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Samstag, den 29. November
1890.
WaS ist die sociale Frage?
Bon A. M (Schluß.)
In den englischen Bezirken Lancashire, Chestre und Dorkshire enthielten 570 Textilfabriken:
1860 1865 Zunahme pCt.
Dampfmebstühle 85622 95163 9541 11
Spindeln 6819146 7025031 205885 3
Pserdekraft in
Dampfmaschinen 27439 28925 1186 5
Pferd kraft in Wasserrädern 1390 1445 55 3
Im Durchschnitt ist also eine Zunahme von 5 pCt. an Produktionsmitteln in einem Zeitraum von 5 Jahren zu verzeichnen. Dies würde also nach Smith eine Lohnerhöhung um 5 pSt. bedeuten. In Wirklichkeit stellt sich die Sache gerade umgekehrt. In denselben 570 T-xtilfabrikcii waren:
1860 1865 Abnahme pCt. Beschäftigte Personen 94119 88913 5206 5 ’/a
In den englischen Seidenfabriken nahmen zu 1856 bis 1862 die Spindeln von 1,093,799 auf 1,388,544
die Wedstühle „ 9,260 „ 10,709
Die Arbeiter aber nahmen in derselben Zeit von 56,131 auf 52,429 a d. Während also das in den Maschinen steckende Produktionskapikal um etwa 20 pCt. stieg, nahm die Aib-iterzaht um 7 pEt. ab. Dieser Gang läßt sich überall an der Hand der statistischen Angaben Nachweisen. Es folgt daraus, daß, selbst wenn man von dem absoluten Fallen deS Lohnes, welches für einzelne Industriezweige auch zu verzeichnen ist, adsicht, die Gesammtheit der arbeitenden Bevölkerung bei steigender Produktionsfähigkeit weniger verdient, d. h. consnmunfähiger wird. DaS Smith'sche Gesetz formüNrt also das gerade Gegentheil der Thatsachen. Wollen wir diesem gerecht werden, so müssen wir sagen: „Steigende P:oduktiontfähigknt hat die Tendenz, die Löhne herunterzudrücken."
Wie ist das möglich? Der Grund für diese Erscheinung liegt in unserer modernen Maschinentechnik. Der Erfinder der Maschine hat das edle Bestreben, den Menschen die Arbeit abzunehmen. Der Besitzer der Maschine aber nimmt den Menschen, die er tus dahin beschäftigen mußte, um ein bestimmt-s Quantum von Gütern zu produciren, mit der Arbeit auch den Lohn. Wcun j.§t an St lle von 100 Arbeitern nur 95 beschäftigt werden, so erhalten diese 95 nicht etwa den- j selben Gesammtlohn wie vorher die 100, sondern vielleicht noch weniger, weil die 6 arbeit«- und damit brob« losen Arbeiter ihnen Eoncurreuz machen, das Angebot erhöhen und damit den Preis der Arbeit drücken. Wie rapide Da8 Arbeitcreiuksmmen und damit die Consum- fähigkcit fällt, zeigen folgende Zahlen: Im Jahre 1867 war daS Einkommen Englands 814,1 Mill. Pfund Sterling, der Gesammtlohn der Arbeiter belief sich auf 824,6 Mill. Pfund. Also hatte die Masse der Bevölkerung 40 pCt. des Gesummteinkommens zu verbrauchen. Im Jahre 1879 war zwar daS Gesammt- en.kommen der Nation auf 1200 Mill. gestiegen, der Gesammtlohn der Arbeiter ab. r derselbe geblieben, demnach betrug er nur noch 27 pTt. In 12 I ihren ist der Lohn bei riesig gest ize.ter Produktion um 13 pCt. gefallen. Daß dadurch Arhäufung von Gütern auf der einen und Mang l, d. h. Unmöglichkeit, Die Bidülfnisse zu beliebigen, auf der kstberen Seite kir treten mußte, liegt auf der Hg-d. Denn die nichtarbeitende Bevölkerung, im B rhältniß zur Masse det Arbeiter eine kleine Minorität, welcher allein eine Steigerung des Nationaleinkommens zu Gute kommt, ist selbst bei ge» steigerten Luxus nicht in der Lage, die producirlcn Güter zu consumiren und so häufen sich Millionen und M-lliarden in den Händen Weniger, während die Masse verarmt und an dem Nothwendigsten Mangel leidet.
