MüchternerZÄung
Erscheint Mittwoch u. Samstag—Preis mit „Kreisblatl" u. .Gemeinnützige Blätter" vicrteljährl. 1 Mk.—Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
35 94. Samstag, den 22. November 1890.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Nov. Aus Anlaß der Vermäh'ui'gs- feicr der Prinzessin Victoria mit dem Prinzen Adolf zu Schaumburg,Lippe prangte Berlin in festlichem Flaggenschmuck. Sämmtliche officielle Gebäude waren mit Flaggen in den preußischen und deutschen Farben geschmückt. In den Straßen, welche zu dem Königlichen Schlosse führen, herrschte ein sehr reges Leben, das bekannte Straßenbild bei allen Hoffestlichkeiten und die Schaulustigen sicherten sich schon bn Zeiten gute Plätze, um die Auffahrten d^r Galakutschen in nächster Nähe bewundern zu können. Nachmittags um 6 Uhr fand im Palais der Kaiserin Friedrich die Unterzeichnung des Ehevertrages statt und sodann die Civil- trauung, welcher auch der Kaiser beiwohnte. Um 57« Uhr waren alsdann der Kaiser und die Kaiserin mit den höchsten Herrschaften und den fürstlichen Gästen zur Vermählungsfeier in der königlichen Schloßkapelle versammelt und schloffen sich hieran die übrigen Feierlichkeiten dircct an. — Kaiser Wilhelm hat seinem neuen Schwager, den Prinzen Adolf von Schaumburg- Lippt, dessen Veimähluug mit der Prinzessin Victoria am Mittwoch stattfand, den Schwarzen Adlerorden verliehen. Das junge Paar wird. eine längere Hochzeitsreise unternehmen, auf welcher auch Aegypten und Indien besucht werden sollen. Der Braut sind von den fürstlichen Verwandten außerordentlich zahlreiche und kostbare Geschenke dargebracht worden. Ein Brillantschmuck, welchen die Kaiserin Friedrich ihrer Tochter verehrte, soll einen Werth von hunderttausend Thaler haben. Die Steine sind von ausgesuchter Reinheit, an deren Kauf die Kaiserin längere Zeit gebraucht hat.
— Die „Post" meldet offiziös, daß die Entlassung des Landwirthschaftsministers v. Lucius in einem sehr gnädigen Handschreiben des Kaisers erfolgt sei unter Verleihung des Sterns und Kreuzes der Großkomthure des Hohenzollernschen Hausorbens. Als Nachfolger des Herrn v. Lucius ist der Regierungspräsident v. Heyden in Frankfurt ä. O. ernannt. Daß der Rücktritt des Herrn v. Lucius im engsten Zusammenhang steht mit der Frage der landwirthschaftlichen Zölle und mit einer bevorstehenden Schwenkung der Reichspolitik in dieser Frage, hat auch im Landesökonomie-Kollegium durch den Fihrn. v. Hammerstein, der sich bei der Begründung des von ihm eingebrachten Antrags gegen Ermäßigung landwirthschaftlicher Zölle und gegen Aufhebung der Grenzsperre erklärt hat, ferne Bestätigung gefunden. Das Landesökonomie-Kollegium hat übrigens den Antrag Hammerstein angenommen und damit eine, wie man sieht, erfolglose Demonstration gegen die Entlassung des Herrn v. Lucius gemacht.
