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^ 99. Düttwoch, den 10. Dezember MIO.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird mit seiner Familie noch in dieser Woche nach Berlin überstelln.
— Nach der neuen Volkszählung hat Berlin 1,574,585 (1885 1,315,287), München 340,000 (1885 201,981) Einwohner.
— Wohl auf Anregung des Evang. Bundes ist es im Werk, eine Petition gegen die Rückberufung der Jesuiten an den Reichstag zu senden. Die Jesuiten sind die Todfeinde der Evangelischen und des Deutschen Reiches mit seinem protestantischen Kaiser. Die Gemein- gefährlichkeit der Jesuiten ist vor einem Jahrhundert selbst vom Papst anerkannt und deshalb der Orden durch ihn aufgelöst worden. Heute ist es freilich anders. Der deutsche Ultramontanismns erklärt sich offen und mit Begeisterung für den Jesuitenorden. „Wir lassen uns todtschlagen für die Jesuiten; wir sind alle Jesuiten," ist in Köln auf einer Katholikenversammlung ausgerufen worden. Demgegenüber ist es eine heilige Pflicht aller evangelischen Christen und auch aller gut deutschgesinnten Katholiken, die Rückberufung der Jesuiten zu verhindern. In den evangelischen Kreisen des Volkes ist man sich völlig klar darüber, daß die Zurückberufung der Jesuiten den mit fchwcrensOpfern ei kauften konfessionellen Frieden von Neuem auf's Schwerste gefährden würde und so ist von Männern verschiedener Richtung die Anregung ausgegängen, ein Komitee zu bilden, um die Bewegung pegen die Zurückberufung der Jesuiten in die richtigen Bahnen zu leiten. Dieses Komitee hat sich vor wenigen Tagen gebildet und wird in Kürze mit einer Kundgebung vor die Öffentlichkeit treten. Alle Diejenigen, welchen daran liegt, daß die Flamme des konfessioneller Haders nicht von Neuem im deutschen Lande entfacht wird, werden sich der Bewegung gegen die Zurück- berufung btr Jünger Loyalas anschließen müssen.
Hamburg, 3. Dezember. Die Einfuhr amerikanischen Zuchtviehes wird von den schleswig-holsteinischen Landwirthen jetzt sehr energisch betrieben, nachdem man mit der Aufzucht von sog. Magervieh aus Chicago, im vorigen Herbst, sehr günstige Erfahrungen auf den Weiden gemacht hat. Der Dampfer „Schleswig", der Tönninger Dampfschifffahrtsgesellschaft gehörig, hat 639 HauptVieh — Stiere, Ochsen, Kühe und Kälber — nach einer glücklichen Fahrt von 16 Tagen hierüber befördert und erlitt nur einen Verlust von 7 Stück Vieh. Die „Gräser" begrüßen im allgemeinen die Einfuhr des amerikanischen Magerviehs freudig, da unsere Nachbarprovinz und Jüt- land den Bedarf nicht mehr decken können, weshalb die Aufzucht oft beschleunigt und minderwerthige Waare an den Markt gebracht wird.
Brannschweig, 5. Dezember. Ein hiesiger Geschäftsmann hatte sich von der Mosel ein Faß Moselwein kommen lassen; als er dasselbe abziehen wollte, entdeckte er darin eine gallertartige Masse, die ihm verdächtig vorkam. Er gab den Wein einem Chemiker zur Untersuchung, der bald den animalischen Charakter der Masse feststellte und dann mit Hilfe eines zugezogenen Zoologen ermittelte, daß man aufgequollene Forelleneier vor sich habe. Daß der Wein selbst eine Forelle beherbergt habe, ist nicht gut anzunehmen, und so bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder sind beim Ausspüleu des Fasses mit dem Wasser Forellenei»r in das Faß gelangt oberere Herkunft steht mit der Zubereitung des „direkt von der Quelle bezogenen Weines" in irgend einem ursächlichen Zusammenhänge.
Schweidnitz, 1. Dezember. Der Rftgutsbesitzer Rieger, der in dem Rufe steht, ein Mittel gegen die Diphtherie zu besitzen, ist telegraphisch vom Kaiser nach PotSdam zur Audienz befohlen worden. Rieger, zu Goglau im diesseitigen Kreise wohnhaft, ist durch glückliche Kuren in Schlesien sehr bekannt geworden. Der Kaiser ist auf ihn durch den Baron von Falkenhansen ja Bielau, Kreis Neisse, dessen an Diphtherie erkrankter Sohn von Rieger jüngst geheilt worden ist, aufmerksam geworden. Einem hiesigen Redacteur gegenüber äußerte sich Rieger, sein Heilmittel fei eine Salbe, deren Zusammensetzung sein von den Eltern ererbtes Geheimniß sei, das er nur für 150,000 Maik preiszugeben gesonnen sei.
