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Jf 95. Mittwoch, den 26. November 1890.

WaS ist die sociale Frage?

Bon A. M.

Darf man wirklich heute noch vorstehende Frage stellen ohne unhöflich zu werden, heute, wo wohl kaum ein Gebildeter zu finden sein dürfte, der nicht das Wort sociale Frage" im Munde führte? Nun, wir meinen, es geht mit diesem Wort wie mit vielen Schlagwörtern, zu denen unseres auch gehört: jeder braucht sie, aber der eine denkt sich das, der andere jenes darunter, mancher nichts, dann wird darüber gestritten hin und her, ohne daß etwas Förderndes dabei herauskommt. Daher ist es unseren Lesern vielleicht nicht unangenehm, wenn wir im Folgenden der Sache auf den Grund zu gehen und die obige Frage präcise zu beantworten suchen.

Die sociale Frage befaßt sich, das ist jedem bekannt, mit der wirthschaftlichen Noth, welche trotz Augen- zumachen, Geschichtchcu von droschk fahrenden und champagnertrinkenden Arbeitern und Räsoniren da ist. Diese Noth charakterisirt sich als Arbeitslosigkeit und unzureichenden Lohn. Woher stammen diese ungesunden Verhältnisse? Die landläufige Erklärung dafür, welche sich auf die Theorie des Nationalökonomen Malthus stützt, ist die, daß wir an Ueb e r v ö l keru n g leiden, d. h., daß Unsere Bevölkerung schneller wächst als die Produktwnsmittel. Wenn diese Erklärung richtig ist, dann wehe der Gesellschaft! Lösung der unerträglichen Lage brächte einfrischer, fröhlicher Krieg," oder Aus- wanderung, oder Reduktion der Geburten. Der Frieden, das Vaterland oder die Familie müßten drangegeben werden, um das Ungeheuer del socialen Noth zufrieden zu stellen. Ineidit in scyllam, qui vult vitare Cbarybdim: Das wäre der Menschheit trauriges Loos. Gott sei Dank, es ist nicht so! Aber wir sehen daraus, wie wichtig eS ist, die wahren Giünde der Noth aus findig zu machen. Wenn die NDrvö« ke' ungSkhe0Äe recht hätte, wer wollte es den Menschen verdenken, wenn sie der Lösung möglichst lange aus dem W ge gingen? Würden sie doch im günstigsten Falle aus dem Regen in die Traufe kommen. Doch, wie gesagt, zum Glück für die Menschheit liegt die Sache anders. Nicht an Ucdervölkerung leiden wir, sondern an Ueberpro- duclion, d. h. die Nothlage der Bolksmassen kommt daher, weil unsere Ploductionssähigkeit sowohl, wie unsere wirkliche Production den Consum überfragt. Das scheint auf den ersten Blick wenig einleuchtend, und doch werden uns die Thatsachen sowohl wie dir Logik von der Richtigkeit der Sache überzeugen.

In alter Zeit wurde Produktion und Consum ge­regelt durch den Tauschhandel. Der Producent brächte sein Product direkt auf den Markt und tauschte dagegen ein, was er selber consumiren wollte. Später schob sich ein Mittelglied zur Vereinfachung des Ge­schäfts in Gestalt des Geldes ein. Der Producent bringt auch jetzt noch sein Produkt auf den Markt, nimmt dafür Geld ein, für welches er andere Bedarfs­artikel eintauschen kann. So liegt im allgemeinen die Sache in unseren ländlichen B-zirken noch heule. Anders hat sich das Verhältniß zwischen Production und Consum gestaltet in den Fabrikgegenden. Durch die Maschinentechnik und die dadurch bedingte Arbeits theilung ist es dahin gekommen, daß der Produc-nt nicht mehr das Product seiner Arbeit selbst zu Markt bringt, weil das, was er hervorbringt, meist noch gar nicht verbrauchsfähig ist. Ein Arbeiter, der jahraus jahrein Stiefelabsätze macht, oder Schuhsohlen schneidet, würde bei dem, der ein Paar Schuhe braucht, wenig Absatz finden. Der Arbeiter erhält an Stelle des sonst öus dem Produkt gelösten Geldes nun einen gewissen Lohn" für seine Arbeit, einerlei das Produkt zum Consum gebracht wird oder nicht. DieserLohn" muß bei den heutigen Verhältnissen dem Arbeiter seinen Be­darf an Lebensrnitteln (im weitesten Sinne) decken. Der Lohn stellt die Consumsühigkit d s Arbeiters dar.