Wieder ist England, wo das Maschinenwesen am Weitesten fortgeschritten ist, der schlagendste Beweis für diese Ausführungen. Baumwollensabrikatc sind für die Masse des Volkes ein unentbehrlicher Bedarfsartikel. England exportirte von Baumwolle -fabrikaten r von 1858-61: 2,839,017,000 P-und, von 1866-69: 2,942,837,000 „ tonsumirt wurden im Inland:
von 1858-61; 736.863,000 Pfund,
VSN 1866-59; 475,195,000 „
Bei enorm r Steigerung der Produklion fand also eine Abnahme be« Consums der arbeitenden Lolksmasse um ’/s statt. England fabricirt Baumwolle für die ganze W.lt und doch hatten z. B. 1868 die Angehörigen ganzer Klassen der Bevölkerung nur zwei Hemden, eines auf dem Leib und eines in der Wäsche und im ganzen Lande die Hälfte der Erwachsenen und Kinder keine Strümpfe. Also der bescheidenste Bedarf konnte nicht gedeckt werden. AuS diesen Umständen geht hervor, daß die sociale Noth ihren Grund hat in der durch die Maschinentechnik heruntergedrückten Consum- fähigkeit der A-beiler. Dieie Erklärung sieht allerdings der von Niemand beanstandeten deS Unkel Bräsig verzweifelt ähnlich, der da meint: „Die große Armuth kommt von die große Kowerthe." Trotzdem ist's nicht überflüssig, dieselbe auszusprechen, denn eine große Schule von Nationalökonomen hat gemeint, die Gründe für die soziale Noth anderswo, z. B. in der Ueber» völkerung suchen zu müssen.
Die Einsicht, die wir aus deu vorstehenden Ausführungen gewonnen haben, gibt uns nun auch die Möglichkeit einer präcisen Antwort auf die Frage: „Was ist die sociale Frage?" Dieselbe lautet: „Wie ist es möglich zu machen, daß die im Volke vorhandene Arbeitskraft trotz der Anwendung der Maschinen (denn diese wollen wir nicht cinbüßen) in Tausch- resp. Kaufkraft verwandelt wird?" Bei der Lösung der socialen Frage handelt eS sich also — und daS muß man sich klar machen, damit man nicht mit Tränklein und Pillen herumdoktert und quacksalbert, die das Uebel zwar für den Augenblick verdecken, aber gerade dadurch verschlimmern — eS handelt sich also wesentlich entweder um R-gulirung der Produktionsweise oder deS „LohneS" ober um Regulirung beider.
Deutsch-S Reich.
Berlin. Ueberdie Herstellung des Koch'schen Heil nittels will der „Märk. Kur." Folgendes erfahren haben : Die Lymphe wird in einem Brutofen in einem abgeschlossenen stcUerilisirten (pilzfrei gemachten) Raume hergestellt Dieser ist nicht nur nach außen luftdicht abgeschlossen forbern auch im Innern luftdicht in einem oberen urp unteren Raum durch ein unglastrteS Porzellan-Diaphragma getheilt. Im oberen Raume befindet sich gesulzte Fleischbrühe (Nährgelatine) mit Tuberkelpilz-Kolonien. Durch dieselben wird die Nährgelatine nach und nach verflüssigt; die Flüssigkeit tropft langlam durch die un- glasirte Porzellanplatte in den unteren Raum ab und enthält nun alle AusscheidungSprodukte, ist ober frei von allen todten oder lebenden Pilzen oder Dauersporen derselben. Dies ist die Lymphe — Brrr!
Aus Schlesien, 24. Nov. Wie im vorigen Jahre zahlreiche Lehrer, so haben sich jetzt sechzehn schlesische Lehrerinnen für eine Mädchenschule nach Valparaiso (Thile) engagiren lassen. Der Kontrakt lautet auf 5 Jahre. Im Falle der Verheirathung oder wenn ihnen das Klima nicht zuträglich ist, können die Lehrerinnen auch innerhalb dieser Zei den Kontrakt lösen. Engagements- bebingungen anlangend, so erhält jede Lehrerin uonatlich rund 250 M. und freie Wohnung, sowie freie Fahrt bis Valparaiso.
Freiburg, i./Schl., 23. November. In Zirlau wurde vor einigen Tagen ein Knecht von einem Pferde beim Füttern derart in den Hals gebissen, daß trotz sofortiger ärztlicher Hülfe in wenigen Stunden der Tod eintrat.
Als vor einigen Tagen in Oppeltt ein Zimmermänn schwer ang-zecht nach Hause kam und sich zur Ruhe legte, ergriff seine Ehefrau eine mit Petroleum gefüllte Kanne, goß den Inhalt auf den Kopf ihres Mannes aus und rieb die Kopfhaare und die Stirn gehörig ein. Als sie ihre Arbeit beendet hatte, erwachte der Mann. Vielleicht war dies sein Glück, denn wer weiß, in welcher Absicht die P-treleus- den Kopf ih es MaaneS mit P troleum getränkt hatte.
NamSlau, 24. November. Im Dorfe K.-hiesigen Kreises verwechselte ein Bräutigam vor dem Altar den Trauschein mit einem andern Papi r und zeigte statt dessen dem Geistlichen ein — Viehatlest vor.
Ksson. 25. Nov. In Folge des Hochwass rS ist die hiesige große an Die 800 Jahre alte Saale-Brücke eingestürzt. Die Cisenbahnbrücke ist ebenfalls gefährdet und der Bahnverkehr unterbrochen. Im Saalethale sind große Verheerungen angerichtet,
Vokales und Provinzielles.