Hermsdorf. Vor einigen Tagen ist in Hermsdorf im Riesengebirge der 50jährige Chemiker Hänlel aus Berlin in seiner Villa mtt gespaltenem Schädel und zahllosen Stichen bedeckt aufgefunden worden, In gleicher
Weise zngerichtü fand man die Köchm und das Stubenmädchen. Der l9jährige Sohn Hans Häusel, ein exzentrischer Mensch, Mr diese grausame Menschen- sch üchterei ausg führt hat, ist nach der That nach Berlin geflohen, wo er sich am Donnerstag Morgen im Thiergarten erschossen hat.
Mühldorf, 4. Dezemb.r. In Ranoldsberg wollte am Sonntag der Schneider Zehntmaler Avends 7 Uhr seinen kaum 17jährigen Sohn aus dem Wirthsyanse Heimschaffen. Hierüber beleidigt stieß der Junge seinem Vater das Messer in den Unterleib, so daß der alte Mann lebensgefährlich verletzt darnieder liegt.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 9. Dez. Nach bewirkter vorläufiger Zusammenstellung des Ergebnisses der Volkszählung in der Stadt Schlüchtern betrug die Einwohnerzahl am 1. Dezember 1890 2623, also gegen die Volkszählung von 1885 eine Abnahme von 11 Personen.
* — In der am vorigen Sonntag abgchaltenen Generalversammlung des Kriegervereins Schlächtern wurde der Bürgermeister von Schlächtern, Herr Hauptmann a. D. von Sturmfeder zum Ehrenpräsident des B reins ernannt. In den Vorstand wurden gewählt: Adam Schäfer, Vorsitzender; Ludwig Linz, Stellvertreter; Adam Fehl, Kassirer deS Vereins; Leonhard Schäfer, Kassirer der Krankenkasse; Adam Weitzel, Schriftführer; Georg Weitzel I., Stellvertreter; Georg Freund und Leonhard Klöber, Beigeordnete.
* — Dem Oberförster und Dozenten an der Forst- Akademie zu Münden, litt), (früher Oberförster in Sal- münfter) wurde der Amtstitel als Forstmeister unter Beilegung des Ranges der Räthe vierter Klasse verliehen.
* — DaS Reichs-Postamt richtet auch in diesem Jahre an das Publikum das Ersuchen, mit den Weihnachtsversendungen bald zu beginnen, damit die Paket- massen sich nicht in den letzten Tagen vor dem Feste zu sehr zusammendrängen, wodurch die Pünktlichkeit in der Beförderung leidet.
* — Folgende am 5. Dezember gefüllte Entscheidung des ReichS- Versucher ungsamles dürfte von allgemeinem Interesse sein: „Der Hobler Walt-r, von ei er Kreissäge an der rechten Hand verstümmelt, bezog während der Dauer seiner ärztlichen B Handlung die Rente für völlige Erwerbsunfähigkeit. Das Schiedsgericht der Norddeutschen Holz-Berufsgenossenschaft hat diese Rente auf 55pCt. vom Tage der ärztlich festest! llten Heilung ab heruntergesetzt. Gegen diese Entscheidung rckurirte RechtSanwalt Flatau mit dem Anträge, für die der abgeschlossenen Heilung unmittelbar nachfolgende Zeit eine Erhöhung der Rente auszusprechen, weil die Ge- brauchsfähigkeit eines verletzten Gliedes nicht sofort nach dem Abschluß der Heilung eintrete, es vielmehr noch der Anpassung an die veränderten Arbeitsverhältnisse während einer Uebergangszeit bedürfe. DaS Reichsoersicherungsamt hat unter Abweichung von der bisherigen Praxis der Schiedsgerichte die Bewilligung einer besonders erhöhten Rente für eine angemessene Uebergangszeit nach der Heilung ausgesprochen. Die erhöhte Rente wurde im vorliegenden Falle auf 75 pCt. für eine Sechswochenzeit bemessen. Es ist zu hoffen, daß sich die Praxis der Berufsgenossenschasten nunmehr dieser von den Erwägungen der Billigkeit und Humanität geleiteten Entscheidung entsprechend weiter gestalten wird.
* — Die vom Bundesrath beschlossene Zusatz- bestimmung zu §. 28 der Novelle zum Krankenkassen- gcsctz, wonach Arberter, die durch vertragswidrigen Austritt aus der Beschäftigung erwerblos werden, ihrer Ansprüche an die Kasse verlustig gehen, wird von den sozialdemokratischen Wortführern im Reichstage voraussichtlich sehr nachdrücklich bekämpft werden. Mit diesem Zusatz scheint in der That endlich ein Mittel gefunden zu sein, das geeignet ist, die Arbeiter von leichtsinnigem Kontraktbruch abzuschrecken und damit den allzu häufig und nicht immer gerechtfertigten Arbeitseinstellungen einen Damm entgegenzusetzen. Alle bisherigen Borschläge zur B.kämpfung der überhandnehmenden Kontrakt- brüche haben sich bei näherer Prüfung als undurchführbar erwiesen. Die erwähnte Zusatzbestimmung ist an sich gerecht und billig und verspricht ihren eigentlichen Zw-ck vollständig zu erfüllen. Destö leidenschaftlicher
wird sie natürlich von den Soziald-mokraten bekämpft werden. Es ist aber zu Hofs n, daß die große Mehrheit des Reichstages sich dadurch nicht im Geringsten beirren lass n und den Arbeitgebern um so bereitwilliger den erforderlichen Schutz gegen frivole Virtrags- brüche seitens der Arbeitnehmer gewähren wird, als den letzter.» durch die dem Reichstage znr Beschlußfassung vorl egende Gewerbegesetznovelle ein ausgedehnter Schutz gegenüber den Arbeitgebern gewährleistet werden soll.