Bei dieser Sachlage ist es klar, welche Wichtigkeit der Lohn bei der Behandlung der socialen Frage haben muß. Wenn nämlich dieser Lohn, d. h. die Consum« fähigkeit nicht in gleichem Verhältniß Mit der Pro- ductivnsfähigk it gestiegen ist, dann ist klar, daß m-hr Gitter producirt w rden, rcip. probiert werden können, als ein Volk, dessen größter Theil aus Arbeitern besteht, corsamiren kann, weil eben diesem größten Theil die Mittel f^Un, die vorhandenen Güter zu erwerben, mit

anderen Worten, daß Ueberprobuftion da ist. Die Frage ist also: Wie ist das Verhältniß zwischen Produktion und Lohn? Die Production ist entschieden gestiegen. Ist es auch der Lohn? Die Anhänger der von Smith begründeten Schule der Nationalökonomie, welche jahrelang die Parlamente, Kammern u. s. w füllten und theilw-ise noch füllen, werden einfach von ihrer Theorie ausgehend sagen: Ist die Produclions- fähigkeit gestiegen, dann muß auch der Lohn gestiegen sein, denn Lohn ist nichts anderes als der Quotient aus den vorhandenen Arbeitern und dem vorhandenen Capital. Steigt die Productionsfähigk it. so wird mehr Capital angcroanbt; wird mehr Capital angewandt, so wird die Nachfrage nach Arbeitern eine stärkere ; stärkere Nachfrage^aber bewirkt einen höhern Preis, hier Lohn. Zwar eine herzlose Theorie die der Mitmenschen Arbeit als Waare betrachtet, aber gewiß eine sehr bestechende Theorie! Nun aber die Probe auf's Exempel! Wie stellt sich die Wirklichkeit zu diesem Schulsatz?

(Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat am Donnerstag an die Re­kruten nach ihrer Vereidigung eine Ansprache gehalten, in welcher er zunächst die friedliche äußere Lage betonte und dann auf den inneren Feind hingewiesen hat, der nur auf dem Boden des Christenthums zu überwinden sei. Niemand könne ein guter Soldat sein, wenn er nicht ein guter Christ wäre. Darum sollten die Re­kruten, die soeben ihm, als ihrem irdischen £vnn, den Eid der Treue geleistet, vor allen Dingen auch ihrem himmlischen Herrn und Huland die Treue bewahren.

Der Kaiser hat den Gh. Medicinalrath Pro f.ssor Br Koch in längerer Audienz empfangen, sich ausführlichen Vortrag über seine neue Entdeckung halten lassen und ihm persönlich das Großkreuz des Rothen AdlerordruS, den höchsten preußischen Ord-N nach dem Schwarzen Adlerorden, überreicht. Eine solche außer­ordentliche Auszeichnung dürfte, wie dieKöln. Z." beweist, bisher schwerlich da gewesen sein, sie ist um so größer, als bish.r Dr. Koch überhaupt noch nicht ane Klasse des Rothen Adlerordens besaß und somit sämmtliche Klassen desselben übersprungen hat. Das Berl. Tagebl." erfährt, daß Geh. Rath Koch die Ver­fügung über sein Heilmittel dem Kaiser überlassen werde. Die H rstellung der Koch'schen Lymphe wird, demselben Blatte zufolge, mit dem Aufgebot aller verfügbaren Kräfte betrieben. Es dürften jedoch wenigstens noch zwei Monate vergehen, bis genügendes Material vor­handen sein wird, um alle wissenschaftlichen Staatsan­stalten, sowie die öffentlichen Krankenhäuser m t den er­forderlichen Lymphe-Mengen zu versehen.

- Der Zudrang fremder Aerzte nach Berlin ist noch immer ein gewaltiger. An eint in einzigen Tage sind 152 Aerzte in Berlinn Hotels abgestiegen; ange- kouimen können an diesem Tage noch mehr fein. Alle wollen das Koch'fche Heilverfahren an der Quelle studiren. Jetzt sind bereits sehr viele Universitäten, Kliniken u. s. w. mit dem Koch'schen Impfstoffe ver­sehen und bald werden zahlreichere und ein gesicherteres Urtheil ermöglichende Berichte voliegen.

* Der dem Abgeordnetenhaus zugegangene Ent­wurf eines Einkommensteuergesetzes erweitert in Para« graph 1 die subjektive Sleuerpflicht dadurch, daß Ei n- kommensteuerpslichtig sind: Aktien-Gesellschaften, Kom- mandit-Gcsellschaften auf Aktien, B-rggewerkschaft-n, welche in Preußen einen Sitz haben, sowie diejenigen eingetragenen Genossenschaften, deren Geschäftsbetrieb über den Kreis ihrer Mitglieder hinausgeht. Die neue Einkommensteuer solf betragen: von 900 Mark bis 1060 Mark 6 Mark, bis 1200 9, bis 1350 12, 1500 16, 1650 21, 1800 26, 2100 31, 2400 36, 2700 45, 3000 54, 3300 66, 3600 78, 3900 92, 4200 106, 4600 120, 5000 135, 5500 150, 6000 165, 6500 180, 7000 4195, 7500 210, 8000 226, 8500 242, 9000 258, 9500 276. Bei Einkommen über 9500 bis einschließlich 10500 beträgt die Steuer 300 Mark und steigt in Stufen von je 1000 Mak um je 30 Mark bis zu dem Einkommen von 100,500 M. von ba in Stufen von je 5000 Mark um 150 Mark. Bei Einkommen unter 3000 Mark findet eine gewisse Er­mäßigung aus besonderen wirthschaftlichen Gründen statt; such wird für jedes Kind unter 14 Jahren 50

Mark abgerechnet. Sehr umfassend sind die Vorschriften über die Organe, Bezirke und das Verfahren der Ver­anlagung. Den Vorsitz führen bei der Vorcinschätzung der Gemeindevorstand, bei der eigentlichen Veranlagung der Landrath oder ein Regicrungs-Kommissar. Für jeden Regierungsbezirk wird eine Berufs-Kommission gebildet unter Vorsitz eines Regierungs- Kommissars. Für eine wissentlich falsche Steuererklärung ist die Strafe der 4- bis kOfache Betrag des Hinterzogenen.