— Der Reichstag wird, wie eS jetzt heißt, in Rücksicht auf die Etatsberathungen im Bundesrath und die Arbeiten des preußischen Abgeordnetenhauses erst am 2. Dezember zusammenbernfen werden. Wie Berliner Blätter melden, soll ihm alsbald nach seinem Zusammen- treten eine Vorlage zugehen, für Herrn P-of. Dr. Koch ein Nationalgesche, k von einer Million Mark zu bewilligen. Man erwartet dann, dcß Dr Koch die Zusammensetzung des neuen Heilmittels bekannt geben
Dem Reichstag soll zugemuth-t werden, dem Erfinder Dr. Koch eine Dotation von einer Million zu bewilligen, — Abwarten! Das preffir! gar nicht. Erst muß man wissen, ob sich die Erfindung auch bewährt, und das erfordert Zeit. Es scheint aber mit der gegenwärtigen Heulmeierei in einem Theil der Presse darauf abgesehen zu sein, den Reichstag zu überrumpeln, um dem medicinischen Koch-Künstler über Nacht zu einer Million zu verhel'en. Hat er die einmal, dann —• braucht sich die „Erfindung" nicht mehr zu bewähren. München. Die Verwaltung der bayerischen Staatsbahnen gedenkt, wie die Münchener Allgemeine Zeitung" mittheilt, den Haupttheil der Liefern ^geu ihres diesjährigen Schieveubedarss, etwa 10 000 Tonnen, englischen Werken zu ertheilen, und zwar w gen der unberechtigten Höhe der Preise des deutschen Schrencu- kartells. Gemäß den Intentionen des bayerischen Landtags wird aber doch ein Theil der Lieferung bayerischen Weisen übertragen. Die „Allgemeine Zeitung" bestätigt auch die Nachricht, daß die Verwaltung der bayerischen Siaalsbahnen den Ruhrkohlenhändlern gegenüber ihre scharfe St llungnahme gegen die Preise des ^hltnvertaujsprreins ausgedrückt habe.
München. Eine „katholische Bahnlinie" ist eine neue „berechtigte Eigenthümlichkeit", um welche Bayern in den letzten Tagen bereichert worden ist. Die Münchener „Allg. Ztg." bericht: „Gestern Nachmittag fand die kirchliche Weihe der Bahn Vichlach- Gottes- zell statt. Der Abt von Metten nahm unter dem Donner der Kanonen und unter Glockengeläute den Weiseakt vor und hielt eine die Bedeutung der Feier erläuternde Ansprache." Man weiß — bemerkt hierzu der „Frank. Kur." —, daß die katholische Kirche den Akt der Weihe auf ein ziemlich weites Gebiet und über Dinge der heterogensten Art ausdehnt. Sie weiht Kirchen, Altäre, Fahnen von Veterauenvereinen, Wasser, Oel, Wachs, Rosenkränze u. s. w.; daß man aber auch auf geweihten Eisenbahnen reist, dürfte doch neu und spezifisch bairisch-katholisch sein. In der baierischen V.'r- fassung dürfte sich ein Anhaltspunkt für die Zulässigkeit eines solchen Akles nicht finden. Keinesfalls vertrüge es sich mit dem Charakters eines paritätischen Staates, daß öffentlichen, von den Arg hörigen aller Konfessionen unterhaltenen und benutzten staatlichen Anstalten ein einseitig konfessioneller Stempel aufgedrückt würde.
Aus Thüringen, 18. Nov. In vergangener Nacht ist in Saalfeld in Folge des Ausströmens von Leuchtgas ein furchbares Unglück passirt. Die ganze Familie des Maurers Schwarz, Mann, Frau und drei Kinder haben den Erstickungstod erlitten. Ferner ist der Bruder des Armenhaus-Vaters Günther, der im Armenhaus, das dem Haus des Schwarz gegenüberliegt, gewohnt hat, auf dieselbe Weise umgekommen und endlich liegt die Schwester dcs Schwarz hoffnungslos darnieder. — Wie das „Saalfelder Kreisblatt" mitheilt, ist die Ursache der Katastrophe ein Gasröhrenausbruch, Hervorge- ruf-n durch die Kanalisationsarbeiten. Das ausströmende Gas war in die Kellerräume der benachbarten Häuser gedrungen und so in die Schlafräume der unglücklichen Opfer dieser Katastrophe gelangt. — Am Sonnabend wurden in Gotha einem Friedrichrodaer Botenfuhrmann polizeilicherseits verschlossene Briefe, welche derselbe zur Besorgung an Golhaer Adressaten erhalten hatte, konfiSzirt; derselbe mußte daS Porto nachzahlen und ist außerdem die Augelegnheit zur Anzeige gebracht worden. Die Besorgung verschlossener Briefe durch Privatp rsouen verstößt gegen das Postprivil g.