Schlüchteru, 28. Nov. Die wegen der Maul- und Klaueiseuchc über die Stadt Schlüchtern und Dorf Herolz verhängte Sperre ist laut amtlicher Bekanntmachung aufgehoben.
* — Die preußischen Staatsbahnen beabsichtigen Dampfheizung auf sämmtlichen Hauptlinien einzuführen und lassen daher jetzt eifrig an der Umänderung der Personenwagen arbeiten. Auch die Gepäck-, Post- und einige zur Eilgutbeförderung dienenden Güterwagen erhalten entsprechende Vorrichtungen. Abgesehen von der Regulirung der Temperatur für den ganzen Zug im Packwagen kann in den Abtheilungen der I. und II. Wagenklasse jeder Reisende die Temperatur durch die vorhandenen Ventile selbst regeln, während für die III. und IV. Wagenklasse eine Regulirung nur durch den bei jedem Zug befindlichen Heizwärter Dorgenommen werden kann. Das in den letzteren beiden Klassen fahrende Publikum hat daher etwaige Wünsche in B-zug auf die Heizung stets dem Zugführer oder Schaffner mitzutheilen.
— In der Sitzung der HandeSkammer zu Hanau vom 21. b. M. wurde u. a. mitgetheilt, daß für den nächstjährigen Fahrplou von der Königl. Eisenbahn- Direktion nunmehr die Einlage von je zwei weiteren Zügen in jeder Richtung zwischen Hanau, Gelnhausen und Fulda unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse des GerichtSverkehrs, sowie zur Vermittelung deS UeberzangeS in Elm auf den Blitzzug nach Berlin, wie auch zur P-idcsscrung der Anschlüsse mit der Elm- Gemündener Bahn genehmigt ist; ferner ein Lokalzug ab Gelnhausen (8 Uhr früh) nach Hanau, letzterer auch im Interesse der Gerichtstermine.
* — Der längst erwünschte Rückschlag in den Prüfen für Schweine, besonders fetten Mastschweinen, macht sich jetzt angenehm fühlbar. Die Metzger, welche noch vor einiger Zeit 65 Pfz. per Pfd. Todtg-wicht zahlten, bieten jetzt bedeutend weniger; eS sollen schwere Mastschw ine zu 58 Pfg. per Pfd. verkauft worden sin. — Auch auf den letzten Fra. kfurter Viehmarkte sind die Preise für Kä her und hauptsächlich Borstenvieh wieder sehr merklich zurückgegangcn. Für erste Sorte Schweine wurden 59—91, für zweite Sorte 51—58 Pxg. bezahlt. Nun werden hoffentlich die Kalbskoteletten wieder etwas größer, Schweinefleisch und Wurstwaaren aber recht bald billiger.
Fulda. Der letzte Zug von Gersfeld, der 8 Uhr Abends hätte hier einlaufen sollen, konnte Fulda nicht mehr erreichen: er blieb auf überschwemmtem Geleise im Wass.r bei Eichcuzell stecken, genau an der Stelle, wo am 23. Januar d. I. in Folge Dammunterspülung ein Zug verunglückte. Mit dreistündiger Verspätung brächte ein von hier erbetener Hilfszug die Passagiere, welche umsteigen und das Hinderniß zu Fuß umgehen mußten, zur hiesigen Station. Die Verkehrsstörung ist noch nicht gehoben. Bei diesen wiederholten Zwischen« fällen wird der Unmuth immer lauter darüber, daß die Bauleitung damals auf den Rath verständiger Eichen« zeller Bürger, welche die Hochwassergefahr ihrer Gegend nur zu gut kannten und es an Winken nicht fehlen ließen, nicht hörte. Es ist noch eine Frage, ob der eben an fraglicher Stelle im Bau begriffene Schutzdamm, der M- 9000 kostet, eine größere Katastrophe verhindern kann.
Gersfeld in der Röhn, 23. Nov. So sehr auch die Presse sich schon in Warnungen erschöpft hat vor gleichgiltiger Behandlung derP.-troleUMslampen , hat sich hier doch wieder ein Unfall ereignet, der ganz leicht einen bösen Ausgang hätte nehmen können. Der Handelsmann H. dahier k-hrte letzten Freitag nach Mitternacht heim; zu großem Schrecken fand er dort seine junge Gattin in bewußtlosem Zustand- und unheimlich röchelnd auf dem Sopha liegend. Diese hatte ihn, wie es bet jungen Eheleuten meistens üblich ist, erwarten wollen, legte sich aber etwas ermüdet um, nachdem sie vorher die Petroleumlampe klein geschraubt hatt-. Dies thun übrigens noch viele Hausfrauen, selbst wenn ihnen auch daS „Warten" ein überlebter Standpunkt ist; daß im gegenwärtigen Falle das A-uß/rste verhütet wurde, ist auf Rechnung schleunigst gebrachter Hilfe seitens der Hausleute zu setzen. Für künftige Fälle sei aber im allgemeinen Juterresse gesagt, daß tiefgeschraubte Dochte immer — bei schlechtem Petroleum stärker — einen Dunst verbreiten, der, gemischt mit leichten Rußflvckr«,