durch diese kleine Oeffnung fortfliegen könnte! Ihre Gesellschaft war ein großer Trost für mich."