dortselbst einen Ball mit Koncert, über welchen eine uns vorliegende N.wAoeker Zeitung einen längeren Bericht bringt, aus dem wir entn.hmen, daß dieser Verein sich dorten eines feinen Renommees erfreut. Das Concert wurde mit einer großen Ueberraschung für die Schlüchterner eröffnet, der MusikProfZsor Henry Engel hat nämlich einen „Schlüchterner Sänger-Marsch" componirt und denselben dem „Schlüchterner Quartett" g>widmet; derselbe wurde zur Eröffnung des Festes vorgetragen und gefiel sehr gut. Ebenso sollen nach diesem Bericht die Gesang- oorträge ganz vorzüglich gewesen sein und sich besonders hervorgethan haben die Herren Frank I. Fuchs, I. Mai, Georg Reuß, J. Bauer und als Bariton-Solo- änger Herr Felix Schwarzschild, sowie die Damen Minute Bruchlos und Sophie See. Als Festcomitee fauttionirten sie Herren I. RAlmann, Jacob Freund, I. Bauer, Philipp Lotz, F. Schwarzschild, I. Keller, G. Schauberger, G. Schomber, Fritz Pfeiffer, Fritz Bauer, Frank I. Fuchs, Daniel Pfeiffer, Carl Den- hard, I. Kern, Philipp Freund, H. Pfeiffer, Ferd. Denhardt und G. Münzet. Als Gäste nahmen außer dein „Schlüchterner Fceunos Hafts - Bund" noch zwölf andere Vereine an dem Feste theil.
Rengshanse», 15. Nov. Gestern Morgen gegen 6 Uhr wurde die hiesige Einwohnerschaft durch den Ruf „Feuer" erschreckt. Es bräunte in der zur Rettnugs- anstalt gehörigen „Papiermühle". Man vermuthet als Ursachi. des Feuers Brandstiftung durch einen Zögling.
— In der am Samstag zu Kassel abgehalteuen zweiten Plenarsitzung des Kommunal-Landtages nfertrte Abg. Prinz v. Asenburg über den Geschäftsbericht der Hesftfcheu WsttWe. Derselbe betonte, daß bei dem Hünfelder Brandunglück namentlich empfindlich das Fehlen genügender Löschgerüthschaften bemerkt worden sei. Wenn auch mancherlei aus dem Land in dieser Beziehung noch im Argen liege, so müsse man seitdem immerhin das Streben nach Besserung anerkennen. Was die Anstalt selbst anbetreffe, so befinde sich dieselbe in ruhigem sicheren Fahrwasser. Bedauerlich wäre eS, daß von den Braudsteuern die 4. und 5. Klasse am meisten betroffen werde, es sei aber auch festgestellt, daß ihr die meisten Entschädigungen zufielen. Die Anstellung eines besonderen Kriminalschutzmannes zur Ermittelung der Brandursacheu habe sich bewährt. Derselbe hätte auch in Hünseld den Brandstifter ent deckt, allerdings nur in der Person eines 12 jährigen Knaben, den man der Zwaagserzi-Huag überwiesen. Freilich habe die ständische Verwaltung dadurch auch Kosten, aber man hätte doch wenigst-ns den Brandstifter erwischt. Die Brandversichcrungs-Anstalt werde vorzüglich geleitet und fei im Stande, auch in Zukunft allen Ansprüchen zu genügen. Möge sie, wie das Land überhaupt in Zukunft vor solch' schweren Schickfals- schlägen, wie der Hünfilder Brand gewesen, bewahrt bleiben. Die Versammlung ließ sich den B.richt zur Nachricht dienen. Abg. v. Trimbach sprach Namens der Stadt Hünfeld Herrn Landesrath Kuorz warmen Dank aus für seine segensreiche Thätigkeit bei Regu- lirung der Brandschäden in Hünfeld. Derselbe habe die größte Liebenswürdigkeit