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Das Volkswohl.

Die Schildbürger wollten einmal Eierkuchen backen ohne Eier. Sie nahmen Mehl, sie nahmen Butter. Die einen wollten lieber Salz dazu haben, die andern lieber Zucker. Sie mischten und rührten den Teig und breiteten ihn auf die Pfanne und setzten ihn über ein kleines, über ein gelindes, über ein langsames Feuer, um vorsichtig zu sein. Aber sie brachten den Eierkuchen nicht zu Stande. Da machten sie ein schnelles, recht heißes Feuer unter die Pfanne, aber sie verbrannten sich nur ein wenig die Finger daran und machten doch keinen Eierkuchen. Der vielbesagte Eierkuchen wurde eben nicht fertig trotz alles Weinens und Rathens und Versuchens, denn sie hatten keine Eier. Die Socialdemokratie ist eine große Küche, in welcher Zeitungsschreiber, Kammerredner, Agitatoren und Volks­redner das Wohl des Volkes als ein genießbares und allen wohlschmeckendes Gericht, sei es gesotten, gebraten oder gebacken, darstellen und gestalten möchten. Aber sie wird nicht fertig, weil die Hauptsache fehlt, und die Köche merken nicht einmal, woran es fehlt, weil sie sich sonst nicht so viele unnütze Mühe geben würden, das Unmög­liche dennoch möglich zu machen. E. A.

Vergessen.

Man erinnert sich an die Dinge, für welche man Neigung hat, und vergißt jene, die einem wenig oder gar nicht interessant sind. Der Jäger vergißt seine Flinte nicht, der Knabe vergißt seinen Kreisel nicht, der Fischer vergißt seine Netze und Angeln nicht, der Schiffer vergißt seine Ruder nicht. Mancher Knabe hat vergessen, den Holzkasten zu füllen, aber hat je einer Ballen oder Schlitt­schuhe vergessen, wenn er sie zu gebrauchen wünschte? Ein Mensch mag die Angelegenheiten seines Arbeitgebers vergessen, aber kaum je würde er sein eigenes Vergnügen vergessen.Ich vergaß," heißt einfach in anderen Worten: Ich hatte nicht genug Neigung, mich an die Sache zu erinnern."

Vertrauen in einen untreuen Menschen ist wie ein böser Zahn oder ein lahmer Fuß; und Vertrauen in einen vergeßlichen Menschen ist ebenso trüglich. Wie oft miß­lingen Unternehmungen, wie viele Male kommen Verluste vor, und wie häufig werden wichtige Angelegenheiten ver­nachlässigt durch die Vergeßlichkeit von jemand, der an etwas gedacht hat, das ihn freute, wenn er an das Ge­schäft denken sollte, an welches sich zu erinnern und darauf acht zu haben seine Pflicht ist. Man hüte sich vor dem, der vergißt; der wie der Sohn ist, welcher sagte:Ich gehe, Herr," und ging nicht der ein Versprechen macht, es aber nicht hält. N.

Mo ist der Himmel?

Es war eine seltsame Frage, welche an den Prediger Jones gerichtet wurde von einem seiner wohlhabendsten Nachbarn in Georgia, dessen Baumwollplantnge ihm jährlich 100000 Mk. einbrachte.Wo ist der Himmel?" hatte die Frage des reichen Pflanzers gelautet.

Ich will es Ihnen sagen, wo der Himmel ist," er­widerte der Prediger.Sie müssen nach dem Dorfe hinuntergehen, für 100 Mk. Lebensmittel kaufen, dieselben auf einen Wagen legen und zu der armen Witwe bringen, die jenseits des Hügels wohnt. Ihre drei Kinder sind erkrankt. Sie ist arm und ein Mitglied meiner Gemeinde. Nehmen Sie eine Krankenpflegerin mit und auch jemand, der für sie kochen kann. Wenn Sie zu ihr kommen, so lesen Sie ihr den 23. Psalm vor, knieen nieder und beten mit ihr. Dann werden Sie erfahren, wo der Himmel ist."

Als der Prediger am nächsten Tage durch das Dorf ging, begegnete er dem reichen Pflanzer, dessen Antlitz vor Freude strahlte.O, Herr Jones, nun habe ich erfahren, wo der Himmel ist," sagte er.Ich habe gethan, waS Sie mir gerathen haben." B.

Wichtet nicht!

Sonntagsevangelium: Luc. 6, 3642.

Luc. 6, 37. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr auch nicht verdammet. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebet, so wird euch gegeben.

Gott ist die Barmherzigkeit selber. Er sieht bei uns nichts als Noth und Sünde, aber jede Noth wird ihm ein Antrieb, sich ihrer anzunehmen. Das ist recht väterlich von ihm gehandelt, weshalb denn auch der Psalmist sagt:Bei ihm ist die Gnade und viel Vergebung." An seiner Liebe soll unsere Liebe sich entzünden. Er ist fromm und treu, von ihm sollen auch wir lernen fromm und treu sein. Kinder tragen des Vaters Art an sich, und Gotteskinder Gottes Art; darum spricht Christus:Seid barm­herzig, wie auch euer Vater barmherzig ist." Zum Barmherzigsein gehört ein Auge, das die Noth des Nächsten sieht, und ein Herz, das gerne helfen möchte, und eine Hand, welche Hülse schafft. Wie selten sind diese drei bei einander, während an barm­herzigen Gefühlen und barmherzigen Reden Ueber- fluß "ist!

Zwar ein Auge haben wir, die Schuld des Nächsten zu sehen; wo es ihm fehlt, das haben wir bald heraus. Der alte Mensch ist außerordentlich zum Richten geneigt; darum muß der Geist Gottes dir ein neues Auge geben, damit du des Herrn Gebot erfüllen kannst:Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet." Wenn wir mehr Licht empfangen als andere, so wollen mir es anwenden, um uns selbst danach zu beurtheilen, und unser Wachsthum an Erkenntniß soll zugleich ein Wachsthum an Demuth und Milde sein. Sei barmherzig in deinen Urtheilen. Das ist das allererste Erfordernis; der Frömmigkeit und Gotteskindschaft. Es scheint fast, als wäre das erste das schwerste, denn die Zunge ist schnell zum Reden, und der Mensch hat sich daran gewöhnt, durch scharfes Urtheilen über die anderen wo möglich einen Beweis seiner Frömmig­keit abzugeben.

Zur Barmherzigkeit im täglichen Umgang gehört insbesondere ein Herz, das zum Vergeben geneigt ist. Ohne Ende ist Gottes Liebe gegen uns; so sei denn auch unsere Barmherzigkeit unermüdlich im Ver­geben, dann wird der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, unser Herz erfüllen, und wir werden unter einem lieblosen Geschlechte, wo einer den anderen verdammt und kein gutes Haar an ihm läßt, zu einem Segen gesetzt sein durch mildes Wort und versöhnendes Thun.

Gebet, so wirb euch gegeben." Die barmherzige Hand, die, soviel sie kann, von dem ihrigen mit- theilt, wird von der barmherzigen Gotteshand im Himmel reichlich gesegnet. Zwar sagt der Apostel: Geben ist seliger, deuu nehmen," aber dennoch bleiben wir karg im Geben und unersättlich im Nehmen. Wenigstens wenn der Herr ansieht, was er uns giebt, und wie wenig wir davon weitergeben, muß er dies finden. So hat er denn noch eine be­sondere Verheißung auf das Geben gelegt:Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Maß wird man in euren Schoß geben," so viel, als das über den Gürtel ansgebauschte Obergewand irgeud zu