* — Die strenge Kälte der letzten Tage hat wieder vielfach ein Girieren der Schaufenster hervor gerufen Um diesem Uebclstand abzuhelfen, sei auf ein Mittel hingewiesen, welches in der Regel mit Erfolg angewendet wird. 55 Gramm Glyzerin werden in einem Liter 63 procentigei Spiritus aufgelöst, dem man, um einen angenehmen Geruch zu erzielen, etwas Bernsteinöl zufügt. Sobald die Mischung wasserklar erscheint, wird die innere Fläche des Schaufensters mit dieser Flüssigkeit vermittelst eines Fensterleders oder Lein- wandlappeas abgerieben, wodurch nicht nur das Gefrieren, sondern auch das Beschlagen und Schwitzen der Fenster vermieden werden kann.
* — Behandlung von gefrorenem Obst. Obst, welches durch plötzliches Eintreleu von Kälte im Keller u. s. w. gefroren ist, lege man in kaltes Wasser. Letzteres zieht die Kälte allmählich heraus und macht das Obst noch auf einige Zeit haltbar. Man räume aber demnach möglichst bald mit dem Obst auf, denn die Gefahr des Verfaulens ist immerhin eine große.
* — Hundertjähriger Kalender. 1. und 2. Schnee,
6. bis 8. unbeständig, 10, große Kälte und Schnee, 11. und 12 grimmige Kälte, 13. und 14. gelinder, Schnee, 16. hell und sehr kalt, bis zum 30. Schnee.
* — Die Morgenztg. schreibt: Von allgemeinem Interesse werden die Antworten sein, welche der preußische Landwirthschaftsminisler auf seine Umfrage über den Einfluß der auffaufeuben Händler auf die Bewegung der Preise für Schlachtvieh in den letzten Jahren erhalten wird. Bestehen in Deutschland geheime Viehhändler-Ringe, wie in Eugiand, Oesterreich, Ungarn rc. ? Als Mitte 1883 in London über die hohen Fleischpreise geklagt und ihre Ursachen untersucht wurden, stellte die „Times" fest, daß die englische Viehproduktion für den Landwirth sich von Jahr zu Jahr weniger gewinnbringend gestaltete, obwohl die Fleischpreise bc« ständig stiegen. Als Ursache dieser Erscheinung wurde u. A. die „unqualifizirbare Kontrole" angeführt, „welche die Marktpaschas auf den Londoner Schlachtviehmärkten zur Verhinderung der Ausdehnung der Einfuhr von frisch geschlachtetem Fleisch benutzen." In London wie in Wien und Budapest ruht auf den Schlachtviehmärkten der Biehverkauf ausschließlich in den Händen der Händler, welche mit ihrer Kapitalstraft den Landwirth wie den Fleischer durch Vorschüsse in Abhängigkeit von sich gebracht haben, den Auftrieb nach ihren Interessen beeinflussen, gegenüber dem Landwirth die Preise drücken, gegenüber öem Fleischer aber Hochhalten. Die „Times" hat den Gewinn der Händler dabei sehr bedeutend genannt. Die Schlachtviehmärkie von Wien und Budapest werden thatsächlich von ziemlich geschlossenen Händlerringen beherrscht, ebenso der für Deutschland so wichtige Schweineausfahrmarkt zu Steinbruch bei Budapest. Es wäre von größter Wichtigkeit, die Beziehungen klarzustellen, welche der Budapester Schweinchändlerring auf den deutschen Märkten unterhält und durch welche Mittel und in welch, m Maße er auf die Preisbildung für Schlachtvieh in Deutschland Einfluß übt.
* — Die Dorfzeitung schreibt: Die Koch'sche Heilmethode muß für die Lebensversicherungsgesellschaften von weitgehender Bedeutung sein, weil die Sterblichkeit an der gefurchtsten und weitverbreiteten Lungentuberkulose eine geringere werden wird und weil man sich nicht mehr in so hohem Maße vor Vererbung deS Uebels zu fürchten braucht. Nachstehend wollen wir einige Ziffern anführen, die zeigen, wie gewaltig die Verluste sind, die die Tuberkulose den LebensoersicherungS- gesellschaften verursacht. Während etwa der achte Theil aller in den letzten Jahren im Königreich Preußen verstorbenen Personen der Tuberkulose erlegen ist, ist die Zahl der an dieser Krankheit verstorbenen Versicherten auf etwa ein Sechstel aller Todesfälle unter den Versicherten anzunehmen. Die jährlich durch Todesfälle zahlbar wrrsende Versicherungssumme betrügt rund 50