und Gerechtigkeit gezeigt und durch die Schnelligkeit, mit der er den Wünschen entgegenfam, namentlich die kleineren Leute vor größerer Noth bewahrt. — Herr Landesrath Knorz erwiderte, daß es für einen Beamten keinen höheren Lohn geben könne, als daS Bewußtsein größter Pflichterfüllung, trotzdem empfinde er auch das von Herrn v. Trimbach ausgesprochene Lob warm. Dasselbe komme aber vornehmlich seinem Vorgesetzten, H-rrn Landesdirektor von Hundelshausen zu, der ihn mit der Regulirung betraut und seine diesbezügliche Thäligkeit genehmigt habe. Abg. Prinz v. Asenburg erstattete auch Bericht über die Eiledignug des vom Kommunallandtag über die Bildung einer Unterstützungskasse für im Dienst verunglückte Feuerwehrleute gefaßten B schlusses. Der Hessische Feuerwehrtag hatte 188.7 das bezügliche Gesuch an den Kommunallandtag gerichtet, welcher dem Land- tags-Ausschuß dasselbe mit der Ermächtigung Übergabe die erforderlichen Mittel dem Dispositionsfonds der Brandkasse zu entnehmen. Das hat nach eingehenden Erörterungen dazu geführt, daß mit der Leitung der Unterstützungskasse in Merseburg in Verbindung getreten wurde, was dqs Ergebniß hatte, daß Vpn dem 1, Hulj
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 20. Nov. Am Dienstag, den 18. November, wurde in der Aula des hiesigen Seminars die alljährlich stattfindende Sem inarko nferenz abgehalten, zu welcher sich ca. 70 Geistliche und Lehrer des Kreises cingefunden hatten. Herr Seminardirektor W i eacker leitete die Konferenz mit einer Andacht ein, worauf Herr Seminarlehrer Lew in einen sehr interessanten und mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Das Wesen und die Macht der Gewöhnung" hi>lt. Auch die Praxis des Unterrichts kam zu ih em Rechte durch eine Lektion aus dem Gebiete des Körperzeichnens, mit Schülern der Oberklasse, gehalten von Herrn Lehrer W alth er. Die große Mehrzahl der Zuhörer kam hierdurch zu der Ueberzeugung, daß das Körperzeichnen seinen Platz in der Volksschule finden könne, ohne daß eine Mehrbelastung der Schule stattzufinden brauche. Hieran knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, an welcher sich besonders die Herren Se- minardirekkor Wieacker, Lehrer König und Walther- Schlüchtern und Ernst - Steinau betheiligten. Zum Schlaffe gab der Seminarchor unter der Leitung des Herrn SeMinar-Musiklehrer Löwe mehrere Gesanges- piecen zum Besten, welche den wohlverdienten Beifall der Zuhörer fanden. Um 2 Uhr vereinigte ein gemeinsames Mahl alle Theilnehmer im Gasthaus zum Stern; Herr Dehnhardt zeigte, daß Küche und Keller im Stern gleich vorzüglich sind, infolge dessen sich eine recht fröhliche Stimmung geltend machte. Die Theilnehmer der Konferenz schieden mit dem Bewußtsein, neue Anregung zur Schularbeit empfangen und einen angenehmen Tag verbracht zu haben,
* — Der Wegebauer D a nz in W y'iers ist vom 1. Dezember ab nach sieben mit dem Wohnsitz Höf und Haid versetzt worden.
* — Der Männer-Gesangverein „S ch lüsterner Quartett" zu NewHork feierte am 2. November in der Beethoven Mnyttchor-Halle, 210 214 y, Str.