* Graf Kleist von Laß, der unlängst in Berlin einen Restaurateur fast masfakrirle, und sich dann für närrisch ausgeben wollte, erhielt für diese adlige Helden­that 1 Jahr 3 Monate Gefängniß.

Coburg. Bei den kürzlich bei Stifting in Ober­österreich abgehaltenen Jagden hat der Herzog von Coburg für seine Person 84 Wildschweine erlegt.

Jüterbogk, 21. November. Daß Schulknabcn ihre eigene Schule in Brand stecken, dürfte ein Wohl sehr selten vorkommendes Verbrechen sein. In Jüterbogk, ist dies dieser Tage passirt. Dort bemerkten Vorüber­gehende einen aus allen Schulklassen des Knabenschul- hauses leuchtenden Feuerschein. Man drang in das Ge­bäude, und es stellte sich nunmehr heraus, daß Brand­stiftung vorlag. Die Brandstifter waren durch ein Fenster ciiigesticgcn, hatten dann in sämmtlichen Klassen die Katheder und Schränke erbrochen, die darin befindlichen Bücher, Schreibehefte und sonstigen Gegenstände heraus- geriffen, in jeder Klasse auf einen Haufen geworfen und dann denselben angezündet. Zum Glück wurde das Feuer bald gelöscht, doch ist durch dasselbe eine werth­volle Naturalienfamn lung zerstört. Als die Thäler wurden zwei die Schule besuchende Knaben im Alter von 10 bis 12 Jahren ermittelt, welche das Schulg- bäu^e nieberbrennen wollten, weil sie glaubten, dann längere Zeit Ferien zu haben.

Hageu, 19 November. Ein hiesiger Bürger, der dieser Tage dem Jagdvergnügen oblag, wurde in der Nähe der Eisenbahn von erheblichem Unwohlsein unb Schwindel befallen. Er stürzte wiederholt nieder, raffte sich jedoch wieder auf und gelangte schließlich in seinem Taumel an den Bahndanun, den er heiabstürzte. Be­st n i! gslos blieb er auf ein m Geleise liegen. Winselnd erschien der Hund des Jägers an einer Wärterbude, lief ab und zu und geberocte sich so merkwürdig, daß der Bahnwärter sich veranlaßt sah, dem Thiere zu folgen. Der verunglückte Jäger wurde nun gefunden und wenige Minuten vor der Ankunft eines Zuges, der ihn sicher überfabren hätte, weggeschaft. So hat der treue Hund zweifellos seinem Herrn das L^ben geretM.

Saarlouis, 15. November. Gegenstand der gericht­lichen Untersuchung war hier eine in der Nähe verhaftete Zigeunerbande. Festgestellt wurde das Verfchwinden zweier offenbar geraubter Mädchen im Alter von 6 und 2*/3 Jahren. Die Bande wurde nach Trier ab» geführt.

In Louisenthal bei Saarbrück n wurde ein Fischer wegen Smbeäoerratlj? verhaftet. Er soll der französischen Regierung das Geiv-hr-Mooell 88 oerfauft haben.

Eine arme Frau, welche in Oder» (Elsaß) ihren 5 Kindern und sich selbst den Hals abschnitt, war ihrer Endbindung nahe. Der Mann hatte eben seine lOtägige Waffenübung durchgemachi, wodurch der Verdienst (1 M. 68 Pf.) aufhörte und die Noth kam. Der Winter und die Entbindung waren vor der Thüre und dir Frau war eben vom Gendarm protokollirt worden, weil sie in ihrer Noth für ein paar Pfennige Holz von dem des Nachbars genommen. Das brächte die Aermste vollends zur Verzweiflung.

Lokales ««d Provinzielles.

Schlüchtern, 25. Nov. Der anhaltende Regen der letzten Tage hat die Flußläufe überall bis zum lieber« fließen gefüllt und die Z itungen berichten von Ver­wüstungen durch die Fluthen. Auch der Sturm vor­gestern Nacht machte viel Schaden; in Frankfurt blies er die im Bau begriff.ne Halle für die große -lettische Ausstellung über den Haufen. Hier in Schlächtern ist der Regen seit heute Mittag durch Schneegestöber ab« gelöst worden, das Berg und Thal im weißen Kleide zeigt, hoffentlich nur für heute.

* Sicherheitseinrichtungen für Dienstboten. Angesichts der vielen Unfälle, welche durch mangelhafte